Die Schlacht um Ancapistan – Teil II


…und weiter gehts mit unserem kritischen Blick auf die anarchokapitalistischen Vorstellungen von einem militärischen Widerstand ohne Staat:

deswegen feierten die westlichen Truppen auch derart grosse Erfolge in Afghanistan und im Iran? Weil grosse Heere Guerillas stark überlegen sind?

Man mag zu diesen Kriegen stehen wie man will, aber sowohl in Afghanistan als auch im Irak sind die westlichen Truppen ihren Gegnern militärisch tatsächlich haushoch überlegen. Im Irak gilt der Krieg gemeinhin bereits sogar als gewonnen, da die „Guerilla“ dort mit Ausnahme von klassischen terroristischen Aktivitäten wie einzelnen Bombenanschlägen gegen „weiche“ Ziele zu keinen nennenswerten Operationen mehr in der Lage ist. Das wird übrigens nicht zuletzt durch die Tatsache unterstrichen, daß die Irakkriegsgegner nach jahrelangem autosuggestiven Siegestaumel in Sachen Irak jetzt plötzlich erstaunlich kleinlaut geworden sind und die Qaida-Führung sogar schon vor langer Zeit begonnen hat, ihre Resourcen lieber nach Afghanistan umzuleiten, wo man sich wenigstens noch eine kleine Chance auf einen Verhandlungsfrieden ausrechnet.

Auf dem Schlachtfeld war die Überlegenheit der US-Streitkräfte entgegen der ohnehin nicht von militärischer Sachkenntnis getrübten Propaganda der Irakkriegsgegner auch nie eine Frage, denn die Koalitonsstreitkräfte standen zu keiner Zeit vor der Gefahr, von den Terroristen militärisch geschlagen zu werden. Die einzige Gefahr die tatsächlich zeitweise bestand, war die eines Bürgerkriegs zwischen Schiiten und Sunniten, der aber zugleich auch das Ende der den schiitischen Milizen weit unterlegenen sunnitischen Guerilla bedeutet hätte. Nicht zuletzt deswegen sind erstere dann ja auch auf die Seite der als siegreich wahrgenommenen Amerikaner gewechselt. Aber selbst im Falle eines Bürgerkriegs wären die USA nie militärisch geschlagen worden, es hätte nur aller Wahrscheinlichkeit nach keine politische Unterstützung für eine weitere Beteiligung der USA an diesem Krieg gegeben.

In Afghanistan sieht die Sache strategisch etwas anders aus, weil dort weniger Truppen zur Verfügung stehen, und diese aus politischen Gründen auch nur zu einem Teil sinnvoll eingesetzt werden dürfen, weswegen die „Erfolge“ der Taliban ja auch im wesentlichen darin bestehen, sich vorzugsweise dort auszubreiten, wo sie gerade nicht auf westliche Truppen treffen, und bei deren Auftauchen möglichst wieder das Weite zu suchen. Taktisch läuft das Ergebnis im Prinzip aber aufs selbe raus wie im Irak. Kommt es zu Gefechten, liegt das Verlustverhältnis üblicherweise in einem Bereich irgendwo zwischen 10:1 und 100:1 zugunsten der NATO. Daraus auf eine Überlegenheit der Guerilla schließen zu wollen, ist schon sehr kühn. Wenn dem Westen neue Truppen zur Verfügung stehen und die vorhandenen von unsinnigen Einsatzbeschränkungen befreit werden, wird sich die Lage auch strategisch ändern.

Für die Konzeption einer anarchokapitalistischen Guerilla hat diese Entwicklung weitreichende Implikationen. Denn während die Islamisten ihr ganzes Vorgehen darauf aufgebaut haben, möglichst viele der eigenen Zivilisten zu massakrieren, weil es im Westen offenbar genügend Trottel gibt, die sich von Forderungen wie „Hände hoch, oder ich schieße mir eine Kugel in den Kopf!“ beeindrucken lassen und nach der gefühlten Niederlage der eigenen Truppen deren Abzug fordern, ist dies eine für den anarchokapitalistischen Widerstand hoffentlich indiskutable Strategie, und zwar erstens, weil es unmoralisch ist (was zugegeben kein Kriterium für einen Marktradikalen ist), und zweitens, weil es den Fisch des Wassers beraubt, den er zum schwimmen braucht.

Hinzu kommt, das selbst wenn ein derart brutales Vorgehen gegen die eigene Zivilbevölkerung sinnvoll wäre, auch das ja nur solange funktioniert, wie man gegen „liebe“ Besatzer aus demokratischen Staaten kämpft, deren Regierungen es sich erstens nicht leisten können, unpopuläre Kriege mit häßlichen Bildern auf den Titelseiten und in den Hauptnachrichten zu führen, und die zweitens nicht selber ebenfalls zu jedem Mittel greifen können, um den Widerstand zu brechen. Bei „bösen“ Besatzern der Hitler-, Saddam- oder Pol-Pot-Klasse hingegen kommt man mit Robin-Hood-Romantik nicht weit. Man kann schließlich schlecht jemandem, der notfalls ein ganzes Dorf ausrottet, damit drohen, dort vorher einen kleinen Teil der Bewohner selber in die Luft zu sprengen. Weswegen ja auch alle drei nicht von einer Guerilla, sondern von regulären Armeen gestürzt worden sind.

Ein weiterer Punkt ist, daß islamische Fundamentalisten ideologisch gestählte harte Hunde sind, die oft schon zuhause ein entbehrungsreiches Leben gewohnt waren, und nicht irgendwelche verwöhnten halbpazifistischen Bürgersöhnchen, die vielleicht mal gegen Bares ein bißchen auf Pappfiguren ballern, aber ganz gewiß nicht für eine Sicherheitsfirma sterben wollen, deren Lohnbuchhaltung eh bereits von den Besatzern in Schutt und Asche gelegt worden ist. Und schon gar nicht werden die ideologielosen Bewohner Libertariens gegenüber der Bevölkerung im besetzten Ancapistan dieselben solidarischen Gefühle entwickeln wie ein tschetschenischer Islamist gegenüber seinem arabischen Kollegen, nur weil die Ancapier gerade ein bißchen Streß mit dem benachbarten Nazikollektiv haben, das mal ein bißchen Blitzkrieg spielen wollte.

Was meinst du, wer in einem Stadtkampf überlegen ist?

Frag das mal die Guerilleros aus Falludscha. Falls es denn noch welche gibt, die sich daran erinnern wollen. Das Verhältnis der Toten lag jedenfalls bei 20:1, und zwar nicht zugunsten der Verteidiger. Zusammen mit den Gefangenen nähern sich die Zahlen der Totalverluste dann allmählich schon 50:1. Wenn die militärische Führung eines anarchokapitalistischen Securityunternehmens tatsächlich planen sollte, ihre Angestellten im Ernstfall so verheizen zu wollen, dürfte sie ernste Probleme bekommen, die dann ganz schnell wieder offenen Stellen neu zu besetzen. Anders als fanatische Islamisten kann man hedonistische Libertäre ja nicht mit 72 Jungfrauen locken. Geld verliert eben auch für den eingefleischtesten Kapitalisten ganz schnell seinen Reiz, wenn man sich dafür nur einen schöneren Sarg kaufen kann.

Der Fremde im Panzer oder der Heckenschütze mit modernster Ausrüstung?

Der Fremde im HighTech-Panzer steht schon mal gar nicht so schlecht da. Man glaubt es kaum, aber entgegen allen Vorhersagen haben sich sogar die überschweren Abrams-Kampfpanzer im Straßenkampf bewährt. Der Heckenschütze kann da zunächst mal gar nichts machen als den Kopf unten zu halten. Und an die tolle Ausrüstung, mit der man das vielleicht ändern könnte, kommt man nur im Computerspiel, indem man die erspielten Cyberdollar gegen dicke Wummen eintauscht. In der Realität müssen derartige Waffen erst mal gebaut werden, und wie ein friedliches Aktionärskollektiv das Geld auch nur für die Beschaffung, geschweige denn die Entwicklung konkurrenzfähiger Waffen aufbringen soll, soll mir erst mal einer halbwegs plausibel vorrechnen.

Guerillakriege sind blutiger als klassische Kriege zwischen Staaten? Blutiger als die Weltkriege samt Hiroshima und Nagaski?

Also wenn man Weltkriege, die wie der Name schon sagt, von und in der ganzen Welt geführt werden, mit jeweils einem einzelnen Regionalkonflikt vergleicht, kriegt man natürlich das Ergebnis, das man haben will. Setzt man das aber in vernünftige Relationen, dann liegen selbst Hiroshima und Nagasaki schon hinter einem durchschnittlichen Kleinkrieg wie im Sudan, vom nur von leichtbewaffneten Milizen geführten „afrikanischen Weltkrieg“ im Kongo mit seinen nach Millionen zählenden Toten ganz zu schweigen. Seit dem Ende des I. Weltkriegs mit seinen irrwitzigen Grabenkämpfen wird zudem immer stärker versucht, gegnerische Armeen mittels gezielter Angriffe auf ihre Schwachstellen und den Einsatz überlegener Technologie statt durch bloßes materielles Ausbluten zu gewinnen. Konventionelle Kriege werden dadurch zwar immer teurer, aber gerade das begrenzt auch ihre Dauer, während Guerillakriege sich über weit längere Zeiträume hinziehen, zumal es dort viel schwieriger ist, eine klare militärische Entscheidung herbeizuführen.

natürlich kann es auch im Anarchokapitalismus kleinere ‘Heere’ geben, d.h. Verbände aus gepanzerten Fahrzeugen, evtl. Kampfjets. Diese Dinge sind alle prinzipiell möglich.

