Neulich, auf der Loreley – Teil I


Da saß ich nun, in der nicht nur laut Eigenwerbung wohl schönsten Freilichtbühne Deutschlands, wartete auf die „Night of the Prog 2009“, das wohl größte Progressive-Rock-Festival Europas, wenn nicht gar der ganzen Welt, und starrte, um die Superlative voll zu machen, auf das wohl älteste Publikum der Rockszene, mit einem gefühlten Durchschnittsalter der Zuschauer deutlich über dem der auftretenden Bands, und die kamen teilweise selber schon aus der Vergangenheit. Nachdem meine Gedanken kurz über die Frage des Renteneintrittsalters geschweift waren und ich wie üblich mal wieder bedauert hatte, daß so viele von HipHop und RTL-Superstars verseuchten jungen Leute eine weitere Chance verpaßt haben, zum ersten Mal in ihrem Leben gute Musik zu hören, schnappte ich mir ein Bierchen und wartete darauf, daß die Roadies den Platz auf der Bühne für die erste Band freimachten.

Den Anfang machte mit Also Eden eine noch relativ junge Band aus Großbritannien, der zwar ein kleines bißchen das Eigenständige fehlte, um sich von der etablierten Konkurrenz abzuheben, die aber nichts desto weniger handwerklich einwandfrei gemachten und sogar schon beim erstmaligen Hören bereits gut verdaulichen NeoProg mit leichten Reminiszenzen an Genesis (zu deren guten Zeiten, wohlgemerkt!) ablieferte, dem nur noch wie gesagt das gewisse Etwas fehlte, durch das man mit dem Ohr an einem Song hängenbleibt. Aber angesichts der eher geringen Erwartungen, die ich an die mir bis dato unbekannten Newcomer hatte, war dies eigentlich ein recht erfreulicher Auftakt, der trotz der unheilvoll dräuenden Wolken (die sich zum Glück nur als Poser entpuppten, mehr als ein paar harmlose Tröpfchen gab es während des gesamten Festivals nicht) hoffnungsvoll für den weiteren Verlauf des Tages stimmte.

Die musikalischen Erwartungen wurden gleich darauf leicht gedämpft, als mit der „All-Star Band“ Arena, die ihre Mitglieder im Laufe der Zeit immerhin schon aus den Kreisen von Bands wie (ex-)Marillion, Pendragon und IQ rekrutiert hat, eines der mutmaßlichen Schwergewichte des Festivals auflief. Nicht daß sie wirklich schlecht gewesen wären, man spürte auch gleich die verglichen mit dem Vorgänger größere Souveränität, aber wahrscheinlich war es einfach ein Fehler, mit dem grandiosen „Butterfly Man“ vor Augen an die Sache ranzugehen, wenn man dann statt mit filigraner Düsternis überwiegend mit brachialen Riffs an der Grenze zum Mainstream-Rock konfrontiert wird (wobei das übrige Publikum gerade die härteren Klänge offenbar durchaus zu goutieren wußte). Andererseits war es sympathisch und angesichts der nur wenige Meter entfernten Zielgruppe durchaus mutig, mit einer eigenen Interpretation von Billy Jean dem jüngst verblichenen Jacko Tribut zu zollen. Unter dem Strich war es also noch ok, wenn auch letztlich ein etwas schaler Geschmack bleibt.

Zum Ausgleich für die gestreßten Ohren folgten die etwas hippiemäßig daherkommenden Agents of Mercy des umtriebigen Schweden Roine Stolt, die statt demonstrativer Harte-Kerle-Attitüde eher harm- bis belanglose, aber immerhin nett anzuhörende Melodeien für anspruchsvollere Blumenkinder ablieferten. Die bewegten sich zwar nicht immer diesseits der Prog-Grenze, aber die fehlende musikalische Variationsbreite wurde locker wettgemacht durch den Unterhaltungswert von Sänger Nad Sylvan, der dann zwar eben doch kein zweiter Peter Gabriel ist, aber dafür ein begnadeter Entertainer, der mit seinem kokett-sissihaften Auftreten vermutlich die Idealbesetzung wäre, falls Bully Herbig einen blonden Indianer sucht, um Winnetouch in seinem nächsten Western adäquat zu verheiraten. Alleine „Engelchen“ war den Auftritt wert, womit wir hier wieder leicht auf der Habenseite wären, wenn auch nur kurz.

