Neulich, auf der Loreley – Teil II


(Zurück zu Teil I)

Der zweite Tag begann vergleichsweise unspektakulär mit den zumindest mir noch unbekannten deutschen Prog-Metallern von Subsignal, die mir weder sonderlich positiv noch negativ auffielen, aber sicherlich insofern eine Bereicherung für das Festival waren, als sie nicht, wie nach den vorliegenden Informationen zu befürchten war, ein weiterer Haufen tinnitusträchtiger Krawallprogger waren, sondern in ihrer Melodieführung eher amerikanisch anmutenden Progressive Rock darboten, so daß man sich mehr als einmal an die Rockopas von Kansas erinnert fühlte. Ist vielleicht auch nicht jedermanns Geschmack (meiner z.B. nicht), aber schön, daß auch solche nicht ganz so verbreiteten Stilrichtungen vertreten waren. Auch wenn ich zugegeben irgendwann nicht mehr so ganz zuhörte, weil ich als bekennender PT-Fan mit einem Ohr eh schon auf die nächste Band wartete, deren Kürzel Programm sein sollte.

Pineapple Thief tragen nämlich nicht nur dasselbe Monogramm und einen ähnlich klingenden Namen wie meine Lieblingsband, nach allem was man hört, machen sie sogar vergleichbare Musik wie Porcupine Tree. Sollten sie übrigens tatsächlich mal versuchen. Haben sie aber leider nicht. Der Typ, der die Gitarre hielt, ist jedenfalls nicht nur kein zweiter Steven Wilson, das wird auch keiner mehr. Da spielte kein Gitarrengott, sondern ein arroganter Schnösel, der bestenfalls als Britpopperparodie überzeugte, und was er spielte, klang im ersten Song wie im zweiten, und im zweiten wie im dritten. Es kann ja durchaus sein, daß er mehr drauf hat, aber wenn, dann wußte er es zumindest lange Zeit gut zu verstecken.

Irgendwann, als ich das Thema schon betrübt abgehakt hatte, blühte er auf einmal auf und legte ein durchaus beeindruckendes, richtig schön fieses Gitarrensolo hin, daß auch größeren Namen zur Ehre gereicht hätte, und als dann plötzlich sogar ein paar Takte aus „Shine On You Crazy Diamond“ erklangen, war ich fast wieder versöhnt, zumal das darauffolgende Stück zeigte, daß ihr Keyboarder dann doch durchaus prinzipiell verstanden hat, wie man einen Teppich verlegt. Das war endlich mal richtig gut, auch – oder weil? – es fast schon wieder ein bißchen sehr nah an einem bekannten Pink Floyd-Klassiker entlangzulaufen schien, ohne gleichzeitig eine wirkliche Coverversion zu sein. Aber wie heißt es gerade in der Rockmusik so schön: Besser gut geklaut als schlecht erfunden. Woran sich gerade unsere Ananasdiebe in Zukunft vielleicht öfter mal halten sollten.

Also ob der Enttäuschungen noch nicht genug sei, verhieß die nächste Umbaupause weiteres Ungemach. Anstelle wie bisher brav Drumkit, Keyboards und Gitarren aufzubauen, damit von vorneherein keinen Zweifel daran besteht, wo es musikalisch lang gehen sollte, war das für die französische Band Lazuli hereingerollte Schlagzeug nur mit Mühe als solches zu erkennen, und anstatt der obligatorischen Batterie an Tasteninstrumenten aller Art tauchten diverse Vibra-, Metall-, Xylo- und Wasweissichnochphone auf, das ganze umgeben von den merkwürdigsten Instrumenten, die teilweise nur mit sehr viel Phantasie als Verwandte der Gitarre erkennbar waren, und unwillkürlich die Frage aufwarfen, welche chemischen Substanzen man rauchen mußte, um die damit mutmaßlich erzeugten Geräusche auch außerhalb abgelegener Regionen des Himalaya als Musik erkennen zu können.

