Alter Turban


Es ist eine überraschende Maßregelung: Der irakische Schiitenführer Sadr hat in einem TV-Interview die Einflussnahme Irans auf sein Land kritisiert. Allerdings nahm er auch die USA aufs Korn – Saddam sei zwar fort, aber „der kleine Satan ging, der große ist gekommen“.

Was ist daran so überraschend? Das ist nicht mal neu. Da hat Sadr einfach nur das altbekannte Mantra der europäischen Irakkriegsgegner geklaut, nach dem die USA eine größere Bedrohung für den Weltfrieden sind als Saddam Hussein es je war. Was die naheliegende Frage aufwirft: Liest Sadr am Ende auch den SPIEGEL?

~ von Paul13 - Sonntag, 6. April 2008.

3 Antworten to “Alter Turban”

  1. Überraschend meint doch wohl eher, dass Sadr den Iran kritisiert, oder?

  2. Der Autor leidet hier offenbar an selektiver Wahrnehmung, natürlich ist die Iran-Kritik das Überraschende. Nur wenn man es übel meint und wirklich jeden Strohhalm zur Spiegelkritik ergreifen muss, kann man das anders interpretieren.

  3. @ Paul

    Für jeden, der sich ein bißchen in der irakischen Geschichte seit der britischen Besetzung und mit der innnenpolitischen Situation des Irak nach der Invasion 2003 auskennt, ist die Aussage von Muktada al Sadr in der Tat nicht überraschend. Allerdings ist der Hintergrund ein anderer, als Paul – ob aus Unkenntnis oder aus Interesse vermag ich nicht zu beurteilen – unterstellt.

    Die soziale und politische Machtbasis von al Sadr und der sog. Mahdi-Miliz (Jaish al Mahdi) ist die schiitische Unterschicht in Baghdad, Basra, Nadjaf und Teilen des irakischen Südens. Das Progamm seiner al-Sadr-Bewegung stützt sich stark auf theologische Autorität und die Popularität seines unter Saddam ermordeten Vaters und ist in seinen Zielsetzungen streng islamisch, wenn auch nicht nach der orthodoxen schiitischen Auslegung. Er gilt aber auch als irakischer Nationalist, der an einem starken Zentralstaat interessiert ist, da er nur dann hoffen kann, das demographische Geewicht seiner stärkste Machtbastion – Sadr-City in Baghdad – in politischen Einflusss umsetzen zu können.

    Sein wichtigster Konkurrent ist der SCIRI umbenannt in ISCI, dominiert von der Familie al Hakim und Organisation des schiitischen Mittelstandes und der in den Iran emigrierten Eliten. Der Angriff al-Malikis auf al Sadrs Machtbasis in Basra im März ist nichts anderes als der Versuch, den stärksten innenpolitischen Konkurrenten vor den anstehenden Regionalwahlen zu schwächen und damit dem wesentlich weniger populären ISCI die Vorherrschaft im schiitischen Süden zu sichern. Das Ironische daran ist, dass damit mit militärischer Unterstützung der Briten und Amerikaner die schiitische Fraktion beim Kampf um die Macht unterstützt wurde, die einen Zerfall des Irak anstrebt – oder zunimdest zur Sicherung ihrer regionalen Vorherrschaft billigend in Kauf nimmt – und am engsten mit dem Iran kooperiert. Zum Hintergrund dieses Konfliktes und seiner Bedeutrung für die weitere Entwicklung im Irak empfehle ich erneut den MIddle East Report Nr. 70 vom 15. November 2007 der International Crisis Group unter dem Titel „Schiite politics in Iraq: the role ofe the Supreme Council“:
    http://www.crisisgroup.org/home/index.cfm?id=5158&l=1

    und den Middle East Report Nr. 73, vom Februar 2008: „Iraq’s Civil War, the Sadrists and the Surge“:
    http://www.crisisgroup.org/home/index.cfm?id=5286&CFID=38800794&CFTOKEN=21879896

    Wie sehr sich die Machtverhältnisse im Iraq ein halbes Jahr nach Beginn von the surge verschoben haben, zeigt der zwischen Vertretern al Malikis und al Sadr unter iranischen Vermittlung auf iranischem Boden ausgehandelte Waffenstillstand, der ein labiles Gleichgewicht im Süden des Irak wieder herstellte, nachdem die regionalen Kämpfe in einen landesweiten Bürgerkrieg zu eskalieren drohten – die USA spielten bei der politischen Lösung des Konflikts keine Rolle.

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