Wo fast volle Gläser nahezu leer sind


Immer schneller, brutaler, raffinierter: Die Kämpfe in Afghanistan sind hart wie seit Jahren nicht mehr. Das Land steht am Wendepunkt, erstmals starben dort jetzt binnen eines Monats mehr ausländische Soldaten als im Irak – der Brennpunkt für die US-Streitkräfte verschiebt sich.

Also eins muß man dem SPIEGEL lassen: Wenn ihm eine gute Nachricht nicht in den Kram paßt, dann entwickelt er einen wirklich erstaunlichen Einfallsreichtum, wenn es darum geht, sie wenigstens schlecht zu verpacken.

[…] Die offiziellen Todeszahlen zu gefallenen Soldaten legen nahe, dass das Land den Irak als problematischsten Brennpunkt ablöst. Einer Zählung der Nachrichtenagentur AP zufolge wurden im Juni schon den zweiten Monat in Folge mehr US- und internationale Nato-Soldaten in Afghanistan getötet als im Irak.

Wohlgemerkt: Diese Entwicklung fand vor allem dadurch statt, daß die Verluste im Irak dramatisch gesunken sind, nicht dadurch, daß die in Afghanistan entsprechend zugelegt hätten. Aber beim SPIEGEL arbeiten offenbar noch Veteranen aus der Zeit des Kalten Krieges, die sich noch an jenen Witz erinnern, in welchem die Prawda über ein Wettrennen, welches ein Amerikaner gegen einen Russen gewonnen hatte, stolz berichtet, daß der Vertreter der dekadenten Imperialisten nur vorletzter, der Held der glorreichen Sowjetunion hingegen zweiter wurde.

45 Soldaten der Nato- oder US-Truppen haben demnach im Juni in Afghanistan ihr Leben gelassen – 31 dagegen im Irak. Der Trend: In Afghanistan fallen immer mehr Soldaten – im Irak immer weniger.

Wie ferner bekannt wurde, betrugen die Verluste der Taliban… – aber lassen wir das. Die Leute müssen ja nicht alles wissen, zu viele Zahlen und dann auch noch mit so vielen Stellen verwirren nur unnötig.

[…] „Der Kampf in Afghanistan ist an einem Wendepunkt“, sagte Mustafa Alani, Chef für Sicherheits- und Terrorismusstudien am Gulf Research Center in Dubai. „Die Rebellen schlagen öfter zu, vernetzen sich immer besser, und durch die politische Instabilität des Landes können die Taliban gedeihen.“

Zumindest dann, wenn man Afghanistan mit jenen 10% seiner Provinzen gleichsetzt, in denen 3/4 aller Anschläge verübt werden, und so tut, als ob die anderen 90%, in denen die Taliban teilweise am Rande der Niederlage stehen, in einem fernen Land hinter dem Rand der Erdscheibe liegen.

Im Irak beruhigt sich die Lage dagegen zusehends, auch für Zivilisten. So wurden im Juni dort nach Angaben des Gesundheitsministeriums 448 Zivilisten getötet – im Mai waren es noch 505, im April 968. Damit ist die Totenzahl weiter auf dem tiefsten Stand seit vier Jahren.

Schön, daß das auch mal erwähnt wird. Nur, wie die Mai-Zahl zeigt, nicht wirklich neu. Aber jetzt wissen wir immerhin, warum der SPIEGEL dafür so lange gebraucht hat: Er hätte sie sonst in einem eigenen, positiven Artikel – am Ende noch mit der Schlagzeile „NeoCon-Triumph: Irak-Krieg weniger blutig als Afghanistan-Einsatz“ – bringen müssen. Den Erfolgen der Koalitionsstreitkräfte im Irak sei Dank, daß ihm das erspart blieb.

~ von Paul13 - Mittwoch, 2. Juli 2008.

14 Antworten to “Wo fast volle Gläser nahezu leer sind”

  1. Welche Schlagzeile verkauft denn mehr Hefte? „Lage im Irak stabilisiert sich“ oder „Immer mehr Tote in Afghanistan“?

    Da darf man natürlich nicht schreiben, dass der „Surge“ der US-Truppen im Irak eine richtige, wenn auch zu spät getroffene, Entscheidung war. Tödlich in der Argumentation ist auch, dass der Zugang zu den Ölfeldern ausgeschrieben wurde. (http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2008/06/30/AR2008063000205_pf.html)

    Und wehe, irgendjemand sagt dem Spiegel, dass er so etwas auch für Afghanistan berichtete, das wäre wirklich nicht nett. (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-561243,00.html)

    Hoffen wir also, dass auch Afghanistan bald eine Truppenaufstockung bekommt und die „Aufständischen“ nichts mehr zu melden haben.

    Zwei bald demokratische Länder, mal gucken, wen man dann in die Zange nehmen kann *g*

  2. @ Andreas

    Also wenn’s nur ums Blut auf der Titelseite geht, hätten sie ja ruhig schreiben können „Immer mehr tote Taliban in Afghjanistan“.

    Aus das mit der irakisch-afghanischen Zange freue ich mich auch schon. Vor allem, da die Auswahl nicht so groß ist, wer der rostige Nagel sein könnte.

  3. Ja, schlimm, schlimm, was dieser Spiegel immer für Lügengeschichten verbreitet. Zum Glück gibt’s die NYT und die stellt zum Glück sofort richtig:

    „The violence in Afghanistan has surged at the same time as the number of attacks and American deaths in Iraq have fallen. Among the American-led forces in the two countries, 46 service members were killed in Afghanistan, compared with 31 in Iraq, the second straight month in which combat deaths in Afghanistan exceeded those in Iraq.

    A recent Pentagon report about Afghanistan painted a stark picture of security conditions inside the country, a militant force that had “coalesced into a resilient insurgency” and a central government in Kabul that still could not extend its reach into the hinterlands. An American commander, Maj. Gen. Jeffrey J. Schloesser, has said that militant attacks on coalition troops increased by 40 percent from January to May compared with the same period last year.“

    http://tinyurl.com/3pvukl

  4. @ Adnan

    Da hat dann eben auch die NYT etwas länger gebraucht. Daß die Taliban wegen der Unterstützung aus Pakistan im Osten stärker werden, steht auch im ersten der beiden Links hier. Aber erstens kriegen sie gleichzeitig im Süden die Hucke voll, und zweitens zeigt die Abhängigkeit der Unterstützung aus Pakistan, daß es sich hier nicht um eine afghanische Volkserhebung handelt.

    Aber sag uns bei der Gelegenheit doch mal, wie Du das siehst. Sollte die NATO ihre Truppen nun verstärken oder eher abziehen? Wer so kritisch zu einem Thema Stellung beziehen kann, hat sicher auch eine eigene Meinung dazu, oder?

  5. Die logische Konsequenz wäre es, die Irakstrategie auf Afghanistan zu übertragen und Pakistan unter Druck zu setzen statt die Taliban als unbesiegbare, westlichen Soldaten überlegenen Soldaten darzustellen. Aber man diskutiert lieber über exit-Strategien als über Strategien.

  6. @Paul

    Es ging doch nur darum, dass der Speigel in diesem Fall völlig korrekt berichtet hat.

    Ansonsten bin ich ausnahmsweise mal einer Meinung mit der CIA:

    „Die CIA-Vertreter wiesen darauf hin, «dass die Würfel für die Zukunft Afghanistans wahrscheinlich an der Grenze zu Pakistan fallen werden». Wenn es nicht gelinge, das ständig ansteigende Eindringen der Taliban und der Al-Qaida über die westlichen pakistanischen Grenzregionen einzudämmen, würden alle anderen Anstrengungen der Truppen der Alliierten am Hindukusch «nichts mehr bringen». Ein Rückzug der von den NATO-geführten ISAF-Einheiten aus Afghanistan wäre nach Aussage der CIA-Experten «vorprogrammiert und nicht aufzuhalten».“

    http://www.dernewsticker.de/news.php?id=22608

  7. @ Paul

    „Wohlgemerkt: Diese Entwicklung fand vor allem dadurch statt, daß die Verluste im Irak dramatisch gesunken sind, nicht dadurch, daß die in Afghanistan entsprechend zugelegt hätten.“

    Jaja, die nachlassende Kampfbereitschaft der Taliban. Aber leider ist das natürlich „complete bull“. Denn so sieht die Lage in Afghanistan aus:
    http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/7484673.stm
    Black Hawk down.

    Und was die Zahl der getöteten GIs betrifft:
    http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/7484673.stm

    Oder im Klartext: „June was the deadliest month for U.S. troops in Afghanistan since the war there began in late 2001, as resilient and emboldened insurgents have stepped up attacks in an effort to gain control of the embattled country.“
    Noch Fragen?

    @ Tyrion

    Welche Irakstrategie meinen Sie? „The surge“? An wieviele zusätzliche Soldaten haben Sie denn so gedacht? Und wo kommen die her? Ziehen Sie die aus dem – mittlerweile ja `befriedeten´ – Irak ab? Oder mieten Sie das benötigte Personal von Blackwater?
    Sagen wir: bull II.

  8. @ Paul
    BITTE spamfilter checken.

  9. @ NMR

    Black Hawk down? Du meinst sie haben einen Hubschrauber abgeschossen? Einen ganzen Hubschrauber??? So richtig abgeschossen? Und jetzt ist er kaputt! NEIN!!! Das ist das Ende! Rückzug! Rückzug!!! RÜCKZUG!!!!!

    Im Ernst, was glaubst Du eigentlich, was die Krauts 1943 über Schweinfurt mit den B-17s gemacht haben? Und, haben die USA deswegen den Krieg verloren, Du Komiker? Du machst Dich mit Deinen „Erfolgsmeldungen“ nur noch lächerlich.

    Was den „deadliest month“ angeht, so liegen die Verluste, die für Dich offensichtlich von der Niederlage der USA künden, ungefähr so hoch wie die der Verkehrstoten in den Vereinigten Staaten. Allerdings nicht der monatlichen, sondern derjenigen eines belebten Vormittags.

    Falls Du Dein eigenes Denkmal zerstören willst, bevor es überhaupt errichtet wurde, bist Du jedenfalls auf dem richtigen Weg.

  10. @Paul
    LOL – Treffer – versenkt!

  11. @ Paul

    Wie immer: viel Polemik – nicht einmal ungeschickt formuliert – aber wenig Substanz. Entscheidend für das Verständnis beider Kolonialkriege – Irak + Afghabnistan – ist , dass es sich bei deiden um typische Beispiele einer „attrition warfare“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Attrition_warfare) handelt – jedenfalls aus Sicht der Aufständischen. Dabei geht es nicht um absolute Zahlen, sondern um politische Eckwerte, so wie die Einstufung des Irakkrieges als „3-trillion-war“ durch Stieglitz & Bilmes. Für den oben erwähnten Fall bedeutet dass:

    – ein abgeschossener UH M60 BlackHawk Hubschraubr – Beschaffungskosten in der Basisversion ca. 15 Mio US Dollar und
    – eine von RPG – komplett mit Abschußvorrichtung (Launcher) für ein paar hundert Dollar überall in der Welt erhältlich.

    Um es mal ganz poetisch zu sagen: es ist der Versuch,Fliegen mit einem Eispickel zu erschlagen.

  12. @ NMR

    Eine abgeschossene B-17 war auch vielfach teurer als die 20mm-Granaten, die sie zerstört haben. Und?

    Die Amis können sich den Verlust von ein paar Hubschraubern pro Jahr mit Sicherheit eher leisten als die Taliban den Tod von tausenden Kämpfern. Und zwar einfach deswegen, weil sich irgendwann keine Freiwilligen mehr finden, die sinnlos sterben wollen, nur um eine Schlacht zu verlieren. Die Hubschrauber muß man hingegen nicht groß fragen, bevor man sie olivgrün anmalt.

    Aber gräm Dich nicht, Du bist nicht der erste, der die finanzielle und industrielle Kapazität der USA sträflich unterschätzt. Das ist schon ganz anderen passiert.

  13. @nmr
    Mal ganz ehrrlich das Geschwaetze hoere ich jetzt schon seit Jahren. Morgen ist es vorbei, erst die Toten die die USA nicht aushalten, als auch das nicht eintrat dann die Zeit, dann der Congress, nun das Geld. Meine Guete es wird langweilig.
    Der Linke Fluegel der Dems hatte vor einiger Zeit sogar schon vor lauter Verzweifelung fuer die Widereinfuehrung des Draft plaediert damit die US Buerger endlich umdenken und auf die Strasse gehen.
    Keine Prognose aus diesem Lager hueben und drueben wurde auch nur angehend wirklichkeit.
    Sollte Obama Praesident werden, dann wird er symbolisch eine Brigade aus dem Service Bereich zurueckholen die als entbehrlich gilt, das war es zum Thema Iraq. Zum Thema Afghanitan wird er versuchen mehr aus Europa zu bekommen, wird aber nicht funktionieren da die Laender die kaempfen wollen es bereits tun und die Schnautze voll haben von den Drueckebergern in der NATO.
    Frankreich wird dann jovial ein paar Einheiten aus der LE und ein paar Paras rueberschicken. Das ganze wird sich noch eine Zeitlang hinziehen bis die ANA bzw. die Iraqischen Truppen soweit sind das man ihnen das ganze (in Verbindung mit den entsprechenden Beratern) ueberlassen kann. Nicht mehr und nicht weniger.
    Problematisch wird es nur wenn ein Verueckter, wie z.B.der Trottel aus dem Iran glaubt er koennte die Situation ausnutzen.
    Dann wird Obama alleine schon aus politischen Gruenden das volle Programm fahren muessen. Als Democrat mit Angt vor Bodentruppen wird er das ganze dann der Air-Force ueberlassen da diese ihm die wenigsten Toten Zivilisten und tote US Soldaten versprechen wird.
    Thast all, nicht mehr und nicht weniger.
    McCain wuerde es aehnlich machen, aber auch vor Bodentruppen nicht zurueckschrecken und mehr tote Grunts in kauf nehmen.
    Lernt endlich wie die USA funktioniert und hoert auf euch das Vietnamtraum schoen zureden. Vietnam war und wird die ausnahme bleiben und die Erinnerung daran ist zu frisch das es noch einmal passiert in den naechsten Jahren.

  14. Das Einzige, was die westliche Welt nicht so gut verträgt, sind hohe menschliche Verluste. Mehr nicht. Materialverlust juckt nun wirklich niemanden. Man müsste halt mal die Zahlen der toten Taliban gründlich veröffentlichen, damit die Leute mal merken, dass die eben nicht zum fürchten sind. All die, die vor einem zweiten Vietnam gewarnt haben, sind ins Leere gelaufen. Mal nebenbei: Vietnam ist anfangs gar nicht schlecht gelaufen. Aber plötzlich waren da Hippies und Muhammed Alis, die ihren Dienst verweigert und ihren Truppen den Boden unter den Füßen weggezogen haben. Afghanistan werden wir gewinnen und auch wir werden uns aktiver beteiligen, was nur zu begrüßen ist.

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