Denn was dann kam, war, mit Verlaub, gar nicht lustig. Nichts gegen kernige Gitarren und einen ordentlichen Wums auch im Prog-Rock, aber wenn ich Metal hören will, dann gehe ich auf ein Metal-Festival (weswegen ich das dann auch schön bleiben lasse). Was jedoch am Auftritt der polnischen Band Riverside „progressiv“ gewesen sein soll, erschließt sich mir gerade angesichts der allenorts von ihnen geweckten Begeisterung nicht, und ich weiß Dream Theater, ganz zu schweigen von den neueren Porcupine Tree, durchaus zu schätzen. Aber wenn das als Dauerfeuer gespielte Bassgeschrubbe dermaßen übersteuert ist, daß man gar nicht mehr dazu kommt, sich richtig über das synchron nervende Gitarrengeschrammel oder das nicht minder einfallslose Bum-Bum-Bum-Schlagzeug zu ärgern, ja, sich sogar fast darüber freut, weil die wenigen Momente, wo man die Keyboards dann tatsächlich mal heraushören kann, nun wirklich nichts sind, woran sich der Freund des gepflegten Mellotronspiels gerne erinnern möchte, dann ist da irgendwas verdammt falsch gelaufen. Vielleicht können die Jungs ja wirklich mehr, aber dann sollten sie dringend erwägen, den Verantwortlichen, der bei ihnen den Sound abgemischt hat, zu feuern.

Daß der erste Tag trotzdem nicht mit einem durchwachsenen Eindruck endete, verdanke ich den norwegischen Artrockern von Gazpacho, die zu meiner Überraschung alleine jeden Cent des Tickets problemlos wieder einspielten und meine kulturchauvinistische Theorie, daß wirklich gute und anrührende Musik mit dem dafür nötigen Depressotouch letztlich nur in den verregneten und kalten Regionen der britischen Inseln und Skandinaviens entstehen kann, mal wieder eindrucksvoll bestätigten. Was Gazpacho da nämlich kredenzten, war ein Konzentrat der packendsten Marillion-Sequenzen der letzten Jahre, kombiniert mit den melancholischsten Momenten von A-Ha sowie dem Spannungsreichtum der Simple Minds in ihren besten Zeiten, und das ganze mit der potentiellen Massenkompatibilität von Coldplay. Die ergreifende Atmosphäre, die wunderschönen Klänge, der depressive Gesang, die stimmungsvolle Lightshow, die Variationsbreite von mit der Violine vorgetragenen balladesken Folkelementen bis hin zum keyboardumtosten und gitarrenbratzenden Bombastprog, vor allem aber die zahllosen unfaßbar schönen und trotz ihrer erstaunlichen Eingängigkeit nie trivialen Melodien der „Wieso ist da noch keiner draufgekommen“-Klasse waren die größte Offenbarung, seit ich vor ziemlich genau vier Jahren erstmals die Langversion von „Even Less“ gehört habe. Weswegen die letzten beiden Gazpacho-CDs auch bereits gekauft sind und „Valerie’s Friend“, dessen Melodiegehalt trotz der für Prog-Verhältnisse noch relativ kurzen Spieldauer von nur 6 1/2 Minuten bei den meisten Bands locker für’s komplette Lebenswerk reichen würden, meinen iPod bis auf weiteres erst mal in der Endlosschleife blockieren wird.

(Weiter zu Teil II)

~ von Paul13 - Mittwoch, 15. Juli 2009.

13 Antworten to “Neulich, auf der Loreley – Teil I”

  1. Progressive Rock… danke für den Thread, wollte schon längst die Diskussion anstossen, wusste aber nicht wie ich auf diesem Blog das anstossen könnte. Musikrichtungen… also: Auch wenn ich weiß, das vieles bei diesem Thema im subjektiven Bereich liegt, muss man doch auf einige Grundkriterien der musikalischen Ästhetik einigen. Ums kurz zu machen: Autonome Kunst muss mit Mehrdeutigkeit einen Sachverhalt eindeutig abbilden können, sprich Mimesis der Realität betreiben. Da die Realität aber schlecht, grausam etc. ist muss Musik die Kunst sein will und eben nicht Kultur ( und jede Kultur war schon immer Popkultur ), den gesellschaftlichen Grundtonus wiedergeben, sprich in der Lage sein Angst ausdrücken zu können. Musik die fröhlich, erheiternd etc. ist, ist also zuallervörderst Kultur – also letzten Endes Ideologie – und nicht Kunst ( Adorno verglich den Jazz mit der reinen Warenform, da er keine Angst ausdrücken konnte ). Mit einfacheren Worten: Musik die nicht depressiv macht ist für mich eher zweitrangig. Soll nicht heißen ich würde alles andere verachten, aber vorzug findet bei mir wie bei dir Paul schwere düstere Metalmusik. Melodic death metal, Goetheborgstyle um es genau zu bezeichnen. Die Schweden sind wirklich unschlagbar auf diesem Gebiet, das muss man so stehen lassen. Eine Band die besonders hervorsticht ist Dark Tranquillity. Wieso? Have a look: http://www.youtube.com/watch?v=vkRrC_98ZI8&feature=related

    Why define ourselves by misguiding lights?
    Das beste was dieses Genre zu bieten hat.

  2. @ Analytics

    Klar, das ist alles eh hochsubjektiv. Da geht’s immer nur um den persönlichen Geschmack. Mit dem Unterschied natürlich, daß ich Recht habe. ;-)

    Eine Bitte noch (an alle übrigens!): Keine Links auf nicht autorisierte YouTube-Videos, wenn’s geht. Ich hab’s mir auch verkniffen, und es fiel mir wirklich schwer, weil gerade Gazpacho und eine in Teil II noch zu erwähnende Gruppe wirklich der Hammer sind und YouTube gerade unbekannten Bands m.E. eher hilft als schadet.

    Aber Gesetz ist Gesetz, da muß man sich auch dann dran halten, wenn man ihm selber nicht zustimmt, (weswegen ich deinen letzten Kommentar auch schweren Herzens löschen mußte). Mitdenkende Zeitgenossen werden eh wissen, wo im Internet sie „mehr“ über einen Song oder eine Band in Erfahrung bringen können. ;-)

  3. Ok verstehe, sorry Mann. Kein youtube MEANS kein youtube. Yes sir!

  4. Nach Pink Floyd hat sich die Musik leider nicht weiterentwickelt. Woher ich das weiß? Ich hab’s gelesen. Paul, „balladesk“ ist doch nicht wirklich ein Kompliment für irgendwas. „Balladesk“ ist ein Duett zwischen Bryan Adams – und ich meine den Everything-I-do-Bryan – und Joshua Kadison.

  5. @ Analytics

    Danke für Dein Verständnis! Das tut mir auch aufrichtig leid, zumal Youtube gerade dafür eimne tolle Plattform ist.

  6. @ Daniel

    Dann laß den Begriff wegen mir weg, und ersetz es durch was anderes, was Dir angemessener erscheint, aber der Wechsel zwischen verschiedenen Elementen macht den ProgRock ja gerade so interessant. Es muß jedenfalls noch lange keinen Schmusekitsch a la Bryan Adams bedeuten, wenn man nicht rund um die Uhr Schwermetall absondert.

  7. … mann, was gehen mir die ganzen Schlechtredner auf den Sack! Da zu lau, da zu hart, nicht prog, nicht das … Echt zum kotzen!

    Ihr Musikkenner!

  8. @ Riverside

    Das nichts weniger mit Kenner oder Nichtkenner zu tun, sondern ausschließlich mit persönlichen Geschmack. Mein Bericht ist eine rein subjektive Wertung, und mir gefiel Riverside halt nicht.

    Das heißt aber wohlgemerkt nicht, daß sie als Rockband objektiv schlecht wären, nur sonderlich filigran war das nun wirklich nicht, und der Sound war für ProgRock auch nicht richtig abgestimmt.

  9. Wobei ja die Frage was fortschrittlich am Progrock sein soll, noch im Raum steht. Aber mein Tipp: Guapo aus England. Ganz, ganz große Musik. Vor 2 Jahren hab ich Tool live gesehen und es war der Hammer! Ok, Tool sind keine klassische Prog-Kapelle, aber was das arrangieren ihrer Songs angeht, kommt keiner ran.

  10. @ blogggparty

    Also das mit dem „progressiv“ ist eher ein unglücklicher Begriff, weil die Musik im HipHop/Techno/Casting-Zeitalter eher rührend altmodisch als fortschrttlich ist. Das mag früher mal progressiv gewesen sein, heute sicher nicht. Aber es hat sich als Name halt durchgesetzt.

    Artrock ginge zwar auch, hat aber so ein bißchen den pseudointellektuellen Campusband-Touch. Und Proggie klingt dann doch noch ein bißchen besser als Artie. ;-)

  11. In der Tat rührend, aber durchaus gut. Gibt’s denn eigentlich YES noch? Wahrscheinlich im Rollstuhl mit Kukident. Stay Proggie!! p.s. Rush fand ich eigentlich immer ganz gut.

  12. @ Blogggbarty

    Yes hab ich nie so richtig verfolgt, aber die gibt’s glaub ich noch. Aber wer weiß, vielleicht sind die nächstes Jahr ja auch auf der Loreley dabei.

  13. […] Neulich, auf der Loreley – Teil II (Zurück zu Teil I) […]

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