Bärenjagd im Schlaraffenland


Nachdem wir jetzt alle unseren Spaß hatten und ungestört von der tristen Realität darüber debattieren konnten, inwieweit sich die Tapetenfarbe eines theoretisch denkbaren Luftschlosses schon vor dem Bau von einem fernen Elfenbeinturm aus festlegen läßt (und nebenbei noch ein paar Liberale necken konnten, die das tatsächlich als Pläydoyer FÜR den Kommunismus statt als zugegeben ein wenig hinterhältige Kritik daran verstanden haben), ist es Zeit, sich mal wieder der schnöden Wirklichkeit zuzuwenden, in welcher der Stein der Weisen nicht majestätisch in der Luft schwebt, sondern einem gnadenlos auf die Füße fällt, wenn man ihn nicht festhält.

Während der ganzen Diskussion um die Wonnen des Schlaraffenlands fiel nämlich auf, daß von Marx bis Adorno die großen Köpfe des Kommunismus sich zwar zugegeben sehr viele Gedanken um tendenziell eher periphere Dinge wie Eigentumsverhältnisse, Profitraten und Freizeitgestaltung gemacht haben, aber das entscheidende Zwischenstück, das zwischen den Rändern liegt, vor lauter Begeisterung ob der eigenen Brillianz irgendwie vergessen zu haben scheinen, sonst wäre die verrückte Vorstellung eines Ferraris mit Goldüberzug von irgendwem mal unter dem Gesichtspunkt der vielleicht doch existierenden Grenzen von Fähigkeiten wie Bedürfnissen diskutiert worden.

Statt also darüber zu philosophieren, wem das Messer gehören sollte, mit dem man das Fell des Bären zerteilt (der Volksgemeinschaft, den Betriebsangehörigen, der Gewerkschaft, dem Zentralkomitee, den Rentnern, den Aktionären?), wie wertvoll es im Vergleich zum Fell maximal sein darf (nur so teuer wie ein Ohr oder auch soviel wie eine Tatze?) und wie man sich am bequemsten auf so ein Fell legt (muß man dabei unbedingt über die Verwertung von toten Bären nachdenken oder ist man nicht glücklicher, wenn man den Blick einfach nur in den Himmel schweifen läßt), sollte man sich lieber mit den wirklich wichtigen Fragen befassen.

Und die drehen sich nun mal darum, wer den Bären erlegt bzw. warum er das überhaupt das Bedürfnis haben sollte einen Bären zu jagen, wie man die Fähigkeit des Bärentötens erwirbt, und nachdem das  geklärt ist, wie man an ein so gewonnenes Stück Fell kommt, wie wertvoll es ist und wie groß es maximal sein darf. Denn einen Bären zu erlegen ist auch für Kommunisten nicht ganz ungefährlich, und das Verteilen der Bärenfelle ist ebenfalls nicht ganz trivial, da diese nicht automatisch mit der Zahl der eingetragenen Parteimitglieder wachsen. Es gilt also, die Bedürfnisse der Kosumenten mit den Fähigkeiten der Produzenten sowie den Gegebenheiten unserer Umwelt in Einklang zu bringen.

Daher meine Frage an mitlesende Marxisten, Adorniker (nennt man das so?), Feld-, Wald- und Wiesenkommunisten sowie deren Sympathisanten, (aber natürlich auch deren erklärte Gegner aus dem liberal-konservativen Lager, soweit sie sich bemüßigt fühlen uns mitzuteilen, wo die Altvorderen der Weltrevolution geirrt haben, statt nur aus dem Off zu grummeln, weil sie aus der bloßen Diskussion über eine Theorie schließen, daß man mit besagter Theorie deswegen auch gleich übereinstimmen muß), wie würden Kommunisten, wenn sie beim Eigentum freie Auswahl hätten, folgende Probleme im Umgang mit Waren und Dienstleistungen lösen:

  • Wie organisiert man die Verteilung an den Endverbraucher? (Stichworte: Rationierung, pro-Kopf-Quoten, Zahlungsmittel etc.)
  • Wer trifft warum die Entscheidung zur Produktion? (Stichworte: Bedürfnisermittlungskommission, Nachfrage, Angebot etc.)
  • Wie läuft der eigentlichen Herstellungsprozeß ab? (Stichworte: Sklavenhaltung, Zwangsarbeit, Rotation, Qualifikation etc.)

