Hilferuf aus Putinstan


Während alle Welt wie gebannt auf Georgien schaut und überrascht zur Kenntnis nimmt, mit welch brachialen und längst überwunden geglaubten Methoden Putin die Südgebiete heim ins Reich holt, darf man nicht vergessen, daß die russischen Kolonialtruppen im Kaukasus letztlich nur jene Skrupellosigkeit und Brutalität auf internationaler Ebene exekutieren, mit der auch im inneren die Herrschaft konsolidiert wird. Zu diesem Zweck greift man gerne auf ganz dunkle Gestalten zurück, die die Drecksarbeit erledigen, wenn es darum geht, die Reste der Opposition mund- oder gleich ganz tot zu machen:

Soviel die Regierung Putin und ihre Massenmedien sich auch bemühen, das Bild eines vereinigten Russlands, gekrönt durch seinen Sieg über den Hitlerfaschismus, zu entwerfen – ein Sieg, der jetzt schon über sechzig Jahre her ist –, die täglichen Berichte über Verletzungen, Terror und Morde durch Nazis sprechen eine andere, alarmierende Sprache.

[…] Der rapide Niedergang der jungen russischen Demokratie, der einher ging mit den krassen Menschenrechtsverletzungen im Zuge des Tschetschenien-Feldzugs durch die Regierung, der Übertragung nie da gewesener Macht an den Geheimdienst durch das Parlament, der Abschaffung gewählter Führungskräfte (Gouverneure, Bürgermeister usw.), der Einführung von Zensur, politischen Schauprozessen und Morden, veränderte die politische Atmosphäre völlig und ermöglichte es den Nazis und ihren rechtsextremen Verbündeten, Kampagnen durchzuführen und unter dem Deckmantel des Nationalismus Morde zu begehen, von denen viele nicht bestraft werden.

[…] Die Entscheidung für einen echten Antifaschismus, der den Nationalismus herausfordert und den Nazismus niederstreckt, ist riskant. Solch „regimekritisches“ Verhalten bedeutet, als „verdächtige Opposition“ der Politik Präsident Putins und des Staates angesehen zu werden und – durch die Definition als „Extremist“ – mit den Nazis in einen Sack gesteckt zu werden.

[…] Weder der Kreml noch die Duma üben auf die Staatsanwaltschaft echten Druck aus, die Gesetze gegen rassistische Verbrechen zur Anwendung zu bringen; Verhandlungen zwischen Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern über Zusammenarbeit im Prozess sind weit verbreitet.

Angesichts dieser Zustände ist es umso erschreckender, daß von der europäischen Linken bestenfalls Neutralität, wenn nicht sogar kaum verhohlene Sympathie gegenüber Putins Panzerkettenrevanchismus an den Tag gelegt wird. Wenn bei der Suche nach Verbündeten nach dem gänzlich unmarxistischen Islamismus jetzt geradezu selbstzerstörerisch auch noch reaktionärster Nationalismus auf der Linken hoffähig wird, nur weil er sich gegen den als amerikanisches Imperium wahrgenommenen westlichen Universalismus richtet, steht für ihre Zukunft jedenfalls schlimmes zu befürchten.

~ von Paul13 - Dienstag, 19. August 2008.

13 Antworten to “Hilferuf aus Putinstan”

  1. Paul ich salutiere vor dir. Danke Mann.

  2. „“Wenn bei der Suche nach Verbündeten nach dem gänzlich unmarxistischen Islamismus jetzt geradezu selbstzerstörerisch auch noch reaktionärster Nationalismus auf der Linken hoffähig wird, nur weil er sich gegen den als amerikanisches Imperium wahrgenommenen westlichen Universalismus richtet, steht für ihre Zukunft jedenfalls schlimmes zu befürchten.““

    Sehr schön!

  3. De Araber und de Jodn
    http://www.khaleejtimes.com/DisplayArticleNew.asp?col=&section=theworld&xfile=data/theworld/2008/August/theworld_August1186.xml
    Das wird ja immer bizarrer.

  4. Spon vom 4.11.2007

    „“Nazis als Schreckgespenst durchaus gewollt“

    Andreas Umland, Russland-Experte für vergleichende Faschismusforschung, hält diese „organisierten Neonazis“ politisch für relativ ungefährlich. „Das ist pure Provokation einer Subkultur“, sagt er. Der militärische Faschismus sei aus dem Dritten Reich importiert und mit russischen und orthodoxen Symbolen angereichert. „In der breiten Gesellschaft Russlands sind diese Faschisten stigmatisiert“, erklärt er, „dieser Russische Marsch ist eher eine Protestbewegung.“