Gegen einen starken Gegner reichen keine „kleineren Heere“. Und was möglich oder wünschenswert ist, ist deswegen noch lange nicht bezahlbar. Es hat schon seinen Grund, daß die Zahl der Länder wie der Firmen, die beispielsweise Kampfjets herstellen, ebenso dramatisch geschrumpft ist wie die Zahl der verfügbaren Typen und die dann bestellten Stückzahlen. Ob ein kleines Land wie Schweden, daß während des Kalten Kriegs absolut konkorrenzfähige Kampfflugzeuge produzierte, einen eigenen Nachfolger für die JAS-39 bauen wird, darf bezweifelt werden. Selbst die Amerikaner ächzen unter den gestiegenen Stückkosten der F-22, weil immer weniger Maschinen gekauft werden und der Anteil der Entwicklungskosten dadurch explodiert. Da müßte Ancapistan schon gleich auch noch sämtliche potentiellen Feinde beliefern, um sich eine eigene Kampflugzeugproduktion leisten zu können.

Anarchokapitalistische ‘Heere’, resp. Soldaten, resp. Verteidigende hätten vermutlich sehr gute Waffen, da auch dort der gänzlich freie Markt spielen würde. Zumal das Wirtschaftswachstum recht beeindruckend wären (und damit auch der Wohlstand).

Aus den oben genannten Gründen hätten sie nur dann gute Waffen, wenn sie sich die bei jemandem kaufen, der sie herstellt, und das ist aller Voraussicht nach ein Staat. Zumindest die Diktaturen würden das so handhaben, und so könnte Ancapistan nur überleben, wenn es andere Staaten gibt, die ihren Sicherheitsfirmen gleichwertige oder überlegene Waffen liefern, und gleichzeitig nicht jedes libertäre Kollektiv seine eigene kleine Wach- und Schließgesellschaft unterhält, sondern alle gemeinsam sich bei einem großen und leistungsfähigen Anbieter Sicherheit kaufen. Und der wird dann sehr groß und mächtig sein. Und Ancapistan, Libertarien oder wie sie alle heißen, sehr klein und abhängig. Aber egal, was sind schon hunderttausende schwerbewaffnete und von niemandem kontrollierte Blackwater-Söldner gegen die Bedrohung durch Schäubles Trojaner und von der Leyens Stopschilder…

Aber kommen wir zur Frage, die Anarchokapitalisten am meisten bewegen dürfte, dem lieben Geld. Denn selbst wenn das alles halbwegs so wie geplant klappen könnte, wer bezahlt eigentlich die ganzen Security-Firmen, damit die sich die schimmernde Wehr leisten können, die nötig ist, um die Freiheit ihrer Kunden zu sichern? Die ancapische Regierung? Kaum, das ist ja kein Staat, der Steuern erheben könnte. Also geht es wohl um freiwillige Mitgliedschaft von jenen Leuten, die sich bedroht fühlen. Das macht dann pro Kopf sagen wir 500 Euro pro Jahr (was nicht viel ist, wenn man sich überlegt, daß die Amis locker das doppelte zahlen). Eine kurze Umfrage im Bekanntenkreis, wer denn jedes Jahr solch eine Summe für die Bundeswehr spenden würde, dürfte einem bereits einige Lacher und vereinzelte Fragen nach dem geistigen Wohlbefinden eintragen.

Weniger lustig würde es dann, wenn sich der erste Ancapier sagt, daß er von dem Geld doch dieses Jahr in Urlaub fahren könnte, weil 500 Euro mehr oder weniger bei einem Millardenetat ja gar nicht auffallen. Denn da er mit dieser Denkweise wahrscheinlich nicht nur nicht alleine wäre, sondern in der Mehrheit, würde dies in der Kalkulation der Security-Firma für das Verteidigungsangebot im nächsten Jahr zweifellos seinen Niederschlag finden. Wenn da statt 500 nämlich 1.500 steht, kommen auch den zahlungswilligsten Kriegstreibern in Ancapistan die Tränen nicht mehr nur vor Lachen. Und so kostet der Schutz vor der eigenen Vernichtung kurz darauf vielleicht schon 5.000 Euro. Und spätestens mit Herannahen der Panzerkolonne aus der benachbarten „National Befreiten Zone 18“ dürften dann auch die überzeugtesten Anarchokapitalisten die Vorzüge einer Solidargemeinschaft erkennen.

Dann gib’ mir noch ein Beispiel, wo sich ein Staatenkrieg je innerhalb weniger Wochen in der Wüste ausgetragen hat!

Eins? Wieso denn so sparsam? Da gibt’s gleich mehrere. Beginnen wir mit dem Klassiker, dem Sechs-Tage-Krieg von 1967, der sogar nur so lange dauerte wie er heißt. Auf Seiten des Siegers weniger als 800 Tote, auf Seiten des Verlierers über 20.000. Zumindest eine Seite ist also schon mal gut damit gefahren, einem hochgerüsteten Gegner nicht nur mit einem heroischen „Venceremos!“ auf den Lippen entgegenzutreten. 5 Jahre vorher war der Algerienkrieg geendet. Ergebnis nach 8 Jahren: 18.000 Tote bei der Armee und irgendwas zwischen 350.000 und 1,5 Millionen bei der Guerilla. Da kann man nur sagen, Kapitalisten an die Kalaschnikow! Schneller können Euch die Commies auch nicht ausrotten.

1973 kam es im Nahen Osten zum insgesamt drei Wochen dauernden Yom-Kippur-Krieg. Dieser war für die Verteidiger mit mehr als 2.500 Toten zwar deutlich verlustreicher als noch sechs Jahre vorher, und die Angreifer kamen mit bis zu 15.000 Toten auch besser weg, aber gleichzeitig neigte sich im viele tausend Kilometer entfernten Vietnam jener Krieg dem Ende zu, der bis heute als Paradebeispiel für eine erfolgreiche Guerillabewegung gilt. Angesichts von 1,5-5 Millionen eigenen Toten über einen Zeitraum von 11 Jahren gegenüber 60.000 auf Seiten der Fremden sollte sich auch der größte Guerillaträumer fragen, ob einem derartigen Erfolg die gefühlte Niederlage der Israelis nicht vorzuziehen ist.

1991 kam es dann zum Golfkrieg um das kleine Emirat Kuweit. Die Luftangriffe dauerten 5 Wochen, die anschließende Bodenoffensive gar nur noch ganze 4 Tage. Mit weniger als 400 Toten auf Seiten der Befreier und zwischen 25.000 und 75.000 bei den Eroberern schlug sich die traditionelle Militärmaschinerie der Alliierten verglichen mit der Guerillaoption recht ordentlich. Wie die so lief, konnte man noch bis zwei Jahre vorher in Afghanistan erleben, wo die Sowjets nach 9 Jahren und 15.000 Toten zwar wieder erfolglos abzogen, der rechte Jubel ob der Vorteile irregulärer Kriegführung angesichts von 1-1,5 Millionen eigenen Toten aber auch unter anarchokapitalistischen Afghanen nicht so recht ausbrechen mochte.

Das vielleicht beste Beispiel aber ist ein völlig unvermutetes, nämlich der gemeinhin nur als katastrophale Niederlage der USA wahrgenommene Irakkrieg, weil er gleich beide Varianten einander gegenüberstellt. In der ersten Phase fegte eine HighTech-Armee einen zahlenmäßig überlegenen Gegner binnen drei Wochen von der Landkarte. Die Verluste der Amerikaner betrugen dabei 170 Tote, die der irakischen Zivilbevölkerung 8.000. Dann kam der angeblich so vorteilhafte Guerillakrieg. Bilanz: Zu den drei Wochen kamen noch weitere 6 Jahre mit 4.000 toten Amerikanern und 100.000 getöteten irakischen Zivilisten hinzu. Aber wenigstens hat’s die Guerilla weniger Geld gekostet als die Besatzer.

Unabhängig von der Bewertung der einzelnen Konflikte sollten all diese Beispiel zeigen, daß das Bild vom billigen und effizienten Guerillakrieg eine trügerische und gefährliche Illusion ist. Für die betroffenen Soldaten ist natürlich auch eine Panzerschlacht kein Spaß, aber der Horror eines jahre- oder gar jahrzehntelangen Gemetzels, das mit weit größerer Brutalität im wesentlichen auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen wird, sollte auch für einen Anarchokapitalisten dann doch noch ein klein wenig abschreckend sein. Und sei es nur, weil er und seine Freunde bei Anwendung der eigenen Militärstrategien die Opfer stellen müßten.

~ von Paul13 - Donnerstag, 4. Juni 2009.

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