Marxisten aller Strömungen, äußert Euch! Ihr habt nichts zu verlieren als Euer Bilderverbot. Aber einen Ruf zu gewinnen.

~ von Paul13 - Montag, 11. Mai 2009.

27 Antworten to “Bärenjagd im Schlaraffenland”

  1. Paul, Eigentumsverhältnisse sind keine Peripherie. Im Gegenteil, sie sind entscheidend. Ahm, das Problem mit dem Kommunismus ist, dass er eine Art direkter Demokratie hätte werden sollen. Die Arbeiter einer Fabrik z.b. hätten entscheiden sollen was sie wann wie herrstellen. Die Abgeordneten in den Regionalräten wären per imperatives Mandat dazu verpflichtet gewesen, den Willen ihrer Wäjler durchzusetzen etc etc. Nur, sorry an meine Genossen, das klingt doch ziemlich stark nach etwas rotgrundierter FDP. Außerdem hatte man keine Ahnung was mit Minoritäten zu geschehen habe. Sorry wenn ich das jetzt so ausspreche aber das Konzept Marxens klingt eher nach Tyrannei der Mehrheit..

  2. Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass alle Menschen die den Sozialstaat fordern Faschisten sind? *verwirrt*

  3. Die guten Damen und Herren heißen Adorniten und das Bilderverbot ist durchaus nicht unbegründetermaßen vorhanden. Vorschläge gibt es genug, die ich alle momentan aber für alles andere als propagierenswert halte.
    Übrigens ist das auch nicht der Kommunismus – da auch du das immer noch nicht verstanden zu haben scheinst – sondern der Kommunismus ist die reale Bewegung zur Aufhebung des jetzigen Zustandes.
    Der besteht wie du sicherlich weißt, vorrangig nicht etwa aus der Frage wie sich Analytics, anti, a new era oder irgendein anderer Kritiker auf No blood for Sauerkraut äußert, sondern im wesentlichen in einem Iran der an Atomwaffen baut, einer aufstrebenden chinesischen Ökonomie die den Waffenhandel fröhlich antreibt, antisemitischen Exzessen in Venezuela, Restsüdamerika und Europa und einer United Nations die Israel auseinandernimmt.
    Du erlaubst doch, dass ich anmerke, dass das nun wirklich interessantere Probleme sind als wirtschaftstheoretische Versuchslabors, die ich dann doch den bürgerlichen Ökonomen überlasse.

  4. Genau Paul, schreib mal über was wichtiges. Zwerge etwa. Oder Gnome. (Ich sitze hier noch knapp neben These 1…)

  5. „sondern der Kommunismus ist die reale Bewegung zur Aufhebung des jetzigen Zustandes“
    Ist diese Bewegung real? Wo kann man sie sich ansehen?
    Welcher jetzige Zustand ist damit gemeint? Man kann einen Zustand nicht aufheben, man kann ihn nur ändern, aber er bleibt auch dann immer noch Zustand. Es gibt keine reale Bewegung ohne Zustand, nur an der Verànderung des Zustands können wir die Bewegung messen.

  6. „Jeder Zustand in dem der Mensch ein geknechtetes, ein verächtliches, ein einsames Wesen ist.“
    Anschauen lässt sich diese Bewegung schlichtweg da, wo mindestens ein Kommunist irgendwie tätig in kommunistischer Absicht wirkt.
    Und das Gefasel von den Zuständen, beim besten Willen, beweist nur, dass du keine Ahnung von Prädikatenlogik hast.
    Ist F(x) definiert als eine Eigenschaft, namentlich= Zustand sein, dann ist es problemlos möglich, diesem Zustand ein weiteres Prädikat zuzuweisen. Weil die Tatsache, dass etwas Zustand ist, sagt erstmal noch nicht wirklich viel aus.
    Beschreib es meinetwegen anhand von binären Zuständen – für all die leidigen Empiriker unter euch: Licht an/Licht aus.
    Sei Zustand 2, Licht aus. „Man kann einen Zustand nicht aufheben, man kann ihn nur verändern.“
    Dem würde ich die Existenz von Lichtschaltern entgegenhalten.
    Schalte ich das Licht an, ist Zustand 2 definitiv aufgehoben. Er ist ersetzt durch Zustand 1 – Licht an. Dass dadurch der Zustand nicht aufgehoben wäre, weil beide die Gemeinsamkeit haben Zustand zu sein, ist so absurd wie die behauptung, ein zerbrochenes Glas sei nicht kaputt, weil es weiterhin Materie sei.

