Neue Vorwürfe, alte Irrtümer


Die USA verfolgten im Irak seit 2003 eine revolutionäre Politik, die den vorherigen machtpolitischen Status quo zerstört hat, ohne über eine Alternative zu verfügen. Diese Politik der USA im Irak führte zu vier sehr weitreichenden strategische Veränderungen in der Region, die alle nicht in ihrem Interesse und dem ihrer regionalen Verbündeten sind:

Oh, da sind wir ja mal gespannt, was da so alles schief gelaufen ist, wenn jetzt die Amerikaner sogar schon am Größenwahn von Chameini und Achmadinedschad schuld sein sollen.

Erstens wurde Iran in seinen hegemonialen Ambitionen entfesselt und in eine Position gehievt, die er aus eigener Kraft wohl niemals hätte erreichen können. Teheran wird wohl bis heute sein Glück nicht fassen können.

Ja, da wird bei Mullahs sicher große Party angesagt gewesen sein, als sie letztens in Basra ihren grandiosen Sieg einfuhren. Das war nämlich keinesfalls eine Niederlage, sie wollen die Amerikaner durch ihre Kapitulation nur in Sicherheit wiegen.

Zweitens hat die Demokratisierung des Iraks zu einer schiitischen Mehrheit geführt, die einen erheblichen Einfluss- und Machtgewinn für den schiitischen Iran bedeuten.

Durch Wiederholung wird das Märchen vom Sektarianismus nicht wahrer. Auch die irakischen Schiiten sind immer noch Iraker und haben keinen Bock auf ein Helotendasein von Gnaden der persischen Erzfeinde. Und sie wissen die Demokratie offenbar mehr zu würdigen als grüne ex-Außenminister, die eine Demokratisierung der Region als nicht im Interesse Amerikas ansehen.

Zudem wurde durch die Politik der USA im Irak der jahrhundertealte Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten mit den aktuellen macht- und geopolitischen Konflikten in der Region aufgeladen, zum machtpolitischen Stellvertreterkonflikt und damit auf die gesamte Region ausgedehnt.

Hätten die Amerikaner Saddam Hussein hingegen an der Macht gelassen, so daß dieser die letzten 3-4 Jahre wieder ungestraft und sogar mit Massenvernichtungswaffen völlig legal hätte aufrüsten können, dann hätten die Sunniten die Schiiten sicher ganz doll lieb. So einfach kann Politik sein, wenn man nicht mehr Gefahr läuft, sie auch in die Realität umsetzen zu müssen.

Drittens sieht sich Saudi-Arabien durch den Aufstieg Irans existenziell bedroht, denn es fürchtet mittelfristig wohl zu Recht um die territoriale Integrität des Landes. Im ölreichen Nordosten des Landes leben mehrheitlich Schiiten, die sich bis zur Gründung Saudi-Arabiens 1932 eher in Richtung Basra und Kerbala im Irak orientiert hatten als in das Zentrum der Halbinsel.

Wenn wir jetzt noch erfahren, wieso schiitische Muslime schlimmer sein sollen als Sunniten, dazu noch in der wahabbitischen Variante Saudi-Arabiens, dann verstehen wir vielleicht auch, wieso nur Katholiken richtige Christen sind und Protestanten verräterische Spalter mit einem gefährlichen Hang zum Umsturz.

Eine von Teheran dominierte schiitische Regierung in Bagdad ist deshalb für die saudische Führung ein Albtraum, den sie nicht einfach hinnehmen wird.

Es wird ihr kaum etwas anderes übrig bleiben. Ihre bisherige Unterstützung des sunnitischen Terrorismus im Irak war schließlich ein ähnlicher Fehlschlag wie die entsprechenden Versuche des Iran bei den Schiiten. Zumindest wenn man unserem ex-Außenminister Glauben schenken darf, daß die Demokratisierung des Irak sogar so erfolgreich war, daß sie wieder gefährlich ist. ;-)

Sollte es viertens Iran am Ende gar gelingen, Nuklearmacht zu werden, so würden damit die bereits vorhandenen existenziellen Ängste der Saudis dramatisch eskalieren. Zudem würde die bisherige konventionelle Machtwährung im Nahen Osten weitgehend entwertet werden. Die Folge wäre ein nuklearer Rüstungswettlauf der wichtigsten regionalen Mächte.

Ja wie? Ein Rüstungswettlauf im Nahen Osten? Und ein nuklearer noch dazu? Na, da sollte einem Veteranen der Antiatomkriegsbewegung doch ein bißchen mehr zu dessen Verhinderung einfallen als es einfach nur nüchtern zu konstatieren. Nicht daß am Ende jemand behauptet, die bevorzugte Kombination von Realpolitik mit Appeasement wäre ein Fehler.

~ von Paul13 - Montag, 14. April 2008.

15 Antworten to “Neue Vorwürfe, alte Irrtümer”

  1. Man stelle sich vor: 2015; Iran und Saudi-Arabien verfügen über jeweils ein Dutzend Atomsprengköpfe, aufgrund der Bedrohung rüstet die Türkei zusätzlich nuklear auf. Mittendrin der Irak, noch die Wunden des Bürgerkriegs am lecken. Jetzt marschiert Iran an der Grenze zu Irak und Kuwait auf und verlangt die Abtretung aller mehrheitlich schiitisch bewohnten Gebiete von Südirak bis Baghdad, Kuwait und arabischer Wüste…
    Iran vernichtet Riad, die Saudis Teheran, im Persischen Golf fährt kein einziger Öltanker mehr und die kleineren Golfstaaten schlagen sich auf die eine oder andere Seite. Ende offen…

  2. @ Paule

    Betrachten Sie es als Teil meines pädagogischen Selbstverständnisses, dass ich auch bei scheinbar hoffnungslosen Fällen wie Ihnen an die Kraft des Arguments glaube. Deshalb auf ein Neues:

    1. Die Kämpfe um Basra haben zwwei Verlierer und zwei Gewinner.

    a) Verlierer:
    – Maliki und der ISCI. Maliki hat deutlich demonstriert, dass seine irakischen Sicherheitskräfte nur bedingt loyal gegenüber der von ihm geführten Zentralregierung sind (und bleiben) und dass die iakische Armee ohne die logistische Unterstützung, Aufklärung und die schweren Waffen der Besatzungstrupppen noch nicht mal eine nur leicht bewaffnete und allenfalls lose organisierte Miliz besiegen / vertreiben können.
    – Die amtierende amerikanische Adminstration, die am konkreten Beispiel gezeigt bekommen hat, was die hoch subventierte irakische Armee + Polizei wirklich wert ist und dass man alle großmäuligen Behauptungen, dass diese demnächst nicht mehr auf die Unterstützung der Amerikaner angewiesen sein werden, unter Bush-blabbing verbuchen kann. Außerdem zeigt die Beginn und Beendigung des KOnfliktes wie begrenzt der politische Einfluss von Crocker und Co. sind, wenn es um die Beendigung der internen Machtkämpfe – „national reconciliation“ geht.

    b) Gewinner:
    – Al Sadr, der bewiesen hat, dass er seine Kämpfer entgegen aller amerikanischen Träume ganz gut im Griff hat und bewaffnete Konflikte je nach Bedarf eskalarieren bzw. beenden kann. Der Verlauf der Kämpfe hat die Entschlossenheit und Kampfkraft der Mahdi-Miliz im Häuserkampf gezeigt und gleichzeitig, dass Maliki bzw. der ISCI ihre Wunschträume, nach einer Ausschaltung al Sadrs die völlig verarmte irakischen Unterschicht kontrollieren zu können, getrost vergessen können. Im Gegenteil Al Sadr gilt nun bei der Mehrheit der Schiiten – und zunehmnde bei den Sunniten – als derjenige irakische Führer, der am entschlossensten gegen die ausländischen Besatzer und die Teilung des Landes kämpft.
    – die iranische Führeung, die einen Waffenstillstand zwischen den beiden wichtigsten schiitischen Fraktionen im Irak AUF IRAKISCHEM BODEN gebrokered haben und offesnsichtlich mächtig genug sind, um bei de Kontrahenten zum Einlenken zu bewegen. Damit ist ihr Einfluss auf die weitere Entwicklung der irakischen Innenpolitik schon jetzt größer als der der Amerikaner, die sich trotz 160.000 „boots on the ground“ das Wohlverhalten ihrer irakischen Partner – und immer allenfalls partiell und auf Zeit – mit viel Geld kaufen müssen.

    2. Der Zerfall des Irak zeichnet sich immer stärker ab. Und die wirkliche Ironie der von der Bush-Administration verfolgten Strategie liegt darin, dass sie sich ausgerechnet auf die politische Fraktion stützt, die
    a) am stärksten vom Iran abhängig ist und
    b) hauptverantwortlich für die Eskalation des Bürgerkrieges zu flächendeckenden ethnisch-relgiösen Säuberungen in 2006 war
    c) mit einer Politik der Regionalisierung im Vorfeld der Regionalwahlen im Süden des Irak Fakten schaffen will, um ihre Macht in dieser strategischen Region zu sichern, auch wenn dieses eine Gegenreaktion von Sunniten und Kurden auslösen sollte.

    Das einig Gute daran ist: bis Ende des Jahres wird die Karre so tief im Dreck sein, dass selbst die NeoCons es nicht wagen werden, die Schuld für dieses Fiasko dem Nachfolger Bushs in die Schuhe zu schieben.

    Was Fischers geopolitische Weltweisheiten betrifft: das meiste ist trivial wenn man die staatsmännische Attitüde abzieht. Deshalb sind sie noch nicht falsch. Und falls es wirklich zu einer Konfrontation der beiden Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran über den Zerfall des Irak kommen sollte: alles nur ein weiterer Teilerfolg von Bushs genialer Strategie der Demokratisierung des Greater Middle East by invasion.

  3. @ Paul,

    alles wie gehabt: Wenn du feststellst, dass die Theokraten im Iran nach Atomwaffen streben, bist du ein Kriegstreiber. Wenn Bush wegen des Strebens die Gefahr des WK III ist er ein gefährlicher Idiot. Aber wenn Fischer, unser weitgehend erfolgloser Ex-Außenminister nach 30 Jahren Theokratie im Iran und 80 Jahren Moslembruderschaft vom modernen politischen Islam spricht und ein atomares Wettrüsten herauf ziehen sieht, hat er natürlich recht.

    Ich denke du solltest deinen langweiligen Co-Kommentatoren, der mangels Interesse an seinem eigenen Blog bei dir kommentiert, einfach rausschmeißen

  4. @ alibaba

    Solche Angst vor der Wahrheit?
    Warum erklären Sie uns nicht, warum die aktuelle Situation im Iraq zu der Hoffnung berechtigt, dass sich Bushs Prophezeiungen von Frieden, Freiheit, Stabilität und Entwicklung nach dem Sturz Saddams als Beginn einer Demokratisierung der ganzen Region in absehbarer Zukunft bewahrheiten könn(t)en. Ober gebricht es Ihnen an Argumenten?
    By the way: zwischem wem wird denn der WW III geführt werden?

  5. @ Dettleff,

    Wer hat hier Angst vor der Wahrheit? Wer bestreitet denn hier, was z.B. dein Genosse Alex freimütig zugibt, dass die Mullahs an der Atombombe basteln und die Vernichtung Israels betreiben, die nach den von dir proklamierten Siegen der Hamas und der Hiezbollah unmittelbar bevorsteht?

  6. @ ali blöd

    Ich nehme einmal an, dass sich der letzte Beitrag an mich richtet. Um einige Irrtümer bzw. gezielte Mißverständnisse richtig zu stellen:

    1. Ich kenne „alex“ nicht und auf keinen Fall ist er mein „Genosse“. Dass Sie die völlig unterschiedliche Argumentationsweise seiner und meiner Beiträge nicht unterscheiden können, spricht nicht gerade für ihr Urteilsvermögen und Ihr Textverständnis.

    2. Ich habe in meinem Beitrag zu „Ein Schuss zwei Treffer“ die Argumentation Pauls in Frage gestellt, weil mir die Faktenlage in den zitierten Quellen als – vorsichtig gesagt – dünn erschien. Hier müssen sich nun insbesondere amerikanische Experten der verschiedenen „Dienste“ ein gewisses Mißtrauen gegenüber ihren Interpretationen und Sigint-Auswertungen gefallen lassen. Dass hat mit den zweifelsfreien Beweisen für die Existenz IRAKISCHER WMD zu tun.

    3. Ich habe weder einen Sieg der Hamas bzw. der Hizbollah noch die baldige Vernichtung Israels „proklamiert“, sondern darauf verwiesen, dass ein Frieden zwischen Israelis und Palästinensern schwierig wird, wenn große Teile der letzteren am Friedensschluss nicht beteiligt werden.

    Die Wahrheit ist: Sie haben außer Beschimpfungen, Phrasen und tief verwurzelten antikommunistischen / antiislamischen Reflexen wenig anzubieten. Aber wie gesagt: das ist Ihr Problem.

  7. @ Dettleffchen,

    Ich kann sehr wohl zwischen dir und Alex unterscheiden aber mit deinem Textverständnis hapert es etwas. Ich habe dich darauf hingewiesen, dass dein Bruder im Geiste der Terroristen- und Diktatorenverstehen wie selbstverständlich davon ausgeht, dass die Mullahs an der Atombombe basteln, während du krampfhaft solches zu bestreiten versuchst. Deine antiamerikanischen und antisemitischen Reflexe verbieten dir ja auch zu erkennen, dass Hamas- und Hezbullah- sowie fast alle anderen Terroristen im Nahen Osten das Kriegsmaterial der Teheraner Theokraten sind, die nach deinen Worten laufend gewinnen und Propandasiege einfahren.

  8. Noch was für dich Dettläffchen:

    Es ist gewiss kein Zufall, dass du Kommunismus und Islam in einem Atemzug nennst, denn beides sind politische Religionen. Die Bildung und das Anhängen an Religionen entspringen wohl eher menschlichen Reflexen irgendwie dazugehören zu wollen als der Agnostizismus. Um Agnostiker zu sein, was ich für mich Anspruch nehme, bedarf es schon einiger Überlegung, also etwas mehr als Reflexe. (Atheismus ist auch nur eine Religion und der Atheist Marx wurde paradoxerweise zum Religionsstifter).

    In der Religiosität liegt denn auch der Unterschied zwischen mir und Paul. Aber der Unterschied zwischen Paul und Dir besteht darin, dass du deiner recht unbedeutenden Existenz mit der Droge Kommunismus, oder wahlweise Islam, einen höheren bzw. überhaupt Sinn verleihen willst, was dir am ständig misslingt. Unter Drogeneinfluss merkt man sowas ja nicht.

  9. @ alibaba

    „Ich denke du solltest deinen langweiligen Co-Kommentatoren, der mangels Interesse an seinem eigenen Blog bei dir kommentiert, einfach rausschmeißen“

    Da muß ich Dir mal widersprechen. Langweilig ist er nun wirklich nicht. Er benötigt halt nur meist recht viele Links, um unrecht zu haben. ;-) Aber letztlich geht es ja genau darum. Wir diskutieren ja mit Leuten wie ihm, gerade WEIL sie anderer Meinung sind. Wären sie derselben, wär’s hingegen wirklich langweilig.

    Bei allem, was man an Antons Ansichten kritisieren mag, er bemüht sich in der Regel wenigstens, ernsthaft zu diskutieren. Wenn schon rausschmeißen, dann hätte ich bei Trollen wie Realdenker mehr Grund dazu, aber selbst da mache ich sowas nur ungern. Demokratie beinhaltet eben auch das Recht auf Dummheit. ;-)

  10. @ Paul

    Einverstanden!

  11. @ alibaba

    :-)

    Was meintest Du übrigens mit dem Unterschied bei unseren religiösen Ansichten? Hab ich mich da bereits zu geäußert? Ich muß gestehen, ich hab das gar nicht mehr so groß in Erinnerung.

  12. Es waren vielleicht nur Differenzen über architektonische Details und das Gleichnis, leere Kirchen – leere Moscheen.

  13. @ alibaba

    Ach so, ich dachte schon, ich wäre vielleicht zu religiös rübergekommen. Nicht daß es bei den Bushhassern am Ende heißt „Jaja, diese Dubya-Fans, in der einen Hand den Stealth-Bomber und in der anderen die Bibel“. Denn religiöse Ansichten haben ja nicht zwingend was mit den politischen zu tun.

  14. @ Paul,
    die intelligenteren Kommunisten, also die, die das kleine Einmaleins beherrschen, leben ohnehin lieber im Westen, weil es sich, frei nach Brecht, im Wohlstand angenehmer leben und überleben lässt. Sie können das nur nicht zugeben, weil das in ihren Kreisen als Verrat ausgelegt würde.

    Bei den Muslimen und bei den Christen, die unter ihnen leben, ist das so ähnlich:
    http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E5E7305E0F54545988FF51742DB8C18B6~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Deshalb sollte man schon darauf achten, dass die Dummen hier nicht die Übermacht bekommen.

  15. Nanu, hatte uns Anton nicht versprochen, dass mit „the Surge“ der endgültige Untergang kommen wird? Aber gut, was ist schon „die Welt“ gegen Mr. Link’em all! himself?
    http://www.welt.de/politik/article1924744/Amerikaner_vom_Erfolg_ihres_Konzepts_ueberrascht.html

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