Warum man Äpfel nicht mit Apfelbäumen vergleichen kann


[…] politischer Extremismus und Gewalttätigkeit ist – wie wir in Ostdeutschland sehen – dort stark, wo es Probleme wie hohe Arbeitslosigkeit gibt.

Sollten wir daher die NPD einfach ignorieren, da sie nur das Produkt der sozialen Umstände ist? (ich glaube nicht)

Im Rahmen der grünen Woche bei NBFS gab es diesen auf den ersten Blick durchaus interessanten Einwand, denn das NPD-Problem wäre tatsächlich zweifellos weitaus geringer, wenn es die sozialen Probleme nicht gäbe. Aber auch nach deren Behebung müßte man auf die NPD immer noch ein besonderes Auge haben, denn es gibt gleich fünf wichtige Gründe, weswegen man Islam und NPD eben nicht gleichsetzen kann:

  1. Eine Religion zu verbieten ist schon aus grundsätzlichen Überlegungen immer etwas problematischer als das mit einer Partei zu tun. Die Religionsfreiheit wurde nicht ohne Grund mühevoll erkämpft. Außer man mag Saudi-Arabien. ;-)
  2. In den Islam wird man wie bei anderen Religionen schon als Kind hineingeboren, während der Beitritt zur NPD in der Regel erst später und bewußt erfolgt. Der islamische Glaube wäre also eher eine Ursache, die NPD-Mitgliedschaft eine Folge.
  3. Die Religionszugehörigkeit wird fast immer durch die der Eltern bestimmt, die Zugehörigkeit zur NPD hingegen durch die eigenen Lebensumstände beeinflußt. Ersteres kann man schlecht regeln, bei letzterem sollte man das sogar.
  4. Der Islamismus ist als „Islam über alles“-Ideologie das Gegenstück zur NPD, die sozusagen die fundamentalistische Variante des Deutschseins repräsentiert. Man kann also den Islam und Deutschland akzeptieren, und gleichzeitig deren verfassungsfeindliche Exponenten entschieden ablehnen.
  5. Wenn ein Skinhead einen Ausländer verprügelt, dann tut er das, weil der ihm nicht deutsch genug ist. Wenn ein türkisches Ghettokid zuschlägt, dann in der Regel aus schlichten kriminellen Motiven oder schlimmstenfalls auch mal aus nationalistischen wie der obengenannte Skinhead. An den Koran, Mohammed oder 72 Jungfrauen denkt es dabei aber sicher genausowenig wie der Skinhead an Walhalla.

Der Islam ist leider nicht nur eine Religion, sondern vielmehr auch eine Ideologie und ein Gesellschaftssystem.

Aber nicht bei säkularen oder gemäßigten Muslimen. Gesellschaftssystem ist der Islam bloß für die Traditionalisten, und Ideologie nur für die Fundamentalisten unter ihnen. Das muß man aber wie gesagt nicht widerstandslos hinnehmen, sondern der Staat hat das Recht – wie auch die Pflicht! -, dort, wo das zu Konflikten mit der eigenen Verfassung führt, für eine saubere Trennung von Religion und Politik zu sorgen. Hat er dann auch noch vorher seinen Job erledigt und die anderen, weit wichtigeren sozialen Ursachen in den Griff bekommen, wird er das sogar schaffen.

~ von Paul13 - Mittwoch, 15. Oktober 2008.

14 Antworten to “Warum man Äpfel nicht mit Apfelbäumen vergleichen kann”

  1. Deiner erstes und zentrales Argument ist gleich, dass man die Religion nicht verbieten kann.

    Da gebe ich dir völlig recht – nur wo habe ich behauptet, dass man das sollte?

    Anders als P.I. und übrigens leider auch H.M. Broder unterscheide ich zwischen Islam und Islamismus.

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2008/07/15/islam-islamismus-terror-und-pk/

    Übrigens müssen Islamisten nicht notwendigerweise Fundamentalisten sein, auch wenn sie oft eine große Schnittmenge bilden.