Die Truppe, die sich da unten warmlief, sah mit ihren Zöpfen, Röcken und Pluderhosen zudem aus wie Dschingis Khan persönlich, und dann kamen sie auch noch aus einem Land, das mir mit Ausnahme von Jean-Michel Jarre in mehr als dreißig Jahren musikalisch bestenfalls nicht aufgefallen war – das konnte ja heiter werden. Falls da jemand vorhatte, all die Dinge, die ich hier nicht sehen wollte, auf einmal aufzufahren, hatte er jedenfalls bereits locker 9 von 10 Punkten erzielt, bevor auch nur die erste Note gespielt worden war. Der einzige Grund, sich jetzt nicht mit der Schmusedecke auf die Liegewiese zurückzuziehen und ein kleines Nickerchen zu machen, damit man am Abend für die angekündigten Top Acts fit wäre, war das abzusehende Spektakel, wenn der bisher offensichtlich eher auf die härteren Töne geeichten Meute auf den Rängen esoterisch angehauchtes Weltmusikgedudel serviert werden würde, und dieser Grund fiel mir zu diesem Zeitpunkt nicht mal ein. Wahrscheinlich war es einfach Neugier oder auch bloße Trägheit, jedenfalls blieb ich sitzen. Und das war mein Glück.

Denn was dann kam, war nicht nur ein Lehrstück darüber, warum Vorurteile nicht nur überflüssig, sondern auch dumm sind, und demjenigen, der sie hat, möglicherweise selbst am meisten schaden, sondern vor allem war es der absolute Hammer! Anstelle die Ohren quälende Eine-Welt-Quoten-Exotik gab es ausnahmslos Allererste-Sahne-Prog, der trotz vergleichsweise kurzer Stücke zwischen fast schon düster-unheimlichen Stimmungen und klassischen HardRock-Ausbrüchen eine dramatische Atmosphäre aufbaute, die einen von der ersten bis zur letzten Minute gefangen hielt und der in den ruhigen Momenten Erinnerungen an Peter Gabriel und den frühen Mike Oldfield wachrief, in den weniger ruhigen hingegen nicht nur der polnischen Konkurrenz so druck- wie eindrucksvoll nachwies, daß man auch kernige Klänge auf eine Weise rüberbringen kann, daß man die Instrumente, die sie erzeugen, durchaus noch hören kann und sie sich nicht zwangsläufig mit dem erzeugten Krach gegenseitig niederbrüllen müssen.

Dazu braucht es allerdings auch Künstler, die ihren Job verstehen, woran es in diesem Fall jedoch wahrlich nicht mangelte. Die babyblaue Grundregel, daß im Progressive Rock die Musiker schon ganz schöne Chefs an Ihren Instrumenten sein und auch zeigen sollten, was sie für Chefs sind, wurde hier nämlich nicht nur voll und ganz erfüllt, sondern sogar noch dahingehend erweitert, daß die Mitglieder von Lazuli gleich auch noch Chefs an den Instrumenten ihrer Bandkollegen sind, weswegen sie manchmal die Instrumente tauschten und dann einfach in veränderter Besetzung weitermusizierten, als ob es das selbstverständlichste von der Welt sei. Hier waren wirklich absolute Profis am Werk, die nicht nur Ideen hatten, sondern auch in der Lage waren sie mitreißend umzusetzen, ohne sich dabei in disharmonischen Experimenten zu verzetteln, und die, wie bei „Cap’taine Coeur de Miel“ zu sehen war, auch Coverversionen fremder Songs mit ihrem eigenen Stil zu wahren Meisterwerken verbinden konnten.

Die über die konventionelle Schlagzeugarbeit hinausgehende Percussionanteil war auch für Nicht-Santana-Fans noch dezent genug, um nicht zu nerven, und die fehlenden Keyboards fielen überraschenderweise ebenfalls zu keiner Zeit negativ auf, da es schließlich kein Gesetz gibt, das es verbietet, elektronische Klänge mit anderen als Tasteninstrumenten einzuspielen. Der Gitarrist schöpfte jedenfalls die Bandbreite seiner Effektgeräte voll aus, und das exotischste der verwendeten Instrumente, das weltweit einzige Exemplar der sogenannten „Leode“, entpuppte sich als veritabler Synthesizer, der durch seine ungewöhnliche Bedienung einen entsprechend einzigartigen Sound kreiert, der alleine schon den Auftritt lohnt (und dessen tragische Entstehungsgeschichte es auch für nicht des französischen mächtige Zeitgenossen absolut lohnend macht, mal nach der so anrührenden wie interessanten „Petite histoire de la Léode“ zu googlen).