  7. @ Analytics

    Paul, Eigentumsverhältnisse sind keine Peripherie. Im Gegenteil, sie sind entscheidend.

    Sie sind für die Eigentümer sicher nicht unwichtig, aber für die Lösung des Widerspruchs zwischen Bedürfnissen/wünschen einerseits und Fähigkeiten/Resourcen andererseits sind sie unerheblich. Die Lust auf die aktive Teilnahme am Steinkohleabbau oder die Qualifikation zum Führen eines Atomkraftwerks ändert sich jedenfalls nicht automatisch durch den Erwerb von Anteilsscheinen.

    Ahm, das Problem mit dem Kommunismus ist, dass er eine Art direkter Demokratie hätte werden sollen. Die Arbeiter einer Fabrik z.b. hätten entscheiden sollen was sie wann wie herrstellen.

    Ok, das ist mal eine konkrete Aussage, danke! Diese Lösung, also die Umwandlung der volkseigenenen Betriebe in volkseigene Betriebe, sprich die Übergabe an die Belegschaft, hätte mir persönlich nach der Wiedervereinigung weit besser gefallen als der staatsmonoplistische Schwachsinn mit der Treuhand. Aber ich bin anders als die meisten derjenigen, die sich für links halten, bereit, auch die Nachteile einer derartigen Lösung zu sehen.

    Denn nach der Wende begannen die DDR-Konsumenten, die qualitativ besseren Westwaren zu kaufen. Und kurz darauf wunderten sich dieselben Leute in ihrer Eigenschaft als Produzenten, wieso sie ihren Job verlieren, weil plötzlich niemand mehr die von ihnen hergestellten Waren kauft. Ist der Eigentümer ein fieser Kapitalist, kann man zur Gewerkschaft rennen und höhere Löhne fordern, gehört einem der Laden aber selbst, muß man sie sich selber zahlen.

    Die Abgeordneten in den Regionalräten wären per imperatives Mandat dazu verpflichtet gewesen, den Willen ihrer Wäjler durchzusetzen etc etc.

    Das geht aber auch ohne Kommunismus, da reicht prinzipiell schon die Einführung des Mehrheitswahlrechts.

    Nur, sorry an meine Genossen, das klingt doch ziemlich stark nach etwas rotgrundierter FDP.

    Absolut! Den Verdacht habe ich manchmal auch, daß viele derjenigen, die sich für Kommunisten halten, in Wirklichkeit den Liberalen/Libertären/Anarchisten weit näher stehen als der Linkspartei oder irgendwelchen K-Gruppen und es sich nur nicht eingestehen wollen.

    Außerdem hatte man keine Ahnung was mit Minoritäten zu geschehen habe.

    Irgendwer hat mir gegenüber mal gesagt, daß man die Minderheiten dann eben überzeugen müsse. Ist aber nicht praktikabel, denn ab einer gewissen Größe einer Gruppe klappt das mit der Einstimmigkeit nicht mehr. Ein anderer erwähnte mir gegenüber den gruseligen Begriff der „Einsicht in die Notwendigkeit“. Das klang schon sehr nach Stasi.

    Sorry wenn ich das jetzt so ausspreche aber das Konzept Marxens klingt eher nach Tyrannei der Mehrheit..

    Dem kann ich nach meinem bisherigen Kenntnisstand leider nicht widersprechen.

  8. @ lalibertine

    Das sagen aber meines Wissens nur die Libertären.

  9. @ Anti

    Die guten Damen und Herren heißen Adorniten und das Bilderverbot ist durchaus nicht unbegründetermaßen vorhanden. Vorschläge gibt es genug, die ich alle momentan aber für alles andere als propagierenswert halte.

    Mit Bilderverbot kann man aber nur kaputtmachen. Wenn das alles ist, was Kommunisten wollen – kaputtmachen -, dann sind sie aber keine ernstzunehmende Alternative. Da kann man die Politik auch dreijährigen überlassen. Die richten dann vermutlich sogar noch weniger Unheil an.

    Übrigens ist das auch nicht der Kommunismus – da auch du das immer noch nicht verstanden zu haben scheinst – sondern der Kommunismus ist die reale Bewegung zur Aufhebung des jetzigen Zustandes.

    Aber dank Bilderverbot eben ohne Alternative. Wie gesagt bloßes Kaputtmachen wie bei kleinen Kindern, die von Ihren Eltern zu oft eine gescheuert kriegen.

    Der besteht wie du sicherlich weißt, vorrangig nicht etwa aus der Frage wie sich Analytics, anti, a new era oder irgendein anderer Kritiker auf No blood for Sauerkraut äußert, sondern im wesentlichen in einem Iran der an Atomwaffen baut, einer aufstrebenden chinesischen Ökonomie die den Waffenhandel fröhlich antreibt, antisemitischen Exzessen in Venezuela, Restsüdamerika und Europa und einer United Nations die Israel auseinandernimmt.

    Das ist aber keine Frage des Kommunismus oder nicht, sondern eine von außenpolitischen Konzepten. Das betrifft eher Themen wie NeoCons, Realpolitik, Appeasement und so was. Die Commies können da mitschwimmen oder es sein lassen, Marx hat damit weder mehr noch weniger recht.

    Du erlaubst doch, dass ich anmerke, dass das nun wirklich interessantere Probleme sind als wirtschaftstheoretische Versuchslabors, die ich dann doch den bürgerlichen Ökonomen überlasse.

    Da stimme ich Dir sogar zu. Außenpolitik interessiert mich grundsätzlich sogar weit mehr als trockene Theorien zur Wirtschaftspolitik, weswegen sie bei NBFS ja auch einen weit größeren Raum einnimmt. Nichtsdestoweniger möchte ich manchmal auch über was anderes reden. Ich kann ja nicht immer nur auf dem armen Dilettanten im Weißen Haus rumhacken, das wird auf die Dauer auch langweilig.

  10. @ Anti

    Dem würde ich die Existenz von Lichtschaltern entgegenhalten.
    Schalte ich das Licht an, ist Zustand 2 definitiv aufgehoben. Er ist ersetzt durch Zustand 1 – Licht an.

    Wenn aber der Erfinder des Lichtschalters gesagt hätte, also mich stört die Dunkelheit und ich hätte es gerne etwas heller, aber Adorno verbietet mir konkrete Vorschläge auszuarbeiten, wie man Licht macht, und wenn es weniger hell wird als die Sonne, ist das System der Dunkelheit nicht gleich komplett beseitigt, dann säßen wir heute noch im Dunkeln. Und das ist noch günstig gerechnet, denn vielleicht hätte jemand die spontane Idee gehabt, zu diesem Zweck seine Mitmenschen anzuzünden. Dann wäre nicht Marx der wichtigste Kommunist, sondern Nero.

  11. „Das sagen aber meines Wissens nur die Libertären.“

    Genau hier aber beginnt der Unterschied zwischen Libertärer, Kommunistischer, Anarchistischer oder einfach nur konsequent Liberaker Programmatik zu verschwimmen. Sie alle wollen die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit, ihrem Elend und auch aus dem verhängnisvollen Zusammenhang von selbstverschuldeter Unmündigkeit und menschengemachten Katastrophen herausführen. Sie alle sind dem Individuum verpflichtet, alle sehen den Staat als ( mehr oder weniger ) abzuschaffendes Übel, alle sind Produkte der humanistischen westlichen Zivilisation und ALLE, wirklich ALLE, sind zumindest einmal an der Realität gescheitert. Was ist also Kommunismus, wenn nicht der Versuch eine menschenwürdige und vorallem menschliche Welt zu gestalten? Wenn man das tatsächlich so betrachtet kann alles möglich als kommunistisch betrachtet werden: Die Neocons, Ideologiekritiker, liberal hawks and on and on and on. Und schon sind wir tatsächlich bei Pauls ursprünglicher Aussage, dass Kommunisten, die den Term wirklich ernst nehmen, irgendwo und irgendwie als Reformer gelten müssen, die dort als Revolutionäre auftretten müssen, wo es keine zu reformierenden Potenzialle gibt ( sprich Myanmar, PRC, Iran etc ) und dort wo diese Potenzialle vorhanden sind sich, dem Diktum Horkheimers folgend, eher konservativ verhalten ohne konservativ zu sein.
    Das bringt mich aber zurück zu meiner Grundthese. Gab es irgendwo in der Menschheitsgeschichte eine annähernd gelungene kommunistische Revolution, auch wenn diejenige nicht explizit sich kommunistisch nannte, sich ja als solche überhaupt nicht nennen konnte? Ja, in der Tat, solch ein Ereignis hat es tatsächlich innerhalb der Historie gegeben. Namentlich die Amerikanische Revolution des Jahres 1776. Dieser wahrlich ruhmreichen ;) Revolution ging es von Anfang an um etwas wahrlich kommunistisches, um etwas was leider die kommunistische Bewegung als solche niemals begriff, ja sogar aufgrund der eigenen Befangenheit niemals begreifen konnte, nämlich um das Individuum, um seine Freiheit ALS eben solches ( und erst danach, quasi als Mittel zum Zweck, um die Union und deren Organisationsform als bürgerliche Republik ) und vorallem um sein Pursuit of Happiness. Ein absolutes Novum, eine Kopfgeburt ohne Muttermale einer früheren Gesellschaft, und das 70 Jahre vor dem kommunistischen Manifest von Karl Marx.

  12. Man sollte mal ein paar Kibbzims in Israel fragen. Die dürften ein paar Antworten auf Deine Fragen haben.

  13. Ja, aber die existieren INNERHALB eines bürgerlichen Staates. ;)

  14. @ analytics

    Um es mal ganz unpolemisch zu versuchen: es macht wenig Sinn, einen Stuhl plötzlich Tisch zu nennen, wenn sich alle auf die Bzeichnung „Stuhl“ verständigt haben. Wenn Du nun erklärst:

    „Namentlich die Amerikanische Revolution des Jahres 1776. Dieser wahrlich ruhmreichen ;) Revolution ging es von Anfang an um etwas wahrlich kommunistisches, um etwas was leider die kommunistische Bewegung als solche niemals begriff, ja sogar aufgrund der eigenen Befangenheit niemals begreifen konnte, nämlich um das Individuum, um seine Freiheit ALS eben solches ( und erst danach, quasi als Mittel zum Zweck, um die Union und deren Organisationsform als bürgerliche Republik ) und vorallem um sein Pursuit of Happiness.“

    so benutzt Du den Begriff in einer Weise, die dem üblichen Sprachgebrauch fast diamentral entgegen steht. Unter kommunistisch bzw. Kommunismus verstand man bis jetzt eine Weltanschauung bzw. ein Gesellschaftssystem, das

    – eine kollektive Verfügunggewalt über das Produktivvermögen (marxistisch Produktivmittel) und über das in einer Periode erzeugt wirtschaftsprodukt (marxistisch: Mehrwert) aufweist
    – individuelle Arbeitsleistung, Aneignung und Lebensbedingungen an einen kollektiven Entscheidungsprozess knüpft.

    Da das „Reich der Freien“ in der jeder uneingeschränkt seine Bedürfnisse befriedigen kann angesichts des explodierten individuellen Konsuns in den Industriesstaaten (nd dem eplodierenden in den Schwellenstaten) dieses Zustansd bis auf weiters unerrreichbar. So wäre auch ein sozialistische Vorstufe auf einen Staat angewiesen der Ressourcen verwaltet zuteilt und Arbeits- und Verteilungsprozesse organisiert.

    Sicherlich sind die aus dem Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kolonien gegen die Kolonialmacht England entstandenen USA des achtzehnten Jahrhundert etwas revolutionär Neues in der bis dato absolutistisch verfaßten Staatenwelt. Aber nach heutigen Maßstäben darf der neue Staat getrost als Eigentümer- zugespitzt als Sklavenhalter-Demokratie bezeichnet werden: Männer ohne Landbesitz bzw. die keine Steuern zahlten hatten kein Wahlrecht, Schwarze waren Sklaven und damit handelbare Sachen ohne eigenen Rechtsstatus und Fraue erhielten auch in den (gesamten) USA erst 1920 das Wahlrecht. Was soll daran „kommunistisch“ gewesen sein?

  15. Nebbisch.
    Typisch „Auskenner“.

  16. In den USA hingegen besteht die Republik seit 1776 ununterbrochen; eine lange Geschichte, in dem sich der Kreis der vor dem Gesetz Freien und Gleichen immer mehr erweiterte (1776: Gleichstellung der Juden, 1865: landesweite Emanzipation der Schwarzen, 1921: Einführung des Frauenwahlrechtes) – begleitet von schweren Konflikten, Rebellionen und einem echten Bürgerkrieg (1861–65), doch ohne Guillotine und ohne einen Hauch Royalismus.

    [Hier der ganze Text:

    http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web50-2.htm

    Die Red.]

  17. @ Analytics

    Genau hier aber beginnt der Unterschied zwischen Libertärer, Kommunistischer, Anarchistischer oder einfach nur konsequent Liberaker Programmatik zu verschwimmen. Sie alle wollen die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit, ihrem Elend und auch aus dem verhängnisvollen Zusammenhang von selbstverschuldeter Unmündigkeit und menschengemachten Katastrophen herausführen.

    Das will aber letztlich so ziemlich jeder. Wer sagt schon „ich bin böse und würde die Menschheit gerne noch ein wenig unterdrücken“?

    Sie alle sind dem Individuum verpflichtet, alle sehen den Staat als ( mehr oder weniger ) abzuschaffendes Übel, alle sind Produkte der humanistischen westlichen Zivilisation und ALLE, wirklich ALLE, sind zumindest einmal an der Realität gescheitert. Was ist also Kommunismus, wenn nicht der Versuch eine menschenwürdige und vorallem menschliche Welt zu gestalten?

    Auch das würden ALLE, wirklich ALLE für sich in Anspruch nehmen. Denn hier geht es um ein Ziel, und die sind immer gaaanz toll. Deswegen sind die Ziele in den seltensten Fällen hilfreich bei der Bewertung einer Idee, sondern es geht vor allem um den Weg, wie sie dieses Ziel zu erreichen gedenkt.

    Wenn man das tatsächlich so betrachtet kann alles möglich als kommunistisch betrachtet werden: Die Neocons, Ideologiekritiker, liberal hawks and on and on and on. Und schon sind wir tatsächlich bei Pauls ursprünglicher Aussage, dass Kommunisten, die den Term wirklich ernst nehmen, irgendwo und irgendwie als Reformer gelten müssen, die dort als Revolutionäre auftretten müssen, wo es keine zu reformierenden Potenzialle gibt ( sprich Myanmar, PRC, Iran etc ) und dort wo diese Potenzialle vorhanden sind sich, dem Diktum Horkheimers folgend, eher konservativ verhalten ohne konservativ zu sein.

    Also das würde aber alles, was ich je über den Kommunismus gelernt habe – und zwar sowohl von seinen Kritikern wie seinen Anhängern – über den Haufen werfen.

    Das bringt mich aber zurück zu meiner Grundthese. Gab es irgendwo in der Menschheitsgeschichte eine annähernd gelungene kommunistische Revolution, auch wenn diejenige nicht explizit sich kommunistisch nannte, sich ja als solche überhaupt nicht nennen konnte? Ja, in der Tat, solch ein Ereignis hat es tatsächlich innerhalb der Historie gegeben. Namentlich die Amerikanische Revolution des Jahres 1776.

    Also ich stimme mit Dir darin überein, daß die Revolution von 1776 sowohl in den praktischen Ergebnissen wie der theoretisch Bedeutung als weit positiver und bedeutender zu bewerten ist als die gemeinhin überschätzte von 1789, aber kommunistisch ist sie gewiß nicht. Sie legte den Grundstein für die moderne liberale und tendenziell kapitalistische Gesellschaftsordnung, aber nicht für das Paradies auf Erden, wo alle nur noch eine große, glückliche Solidargemeinschaft sind.

    Dieser wahrlich ruhmreichen ;) Revolution ging es von Anfang an um etwas wahrlich kommunistisches, um etwas was leider die kommunistische Bewegung als solche niemals begriff, ja sogar aufgrund der eigenen Befangenheit niemals begreifen konnte, nämlich um das Individuum, um seine Freiheit ALS eben solches ( und erst danach, quasi als Mittel zum Zweck, um die Union und deren Organisationsform als bürgerliche Republik ) und vorallem um sein Pursuit of Happiness. Ein absolutes Novum, eine Kopfgeburt ohne Muttermale einer früheren Gesellschaft, und das 70 Jahre vor dem kommunistischen Manifest von Karl Marx.

    Also den produktiven Konkurrenzkampf als „pursuit of happiness“ zu adeln anstatt ihn zu verdammen, hat nichts mit Kommunismus zu tun. Wenn das Kommunismus ist, dann sind heute alle von Ackermann bis Westerwelle Kommunisten, und die ganzen Commies bzw. deren Sympathisanten, mit denen ich in meiner bisherigen politischen Laufbahn zu tun hatte – und das waren wahrlich nicht wenige! – sind in Wahrheit finstere Antikommunisten, die beispielsweise die Friedensbewegung der 80er unterwanderten, um den kommunistischen Westen zu schwächen. Du mußt zugeben, daß klingt nicht wirklich schlüssig.

  18. @ a new era

    Um es mal ganz unpolemisch zu versuchen: es macht wenig Sinn, einen Stuhl plötzlich Tisch zu nennen, wenn sich alle auf die Bzeichnung “Stuhl” verständigt haben. Wenn Du nun erklärst:

    “Namentlich die Amerikanische Revolution des Jahres 1776. Dieser wahrlich ruhmreichen ;) Revolution ging es von Anfang an um etwas wahrlich kommunistisches, um etwas was leider die kommunistische Bewegung als solche niemals begriff, ja sogar aufgrund der eigenen Befangenheit niemals begreifen konnte, nämlich um das Individuum, um seine Freiheit ALS eben solches ( und erst danach, quasi als Mittel zum Zweck, um die Union und deren Organisationsform als bürgerliche Republik ) und vorallem um sein Pursuit of Happiness.”

    so benutzt Du den Begriff in einer Weise, die dem üblichen Sprachgebrauch fast diamentral entgegen steht.

    Es kommt ja selten genug vor, aber da sind wir ausnahmsweise mal einer Meinung, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen. Also rot im Kalender anstreichen!

    Unter kommunistisch bzw. Kommunismus verstand man bis jetzt eine Weltanschauung bzw. ein Gesellschaftssystem, das

    – eine kollektive Verfügunggewalt über das Produktivvermögen (marxistisch Produktivmittel) und über das in einer Periode erzeugt wirtschaftsprodukt (marxistisch: Mehrwert) aufweist
    – individuelle Arbeitsleistung, Aneignung und Lebensbedingungen an einen kollektiven Entscheidungsprozess knüpft.

    Jetzt wird’s interessant! Wie läuft denn so ein kollektiver Entscheidungsprozeß ab? Und wie will der Kommunismus so jedem nach seinen Bedürfnissen geben und gleichzeitig jeden dazu bringen, dies umgekehrt nach seinen Fähigkeiten ebenfalls zu tun? Ich sehe da leichte Konfliktpunkte mit der marxistischen Lehre heraufziehen. Von der Praxis im Ostblock gar nicht zu reden.

    Da das “Reich der Freien” in der jeder uneingeschränkt seine Bedürfnisse befriedigen kann angesichts des explodierten individuellen Konsuns in den Industriesstaaten (nd dem eplodierenden in den Schwellenstaten) dieses Zustansd bis auf weiters unerrreichbar. So wäre auch ein sozialistische Vorstufe auf einen Staat angewiesen der Ressourcen verwaltet zuteilt und Arbeits- und Verteilungsprozesse organisiert.

    Das klingt aber nur wie eine ineffiziente Variante des Kapitalismus. Dann doch lieber gleich den richtigen, zumal der theoretisch eh nötig ist, um den Kommunismus zu ereichen. Oder ist der hier angedeutete Realsozialismus am Ende gar keine Zwischenstufe, sondern aufgrund seiner Dauer bis kurz nach St. Nimmerlein de facto der Endzustand?

    Sicherlich sind die aus dem Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kolonien gegen die Kolonialmacht England entstandenen USA des achtzehnten Jahrhundert etwas revolutionär Neues in der bis dato absolutistisch verfaßten Staatenwelt. Aber nach heutigen Maßstäben darf der neue Staat getrost als Eigentümer- zugespitzt als Sklavenhalter-Demokratie bezeichnet werden: Männer ohne Landbesitz bzw. die keine Steuern zahlten hatten kein Wahlrecht, Schwarze waren Sklaven und damit handelbare Sachen ohne eigenen Rechtsstatus und Fraue erhielten auch in den (gesamten) USA erst 1920 das Wahlrecht. Was soll daran “kommunistisch” gewesen sein?

    Nach heutigen Maßstäben darf sie das gewiß. Nur haben dann die Nachfahren der 1789er im Gegenzug ein ziemlich brutales Kolonialreich aufgebaut (klar, sie wollten den dummern Negern nur Jesus nahebringen). Und über rassistische Antisemiten, die den Arbeiterführer Ferdinand Lassalle als „jüdische Nigger“ beschimpft haben, wollen wir für dieses Mal den Mantel des Schweigens ausbreiten. Weswegen es manchmal vielleicht doch ganz gut ist, Ideen im zeitlichen Kontext zu sehen. ;-)

  19. Ich sagte im KERN Kommunistisch weils der Revolution ums Individuum ging und die Nation nur Mittel zum Zweck war.

  20. @ Analytics

    Ums Individuum ging’s aber auch den Liberalen. Dazu hätte man also keine Revolution gebraucht. Die brauchte man ja eher, um jene Individuen, die es mit der Freiheit übertrieben, um sie z.B. zum reich werden zu mißbrauchen, ein wenig einzuhegen.