    Islamisten wollen einen islamischen Staat, Fundamentalisten wollen ihre Religion streng ausleben. Die türkische AKP will wie die Taliban einen islamischen Staat. In der Ausübung des Islam unterscheiden sie sich völlig.

    Orthodoxe Juden, Mormonen oder Taliban haben ähnliche Vorstellungen über ihr religiöses Leben, die ersten beiden fordern jedoch keinen religiösen Staat.

    Bassam Tibis Bücher zu dem Thema sind sehr zu empfehlen.

  2. @Paul13
    In den Islam wird man wie bei anderen Religionen schon als Kind hineingeboren, während der Beitritt zur NPD in der Regel erst später und bewußt erfolgt.

    Die normative Kraft des Faktischen,hmmh? Was für ein tolles Argument gegen die Religionsfreiheit.
    Religionen nehmen für sich das Recht in Anspruch nehmen, Menschen ab frühester Kindheit mit ihren Ideologien und Aberglauben zu indoktrinieren.
    (Und Sie tun gut daran! Denn schonen kleinen Kindern muss man das Gehirn waschen, damit sie daran glauben, dass Jesus Mutter unbefleckt geblieben ist oder dass in eckigen schwarzen Steinen in der Wüste irgendetwas Wichtiges eingebaut ist. )
    Wie wärs denn mal mit folgendem Vorschlag: in Religionen und Parteien darf man erst ab 18 Jahre eintreten. Vielleicht erledigen sich dann viele Dinge von selbst.

    Im übrigen: die Religionsfreiheit wurde nicht hart erkämpft. Hart erkämpft wurde das Recht, zwischen sich und der Religion gebührenden Abstand halten zu dürfen.

  3. Das Argument, dass die Religionszugehoerigkeit nicht wirklich freiwillig sei, weil in der Regel durch die Familie vermittelt, geht vom unmuendigen Menschen aus.

    Wenn Religion durch eine Art Gehirnwaesche vermittelt wird, der sich der Einzelne auch als Erwachsener nicht entziehen kann, verstehe ich erst recht nicht, warum gerade die islamische Religionszugehoerigkeit keinerlei Einfluss auf die Weltsicht haben soll?

  4. auch in den Faschismus werden nicht wenige schon als Kind hineingeboren, dh. er wird auch durch die Eltern bestimmt, denn in einigen Familien werden den Heranwachsenden offen faschistische oder zumindest solchen nahestehenden Ansichten vermittelt.

    Mehr möchte ich dazu nicht sagen, denn das Thema selbst ist obsolet. Über ein Verbot des Islams denkt die politische Elite noch nicht einmal nach und über was ein paar wenige Spinner nachdenken, dass interessiert nicht.

  5. @ lebowski

    „Im übrigen: die Religionsfreiheit wurde nicht hart erkämpft. Hart erkämpft wurde das Recht, zwischen sich und der Religion gebührenden Abstand halten zu dürfen.“

    Das stimmt, das ist der Aufklärung zu verdanken. Ich denke, man kann ohne allzu sehr zu verallgemeinern sagen, dass der islamischen Welt dieser Schritt noch bevorsteht.

    @ ruth

    „Das Argument, dass die Religionszugehoerigkeit nicht wirklich freiwillig sei, weil in der Regel durch die Familie vermittelt, geht vom unmuendigen Menschen aus. “

    Nicht unbedingt. Man nimmt sie zunächst als selbstverständlich auf, so wie die vielen anderen Dinge, die die Eltern einem beibringen. Ab einem bestimmten Alter kann man sie hinterfragen und dann ablehnen oder sogar noch verstärken. Es wird dann zu einer bewusste(re)n Entscheidung.
    Die Analogie zur NPD-Mitgliedschaft ist so nicht gegeben, sonst hätte die 68er-Generation gar nicht gegen ihre Nazi-Eltern rebellieren können.

