Kremldach von Sektkorken beschädigt!


Nachdem man in den ersten Tagen des Kaukasuskrieges ein wenig den Eindruck bekam, daß es sich hier nur um das etwas unglückliche Aufschaukeln der Reaktionen heißblütiger Kontrahenten handelt, die die Eskalation ihres eigenen Herumgeposes irgendwann nicht mehr unter Kontrolle hatten, lichten sich die Nebel allmählich, und was dort zum Vorschein kommt, ist mehr als beunruhigend.

Zettel hat in seinem Raum ein paar Passagen des Newsweek-Interviews mit dem georgischen Präsidenten Saakaschwili zusammengefaßt und netterweise auch gleich ins Deutsche übersetzt, und wenn man sich das so durchliest, so kommt man eher zu dem Schluß, daß sogar Amerikaner und NATO zumindest ahnten, was gespielt wird, während Georgien bis zum Schluß im Dunkeln tappte.

Nachdem Saakaschwili anfangs offenbar noch den Beteuerungen der Russen glaubte, daß ihre sogenannten „Friedenstruppen“ ernsthaft versuchen würden, den Beschuß Georgiens durch die ossetischen Separatisten zu unterbinden, sagte ihm der NATO-Generalsekretär de Hoop Scheffer in erstaunlicher Offenheit „Das glaube ich nicht. Ich glaube, das ist das Spiel der Russen“.

Sicherlich ist es natürlich auch dann kein genialer Schachzug für ein kleines Land wie Georgien, anrollende Panzerkolonnen einer ehemaligen Supermacht mal ein bißchen mit Artillerie zu beschießen, aber das ändert nichts daran, daß besagte Panzerkolonnen ja nichts auf dessen Territorium zu suchen hatten und ihr Besuch offensichtlich bereits seit Monaten vorbereitet war.

Das ganze schmeckt nach dem klassischem Imperialismus längst vergangener Tage, und auch wenn Josef Joffe im Wall Street Journal die Bedeutung wirtschaftlicher Überlegungen für Putins Raubzüge wohl überbewertet, so weist er in diesem Zusammenhang doch vollkommen zu Recht auf die frappierende Parallele zur Vorgeschichte des II. Weltkriegs hin.

So, forget about Mr. Saakashvili’s bluster and bumbling; think „revisionism“ and „expansionism,“ terms beloved by diplomatic historians trying to explain the behavior of rock-the-boat states. A revisionist power wants back what it once had; an expansionist power wants more for itself and less for the rest. The R&E Syndrome is a handy way to explain all of Mr. Putin’s strategy in the past eight years. Draw an arc from the Baltic to the Caspian and then start counting.

Angesichts des planvollen und aggressiven Vorgehens Putins ist die Stümperei seiner westlichen Gegenspieler umso erschreckender. Wenn unsere Außenpolitiker tatsächlich glauben, daß Putins Marionette Medwedew die Entscheidungen trifft und Rußland nicht militärische Stärke habe demonstrieren wollen, sondern nur spontan reagiert hat, sollten wir uns ernsthaft Sorgen machen.

Nur Putin, dem dürfte es derzeit mal wieder richtig Spaß machen, Putin zu sein.

~ von Paul13 - Mittwoch, 13. August 2008.

23 Antworten to “Kremldach von Sektkorken beschädigt!”

  1. So eben berichtet BBC das KOSAKEN-Horden Gori brandschatzen. Das ist nicht beunruhigend, das ist Angsteinflößend. Als ehemaliger russischer Jude, finde ich die Tatsache, das die KOSAKEN wieder an militärischen Operationen Teilnehmen, nicht gerade aufbauend.

  2. @ Paul

    Rußland betreibt Großmachtpolitik im Kaukasus mit dem Ziel die Expansion der NATO in dieser militärisch und ökonomisch wichtigen Region? Und was die EU und die NATO dazu sagen ist der russischen Führung ziemlich egal?

    Wow – und das hat Herr Joffe ganz alleine rausgekriegt? Nur ein Tipp für unsere geostrategischen Haupt- und Auch-Strategen: die außenpolitische Handlungslogik der Russischen Föderation ist nicht identisch mit der der Sowjetunionm während des Kalten Krieges, weil ers sich beim heutigen Rußland um eine stinknormale kapitalistisch verfaßte Rohstoffökonomie handelt.

    Viel spannender ist die Frage, ob die amerikanische Führung wirklich nichts von Saakaschwilis kleinem Abenteuer wußte, oder ob sie sich angesichts des neuen Fiaskos nur verleugnen läßt. Ansonsten: was Mr. LD G.W. Bush international noch wert ist hat die verängstigte Reaktion des Kreml nach seine letzten Wutanfall gezeigt – nichts.

    Und deshalb: aus solchen Grenzscharmützeln an den Rändern der Einflußzonen die neue faschistische Weltbedrohung zu konstruieren, ist schon ziemlich gaga.