    Die Erwähnung des Begriffs Nation ist aber ein ganz wichtiger Punkt, da sie besser als alles andere illustriert, daß ANE irrt, wenn er Ideen nicht relativ zu ihrem zeitlichen Umfeld bewertet, sondern aus der absoluten Position des Rückblicks aus der fernen Zukunft.

    Denn die Idee der Nation war zu Marxens Zeiten eine eher linke, die angesichts des Flickenteppichs zahlloser nach Gutdünken herrschender Fürsten und Könige, die dem Fortschritt sowohl des Kapitalismus wie auch des Sozialismus im Wege standen, als ziemlich fortschrittlich galt.

    Heute hingegen, wo wir mit supranationalen Zusammenschlüssen wie der EU bereits viel weiter sind, gilt dieselbe Idee ebenfalls zu recht als reaktionär. Da die Geschichte nach links verläuft, verändern sich zwangsläufig eben auch die in ihrem Verlauf vertretenen Positionen nach rechts.

  21. @ Lebowski

    Das mit den Kibbutzim ist ein sehr interessanter Einwand, auf den ich jetzt nur deswegen nicht genauer eingehe, weil ich dazu eigentlich noch einen oder mehrere kleine Artikel schreiben möchte, da sich aufgrund der dort gewonnenen Erfahrungen auch manche Frage zum Sozialstaat und zum Menschen allgemein beantworten läßt.

    Auf jeden Fall widerlegt er aber sowohl jene, die meinen, der Kommunismus funktioniere nur mit Geheimpolizei und Hungersnot, als auch jene, die meinen, der Kommunismus könne den Himmel auf Erden für alle Menschen und auf alle Zeit erschaffen. Marxens Geschwätz von den Bedürfnissen und Fähigkeiten kann man danach genauso in der Pfeife rauchen wie das Klischee des unflexiblen Appratschiks.

  22. @Paul
    Also was die Kibbuzim, also die der „reinen Lehre“ (Realsozialistisches Model) angeht haben aus meiner Sicht die ersten doch schon ihren Niedergang Ende der 1960er erlebt. Meines wissens nach gibt es keinen(lasse mich gerne belehren) der noch wirklich am Urmodel festhaelt.
    Auch dort hat es einen entsprechenden Wandel gegeben weil es am Menschen scheiterte der eben gerne etwas mehr hatte als der andere und gerne ueber sich selbst bestimmen wollte.

  23. @analytics
    Gib Dir mal von Thomas Paine
    The American Crisis
    Rights of Man als Antwort auf Burkes ausfuehrungen zur Franzoesichen Rev.
    und last but not least Age of Reason

  24. @ Auslaender

    Das mit der Veränderung der Kibbutzim stimmt zweifellos, aber gerade diese Veränderung ist sehr aufschlußreich, wenn es darum geht herauszufinden, was am Kommunismus funktioniert und was nicht.

  25. @Paul
    Aus der Perspektive sind sie tatsaechlich ein interessantes Modell.
    Allerdings sind diese Erkenntnise aus meiner Sicht dann aber nur bedingt uebertragbar da es sich ja immer nur um kleine Gemeinschaften handelt. Hier ist es also leichter ein „Wir“ Gefuehl auch in Sozialen Fragen zuereichen als in Grossen Gemeinschaften.
    Die Veraenderungen in den Kibbutzim fingen meines wissens nach an als es in Israel Wirtschaftlich bergauf ging. Die Gemeinschaft also auf gedeih und verderb nicht mehr noetig war.
    Die heutigen, meisten Kibbutzim, scheinen mir ehr Genossenschaftliche Doerfer mit Produktionsbetrieb zu sein.
    Aber ich glaube es gibt hier eine oder zwei Kommentatorinen die in einem Kibbutz leben, vieleicht koennen die uns ja ein wenig aufklaeren.

  26. […] maximal hätte sein können, falls er tatsächlich funktioniert hätte. Und da das Thema in der aktuellen Diskussion bereits angesprochen wurde, folgt demnächst in locker Folge eine kleine Serie mit zwar […]

  27. @ Auslaender

    Hab gerade was dazu geschrieben. Mehr folgt demnächst. Stay tuned!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: