Kein Rezept für Dr. Seltsam?


Als hätte Barack Obama nicht genug Probleme: Kim Jong Ils neuer Atomtest entlarvt das Scheitern der US-Strategie für die Region.

Na, dann können ja die Europäer, die UNO, die Weltallianz der wohlwollenden Diktatoren oder Greenpeace übernehmen. Irgendjemand muß ja offensichtlich eine bessere Strategie haben, wenn sich das Scheitern der USA so hervorzuheben lohnt.

Washington hat kaum Druckmittel gegen den kapriziösen Diktator – und fürchtet eine Allianz der Möchtegern-Atomstaaten Nordkorea, Syrien und Iran.

Wie? Wäre so eine absurde Allianz tatsächlich denkbar? Nordkoreanische Hilfe für den Iran? Und beide helfen wiederum Syrien? Also nee, das kann schon deswegen nicht sein, weil eine derartige Allianz bekanntlich nur ein in den Kellern von Dick Cheneys Atombunker entwickeltes Hirngespinst neokonservativer Kriegstreiber ist.

[…] Obamas Reaktion am Montag klang entsprechend scharf. „Nordkorea fordert die internationale Gemeinschaft rücksichtslos heraus“, zürnte der Präsident. „Diese bedrohlichen Aktivitäten verlangen nach einer Antwort.“

Na dann ma los, Barack! Jetzt kanst Du uns zeigen, was Du drauf hast.

Die folgte prompt. Der Uno-Sicherheitsrat trat am Montagabend zu einer Sondersitzung zusammen und verurteilte einstimmig die Bomben-Provokation. Eine Resolution mit Sanktionen gegen Nordkorea soll folgen. Selbst dessen wichtigster Verbündeter, China, bekräftigte seinen Protest.

Ach so, das. Schon gut, vergiß es…

Dennoch wirken die Reaktionen auf Pjöngjangs erneuten Test, der für Experten nicht völlig unerwartet kam, beinahe ähnlich routiniert wie Amerikas jährliches Sommer-Anfangs-Ritual. Überraschung herrscht unter Washingtons Außenpolitik-Beobachtern eher darüber, dass Obama so schnell an ein explosives Bush-Erbe erinnert wird.

Welches Bush-Erbe? Etwa das Bush-Erbe, daß Bush von Clinton geerbt hat?

[…] Tatsächlich wirken die Herausforderungen aus Pjöngjang besonders knifflig. Wie überzeugt man ein instabiles und beinahe komplett abgeschottetes Regime, sein offensichtlich funktionstüchtiges Nukleararsenal aufzugeben?

Ein erster Schritt wäre es, anzuerkennen, daß offenkundig weniger die Atomwaffen das Problem sind als viel mehr derartige Regime als solche. Dann würde sich vielleicht auch ein Weg finden lassen, wie man die Ursachen des Problems beseitigt.

Vor allem, da Kim Jong Il und sein Clan sich von Feinden umzingelt fühlen und Atomwaffen wohl als einzige Möglichkeit ansehen, die Familien-Dynastie an der Macht zu halten?

Na, dann könne wir ja ganz beruhigt sein. Nordkorea wird von der UNO einfach offiziell Kims Familie als Privateigentum überschrieben, und schon ist alles wieder im grünen Bereich.

[…] Die Detonation könnte ein zynischer Versuch des Regimes sein, wieder auf die US-Agenda zu gelangen – und Zugeständnisse wie die Wiederaufnahme von Nahrungsmittelhilfen zu erreichen, die nach einem nordkoreanischen Raketentest im April dieses Jahres suspendiert worden waren.

Interessante Denkweise. Bei Strafen für Verbrechen sollten Verbrecher demnach einfach solange weitere Verbrechen begehen, bis die Strafe für das erste Verbrechen wieder aufgehoben wird.

Doch der Bombentest könnte auch Verhandlungsbereitschaft signalisieren. Nordkorea wäre mit Zusicherungen, dass die USA keinen aktiven Regime-Wechsel in Nordkorea anpeilen, schon gedient.

Man kann den USA ja vieles unterstellen, aber daß sie einen Regimewechsel in Nordkorea betreiben, dürfte außerhalb von Pjönjang wohl niemand ernsthaft annehmen, so traurig diese Tatsache auch sein mag.

[…] Manche Landeskenner raunen gar, Kim Jong Il wolle mit einem Staatsbesuch in Washington und einem Friedensvertrag in die Geschichte eingehen (der Koreakrieg der fünfziger Jahre ist offiziell nicht beendet, es existiert nur ein Waffenstillstandsabkommen).

Vermutlich ist all das mit Obama nicht zu machen. Washington verhandelt seit langem mit Nordkorea, die Resultate sind wenig ermutigend. Präsident Bill Clinton hatte dem Land 1994 Energie- und Wirtschaftshilfe im Gegenzug für einen Nuklearstopp angeboten. Doch die Übereinkunft scheiterte. Dennoch sandte der Demokrat kurz vor Ende seiner Amtszeit noch Außenministerin Madeleine Albright nach Pjöngjang.

Dann sollte man Leute, die ein diesbezügliches Entgegenkommen fordern, vielleicht nicht als Landeskenner, sondern besser als ignorante Schwätzer titulieren.

[…] In Bushs zweiter Amtszeit drängte US-Außenministerin Condoleezza Rice zwar auf eine Kehrtwende und setzte wieder Verhandlungen durch. Nordkorea sprengte einen Kühlturm seiner mutmaßlichen Nuklearanlage in Yongbyon, im Gegenzug strich Washington das Land unter anderem offiziell von seiner Liste mit Terror-Staaten.

Da war Bush mal nett und hat’s wie von seinen Kritikern immer wieder gefordert auf die freundliche Tour probiert, und was hat er davon gehabt?

[…] Außerdem ist die größte Sorge vieler Militärexperten in Washington nicht eine nordkoreanische Nuklearbombe – sondern die Furcht, Pjöngjang könnte sein Nuklear-Wissen weitergeben. Geheimdienste gehen davon aus, dass die Nordkoreaner selbst Tipps aus Russland und vermutlich Pakistan erhielten. Umgekehrt könnten sie bereits Syrien beim Bau einer Nuklearanlage geholfen haben, welche Israel wohl 2007 in einer Geheimaktion zerstörte. Oft wird auch vermutet, Pjöngjang helfe nun Teheran bei der Nuklearentwicklung, obwohl Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad dies entschieden zurückweist.

Verdammt viele Konjunktive für allgemein anerkannte Tatsachen, die eigentlich von niemand Ernstzunehmendem mehr in Frage gestellt werden.

Im Weißen Haus werden Krisenszenarien durchgespielt: Was könnte mit Nordkoreas Nuklearressourcen geschehen, sollte Kim Jong Ils Regime kollabieren? Und ist es nicht eine große Versuchung, diese an Terrorgruppen weiter zu reichen, für viele Milliarden Dollar?

Ließe sich das überhaupt verhindern? Harvard-Professor Graham Allison, einer der führenden Experten für Massenvernichtungswaffen, hat daran Zweifel. „Wie schwer ist es,“, fragt er, „ein bisschen Plutonium an Osama Bin Laden weiter zu geben?“

Ach ja? Dann sollten die Realpolitiker wie die Appeaser aber mal ganz schnell in die Schuhe kommen und der Welt erklären, wie sie das denn ohne eine zügige globale Demokratisierung zu verhindern gedenken. Denn wenn al-Qaida die erste Atombombe zündet, kommt’s nicht mehr ganz so glaubwürdig rüber.

~ von Paul13 - Dienstag, 26. Mai 2009.

