Kalte Krieger in der SPD?


Die Lage in Lhasa ist nach Angaben von Exil-Tibetern dramatischer als bislang bekannt, in Deutschland suchen Politiker nach Strategien im Umgang mit China: Jetzt schlägt SPD-Mann Pflug Wirtschaftssanktionen vor – ein Lieferstopp sei wirkungsvoller als ein Olympia-Boykott.

Tolle Idee! Sie käme allerdings irgendwie ein wenig glaubwürdiger rüber, wenn Pflug sich vorher demonstrativ vom Großen Vorsitzenden Schröder distanziert hätte. Der wollte den Chinesen nämlich nicht nur nicht weniger liefern, sondern mehr, darunter sogar den Eurofighter. Und nein, China war zu Schröders Amtszeit kein demokratischer Rechtsstaat, der den GULag erst danach spontan erfunden hätte.

Denn sind wir realistisch: Das, was die Chinesen jetzt so publikumswirksam in Tibet abziehen, ist ein Kindergeburtstag gegen das, was sie dort und auch anderswo im Reich der Mitte jeden Tag und in weit größerem Ausmaß anrichten, nur daß der staatliche Terror gegen Dissidenten weder von den internationalen Medien noch von fahrenden Händlern wie unserem ex-Kanzler jemals wahrgenommen wird.

Im übrigen, was spricht dagegen Wirtschaftssanktionen UND einen Olympiaboykott zusammen durchzuführen? Und zwar nicht wegen Tibet, sondern ganz allgemein wegen dem einer modernen Zivilisation unwürdigen Umgang mit der eigenen Bevölkerung. Und wenn der Gerd dann auch noch seinen Ehrendoktortitel nach Shanghai zurückschickt, könnte man fast erwägen, aus Solidarität mal SPD zu wählen.

~ von Paul13 - Donnerstag, 27. März 2008.

19 Antworten to “Kalte Krieger in der SPD?”

  1. Würden Wirtschaftssanktionen vlt Deutschland mehr als China schaden?

  2. @ Tyrian und Paul

    Ja, ich denke auch, dass ein Wirtschaftsboykott wesentlich schwerer durchzusetzen ist, als ein Sportboykott. Ein Wirtschaftsboykott wäre ein zweischneidiges Schwert. Man kann China doch als (wirtschafltiche) Bedrohung in der Zukunft sehen – und die wirtschaftlichen Interaktionen auch als Teil eines Wettkampfes, der in der Zukunft noch viel wichtiger wird als heute – könnte ein konsequenter Boykott nicht unabsehbare, gar tödliche Folgen haben für Deutschland? Abgesehen von den möglicherweise sofortigen Arbeitsplatzverlusten usw…

    Schlimm für die Sportler, aber ich bin für einen Olympia-Boykott.

    Übrigens hier nur leicht am Thema dieses Threads vorbei ;-) noch ein interessanter Artikel von Dennis Prager – jetzt auf Deutsch- zum Thema
    „Warum bekommen die Palästinenser viel mehr Aufmerksamkeit als die Tibeter?“
    http://www.dennisprager.de/2008/03/27/warum-bekommen-die-palastinenser-viel-mehr-aufmerksamkeit-als-die-tibeter/

  3. Die Wirtschaft hat das ja schon verworfen und ruft nach der Politik. Und die nach der Wirtschaft und den Sportlern. Und die nach der Politik und der Wirtschaft.

  4. Wenn man sich beiden (Wirtschafts)Sanktionen einig wäre, dann würde es China schon schwierig haben. Letztlich jammert man aber lieber (über Produktpiraten) – die Grundlagen für diese Zwickmühle wurden wesentlich eher gelegt. Warum jetzt das große Gejammer und Getue? Jahrzehnte hat man bei der Unterdrückung durch die Kommunisten weggesehen und mit denen Geschäfte gemacht. Wahrscheinlich mit der Hoffnung auf Öffnung und Demokratisierung…

    @daniel
    Yup – einer schnappt nach des anderen Schwanz! ;-)

  5. Wirtschaftsboykott gegen China? Bei „Per Anhalter durch die Galaxis“ hätten sie diesen Faktor für ihren Unwahrscheinlichkeitsdrive gut gebrauchen können. Da China nach 250jähriger Pause wieder zum weltweiten Produktionsschwerpunkt geworden ist, d.h. der Ort, an dem die meiste und profitabelste Arbeit geleistet wird, ist das Abhängigkeitsverhältnis zwischen China und dem Westen, der mit seinem Kapital nicht mehr weiss, wohin, viel tiefer und direkter, als es die Boykottidee unterstellt. Ein Viertel bis Drittel der US-Reserven türmen sich in chinesischen Staatsbänken und werden im Eskalationsfalle auf den Weltmarkt gespült – keine technische Erfindung kann es mit dieser indirekten Massenvernichtungswaffe aufnehmen, die alle Weltwährungen bedrohen kann. Was ferner mit nutzlos vor sich hinzinsendem Kapital geschehen kann, das sich nicht mehr in chinesischen Sweatshops und Staudammprojekten realisieren kann, hat schon die Housing Crisis gezeigt, wo das Verlangen nach Investitionsobjekten jeden Zweifel an ihrer Rentabilität beiseite wischte, um sich dann zum ökonomischen Aderlass auszuwachsen.

    Ich kann mir keine westliche Regierung vorstellen, die ein massives Anwachsen der Preise auch nur riskieren kann, ohne ihre Existenz und sogar die ihres Systems zu gefährden. Die Behandlung Chinas wie ein rohes Ei durch westlice Politiker entspringt nicht primär ihrer Gleichgültigkeit gegen das Leiden von Christen, Dissidenten, Minderheiten etc., sondern der fast totalen Abwesenheit von Spielraum, um auf die chinesische Führung Druck auszuüben. Allein schon die Einladung des Dalai Laber durch Merkel führte unmittelbar zu chinesischen, nicht deutschen Sanktionen, die für Merkel brisanter als jedes Fauxpas der Vergangenheit waren und das Verhältnis von Geschäft und Aussenpolitik für einen Moment deutlich machten. Es ist nicht einmal der Spielraum für ein Olympiaboykott da, jede unilaterale Brüskierung hätte standortmässig unkalkulierbare Folgen. Wer on this planet könnte es sich leisten, dem globalen Unterwäsche- und Spielzeughersteller as Bein zu pinkeln?

  6. @ unGeDuldig,

    „Ein Viertel bis Drittel der US-Reserven türmen sich in chinesischen Staatsbänken und werden im Eskalationsfalle auf den Weltmarkt gespült“

    Geld das auf einer chinesischen Staatsbank „liegt“ sind keine US-Reserven! Erklär mal bitte, weshalb die KPCh ihr eigenes Wachstumsprogramm auf dem von dir erhofften Weg in Grund und Boden stampfen sollte?

    Globalisierungsgegner unterstellen bezeichnender Weise immer nur, dass die westlichen, demokratisch verfassten Wohlstandsgesellschaften Probleme mit der Globalisierung haben, niemals aber autoritär und diktatorisch regierte Länder. Oder denkst du etwa die KPCh wird wegen einer handvoll buddhistischer Mönche nervös und aggressiv, wenn sie genau weiß, dass hunderte von Millionen Chinesen nicht zum kaum was Essen haben und zusätzlich auch noch ihrer Freiheit beraubt sind. Die meisten westlichen Medien behandeln die gegenwärtige chinesische Krise als Nationalitätenproblem und haben Tianmen vergessen.

    Die westlichen Demokratien in einseitiger Abhängigkeit einer autoritären Partei – das hättet ihr spätentwickelten „Antiautoritären“ (68er) wohl gerne?

    Dei Vermeidung einer Brüskierung eines autoritären Regimes bei gleichzeitiger Diffamierung der Opposition am Beispiel Polen in den 80er Jahren, zeigt zudem recht deutlich, dass nicht wirtschaftliche Interessen, sondern die ideologische Grundhaltung gegenüber kommunistischen, autoritären Regimen für die SPD ausschlaggebend ist.

  7. @alibaba

    Das mit den Reserven war etwas ungenau gesagt, zugegeben. Die Handelsüberschüsse mit China haben zu einer gewaltigen Akkumulation von Kapital dort geführt, die zur Folge hat, dass die Wertdeckung der US-Währung zu einem Viertel bis Drittel von der KPCh verwaltet wird. Dieses Kapital liegt natürlich nicht nur herum, sondern wird von den Chinesen z.T. zum Import und für Auslandsinvestitionen (Afrika usw.) genutzt. Das Gros des Kapitals aber bleibt „ungenutzt“, bzw. stützt den Yüan. Es gab immer wieder Versuche Chinas, sich neben den Dollars einen grösseren Vorrat an Euros zuzulegen, um gewissermassen nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Der fallende Dollarkurs macht den Ländern, die sich grosse Geldvorräte angehäuft haben, entsprechend grosse Sorgen: China und Saudi-Arabien (letzteres hat ebenfalls zunehmendes Interesse für Euros und Yens gezeigt) kommen da wohl an erster Stelle.

    Womit Du wohl hoffentlich Recht hast, ist die Annahme, dass China wegen ein Paar überfälliger Konzessionen keinen Wirtschaftsinfarkt riskieren wird. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass der Westen sich diesen Infarkt noch viel weniger leisten kann, da er die innenpolitische Rigidität und Militarisierung nicht besitzt, um unmittelbar auf die Folgen von Massenverarmung zu reagieren.

    Die erstmal unauflösbare Abhängigkeit zwischen China und dem Westen ist m.E. gegenseitig und führt bis auf weiteres zum Kollateralnutzen der ökonomischen Abschreckung, die in gewisser Weise effektiver als die nukleare ist. Dein Vergleich mit der Polenkrise 1980 verkennt die relative Irrelevanz des damaligen Handelsaufkommens mit dem Ostblock. Dieser hatte zum Schluss eine Wirtschaftsleistung wie die Beneluxstaaten aufzuweisen, was man vom heutigen China als globalem Produktionszentrum so nicht sagen kann.

    Abschliessend bitte ich darum, nicht unter ein (auch noch fehlgetroffenes) „ihr“, womöglich in Verbindung mit „68er“ subsummiert zu werden. Wenn es schon nötig ist, mich abzuwatschen, möchte ich als Individuum und nicht als Vertreter einer Gruppe gezüchtigt werden, soviel eitler Masochismus muss schon sein.

  8. @ unGeDuldig,

    erfreulich, dass Sie mir in der Argumentation soweit folgen können, dass Polen in den 80er Jahren wirtschaftlich keine Rolle spielte. Gerade deswegen ist es umso bemerkenswerter, dass die deutsche Sozialdemokratie in Einklang gegen Solidarnozs und für die Mlilitärdiktatur stand.

    Bevor Sie aber China zum globalen Produktionszentrum ernennnen, sollten Sie sich erst mal die Struktur der Erwerbstätigkeit in China anschauen. Dort arbeiteten 2005 noch 44% der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft und nur 18% in der Industrie. Abgesehen davon hatte China im Jahr 2005 ein BNE 1740 US $ gegenüber 43560 $ in den USA. Die genannten Zahlen mögen kein direkter Indikator für Wohlstand und Produktionsleistung in China sein. Sie zeigen aber sehr deutlich die doch recht einseitige Abhängigkeit Chinas von der Wirtschaftsleistung demokratischer Staaten.

  9. @alibaba
    Stimme Dir zu – die Sozis sind „käuflig“. Dein Beispiel mit Polen, Pauls Beispiel mit den Waffen für China und nicht zu vergessen – die Sozis hätten den Kommunisten auch 16 Millionen Landsleute verkauft, weil es nach Vorteil ausgesehen hat (Stichwort: DDR-Staatsbürgerschaft).

    @unGeDuLdig

    Das Gros des Kapitals aber bleibt “ungenutzt”, bzw. stützt den Yüan.

    Diese Stütze des Yuan ist aber eine Fehlkonstruktion – das Verhältnis USD/Yuan ist vollkommen aus den Fugen – das erinnert an die DDR. Da wurde den Leuten auch von einem 1:1-Kurs vorgelogen. Auf dem Schwarzmarkt wurde ganz anders getauscht, um an richtige Barmittel und somit an Waren zu kommen.
    Wenn die chin. Führung allen Menschen im Land den Standard bieten will, wie in den Ballungszentren mit den Wirtschaftssonderräumen, dann wäre das ungenutzte Kapital schnell dahin.

  10. [Fortsetzung…]

    Es gab immer wieder Versuche Chinas, sich neben den Dollars einen grösseren Vorrat an Euros zuzulegen, […]

    Bei Versuchen wird es auch bleiben – keine nimmt das wertlose Geld der Chinesen ;-)

    P.S. Bei Einigkeit des Westens, würde es eventuell China wehtun – doch wenn das Wörtchen „wenn“ nicht…

  11. @ alle

    Ein Wirtschaftsboykott würde uns mit Sicherheit auch schaden. Wenn er aber von der gesamten westlichen Welt, die die Musik zwar oft nicht mehr selber macht, aber immer noch bestimmt, welche gespielt wird, zusammen durchgeführt werden würde, und sei es nur durch spürbare Strafzölle auf chinesische Waren, wäre dieser Schaden weit geringer als der der anderen Seite.

    Wir hätten selbst bei einem totalen Wirtschaftskrieg schlimmstenfalls wirtschaftliche Probleme, der KP Chinas hingegen würde dann aber Bürgerkrieg, Chaos und möglicherweise ein unrühmliches Ende am Laternenpfahl drohen, denn die Kunden im Iran, Sudan und Venezuele werden die aus den USA, Europa und Japan nicht vollständig ersetzen können.

    Das wissen sie dort natürlich, und deswegen würden sie schon bei Bekanntwerden diesbezüglicher Sondierungsgespräche im Westen zumindest teilweise ganz schnell einlenken. Bei Widerstand schrecken derartige Regime eigentlich immer zurück, wenn er nur konsequent und glaubwürdig genug rüberkommt. Wir müßten es halt nur mal versuchen.

    Und zwar ganz unabhängig von Olympia und Tibet im Rahmen einer langfristigen Strategie. Denn über eins sollte man sich keine Illusionen machen: Die Zeit arbeitet nicht für uns. Wenn wir jetzt schon darunter zu leiden hätten, wie sehr werden wir das erst tun, wenn wir noch 10 Jahre warten? Und das herrschende Regime in China wird das zu nutzen wissen.

  12. I am still not convinced. Der Grad der wirtschaftlichen Verschränkung westlicher Interessen mit dem chinesischen Markt wird m.E. bei weitem unterschätzt. Ein Strafzoll auf chinesische Waren wäre nichts anderes als eine Selbstbestrafung des Westens, der seine Warenproduktion speziell im Massenfertigungsbereich zu einem grossen (dem grössten?) Teil nach Ostasien verlegt hat.

    In der derzeitigen, äusserst verschärften Konkurrenzsituation inklusive mühsam kontrolliertem, aber nicht gelöschtem Schwelbrand an den Börsen riskiert jeder Standort bei Auseinandersetzungen mit China den Verlust wertvoller Investitionsoptionen, für die genug andere Bewerber anstehen. Es ist ein wenig wie mit den Gewerkschaften: Theoretisch und unter Voraussetzung einheitlichen Handelns könnten sie jederzeit alles zum Erliegen bringen, historisch haben sie es nur in absoluten Ausnahmefällen getan. Solange man noch irgendetwas zu verlieren hat, fällt das Handeln schwer und wird durch die Angst sabotiert, von den anderen im Kampf im Stich gelassen zu werden.

    In den USA sind derzeit die aussenpolitischen Spielräume sehr eng. Der war on terror wird auf der Kostenseite inzwischen auf 3 Billionen USD beziffert, wie auch Regierungskreise mittlerweile einzuräumen geruht haben, und hat die Aufnahme von gewaltigen Krediten von so sympathischen Gläubigern wie Saudi-Arabien, Russland, Venezuela und dem unterstellten Rivalen China erforderlich gemacht. Das Kreditvolumen deckt etwa 40% der 3 Billionen und wird mit und ohne Operation Chinese Freedom noch einige Generationen fleissiger Amerikaner beschäftigen.

    Es spricht manches dafür, dass China dazu gebracht werden könnte, an dieser Stelle nachzugeben, um sein Wirtschaftswunder fortsetzen zu können. Voraussetzung wäre dazu eine Einigkeit des Westens, die ich beim besten Willen nicht sehen kann. Und es gibt ein gewichtiges Argument gegen das Nachgeben Chinas: Es muss der KPCh die Brisanz klar sein, die jede Lockerung des Griffes über das unterworfene Volk enthält. Eine auch nur partielle Liberalisierung von Versammlungsrecht oder Mediengesetze könnte angesichts des Ausmasses an Unterdrückung und den massiven sozialen Umbrüchen der letzten Jahre zum Ende der Einparteienherrschaft führen. Ich frage mich ausserdem, welcher Investor, der seine Turnschuhe oder RAM-Speicher dort mithilfe der kapitalfreundlichen Diktatur herstellen lässt, so eine Öffnung wirklich will. Ein China, das sich westlichen (nicht direkt börsennotierten) Werten öffnen würde, böte langfristig nicht mehr die für das hiesige Kapital erfrischende, vielleicht schon lebensnotwendige Zufuhr an gewerkschaftsfreien, lohnmässig ununterbietbaren Arbeitsplätzen. Was ist das Glück sowieso immer arbeitswütig und unterwürfig gedachter Asiaten dem Westen schon wert?

  13. @ unGeDuldig,

    „Der Grad der wirtschaftlichen Verschränkung westlicher Interessen mit dem chinesischen Markt wird m.E. bei weitem unterschätzt.“

    Ihr geschätztes Erachten scheint sich nicht einmal an eindeutigen geografischen Indikatoren zu orientieren. Süd-Ost Asien ist nicht China – noch nicht! Ansonsten misst man die wechselseitige Verflechtung an der Anzahl der Direktinvestionen. Da ist die EU, jeder einzelne Mitgliedstaat, noch immer stärker mit den USA verflochten als mit China oder Süd-Ost Asien. Auf dieser Basis hat Schröder, und nicht nur er, der USA ans Bein gepinkelt, während Sie den privaten Empfang des Dalai Lamas durch Merkel als Peinlichkeit empfinden. Nach ihrem Erachten wird dann auch die Absenz der Kanzlerin und des Bundespräsidenten bei den Eröffnungsfeierlichkeiten in Peking peinlich sein. Fragt sich nur für wen. (Schröder hätte bestimmt als Freundschaftsbeweis in Maos Spucknapf gepinkelt).

    @ Paul

    „Ein Wirtschaftsboykott würde uns mit Sicherheit auch schaden.“

    Wen meinst du denn hier mit „uns“ und wie würde dieser Schaden aussehen?

    Ein Beispiel: Der deutsche Automobilkonzern, dessen „Arbeitnehmervertreter“ am Lautesten über Globalisierung jammern, produziert seit über fünfzig Jahren international bzw. auch in solch Niedriglohnkontinenten wie Afrika und Lateinamerika. Dennoch haben diese Produktionsstandorte dem Konzern riesige Verluste eingefahren, was den Konzern nicht davon abgehalten hat in China Luxuskarrossen, keine Massenwaren (unG) zu produzieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Risiken für den Konzern weder durch einen Wirtschaftsboykott, noch durch einen Olympiaboykott zu steigern sind. (Andererseits wären sie auch nicht durch dreimaliges spucken in den o.a. Spucknapf zu mindern).

    unGeDuldigs ganze Argumentation läuft doch darauf hinaus, wirtschaftliches Handeln und Handeln überhaupt nur interessengeleitet sein kann und deshalb per se unmoralisch ist.
    Da aber Nichthandeln auch eine Handlung ist, kann jeder Handelnde vom „moralischen“ Standpunkt aus immer alles nur falsch machen. Damit ist der typische double bind fertig.

  14. Die Einladung des Dalai Laber bzw. der Besuch einer Körper- und Dopingmittelleistungsshow, nach Nationen sortiert, ist eher eine intellektuelle Peinlichkeit als eine moralische. Doch de gustibus non est disputandum, niemand ist gezwungen, sich das anzusehen.

    Ich habe hier nicht von Deutschland, sondern vom Westen als wirtschaftlichem Interessenten gesprochen. Es geht nicht primär darum, was der Westen aus China einkauft, sondern was er dort produziert und worauf er nicht so ohne weiteres verzichten kann: Das günstigste Investitionsklima seit dem Goldrausch in Klondike.

    Die entscheidende Frage, glaube ich, ist, ob sich China gegenüber eine multilaterale Drohkulisse aufbauen lässt, die von allen Beteiligten auch durchgehalten werden kann. Wenn man sich das Ergebnis der bisherigen, äusserst zaghaften Massnahmen ansieht, kommt bei mir kein rechter Optimismus auf.

    Die gewaltigste Umwälzung in China wurde bisher gerade durch die Öffnung für den kapitalistischen Weltmarkt bewirkt und schafft die ökonomischen und sozialen Voraussetzungen für eine Demokratisierung Chinas. Diese Entwicklung beruht nicht auf dem moralischen Engagement des Westens, sondern folgt den höheren Bedürfnissen kapitalistischer Produktion, die langfristig auf Rechtstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und Aufhebung feudaler Strukturen angewiesen ist. Natürlich lässt sich keine einfache mathematische Gleichung à la Kapitalisierung = Demokratisierung aufstellen, dafür gibt es zu viele historische Beispiele, wo gerade nachholende Entwicklungen nicht in die gewünschte Richtung liefen (z.B. Deutschland 1870-1945), doch ein Trend zur Dezentralisierung, Öffnung der Informationskanäle, Enstehung eines grosstädtischen Proletariats, das sich durch die höchste Streikquote der Welt fernab von den Augen des Westens auszeichnet, Entstehung einer an grösseren Freiheiten interessierten Mittelschicht, summa summarum ein immer gefährdeter Trend zur Verwestlichung ist nicht zu leugnen. Der Tibeteraufstand und sein geschicktes timing zur Olympiade sind ein weiterer Ausdruck davon, dass sich ein grösserer innerer Widerstand in China aufbaut.

    Der Westen stolpert in dieser Grosswetterlage über seine eigenen Grundsätze. Während in China sich ähnliche Szenen abspielen wie zu Beginn unserer Industrialisierung, werden hier massiv die bürgerlichen Glücksversprechen und Werte eins nach dem anderen kassiert, unter dem Jubelgeschrei manches Sauerkrauthassers und immer unter Hinweis auf denselben kapitalistischen Sachzwang, der all diese Freiheiten erst ermöglicht hat. Es ist das alte Dilemma der Ambivalenz der Moderne, die der Menschheit nicht nur Frauenrechte, sondern auch Konzentrationslager geschenkt hat. Wer sich für sozialen Fortschritt einsetzt, der diesen Namen verdient, muss dieses barbarische Element der Moderne reflektieren, das in allen Entwicklungen zum Vorschein kommt. Das ist weniger eine Frage der Moral, sondern des Überlebens.

  15. Mit Verlaub, Herr unGeDuldig, Sie schwafeln! Beispiel gefällig?:

    „Da China nach 250jähriger Pause wieder zum weltweiten Produktionsschwerpunkt geworden ist, d.h. der Ort, an dem die meiste und profitabelste Arbeit geleistet wird“

    Man beachte die beigefügten Zahlen, besonders die 250 jährige Pause.

    Und dann, dass hier:
    „Das günstigste Investitionsklima seit dem Goldrausch in Klondike.“
    Mal abgesehen davon, dass es reichlich blöd ist sich selbst zu widersprechen, weil man anderer Stelle behauptet der Westen würde wegen divergierender Interessen zu keiner einheitlichen Haltung gegen China finden, auch abgesehen davon, dass in Klondike wohl weniger investiert, sondern mehr extrahiert wurde, handelt es sich wohl auch wegen abwesender Zahlen eher um „gefühltes“ Klima.

    Diese Schwafelei wird dann besonders ärgerlich wenn der „kapitalistische Sachzwang“ als Subjekt der Geschichte eingesetzt wird. Es ist das „alte Dilemma“ rechter und linker Hegelianer das Sie sich da zu eigen gemacht haben. Die individuellen Freiheitsrechte, Menschenrechte, damit auch Frauenrechte, sind nicht auf dem Mist gewachsen auf dem die Logik der „Erzieher zum besseren Menschen“, die Logik des GULAGS und der Konzentrationslager gewachsen ist.

    Aber warum sagen Sie es dann nicht deutlich? Für Sie und ihresgleichen ist doch der Kampf gegen Sklaverei schlimmer wie die Sklaverei, der Krieg gegen Terror schlimmer als Terror. Oder anders ausgedrückt: Sie sind moralisch indifferent, sie würden einem protestierenden, chinesischen Studenten, einem buddhistischen Mönch und wahrscheinlich auch einem iranischen Homosexuellen vor ihrem gewaltsamen Tod erklären, dass ihr Tod im Rahmen der Moderne voll in Ordnung geht. Sie hätten damit dann den höchsten Grad intellektueller Peinlichkeit erreicht.

  16. @alibaba

    Die 250jährige Pause ist nicht auf den Tag genau zu verstehen, doch insgesamt triftig. Erst die beginnende Industrialisierung Europas löste China als Schwerpunkt der Weltproduktion ab, und erst die Einbindung in den Weltmarkt ab den 80ern rückte China produktionsmässig wieder in Richtung Spitze. Doch ich will mich an diesem Argument nicht festkrallen, fest steht nur das aktuelle Angewiesensein des Westens auf die chinesische Arbeitskraft.

    Klondike habe ich (argumentativ etwas waghalsig) nicht der Zahlen, sondern der Goldrausch-Implikation wegen gewählt. Es ist ein auch gefühltes Investitionsklima, welches aber durch die tatsächlichen Wirtschaftszahlen gestützt wird. Zum Beleg, der mir zum Beweis einer Basisbanalität abverlangt wird, nenne ich den Bericht für 2007 der Bundesagentur für Aussenwirtschaft (http://www.bfai.de/ext/anlagen/PubAnlage_3922.pdf), in der Hoffnung, dass ich in Zukunft nicht genötigt bin, die Drehung der Erde um die Sonne zu beweisen.

    Dass man mich in einem Internet-Forum als Schwätzer bezeichnet, mag zum Teil an mir liegen, entbehrt aber nicht der Komik. Der Eindruck der Geschwätzigkeit kann aber auch durch den bescheidenen Versuch entstanden sein, Differenzierungen und Kontextualisierungen in die Diskussion einzubringen, was die Sätze notorisch länger und umständlicher macht, als wenn man zu später Stunde griffige Parolen und dämonisierende Abfertigungen in die Tastatur hämmert.

    Die iranischen Schwulen und gequälten Studenten, die ich anscheinend irgendwo zum Totschlag freigegeben habe, können sich bei ihrem letzten Atemzug immerhin darüber freuen, dass sie auf für sie unerreichbaren Servern für eine Weile als argumentatives Kanonenfutter Verwendung fanden, um meinesgleichen zur Ordnung bzw. zu den Waffen zu rufen. Ich frage mich, ob diese Art, zu argumentieren, hier schon bei vielen gewirkt hat, um aufkommendes Unbehagen an den Details der zivilisatorischen Kriegsführung zu ersticken. Wenn der Vorwurf der moralischen Indifferenz darauf abgestellt war, defätistische Neigungen in Einsatzfreude zu verwandeln, hat es nicht gewirkt. Wird wohl an meinem geschlossenen linksfaschistischen Determinismus liegen.

  17. @ unGeDuldig,

    Jetzt lässt sich also die westliche Abhängigkeit von chinesischer Arbeitskraft und das gefühlte Investitionsklima in China mit einer Statistik der deutschen Agentur für Außenwirtschaft beweisen? Sie sollten sich nur bei der gleichen Agentur mal anschauen was allein deutsche Anleger im herangezogenen in den USA investiert haben, um
    festzustellen zu können, dass dort ein besseres Investitionsklima herrscht. Selbst wenn Sie sich die von Ihnen gelieferte Statistik genau angesehen hätten, hätten Sie feststellen müssen, dass die deutschen Direktinvestitionen in China eine eher geringe Rolle spielen. Aber der „Weltgeist“ hat es eben nicht so mit Zahlen und Mathematik – gelle?

    Nun zu den buddhistischen Mönchen und moslemischen Homosexuellen. Weil Sie Konzentrationslager ins Gespräch brachten, wäre es nahe liegender gewesen, Ihnen einen Vortrag in Buchenwald vor ehemaligen Häftlingen vorzuschlagen, in dem Sie dem Auditorium erklären, dass ihre Haft und ihre Befreiung durch die US-Army gleichermaßen Ausdruck der Moderne seien. Mit leichten inhaltlichen Änderungen ließe sich Auschwitz auch noch als Ausdruck des dialektischen Weltgeistes und der Moderne unterbringen.

  18. @alibaba

    Meinetwegen, das zögerliche Verhalten des Westens China gegenüber entspringt reiner Blödheit bzw. Bosheit – ökonomische Interessen spielen keine Rolle. Ferner führen alle Wege der Dialektik nach Auschwitz. Vermutlich soll ich mich jetzt vor Wut auf dem Boden wälzen, doch statt dessen setzt die etwas späte Erkenntnis ein, meine Zeit verschwendet zu haben. Naja, es gibt Schlimmeres.

  19. @ unGeDuldig,

    was heißt hier Zeit verschwendet? Man kann Zeit ebenso wenig verschwenden oder sparen wie Energie. Sehen Sie doch die Angelegenheit einfach im Rahmen lebenslangen Lerners. Sie können jetzt immerhin schon per google die Wirtschaftsdaten Chinas finden. Jetzt müssen Sie die nur noch in die richtigen Relationen einordnen und ein bisschen rechnen – lernen.

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