    Dennoch lässt der Kreml die Ultrarechten am Staatsfeiertag der „nationalen Einheit“ marschieren und stellt Tausende Sicherheitsbeamte ab, um den aggressiven Mob unter Kontrolle zu behalten. „Um die Macht des autoritären Staates zu demonstrieren, sind die Nazis als Schreckgespenst durchaus gewollt“, sagt Umland. Damit legitimiere Präsident Wladimir Putin den autoritären Staat, um davor zu warnen, dass sonst diese Ultrarechten an die Macht kommen könnten. Auf der anderen Seite hat die Zentrale Wahlkommission die Partei „Heimat“ unter der Führung von Dimitrij Rogosin nicht zur Duma-Wahl zugelassen.“

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,515318,00.html

  5. Tja, es gibt in diesem Land halt immer noch Leute die nach dem Motto leben „der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Und der Feind sind natürlich immer noch de Jodn oder USIsrael, wie man in solchen Kreisen zu sagen pflegt. Mit Moral hat das freilich schon lange nichts mehr zu tun, aber es dafür hat so ein Verhalten in Deutschland Tradition. ;)

  6. Aufeinmal sind die Russkies kleinlaut geworden.
    http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/7572635.stm

  7. @ Analytics,

    die neue Liste der Toten interessiert die Body-Count-Freaks von der FriedensUni nicht. Die halten sich lieber an die erste Zählung und an den von Putin reklamierten Völkermord, weil der mehr hergibt. Daran werden sie noch in zehn Jahren festhalten, denn ihre Lügen haben sie noch nie revidiert.

  8. @ Paul,

    „Die Entscheidung für einen echten Antifaschismus, der den Nationalismus herausfordert und den Nazismus niederstreckt, ist riskant.“

    Dieses Zitat ist aus dem von dir verlinkten Text. Ich habe nichts davon gehalten, wie die Trotzkisten, sich als die „wahren Marxisten-Leninisten“ gerierten und den Stalinismus bekämpften, weil sich Stalin mit den Lorbeer Trotzkis schmückte, die „Rote Armee“ begründet und die Kulaken der „permanenten Revolution“ unterzogen zu haben. Nicht zuletzt halte ich deswegen nichts davon, weil die „IV. Internationale“ mit dem Zusammenbruch des Kommunismus genau so komatös und marode ist ist wie dieser selber.
    Mit dem Marxismus-Leninismus sind auch die Ideen seiner trotzkistischen und anarchistischen Gegner, Bakunin und Kropotkin, gescheitert und untergegangen.

    Deshalb halte ich auch nichts davon den „autentischen Antifaschismus“ dem „offiziellen Antifaschismus“ gegenüber zu stellen. Das ist genau so müßig wie ständige Beteuerung „aufrechter“ Sozialisten, der Realsozialismus hätte nichts mit Lenin, und schon gar nichts mit Marx und Engels zu tun.

    Die Affinität deutscher Intellektueller zu autoritären Regimes a la Putin lässt sich doch ganz anders erklären So wie sie, duldet Putin keinen Widerspruch von geistig Überlegenen. Besser noch, er kann geistig Überlegene bestrafen, wie sie es auch gerne tun würden.

    Deshalb würde ich es für aussichtsreicher halten, Kasparow zu unterstützen, sich für die Freilassung Chodorowskis einzusetzen und die Bestrafung der Mörder von Frau Politkowskaja zu fordern d.h. Putin permanent auf den Geist zu gehen, wie mit den Abwehrsystemen in Polen.

  9. alibaba, Stalin hat genauso wenig mit Marx zu tun, wie Mao mit Nixon.

  10. @ Alibaba

    Ich mir zwar nicht schlüssig über Kasparow – der kommt mir wie alle großen Schachspieler mitunter ein wenig abgedreht vor -, aber grundsätzlich hast Du natürlich recht. Nur, wenn ich an die solidarischen Gefühle der Linken appelliere, brauche ich ihr nicht mit dem traurigen Schicksal eines Großkapitalisten kommen, den sie dort selber möglicherweise gar nicht so ungerne im GULag sehen. Aber wenn die eigenen Genossen Opfer des russischen Faschismus sind, bringt sie das vielleicht mal zum Nachdenken.

  11. @ Analytics

    Auch wenn ich Nixon jetzt nicht gerade mag, aber er hat schon aus chronologischen Gründen nicht das theoretische Grundgerüst für Mao gelegt, so wie Marx das für Stalin getan hat. Marx ist sicher nicht für jeden Exzeß seiner Jünger verantwortlich, aber daß seine Jünger regelmäßig bei besagten Exzessen landen, deutet daraufhin, daß an seiner Konzeption vielleicht doch irgendwas grundsätzliches falsch sein könnte.

  12. @ Paul,

    die Kommunisten, die Stalin nach Schauprozessen erschießen und die anderen, die er im Gulag verrotten und verhungern ließ haben diese Bande doch auch nicht zum Nachdenken gebracht!

  13. @ alibaba

    Welche Bande? „Stalinist“ ist doch seit Chruschtschows Zeiten auch in linken Kreisen ein Schimpfwort – Sahra Wagenknecht und ihre kommunistische Plattform vielleicht mal ausgenommen.

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