Kriegsverbrechen? Ist doch clever!


Und da sage noch mal jemand, Zahnarztbesuche wären eine ausschließlich unerfreuliche Angelegenheit! Denn dort liegt unter anderem mitunter auch der SPIEGEL zur freien Lektüre aus, und das sogar für Nicht- und Ex-Abonnenten. Natürlich selten das aktuelle Heft, aber ungelesen entfalten auch ältere Exemplare des Sturmgeschützes der Wartezimmer noch ihren morbiden Reiz. Und mit etwas Glück findet sich dort auch nach Wochen noch die eine oder andere Perle, deren zeitloser Schimmer geradezu danach schreit, in Worte gefaßt zu werden.

So wie in Ausgabe 13/2008, wo uns der SPIEGEL den Zahn zieht, er würde Kriegsverbrechen wie den Mißbrauch von Krankenwagen für Waffentransporte totschweigen. Im Gegenteil, der Deutschen liebstes Nachrichtenmagazin bezieht auch bei diesem heiklen Thema klar Stellung. Ok, vielleicht nicht gerade am Beispiel unserer palästinensischen Freunde, die es auf dem Gebiet des kreativen Krankentransportwesens ja bekanntlich zu wahrer Meisterschaft gebracht haben, aber dafür läßt seine grundsätzliche Haltung nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig.

Anläßlich der Märzunruhen im Kosovo fanden sich unter dem Titel „Kochender Zorn“ auf Seite 126 nämlich folgende erstaunliche Zeilen:

Mit Tränengas und Blendgranaten versuchte die Kfor-Schutztruppe daraufhin, die Kontrolle zurückzuerobern. Doch der Gegner agierte clever: Erste-Hilfe-Ambulanzen, die unter dem Vorwand, Verletzte zu versorgen, die Barrikaden passierten, entpuppten sich als rollende Depots voller Waffen für die Straßenkämpfer.

Angesichts solcher Sätze erscheint der pseudoneutrale Stil des SPIEGEL in ganz anderem Licht. Vorbei die Zeiten gutmenschlicher Betroffenheit, die alles, was im Westen nicht mindestens 110-prozentig perfekt läuft, in der Luft zerreißt, vorbei das Ausweichen, wenn es um konkrete Alternativen geht, vorbei das Totschweigen unangenehmer Begleiterscheinungen im gerechten Kampf autochthoner Völker gegen imperiale Arroganz – ab heute gilt auch in der Brandstwiete: Wir würden es wieder tun. Und wir sind stolz darauf. Und ganz schön clever sowieso.

~ von Paul13 - Dienstag, 8. April 2008.

2 Antworten to “Kriegsverbrechen? Ist doch clever!”

  1. ich finde helmut schmidt war mal wieder dran
    http://www.vanityfair.de/blogtyp/politik/

  2. @ jostkaiser

    Sehr schön! Das war mal wieder nötig. :-)

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