Das sah übrigens auch das Publikum so, das zu meiner Überraschung vor Begeisterung richtig aus dem Häuschen war und mehr Applaus spendete als bei allen Bands zuvor. Bereits nach vielleicht einer Stunde merkte man den Zuhörern regelrecht an, daß sie fürchteten, die sympathischen Franzosen könnten jetzt jederzeit die Bühne verlassen, und so wurde bereits einige Stücke vor Schluß mit standing ovations um die noch gar nicht fällige Zugabe gebettelt. Als die dann kam, hatten Lazuli mit einer von allen (!) Bandmitgliedern auf dem Xylophon dargebotenen Interpretation des Depeche Mode-Klassikers „Just can’t get enough“ nicht nur die Lacher, sondern wohl auch die letzten Zweifler unter den Zuhörern auf ihrer Seite. Nach dieser sensationellen Performance kann man nur hoffen, daß sie so bekannt und erfolgreich werden, wie es solch eine Weltklasseband verdient. Bei wem Lazuli also mal in der Nähe ein Konzert geben sollten, der sollte sich das auf keinen Fall entgehen lassen!

(Fortsetzung folgt…)

~ von Paul13 - Montag, 20. Juli 2009.

7 Antworten to “Neulich, auf der Loreley – Teil II”

  1. […] (Weiter zu Teil II) […]

  2. uiuiui Paul,

    nicht nur dass Du französische Musik auf Jean Michel Jarre -von dem ich ein paar Alben habe…Klasse- runterbrichst und Jean Jaques Goldman, France Gall, Johnny Halliday unterschlägst -ok Alize ist niedlich aber halt so dieses Sommertrallala- entäuscht mich aber jetzt. Und Lazuli nicht zu kennen, ts ts ts. Man kann die nur empfehlen und wenn die irgendwo in Frankreich auftreten, dann rockt da echt das Haus :-)
    (Arteseher wissen mehr :-) )

  3. @ taylor1944

    Also Jacques Goldman sagt mir ehrlich gesagt nichts, von France Gall kenn ich nur Feld-Wald-Wiesen-Pop, und Johnny Halliday ist jetzt nicht so mein Ding. Ach ja, Michel Sardou kenne ich noch, der ist zwar auch hörbar, aber nix bemerkenswertes. Und Plastic Bertrand war vor allem lustig.

    Lazuli hingegen kannten wohl selbst in der Progszene nicht allzuviele. Scheint sich aber gerade zu ändern, denn nach dem sensationellen Loreleyauftritt füllt sich das Gästebuch ihrer Webseite rapide. Wenn sie jetzt noch englisch singen würden, stünde einem Erfolg nichts mehr im Wege. ;-)

  4. Hallo Paul,

    zu Jean Jaques Goldman: http://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_Goldman
    Wenn ich es noch in Erinnerung habe, dann hat er zusammen mit Khaled (Roi du Rai)2 Alben gemacht 92 Khaled und 96 Sahra.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Cheb_Khaled
    Frühere Aufmahmen von Goldman (70er Jahre), wie in Wiki beschrieben, kenne ich eigentlich nur ein Lied, welches in der Tat sehr an Genesis angelehnt ist. Ich habe ein oder zwei Alben aus den 80ern von ihm, da war sein Stil eher an den italienischen Liedermachern orientiert.
    France Gall hat sehr gute Chansons im Programm, obwohl mir manchmal zu melancholisch. Na ja und die Mainstreammusik haben ja viele gemacht, schließlich muss ja im Alter was auf die hohe Kante.
    Lazuli sind, wie schon geschrieben, in Frankreich sehr bekannt und treten auch auf diversen Festivals auf, unter anderem waren sie, laut Wiki, ein paar Mal in Deutschland. Gesehen und gehört habe ich die auf Arte.

    Viele Grüße
    Taylor

  5. @ taylor1944

    Wollen wir hoffen, daß Lazuli auch international den Durchbruch schaffen.

  6. By the way. War jemand schon 2008 dabei? Da war Klaus Schulze da.
    Ich überlege, nach Essen auf sein Konzert zu fahren und frage mich, ob sich die 40 € Eintritt lohnen.

  7. @ Lebowski

    Nee, leider nicht. 40 Euronen kommt mir da aber dann doch ein bißchen übertrieben vor, wenn man überlegt, daß man für das Geld einen kompletten Loreleytag bakem.

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