  6. @chewey

    (…sonst hätte die 68er generation nicht gegen ihre Eltern rebellieren können)

    die 68 er rebellion war zwar auch ein generationenkonflikt, die Naziherrschaft war aber bekanntlich schon lange vorher in Deutschland abgeschafft worden

    auch wenn vieles damals noch nicht aufgearbeitet war, diente der Nazivorwurf als Munition in jenem Konflikt (gegen Institutionen der BRD)

    gleichzeitig wurden die eigenen Eltern aber auch entlastet, indem man die SS mit der USA gleichsetzte

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2008/09/22/ein-alter-68er-hat-einen-film-uber-die-raf-gedreht/

    ich schätze allerdings vieles an der 68er Zeit: die Öffnung der Gesellschaft, Musik u. Mode sowieso

  7. @ aron2201sperber

    „die 68 er rebellion war zwar auch ein generationenkonflikt, die Naziherrschaft war aber bekanntlich schon lange vorher in Deutschland abgeschafft worden“

    Völlig richtig, auch alles andere, was du sagst, aber genau das meine ich ja: Wir sind ja hier nicht in Saudi-Arabien. Wenn also die Eltern tradionelle Moslems sind, warum sollen sich dann ihre Sprösslinge unter dem Einfluss einer liberalen Demokratie nicht zu einem enspannteren Verhältnis zu ihrer Religion entwickeln können? In einzelnen Fällen hat man ja auch schon davon gehört – wobei es natürlich auch Gegenbeispiele mit Radikalisierungen gibt.

  8. sehe ich eh auch so.

    es ist wichtig, dass wir den muslimischen Zuwanderer mit Respekt begegenen. Den Islam zum Feindbild zu erklären, fördert nur den Rückzug in die eigene Gruppe und ist daher kontraproduktiv.

    Allerdings sollten wir uns im Klaren sein, was wir von den Zuwanderern erwarten und was wir ihnen anbieten können.

    Eine Integration als Kollektiv ist in unserem Staat, in dem jeder einzelne Bürger Rechte und Pflichten hat, höchst problematisch.

    Kollektive mit Sonderrechten hat es zwar früher auch gegeben (z.B. Juden), bloß waren diese nicht gleichberechtigt. Ein solcher Rückschritt kann nicht unser Ziel sein.

  9. @ alle

    Hab gerade wenig Zeit. Zu diesem Thread äußer ich mich aber wohl noch im Laufe des Wochenendes.

    Liebe Grüße

  10. @ Ruth

    Das Argument, dass die Religionszugehoerigkeit nicht wirklich freiwillig sei, weil in der Regel durch die Familie vermittelt, geht vom unmuendigen Menschen aus.

    Also ein Baby, daß über das Taufbecken gehalten wird, ist irgendwie nicht ganz das, was ich mir unter einem mündigen Bürger so vorstelle.

    Wenn Religion durch eine Art Gehirnwaesche vermittelt wird, der sich der Einzelne auch als Erwachsener nicht entziehen kann, verstehe ich erst recht nicht, warum gerade die islamische Religionszugehoerigkeit keinerlei Einfluss auf die Weltsicht haben soll?

    Religion ist solange Gehirnwäsche, bis man erwachsen ist. Dann denkt man sich selber seinen Teil. Und wie Du darauf kommst, daß unser türkischer Türsteher, der ja nicht nur Ungläubige verprügelt, sondern genauso gerne den marokkanischen Drogendealer von nebenan, und der statt sich um die Kinderwünsche seiner ebenfalls muslimischen Gebärmaschine zu kümmern, lieber ein paar ungläubige Blondinen im nächsten Puff flachlegt, das alles tut, weil er als 8-jähriger mal gelernt hat, daß Allah groß ist, mußt Du mir erklären. Der Zusammenhang erschließt sich mir nicht.