  3. Ivanton, das einzige was Gaga ist, sind die besoffenen Russkies die jetzt Gori brandschatzen.

  4. Antonia Rados berichtete gerade dem ZDF, die russischen Panzer stehen 50km vor Tiflis…

  5. @NMR

    „..weil ers sich beim heutigen Rußland um eine stinknormale kapitalistisch verfaßte Rohstoffökonomie handelt.“

    Das wäre doch mal eine gute Gelegenheit für unsere antifaschistischen Reflexkämpfer, die Partei des Westens zu ergreifen. Aber anscheinend sind unsere linken Dummdödel immer noch der Auffasung, bei Ländern wie Russland und China handelt es sich um sozialistische Staaten, während dort schon der allerschönste Knüppelkapitalismus herrscht. Ein Knüppelkapitalismus, den man im Westen nie durchsetzen könnte.

    Die Schadenfreude, mit der Georgien in den Kommentarbereichen bedacht wird, sollte einen zu denken geben.

  6. @Paul13
    „Wenn unsere Außenpolitiker tatsächlich glauben, daß Putins Marionette Medwedew die Entscheidungen trifft und Rußland nicht militärische Stärke habe demonstrieren wollen, sondern nur spontan reagiert hat, sollten wir uns ernsthaft Sorgen machen.“

    Man muss sich tief vor Putin verneigen. Zu allen Terminen, zu denen er keine Lust hat oder wo eh nichts passiert, schickt er Medwedew, zB zu Gesprächen mit der Kanzlerin in Sotschi.
    Zu allen anderen kommt er pepsönlich vorbei. Das nenne ich Arbeitsteilung.
    Der Mann ist schlau, denkt strategisch und ist skrupellos.
    Stimmt! Der Westen sollte sich wirklich Sorgen machen.

  7. Russen versenken Georgische Marine. Das wird ja immer besser.

  8. Na mal im ernst etwas anderes erwartet? Seit dem die Russen um 0545 „zureckschiessen“, war doch klar was kommt. Das beste ist wieder das Steinmeier als Ziehkind von Gasschroeder die EU behindert die Medien es aber hinstellen als ob es eine Mehrheitsmeinung in „Alt-Europa“ waere. Russland ist nicht Teil der Loesung, Russland ist das Problem. Der breite Poebel und die Linken da da draussen faellt genau wie 1939 auf das zurueckschiessen rein, da die Georgier doch wirklich sich fuer die USA entschieden haben und nicht fuer Russland.
    Es ist erbaermlich zu sehen wie wenig dieses Land gelernt hat und sich in wirklichkeit und in Mehrheit, bis auf wenige ausnahmen, immer noch nach dem starken Mann sehnt der ihnen die Verantwortung fuer ihr leben abnimmt.

  9. Welcome to my world, comrade.

  10. Nach neuesten Berichten haben die Russkys im Osten von Gori eine Versorgungsbasos eingerichtet. Militärisch betrachtet, wäre der nächste Logische Schritt der Marsch auf Tblissi.

  11. Ich hatte verdammte Scheiße recht, russisches Militär außerhalb von Tbilissi.

  12. Viel besser. Die Russen brauchen Tiflis gar nicht einzunehmen. Das wäre nur verlustreich. Sie haben es durch die Bedingungen des „Waffenstillstands“ und das Ausmaß der „Demilitarisierten Zone“ (Gori!) militärisch, polizeilich und verwaltungstechnisch vom Rest des Landes isoliert.
    Die von den Russen eingerichtete Pufferzone reicht im Osten offenbar bis 50Km vor Tiflis, also in die Gegend von Kaspi und im Westen bis zur zweitwichtigsten Stadt Poti mit ihrem Hafen.
    Senaki gehört als wichtiger Militärflughafen, Verkehrsknotenpunkt und Kommunikationsknotenpunkt natürlich auch dazu.
    Weiterhin war bei den Verlautbarungen über die Waffenstillstandsvereinbarung bisher nicht die Rede von den Separatisten. Nur, daß die Georgier nicht auf die schießen dürfen und ihren Kasernen zu sitzen haben.
    Man kann das kämpfen jetzt also den Guerrillas überlassen und jedesmal massiv in ganz Georgien zuschlagen, sobald georgisches Militär auch nur Selbstverteidigung ausübt.
    Das ist eine Okkupation, die nicht Okkupation heißt.
    Noch besser: Nominell sind die Georgier weiterhin dafür verantwortlich die staatliche Authorität auszuüben, werden aber durch die Bedingungen daran gehindert.
    Da die Russen selbst nicht die Verwaltung und Polizei übernehmen werden (Souveränität Georgiens wurde bestätigt), die Friedenstruppe aber nicht für Kriminalitätsbekämpfung oder Behinderung der Separatisten zuständig ist (sondern nur für das Einklemmen der georgischen Streitkräfte und den Schutz von Verwaltungsgebäuden), entsteht ein Machtvakuum, in dem marodierende Banden ein Goldenes Zeitalter erleben könnten.

  13. @ ANALytics, lebowski, auslaender & Co

    … und wenn dann erst die russischen U-boote vor Tiflis stehen! Freundlicher Hinweis an unsere Ballerspiel-Strategen: man sollte nicht auf jede georgische Propagandameldung hereinfallen.

    Die Einschätzung von califax ist nicht ganz unrealistisch. Allerdings könnte sich die Lage schnell ändern, wenn in Georgien eine andere Regierung an die Macht kommt, die bereit ist, mit Rußland ernsthaft zu verhandeln. Denn das letzte was Medwedjew und Putin brauchen ist ein unabhängiges Ossetien, das ein Vorbild für Dutzende andere Kleinvölker / Ethnien im Kaukasus sein könnte. Nur die Südostexpansion der NATO dürfte sich für die nächsten Jahre erledigt haben.

  14. Die russische Dikatorenclique zeigt sich – wie schon so oft in den fast 100 vergangenen Jahren – als Agressor. Wenn Cailfax von Okkupation spricht, dann hat er recht. Dabei haben die deutschen Handlanger und Stiefellecker eines lupenreinen Demokraten ihren Anteil.

    @Auslaender
    Das Land hat nichts gelernt? Die Führung schon – die alten Methoden der Kommunisten werden unter dem Deckmantel einer „lupenreinen Demokratie“ wieder benutzt. „Man kommt ja nur den Leuten zur Hilfe“. Alter Wein in neuen Schläuchen?

  15. @ DJ,

    in welchem Leerbuch (kein Verschreiber) wird denn genauer erklärt was „eine stinknormale, kapitalistisch verfasste Rohstoffökonomie“ ist?

    Der Marxismus-Leninismus in der SU, auch Bolschewismus genannt, war doch die Fortsetzung des Zarismus mit ausgewechseltem Personal.

    Zur Zeit erleben wir die Fortsetzung der Fortsetzung.

    Wenn du wenigstens deinen kleinen Kunstgriff mit der kapitalistisch verfassten Rohstoffökonomie dazu nutzen würdest dieselbe zu anständigen Kapitalismuskritik zu nutzen, worauf du dich doch sonst so gut verstehst…

    Wie war das noch gleich mit „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung“? Ist das Ding mit der Elektrifizierung genau so schief gelaufen wie das mit den Sowjets, die bekanntlich nie die Macht hatten. Denn die ging doch glatt von der Ochrana zur Tscheka und zur GPU und dann zum KGB über. Heute heißt der ganze Laden eben FSB.

    @ Analytics,

    wenn jemand gaga ist, dann der Jägermeister.

  16. @ alibaba

    Ich finde es immer wieder unterhaltsam, wie engagiert sich der Jägemeister für stinknormale, kapitalistisch verfasste Rohstoffökonomien ins Zeug legt, wenn es denn nur dem Kampf gegen USrael dient.

  17. Engagiert trifft es – man kann halt die alten Verbindungen nicht so schnell kappen ;-) Aus Georgien wird auch noch ein „blühendes Land“ wie seinerzeit Afghanistan unter der Knute Leitung der CA.

    Fortsetzung der Fortsetzung: So wie sich die „Partei der Mauerschützenfreunde“ immer wieder einen neuen Namen sucht? ;-)

  18. @NMR
    „Allerdings könnte sich die Lage schnell ändern, wenn in Georgien eine andere Regierung an die Macht kommt, die bereit ist, mit Rußland ernsthaft zu verhandeln.“

    Du meinst, eine Regierung, die das tut, was Russland will?
    Die Russen arbeiten gerade dran!
    Im übrigen ist die NATO trotz der einen oder anderen Schwäche immer noch ein Zusammenschluss souveräner demokratischer Staaten.
    Ein Beitritt erfolgt freiwillig, von „Expansion“ kann gar nicht die Rede sein.
    Einen Beitritt zum russischen Einflussgebiet kann man sich blöderweise nicht aussuchen. Da legt Putin fest, welches Land dazu gehört.

  19. Guys, the russians are back. Sie sind wieder in Gori eingerückt. Was zum Deivel geht da vor?

  20. Die Russen spielen anscheinend einen Schritt zurück, zwei Schritte vor. Wollen sie doch die georgische Regierung stürzen? Jedenfalls wollen sie anscheinend weiter auf dicke Hose machen:

    SPON: Explosionen in Gori, dubiose Bewegungen der russischen Truppen: Die Lage in der georgischen Stadt ist unübersichtlich. Moskau hat zwar den baldigen Rückzug angekündigt – doch nach SPIEGEL-Informationen ist die Stadt abgeriegelt.

  21. @lebowski
    Mit Russland über das „Heim ins Reich“ verhandeln ist gemeint.

  22. Da sich inzwischen die Berichte über die Brandschatzungen, Morde und Frauenverschleppung rund um Gori häufen, und Fotos zufolge Truppen aus Tschetschenien gemeinsam mit Freischärlern durch die Gegend fahren, wird allmählich klar, warum Gori selbst abgeriegelt wurde. Wäre ja doch ungünstig für die Appeasementfraktion in der EU, wenn so ein Kamerateam die „weiteren Sicherheitsmaßnahmen“ live in die Welt schickt, ne?

    Ich könnte kotzen.

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