Der Kaiser der Delphine


Der Vorwahlkampf ist gerade vorbei, da ändert Barack Obama seine Linie in der Irak-Politik: Er will die US-Truppen nicht mehr im Eiltempo abziehen, sondern schrittweise und in Abstimmung mit dem Militär. Gegner werfen ihm Wortbruch vor – doch der neue Pragmatismus könnte sich auszahlen.

„Der neue Pragmatismus“? Merkwürdig. Früher nannte man so was „gebrochene Wahlkampfversprechen“, „dreiste Lüge“ oder „Wählerverarschung“. Aber früher ging es ja auch nur um Politiker und nicht um Erlöser.

[…] Im parteiinternen Duell mit Hillary Clinton hob Obama seinen frühen Widerstand gegen den Einmarsch unermüdlich hervor. Er versprach, als Präsident die US-Truppen rasch aus dem Irak abzuziehen. Im vergangenen September legte sein Team dazu einen detaillierten Plan vor. Der sah die Rückkehr der Soldaten innerhalb von 16 Monaten vor.

Read his lips: 16 Monate. Es zählt nicht die Lage vor Ort, sondern der Zeitplan. Nicht der Krieg soll gewonnen werden, sondern die Wahl. Und das ist dann für Millionen von Menschen der Hoffnungsträger.

Doch von diesem Zeitrahmen scheint sich der demokratische Hoffnungsträger nun zu verabschieden. Seine außenpolitische Beraterin Susan Rice sagte zwar am Mittwoch: „Wir müssen uns immer noch unbedingt zurückziehen.“ Aber Rice fuhr fort, das werde in Abstimmung mit den Militärkommandeuren vor Ort erfolgen und in einer „verantwortungsvollen“ Weise. Obama selbst stellte schon in der vergangenen Woche bei einem Wahlkampfauftritt keinen raschen Rückzug mehr in Aussicht. Verhalten sprach er von einem „schrittweisen“ Prozess.

Jetzt wissen wir auch, wieso er verhindern will, daß ein Sieg McCains Bushs dritte Amtszeit wird – er möchte offensichtlich selber gerne Bush III werden. Und da wage noch mal jemand, den armen John F.(lipper) Kerry als König der Flip-Flopper zu bezeichnen.

Wie dauerhaft die Fortschritte im Irak sein werden, weiß niemand. Doch es erscheint nicht mehr völlig abwegig, wenn Obamas republikanischer Rivale John McCain verkündet: „Wir gewinnen im Irak.“ McCain hat die Truppenaufstockung vehement unterstützt, und ihr Erfolg ist einer seiner Trümpfe.

Das kann natürlich nicht angehen. Also 180°-Wende und sich nach dem Motto „besser gut geklaut als schlecht erfunden“ beim politischen Gegner bedient. Obama macht eben auch beim dreifachen Rittberger noch eine gute Figur. Bush hingegen konnte nur geradeaus fahren.

„Was vielleicht vor einem Jahr manchen vernünftig erschien, ist unredlich gegenüber den Amerikanern und ignoriert die Lage im Irak“, sagte ein Berater McCains zu Obamas Abzugsplänen. Die Republikaner werfen dem Demokraten regelmäßig vor, die aktuelle Lage im Irak gar nicht zu kennen, weil er dort seit Jahren nicht gewesen sei. Diese Kritik wirkt. Obama wird nun bald nach Bagdad reisen.

Obama muß also erst in den Irak reisen, um zu Ergebnissen zu kommen, die andere schon seit langem vertreten und die man inzwischen sogar in der Bush-kritischen Presse lesen kann? Na, das verspricht ja eine lustige Präsidentschaft zu werden.

[…] Nach Meinung vieler Irak-Experten würde Obamas Abzugsszenario die aktuellen Erfolge dort massiv gefährden. Mehr verspricht da ein Rückzugsplan, der an Bedingungen geknüpft ist und von Fortschritten bei der irakischen Demokratisierung abhängt. Eine Position, die mittlerweile auch in Obamas Wahlkampfteam Anhänger findet.

Also den Irak demokratisieren, Rückzug der Hauptkräfte, wenn es die Lage zuläßt, und eine langfristige Präsenz der USA, soweit es sinnvoll ist. Mit anderen Worten genau das, was die amtierende US-Regierung anstrebt. Nur daß es bei Obama „Change“ heißt und irgendwie cool ist.

[…] Ohnehin: Das pragmatische Umsteuern nach den Vorwahlen ist für fast jeden US-Präsidentschaftskandidaten unvermeidbar. Denn im Hauptwahlkampf wendet sich der Kandidat an das ganze Land, nicht mehr nur an die Parteibasis. Manche Wahlkampfstrategen sehen den Positionswechsel sogar als Pluspunkt. Viele Wähler seien die Sturheit von Präsident George W. Bush leid, lautet die Argumentation – Obama könne sich nun als viel lernbereiter präsentieren.

Daß man Bush wegen seiner Konsequenz Sturheit unterstellt, während man Obama gleichzeitig für seine Prinzipienlosigkeit auch noch als lernbereit und pragmatisch lobt, wäre eigentlich eine nette polemische Unterstellung gewesen. Aber eben nur eigentlich.

Die Republikaner wittern indes die Gelegenheit, den vermeintlichen „Polit-Messias“ als gewöhnlichen Politiker zu entzaubern.

Gewöhnlich? Wer in so einer wichtigen Frage wie der Bewertung des Irakkriegs einen derartigen Kurswechsel hinkriegt, ist nicht gewöhnlich, sondern ungewöhnlich. Entweder ungewöhnlich unfähig und ungewöhnlich ungeeignet oder ungewöhnlich unaufrichtig und ungewöhnlich unglaubwürdig

John McCain jedenfalls hat genug eigene Sorgen. Nach wie vor tut er sich schwer beim Spendensammeln und mit der republikanischen Basis. Die Organisation seines Wahlkampfes gilt als weit schlechter als die Obamas. So groß ist der Frust, dass McCain seinen bisherigen Wahlkampfchef Rick Davis beinahe komplett entmachtet hat. Dafür beförderte er den Berater Steve Schmidt.

Klar, nach soviel Verunsicherung ob Obamas – sagen wir „flexibler“ – Haltung zu Grundsatzfragen wie dem Irakkrieg darf der Artikel nicht mit kritischen Worten über den Heilsbringer ausklingen. Also irgendwas negatives zu McCain – hm, was hätten wir denn da? OK, in der Sache hatte er von Anfang an recht, man kann ihm glauben, daß er es auch so meint, seine Krawatte saß heute ebenfalls gut… ach ja, nehmen wir einfach seine Wahlkampforganisation. Obama kann schließlich weit besser Spenden sammeln. Und das hat ja schon immer einen guten Präsidenten ausgemacht.

~ von Paul13 - Sonntag, 6. Juli 2008.

4 Antworten to “Der Kaiser der Delphine”

  1. @Paul
    „Wählerverarschung“ usw. ist nicht gerade elegant – deswegen wurde ja auch das „Flip-Floping“ eingeführt. Da haben die Demokraten ja bekanntlich einige Tradidtionen – die setzt Barack jetzt unter dem Label „Change“ fort. Das haben die Obamaniacs beiderseits des Atlantiks noch nicht geschnallt. Oder es wurde denen noch nicht richtig verkauft. Aber es gibt ja noch „Hope“ ;-)
    Ganz ehrlich: Ein demokratischer Hawk im WH wäre doch Klasse! Die Fanboys müßten sich ständig auf die Zunge beißen, bis sie einen neue Ausrede a la „Es ist nur Bush“ gefunden haben… Wenn der POTUS dann noch Osama und sein Pack im Paktistan ausräuchert, dann wurde wenigstens ein Wahlverprechen gehalten – wäre doch löblich!

  2. @ S1IG

    Deswegen finde ich den Gedanken an einen Präsidenten Obama durchaus nicht nur negativ. Mir persönlich wäre McCain zwar lieber, weil er die richtigen Ansichten bereits vorher vertrat, aber sofern Obama tatsächlich dazulernt und Bush III durchzieht, warum nicht? Hauptsache jemand macht’s. Und da hast Du sicher recht, mit einem demokratischen Kriegstreiber im Weißen Haus wäre es bestimmt sehr amüsant, die Reaktionen seiner ehemaligen Jünger zu beobachten.

  3. Lesenswerter Artikel von Marie Colvin in der Times:

    Colonel David Brown meint:

    „“If you are fighting to install sharia [Islamic law] on this country, you are going to have to be killed,” said Colonel David Brown, an American adviser to 2nd Division.“

    http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/iraq/article4276323.ece

  4. Wie kann so was passieren? Da äußerte sich der Vorsitzende US-Demokrat Edwards dazu: nicht Obama seine Stimme geben zu wollen, sondern nur Clinton. Betohnung liegt auf nur Clinton… und plötzlich wird er einfach so erschossen… Dieser Komplott stinkt gewaltig!!!

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