18 Antworten to “Kein Rezept für Dr. Seltsam?”

  1. Off-topic:

    Paul, gib Dir das alter: http://www.ftd.de/koepfe/whoiswho/:Kopf-des-Tages-Hilmar-Kopper-Der-ewige-Banker/518597.html
    Das darf so nicht stehen bleiben. Mach was. ;)
    NBFS hat Einfluss und Macht in der Szene. Nutzen wir´s.

  2. @ Analytics

    Ich hätte Einfluss oder gar Macht? Ach, wär das schön… Aber ich fürchte, da machst du Dir was vor. ;-)

  3. Ja ja, der Artikel strotzt vor Laecherlichkeiten.
    Alleine schon dieses Reflexartike President Obama in schutz zu nehmen.
    Spassig finde icch auch den „vermuteten“ Wunsch der Giftzwerg wuerde gern nach Washington kommen.
    Wie denn? Der Zwerg hat, was allgemein Bekannt sein sollte, panische Flugangst und steigt grundsaetzlich nur in seinen eigenen Zug.
    Ein typischer Spon-Artikel ohne Substanz und Ahnung aber ganz viel Meinung.

  4. @ Auslaender

    Du hast recht, der Artikel ist wirklich ein Witz. Eigentlich müsste der SPIEGEL sich bei albernen Fragen wie „Was macht man gegen solch böse Regimes?“ oder „Wie verhindert man Proliferation?“ gleich noch für seine ganze Anti-Neocon-Hetze entschuldigen. Aber don’t worry, keinem Leser wird dieser Gedanke kommen oder überhaupt irgendwas auffallen – die „wissen“ ja immer „mehr“.

    Und weißt du, wer schuld sein wird, wenn Al Quaida wirklich eine Stadt per Atombombe ausgelöscht oder auch nur bedroht hat? Bush natürlich! Weil er es „entgegen seinen vollmundigen Ankündigungen nicht geschafft hat, Bin Laden auszuschalten und die Organisation zu zerschlagen“. Wetten, dass?

  5. @Chewey
    So wie jeder andere für die Lager- und Hunger-Toten in Nordkorea verantworlich ist, nur nicht die kommunistische Führung. Es wird sicher schnell jemand auftauchen, der für diese Diktatur eine passende Erklärung hat.

  6. @Chewey
    President Bush ist doch eh schon schuld daran das der Giftzwerg mit der Bombe spielt. Schau Dich mal in den Kommentarsektionen um.
    Wenn dann mal einer so helle ist und nicht nur ein Kurzteitgedaechtnis hat und auf President Clinton verweisst, dauert es keine zwei Kommentare bis einer auf den Iraq zu sprechen kommt.

  7. @ Auslaender

    Ja, wenn es Präs. Bush nicht gegeben hätte, dann hätte man ihn erfinden müssen. Er war sozusagen das Default-Gateway für alles Übel dieser Welt :-)

    @ S1IG
    Also obwohl ja eigentlich so gut wie alles irgendwann von irgendwem „erklärt“ wird, scheint mir der „geliebte Führer“ nicht das beste Standing zu haben. Hast du schon einen Kommentar gefunden, der sein Verhalten rechtfertigt?

  8. „Manche Landeskenner raunen gar, Kim Jong Il wolle mit einem Staatsbesuch in Washington und einem Friedensvertrag in die Geschichte eingehen (der Koreakrieg der fünfziger Jahre ist offiziell nicht beendet, es existiert nur ein Waffenstillstandsabkommen).“

    Ein Argument, das Experten immer gerne von sich geben: Diktatoren leiden unter mangelnder Anerkennung und möchten nur einmal im Weißen Haus empfangen werden. Bei Honecker wars genauso. Der hat sich angeblich auch immer nur so sch.. benommen, weil er einmal in seinem Leben im WH empfangen werden wollte.
    Und wenn man Kim Jong Il dann noch Disneyland einlädt und ihm ein paar DVDs für seine Pornosammlung schenkt, lässt er ganz friedlich seine geschundene Bevölkerung laufen. Wers glaubt.

  9. Spiegel:
    Das nordkoreanische Militär warnte, es fühle sich nicht mehr an den Waffenstillstand von 1953 gebunden, der den Krieg zwischen den beiden koreanischen Staaten beendet hatte. Nordkorea könne nicht mehr für die Sicherheit der Schifffahrt vor seiner Westküste garantieren.
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,627040,00.html

    Hm? Nach HKLO befindet sich Nordkorea wieder im aktiven Kriegszustand mit der UN (und den an der damaligen „Polizeiaktion“ beteiligten Staaten) und natuerlich Suedkorea.
    Ausser das NK Mil. hat was selbsstaediges gefasselt, was aber in NK wohl kaum passieren duerfte.
    Natuerlich immer vorausgesetzt diese Information stimmt.
    Nur falls einer auf die Idee kommen sollte, was aber nicht passieren wird, irgendjemand eines Angriffskrieges zu beschuldigen der das A-Programm NK stoppen wird.
    NK die UN und Suedkorea befinden sich also wieder im vollen rechtlichen Kriegszustand.
    Nur mal so am Rande erwaehnt.

  10. @ Nordkorea

    Ja, die Friedensbewegung wird schon noch eine Rechtfertigung finden, die selbst einen nordkoreanischen Atomschlag gegen den Süden noch als Verteidigung gegen den US-Imperialismus darstellt.

  11. @ Paul

    Also S1IG „Nordkorea“ zu nennen ist aber nicht sehr nett! :-)))

  12. @ Chewey

    :-))) Dieser Fehlerteufel! Ging in diesem konkreten Fall allerdings an Auslaender (sorry!). Wäre es hingegen der Jägermeister gewesen, hätte man mir einen freud’schen Verschreiber unterstellen können… ;-)

  13. @Paul
    Gerade die Anti-Bushisten berufen sich ja gerne auf das Voelkerecht, das sie eh meist nicht verstanden haben oder verstehen wollen, hier koennen sich aber selbst die selbsternannten Experten auf diesem Gebiet nicht rausreden.
    Wobei ich allerdings festgestellt habe das die meisten Nachschwaetzer der sogenannten Experten im Falle NK noch nicht einmal wissen das sich NK mit der UN und anderen noch im Krieg befindet und nur ein Waffenstillstand herscht.
    Allerdings fehlt bei den meisten auch die Genetisch bedingte Urangst vor dem Armageddon ,wenn es ich nicht um den Nahen Osten handelt.

  14. @Chewey+Paul
    LOL :-))) Das passiert!

    @Chewey
    Gehe einfach ins SPON-Forum – da findest Du genug Deppen. Ganz zu schweigen von Heise ;-) Das Jagerli würde sicher warme Worte für NK finden…

  15. http://www.welt.de/politik/article3812018/Russland-bereitet-sich-auf-Atomkrieg-in-Korea-vor.html

  16. @ S1IG

    Okay, dass sich alle Irren D’s auf sämtlichen Nachrichtenportalen rumtreiben, ist anerkannte Tatsache und bedarf keiner weiteren Erklärung. Ich lese diese Kommentare schon seit Jahren nicht mehr.

    Ich meinte eigentlich ZEITUNGSkommentare. Ich glaub das traut sich bisher nicht mal die Junge Welt. Andererseits hab ich grad keine Lust, mir die Finger schmutzig zu machen und auf deren Seite zu gehen, um das zu überprüfen ;-)

  17. @Chewey
    Du hast Recht – in Zeitungen liest man kaum Verteidigungen – Ausnahme ist Werner Pirker in der JW. Er labert von „gleicher Augenhöhe“ und Sicherheitspolitik.

  18. Iran, Syrien, Nordkorea: Yes we Khan!

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