  11. @ Chewey

    Die Analogie zur NPD-Mitgliedschaft ist so nicht gegeben, sonst hätte die 68er-Generation gar nicht gegen ihre Nazi-Eltern rebellieren können.

    Wichtiger Punkt der bei der Diskussion bisher zu kurz kam! Der Rebellionsfaktor von Jugendlichen wird völlig unterschätzt. Je enger dem Kind das ideologische Korsett geschnürt wird, umso mehr versucht es ab der Pubertät da auszubrechen. Da wird dann der Sohn des 68er-Oberlehrers zum Dorfnazi, und die Tochter das anatolischen Patriarchen brezelt sich auf, daß es auch fürs Rotlichtviertel gereicht hätte. Alleine die elterliche Reaktion ist da oft schon die eine oder andere Teufelei wert.

  12. @ aron2201sperber

    es ist wichtig, dass wir den muslimischen Zuwanderer mit Respekt begegenen. Den Islam zum Feindbild zu erklären, fördert nur den Rückzug in die eigene Gruppe und ist daher kontraproduktiv.

    Allerdings sollten wir uns im Klaren sein, was wir von den Zuwanderern erwarten und was wir ihnen anbieten können.

    Genau darum geht es mir. Wir müssen ihren Glauben und ihre Kultur respektieren, und da, wo sie unverhandelbaren Grundwerten widerspricht, müssen die Einwanderer wiederum uns entgegenkommen, wenn sie hier leben wollen.

    Eine Integration als Kollektiv ist in unserem Staat, in dem jeder einzelne Bürger Rechte und Pflichten hat, höchst problematisch.

    Kollektive mit Sonderrechten hat es zwar früher auch gegeben (z.B. Juden), bloß waren diese nicht gleichberechtigt. Ein solcher Rückschritt kann nicht unser Ziel sein.

    Soll es auch nicht. Auch Einwanderer müssen lernen, daß das Individuum hierzulande grundsätzlich Vorrang hat und daß der Zusammenschluß zu Kollektiven zwar möglich ist, aber dies immer nur auf freiwilliger Basis.

  13. @ Paul

    „Da wird dann der Sohn des 68er-Oberlehrers zum Dorfnazi, und die Tochter das anatolischen Patriarchen brezelt sich auf, daß es auch fürs Rotlichtviertel gereicht hätte.“

    Wobei noch wichtig zu ergänzen ist, dass erstaunlicherweise gerade Söhne aus Familien aus dem muslimischen Kulturkreis höchst selten bis nie gegen ihre Väter rebellieren. Die Tatsache des intakten Patriarchats hat wahrscheinlich eine größere Bedeutung als alle anderen Faktoren. Hat allerdings nur insofern mit Religion zu tun, als Väter das ausnützen können, um ihren Willen durchzusetzen.

  14. „Der Rebellionsfaktor von Jugendlichen wird völlig unterschätzt. Je enger dem Kind das ideologische Korsett geschnürt wird, umso mehr versucht es ab der Pubertät da auszubrechen.“
    Nur bleibt es trotzdem so, dass die ersten Lebensjahre die mit Abstand am stärksten prägendsten sind. Zwar mag ein Jugendlicher nominal gegen seine Eltern und seine Umgebung rebellieren, aber diese Rebellion wird stark von diesen Autoritäten beeinflusst und am Ende, ist der Jugendliche seinen Eltern ähnlicher als er sich wünscht. Die 68er sind da durchaus ein gutes Beispiel, gegen den Faschismus und für Mao oder Ho-Chi-Minh.
    Natürlich gab es da auch vernünftigere, aber diese kamen wohl meist aus einem sozialdemokratischen Arbeitermilieu, da waren schon die Eltern und Großeltern eben keine Faschisten.
    Andere Beispiele kann man in der ehemaligen DDR sehen und bewundern, wie erfolgreich, die kommunistische Manipulation war.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: