Blanker(tz) Wahnsinn


„Eine liberale Regierung ist eine contradictio in adjecto. Regierungen müssen zum Liberalismus durch die Macht der einmütigen Volksüberzeugung gezwungen werden.“

– Ludwig von Mises 1927

„Und wie sagte nicht schon so richtig der große Ökonom Karl D. Marx: Es wird das Proletariat ohne Kohle rabiat.“

– Klaus Eberhartinger 1988

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Stefan Blankertz hat einen sehr ausführlichen Text zum Thema „Sicherheit“ aus libertärer Sicht geschrieben, der die Misesere recht deutlich macht, in die man gerät, wenn man eine Gesellschaft gänzlich ohne allgemeine verbindliche Normen und Institutionen, die deren Einhaltung überwachen sowie bei Bedarf auch durchsetzen, aufzubauen versucht. Auch sein Text folgt dabei dem inzwischen bekannten Muster libertären Denkens.

Da, wo die Ideen brauchbar oder zumindest bedenkenswert sind, bestehen sie im wesentlichen aus Verbesserungsvorschlägen für Fehlentwicklungen staatlicher Strukturen. Da, wo der Staat hingegen komplett abgeschafft werden soll, handelt es sich um die – zugegeben wohl effektivste Variante – die moderne Zivilisation direkt in die Katastrophe zu führen, sozusagen eine Art Somalia für Besserverdienende. Also Vorhang auf für ein Inferno ganz eigener Art:

[…] 2. In meiner Bekanntschaft hat sich folgender Fall ereignet: Der 15jährige Sohn der Familie K., Franz K., wird von einer Jugendbande mit Gewaltandrohung zu wöchendlicher Geldzahlung gezwungen. Nachdem Franz K. eine Zeitlang das erpreßte Geld abgeliefert hat, indem er seine Eltern bestahl, kommt die Sache heraus. Die Polizei nimmt zwei Mitglieder der Bande fest. Der Rest der Bande schwört dem Jungen und der ganzen Familie Rache. Die Polizei bringt Franz auf Anforderung von der Schule nach Hause. Dann überläßt sie die Familie K. ihrem Schicksal. Die K.s leben in Todesangst. Derweil „ermittelt“ die Polizei.

Glaubt man den Standard-Lehrbüchern der politischen Philosophie, so ist die Gewährleistung von Sicherheit unter den Bürgern die zentrale Aufgabe und die ursprüngliche Legitimation des Staates. In dem geschilderten Fall der Familie K. kommt der Staat seiner Aufgabe nicht nach. Warum eigentlich? Es handelt sich nicht um eine komplizierte Angelegenheit, in der komplexe Fragen der Rechtsprechung und Wahrheitsfindung eine Rolle spielen. Die K.s wollen nicht, daß jemand bestraft wird. Sie verlangen nicht, daß ein unbekannter Täter gefunden werde. Sie erwarten nicht die Auffindung eines kostbaren gestohlenen Gegenstandes. Die K.s möchten nur dies: Schutz.

Die libertäre Welt ist schön. Wenn ein Bürger erpreßt wird, sind dort die Täter sofort geständig, um der Polizei die teure Wahrheitsfindung zu ersparen. Wenn die Täter dann doch wider Erwarten leugnen, wird sich schon irgendwer finden, der kraft eigener Arroganz Richter spielt. In diesem Fall akzeptiert der Täter das Urteil selbst dann klaglos, wenn besagter Richter zufällig der große Bruder des Opfers ist. Aber selbst falls es erst gar kein Urteil gibt, macht das nichts, denn Sanktionen braucht man nicht in einer Welt, in der jeder gut genug geschützt ist. Oder hat schon irgendjemand mal davon gehört, daß Waffen in den Händen von aggressiven und/oder paranoiden Zeitgenossen zu Bluvergießen geführt hätten? Na also.

Zu teuer. Natürlich. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder Bürger Personenschutz verlangen würde?

Zu teuer? Wer sagt das? Wer entscheidet über den Wert, den Sicherheit für uns hat? Wohl nicht die betroffene Familie K. Sie hat jahrzehntelang Steuern in den Staatshaushalt eingezahlt; hat hingenommen, daß mit ihrem Geld Panzer gekauft wurden, die heute fern in der Törkei Kurdenkinder im Namen des Schutzes vor Terrorismus überrollen; hingenommen in der Illusion, irgendwann, wenn es nötig ist, die Stärke des Staates för den eigenen Schutz in Anspruch nehmen zu können.

Uiii, so viele Fehler auf einmal, da fangen wir besser mal an zu numerieren:

1. Mit dem Geld, von dem die Panzer gekauft wurden, rollten die Panzer, auf die hier offensichtlich angespielt wurde, zunächst mal in Deutschland, wo sie die Aufgabe hatten, unter anderem auch Familie K. vor dem Einmarsch des nur begrenzt libertären Warschauer Paktes zu schützen.

2. Daß sie jetzt in der Türkei rollen, hat mit diesem Kaufpreis nicht nur nichts zu tun; sofern sie nicht im Rahmen von Militärhilfe verschenkt wurden, hat die Türkei damit sogar einen Teil davon, nämlich den Gebrauchtpreis, zurückerstattet, was die Kosten für Familie K. unter dem Strich reduziert.

3. Wenn eine deutsche Rüstungsfirma die Panzer nicht über den Umweg Bundeswehr an die türkische Armee, sondern direkt an die „Grauen Wölfe“ liefern würde, wäre es demnach offenbar ok, und zwar selbst dann, wenn die Kurden kein Geld hätten, um ihrer PKK auch ein paar zu kaufen.

4. Überrollte Kurdenkinder sind nun wirklich nichts, was die demonstrativ moralfrei daherkommenden Libertären zu argumentativen Zwecken mißbrauchen sollten, denn die schreien am lautesten „Staazis!“, wenn man Panzer zum Schutz eben dieser Kurdenkinder schicken möchte.

Nein, die K.s haben nicht entschieden, daß der Schutz ihres Hab und Guts zu teuer ist. Sie können es auch nicht entscheiden. Denn die Gewährleistung von Sicherheit ist ein Monopol. Die Familie K. kann nicht entscheiden, zu einem anderen Anbieter von Sicherheit zu gehen, der seine Zusage einhält und seine Aufgabe vertragsgemäß erfüllt. Denn der Staat nimmt den K.s die Beiträge för die versprochene Dienstleistung zwangsweise ab und bestimmt dann willkürlich über die Verwendung der Mittel.

Der Staat nimmt den K.s grob geschätzt ca. 1-2% Ihres Einkommens für diese Aufgabe ab. Diejenigen ihrer Landsleute, die mehr verdienen, subventionieren über höhere Steuern in absoluten Zahlen auch die Sicherheit der Hartz IV-Empfänger. Nach dem libertären Modell der freiwilligen Zahlung sähe es hingegen ungefähr so aus:

1. Großverdiener zahlen nur noch einen Betrag im Promillebereich, was immer noch weit mehr ist als alles, was die jeweiligen Räuberbanden aufbringen können. Das gesparte Geld wird in gewinnbringendere Projekte als Wach- und Schließgesellschaften für bedrohte Mittelschichtler investiert.

2. Familie K. zahlt für dasselbe Sicherheitsniveau wie vorher jetzt einen zweistelligen Prozentsatz, sofern sie sich nicht damit abfindet, daß ihre Versicherung nach Abzug eines Großteils des Kapitals statt drahtiger SEK-Profis nur noch ausgemusterte Parkplatzwächter zu ihrem Schutz abstellen kann.

3. Die arbeits- und perspektivlosen Mitglieder der angesprochenen Jugendbande bieten Familie K. gegen die Zahlung von „Schutzgeld“ (daher auch der Name) ihre Unterstützung an, da sie gehört haben, daß die sich die Premiumtarife (das sind die mit den drahtigen SEK-Profis) doch nicht leisten kann.

[…] Sozialarbeit ist eine Dienstleistung, die nicht nachgefragt wird. Der Sozialarbeiter bleibt stets ein Eindringling von außen mit Bevormundungsabsichten. Das löst Trotzreaktionen aus.

Auch ohne damit die oft übertriebene links-naive Sozialarbeiterromantik in Schutz nehmen zu wollen, läßt sich festhalten, daß derartige Eingriffe des Staates nicht nur mitunter absolut nötig sind, sondern in vielen Fallen sogar noch lange nicht massiv genug ausfallen. Es ist aber nicht auszuschließen, daß das Recht auf Kindesmißhandlung für Libertäre unter die Kategorie „Selbstverwirklichung mündiger Bürger“ fällt. Aber selbst wenn nicht, es gäbe in Libertaristan weder eine Rechtsgrundlage, um Eltern am uneingeschränkten Zugriff auf ihre Kinder zu hindern, noch ist davon auszugehen, daß die Kinder selbst genug Taschengeld aufbringen können, um sich im Notfall eine Kommandoeinheit mieten zu können, daß sie vor ihren Peinigern rettet.

Sozialleistungen erziehen zum Abhängig-sein mit den entsprechenden Reaktionen. Die jeweiligen Ämter haben überdies die Tendenz, die ihnen Schutzbefohlenen der administrativen Einfachheit wegen räumlich zu konzentrieren. Auf diese Weise entstehen Ghettos mit den bekannten Wirkungen. Ökonomisch gesehen geht der Netto-Transfer von Sozialleistungen auch immer in die Mittelschicht, die das Personal in der Administration und in der Sozialarbeit stellt. Objektiv hat der Sozialstaat die Tendenz, die unteren Schichten und die Randgruppen weiter zu verarmen und darüber hinaus zu entmündigen. Beides steigert letztlich die Kriminalität.

Also man kann dem real existierenden Sozialstaat ja einiges hinsichtlich seiner Effizienz vorwerfen, auch daß hier oft zugunsten der Mittelschicht umverteilt wird, während die wirklich Bedürftigen die Zeche zahlen (man denke nur an die unsäglichen Theatersubventionen für die Oberschicht, die von Proletariern bezahlt werden, die in ihrem Leben nie ein Theater von innen sehen werden). Aber so wenig wie beim libertären Modell läßt selbst die unfähigste Sozialbürokratie den Armen nicht. Denn in einer staatenlosen Gesellschaft haben die Ärmsten unter ihnen nicht nur zu wenig, sondern nichts. Und zwar nichts im Sinne von NICHTS.

So wenig wie das Sozialarbeits-Konzept funktioniert die Idee der „Resozialisierung“ in Gefängnissen. Die Anstrengungen zur „Resozialisierung“ gehen davon aus, daß die Entscheidung zur Kriminalität unbewußt und irrational sei. Demgegenöber bleibt festzuhalten, daß die Entscheidung zu einer kriminellen Karriere meist ökonomisch sinnvoll ist; beispielsweise bleibt einem „illegalen“ Ausländer kaum eine andere Chance, sich zu reproduzieren; einem Drogenkonsumenten oder Drogenhändler bleibt nichts als die Illegalität; Menschen in den durch die Sozialämter geschaffenen Ghettos haben angesichts eines durch hohe Lohnnebenkosten, Mindestlohn- und Tarifgesetze sowie restriktive Zugangsbeschränkungen geschlossenen Arbeits-„marktes“ keine andere Möglichkeit, selbständig und wördevoll zu handeln, als eben kriminell. „Resozialisierung“ antwortet auf keines der objektiven und rationalen Gründe, eine kriminelle Karriere einzuschlagen, und kann demzufolge Kriminalität nicht eindämmen.

Mit anderen Worten: Falls ein Jugendlicher wegen einer Straftat eingesperrt wird, dann kommt er in eine Zelle und den Schlüssel werfen wir weg, denn Resozialisierung ist ja für Warmduscher, und unresozialisiert kann man ihn wiederum auch nicht rauslassen, weil Familie K. als Auftraggeber des Justizunternehmens, das den Jugendlichen verurteilt hat, dann ja auf Beitragsrückerstattung klagen könnte. Andererseits, die Zelle kostet ja auch wieder Geld, da ein Gefängnis nun mal weniger Einnahmen bringt als ein 4-Sterne-Hotel. Hm, mal überlegen, vielleicht zum nächsten Stichtag den Security-Anbieter wechseln, bei der neuen Online-Direktversicherung erschießen sie sie einfach, um sich das Filialnetz zu sparen, mit Selbstbeteiligung für die Munition macht das…

Die „linke“ Drogenpolitik wird aufgrund ihrer Halbherzigkeit kontraproduktiv. Die Einstiegsdrogen werden freigegeben, der Drogenmarkt insgesamt unterliegt weiterhin der Prohibition. Bei der Jugendbande, die die Familie K. bedroht handelt es sich jedoch nicht um Hasch-Rebellen der 60er Jahre, sondern um Drogendealer mit der ganzen Produkt-Palette. Die Freigabe sogenannter „weicher“ Drogen ist ebenso untauglich wie es die bekannten katastrophalen Auswirkungen der Alkohol-Prohibition eindämmen würde, wenn etwa Bier ausgenommen wäre. Also auch dies kein Punkt, der wirklich auf das Sicherheitsbedürfnis der Familie K. antwortet.

Daß die Prohibitionspolitik gescheitert ist, steht außer Frage. Nur wieso muß man mit Ihr gleich den ganzen Staat abschaffen? Mit staatlichen Strukturen ginge das ganz genau so, die Freigabe von Drogen ist also weder ein Argument für noch gegen den Staat. Aber wer weiß, vielleicht erkennt man die Niederlande in libertären Kreisen ja auch nicht als souverän an, sondern betrachtet sie nur als überdimensioniertes Gewächshaus mit angehängtem Wohnwagen, das bestenfalls als Ersatz dient, wenn mal wieder die Torwand im aktuellen Sportstudio umgefallen ist. ;-)

[…] Zweifellos nicht verfehlt, sondern funktional und erfolgreich muß die Sicherheitspolitik angesehen werden, wenn man sie unter der Prämisse der Selbsterhaltung und des Ausbaus der bestehenden staatlichen Machtstrukturen interpretiert. Mit der Drogenpolitik beispielsweise werden Kriminelle produziert, an denen der Staat mächtige Aktivität demonstrieren kann. Gleichzeitig entsteht nicht die Gefahr, daß seine Aktivität erfolgreich ist und auf diese Weise die Legitimation för sein Mächtig-sein schwindet.

Soso, der Staat schafft künstlich Kriminalität, um dann dagegen vorzugehen. Gibt ja auch nicht genug davon, logisch, da muß man da eben ein bisserl nachhelfen. Wie es aussieht, kommen also auch die Libertären nicht ohne eine zünftige Verschwörungstheorie aus. Das kommt davon, wenn man die Demokratie nicht mal ansatzweise begreift. Dort muß man nämlich anders als in libertären Gefilden noch Zustimmung für Entscheidungen bekommen. Wenn die Bürger alle für die Freigabe von Drogen wären, würde kein Politiker es wagen, sich dagegen auszusprechen. Sind sie aber nicht. Zur deutschen Tradition gehört eben „saufen = gut, kiffen = böse“. Bier ist ein Nationalheiligtum, Rauschgift hingegen kommt aus Talibanistan. Wenn das eine Verschwörung ist, dann keine der politischen Elite, sondern eine der Mehrheit am Stammtisch.

Es ist wohl kaum ein Zufall, daß die amerikanische Prohibition, die das organisierte Verbrechen schuf, unter dem die Amerikaner noch heute leiden, in gerade die kritische Phase fiel, als das eher lockere, liberale Gebilde Amerika in einen mächtigen Megastaat verwandelt werden sollte. Daß der Krieg gegen die Drogen ausgerufen wurde, als der Neoliberalismus in den USA zu einer Massenbewegung zu werden drohte. Und daß die Verschärfung des Asylrechts in Deutschland in eben jener Zeit fiel, in der die Börger des Staates und seiner Politiker so offensichtlich öberdrüssig zu werden schienen.

Klar, wo es um Verschwörungstheorien geht, darf ein Hinweis auf die USA natürlich nicht fehlen, sonst ist das ja nur das halbe Vergnügen.

Auch der Ausbau des Wohlfahrtsstaates läßt sich in dieser Weise viel besser verstehen. Der kräftige Schub zum Wohlfahrtsstaat in den 60er Jahren war ein gigantisches Arbeitsbeschaffungsprogramm för eine rebellische Jugend, die auf diese Weise in staatsnahen Tätigkeitsfeldern untergebracht werden konnte. Selbstverständlich mußte der Wohlfahrtsstaat derart eingerichtet werden, daß nie Mangel an Randgruppen besteht, denen man sich zuwenden kann.

Also das ist zugegeben jetzt mal eine echte Neuerung! Den Sozialstaat und die damit verbundenen Bürokratie in eine Verschwörungstheorie zu packen ist wenigstens eine halbwegs originelle Variante, das muß man den Libertären lassen. Kritik am Beharrungsvermögen der dort Beschäftigten, die sich nun mal ihren Lebensunterhalt sichern wollen, wäre wohl zu einfach gewesen, da müssen schon finstere Mächte am Werk sein, die das ganze weitsichtig steuern. Es ging also nie darum, durch finanzielle Wohltaten für die Masse der Bürger einfach nur die nächste Wahl zu gewinnen, sondern darum, steinewerfende 18-jährige in ferner Zukunft mit wohldotierten Posten ruhigzustellen. Klingt logisch, wo doch jeder weiß, daß unsere Politiker nie an das eigene Wohl denken, sondern immer nur an das jener jüngeren Parteifreunde, die an ihrem Sessel sägen, damit die sie bei der über-über-über-nächsten Wahl besser von ihrem Posten vertreiben können.

[…] 5. Bleiben wir bei der Sicherheitspolitik. Wie müßte eine liberale Sicherheitspolitik „jenseits von rechts und links“ aussehen, die sich nicht funktional zum Staat, sondern funktional zum Bedürfnis der Bürger verhält?

Der erste und kaum zu unterschätzende Ansatzpunkt ist eine Entkriminalisierung von Drogen sowie von allen anderen opferlosen und konsentuellen Delikten. […]Die Prohibition ist auch die festeste Grundlage, auf der das organisierte Verbrechen aufbaut.

Stimmt inkl. des ganzen Rattenschwanzes an nachfolgenden Argumenten. Nur ist dummerweise wieder keines dabei, daß zugleich auch eines gegen den Staat als solchen wäre. Denn die genannten Punkte sind innerhalb eines staatlichen Rahmens nicht nur genauso richtig, sie ließen sich so sogar deutlich leichter durchsetzen. Falls das den Staatskritikern nicht auf Anhieb ersichtlich ist, spätestens wenn die Alkoholgegner aus dem benachbarten Islamistenkollektiv den Libertären ihre Meinung zum Thema „alkoholische Gärung“ mitteilen, werden sie verstehen, was damit gemeint ist. Zumindest sofern sie es überleben.

Auch die Restriktionen, denen Menschen aus dem Ausland unterliegen, wenn sie nach Deutschland kommen wollen, sind eine Art Prohibition. Eine Entkriminalisierung des Aufenthalts in Deutschland würde ebenso den Nachwuchs för kriminelle Banden reduzieren. Darüber hinaus müßte das Arbeitsverbot för Asylanten aufgehoben werden, und es müßte die Verfolgung der sogenannten Schwarzarbeit aufhören, damit diese Menschen für ihren eigenen Unterhalt legal sorgen können. Unter der Voraussetzung, daß es für ausländische Menschen keine Ansprüche auf Sozialleistungen gibt, würde sich der Zuzug nach dem objektiven Arbeitsplatzangebot regulieren, ohne daß es polizeilicher Überwachung bedürfte. Als im 19. Jahrhundert in Rußland antisemitische Pogrome herrschten, flohen hunderttausende sogenannter „Ostjuden“ nach London. Sie erhielten dort keine staatliche Unterstötzung und ernährten sich durch eigene Hände Arbeit. Die Bedingungen waren nicht optimal, aber immer noch besser, als den Schlächtern zum Opfer zu fallen. Mir ist nicht bekannt, daß die englische nationale Identität durch diese Einwanderungsflut gelitten hätte.

Hier wird’s wieder problematisch. Denn wenn man die Ursachen für die Flucht nicht bekämpft, entvölkern sich jene Gegenden, wo besagte Schlächter die Oberhand behalten, zumal sie ja ungehindert ins libertäre Paradies strömen können. Ganz unabhängig von den sozialen Folgen für diese Inseln der Glückseligkeit ist das geradezu eine Aufforderung an die diversen Völkermörder, neben politischen Gegnern auch gleich noch alle unnützen Esser außer Landes zu jagen. Und nachdem wir uns auf der Landkarte angeschaut haben, welche dieser Terrorregime sich damit auch noch die Kontrolle über die diversen strategisch wichtigen und gut bezahlten Rohstoffe verschafft haben, reden wir noch mal drüber, wer sich dann welche wie gut ausgerüstete Profi(t)armee leisten kann.

Die Aufhebung prohibitiver Regelungen setzt an einer wichtigen Ursache för einen großen Bereich der Kriminalität an.

Kinders, das ist doch nicht so schwer! Natürlich wäre das für den Arbeitsmarkt in der organisierten Kriminalität eine Katastrophe. Das bestreitet doch auch keiner. Aber nur weil es in einer Branche keine Arbeitsplätze mehr gibt, heißt das doch nicht, daß dort damit automatisch auch die Arbeitslosen verschwinden! Was ist denn das für eine schwachsinnige Logik? Eberhartingers Eingangszitat steht nicht da oben, um die Mises-Jünger zu verhöhnen (zumindest nicht ausschließlich). Es muß also nicht nur eine realistische – und für die Betroffenen nachvollziehbare! – Perspektive geben, die attraktiver ist, als den ersehnten 3er-BMW irgend so einem libertären Yuppischnösel mit vorgehaltener Waffe einfach wegzunehmen, sondern auch einen Weg, den Bauch des ehemaligen Drogendealers so voll zu kriegen, daß er zu träge ist, um heute abend noch zur Kalaschnikow greifen zu wollen.

Um den Schutz der Bürger vor dennoch wohl nicht zu verhindernder Gewalt zu verbessern, ist die Entmonopolisierung der Polizei erforderlich. Sicherheit wäre dann eine Ware wie jede andere, die durch Angebot und Nachfrage zustande käme. Jeder Mensch erhielte genau den Schutz, der ihm vom Preis-Leistungsverhältnis her angemessen erscheint.

Sprich wer kein Geld hat – wie z.B. der arbeitslose ehemalige Drogendealer – hat auch keine Sicherheit. Außer er stellt sich selbst als Söldner für ein Sicherheitsunternehmen zur Verfügung. Wie so was dann im einzelnen aussieht, läßt sich sehr anschaulich hier nachlesen. Damit wäre dann auch klar, wie in einer libertären Gesellschaft Hungerprobleme gelöst werden: Der Krieg ernährt die Krieger.

Natürlich mößte die Entmonopolisierung der Polizei mit einer drastischen Steuersenkung einhergehen, die genau dem Anteil entspricht, den jeder jetzt för die Monopolpolizei entrichtet. Zweifellos würde eine entmonopolisierte Polizei das Produkt Sicherheit der heutigen Struktur gegenöber völlig umgestalten.

Davon kann man ausgehen, aber hallo! Die Verhörmethoden würden ohne staatliche Kontrolle ganz gewiß völlig umgestaltet. Die Gesichter der zu Verhörenden übrigens auch, vor allem wenn die Polizisten erst mal nach der Zahl der Geständnisse bezahlt werden, und gleichzeitig keine Institution mehr da ist, die es interessiert, wie besagte Geständnisse zustande gekommen sind.

Schutz würde von Festnahme gehen und Regreß vor Strafe.

Mit anderen Worten: Wer schneller schießt, der länger lebt. Außer wenn es alle tun. Dann geht der Schuß im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten los.

Denn niemand ist, ausgenommen in den seltenen Situation extremer Rachegefühle, an Einkerkerung und Bestrafung interessiert, sondern vielmehr daran, erst gar nicht beraubt, überfallen oder verletzt zu werden. Und niemand hat etwas davon, wenn ein Täter bestraft wird, sondern jeder möchte, daß ihm der entstandene Schaden einschließlich der Opportunitätskosten ersetzt wird. In allen nicht-staatlichen Rechtssystemen stand auch Abwehr und Restitution im Vordergrund. Gefängnis und Strafe sind als vorgebliche Lösung der Sicherheitsfrage eine Erfindung des modernen Staates.

Das geht schlicht und einfach an der Realität vorbei. Rachegefühle sind etwas so menschliches wie verbreitetes. Wenn es um den Verlust geliebter Menschen geht, ist der Anblick des ebenfalls leidenden Täters sicherlich wichtiger, als wenn der einem einfach einen Scheck unterschreibt und wieder fröhlich pfeifend nach Hause geht. Und wenn es erst mal keinen Staat und keine Regeln mehr gibt, dafür aber vollautomatische Waffen an jeder Straßenecke, dürfte dies der Eindämmung der – dann nicht einmal mehr durch die Grausamkeiten der Gefängniskantine gestillten – Rachebedürfnisse kaum zuträglich sein.

Was hätte Familie K. von diesen liberalen Maßnahmen? Längerfristig wäre sie gar nicht in die beschriebene Situation gekommen, weil die Grundlage für die Bandenbildung entzogen worden wäre.

Wie das denn plötzlich? Da ist ja nicht mal ein Zopf zu sehen, an dem sich die Libertären hier hochziehen könnten! Es gibt eine Menge arbeitsloser, schlecht ausgebildeter Elendsgestalten mit oft bereits kriminellem Hintergrund, die sich mit Unmengen ebenso perspektivloser Flüchtlinge um die wenigen Plätze in den Suppenküchen der Heilsarmee prügeln, die aber alle gleichzeitig Zugriff auf ein weder reguliertes noch regulierbares Waffenarsenal sowie einen schönen Blick auf die Mauern um die prachtvollen Vorgärten der Wohlstandsbürger haben. Was bitte schön ENTZIEHT da der Bandenbildung die Grundlage? Im Gegenteil, es erzwingt sie geradezu, denn in dieser Horrormischung aus Mad Max und Rio de Janeiro sind die Menschen außerhalb der schwerbewachten Sicherheitszonen als einzelne Individuen nur noch Freiwild, das mangels Geld für Polizeiversicherung und Justizplakette von jedem straflos getötet werden kann.

Da wir aber langfristig alle tot sind, kommt es auch auf kurzfristige Wirksamkeit der Maßnahmen an. Die Entmonopolisierung der Polizei würde den K.s die Möglichkeit geben, sich dort zu versichern, wo ein ihnen angemessener Schutz angeboten wird.

Wieso können Libertäre, die ja von Wirtschaft doch eigentlich mehr Ahnung haben sollten als Sozialisten, partout nicht den Zusammenhang von Einnahmen und Ausgaben erkennen? Das geht ja schlimmer zu als auf einer SPD-Wahlkampfveranstaltung der 70er-Jahre! Dagegen sind ja selbst spinnertste marxistische Endzeittheorien vom Arbeiterparadies auf Erden noch ein Ausbund an Realismus. Noch mal in ganz simplen Worten zum Mitschreiben: Kein Geld – kein Schutz. Kein Schutz – tot. Und zwar subito, nicht langfristig. Was ist daran so schwer zu verstehen?

Sie hätten erheblich weniger Steuern bezahlt und ähnlich wie bei einer Krankenversicherung in einen privaten Wachdienst eingezahlt.

Die Reichen. Die Mittelschicht hingegen erheblich mehr. Die Armen wiederum zugegeben weniger. Viel weniger. Nämlich gar nichts. Sie werden sich diesbezüglich melden, die Armen.

Da die K.s gemessen an dem Sicherheitsbedarf von Politikern, Unternehmern, Stars und anderen exponierten Persönlichkeiten nur ein eher bescheidenes Schutzbedürfnis haben, wären sie wohl erheblich preisgünstiger als bei der Monopolpolizei weggekommen. Sie hätten den Rest sparen und jetzt auf den Schreck hin in Urlaub fahren können.

Meine Güte, so naiv kann man doch gar nicht sein! Urlaub!? Mit welchem Auto bitte schön? Das hätten sie längst abliefern können. Wer will das denn verhindern? Glauben die Libertären wirklich, ein unterbezahlter Wachmann ist so blöd und liefert sich eine Schießerei mit einer Horde von hungernden Elendsgestalten, die nicht mal mehr Ketten zum Verlieren haben, dafür aber genügend Patronengurte? Und das alles nur um Familie K. den Urlaub zu retten? Da wird Familie K. wohl selbst zur Waffe greifen müssen. Und hoffen, daß die Angreifer nicht wesentlich zahlreicher sind als die eigene siebenköpf’ge Kinderschar, die sie sich in weiser Voraussicht auf die libertäre Zukunft vor mehr als 15 Jahren ervögelt und anschließend zwecks Steigerung der Wehrfähigkeit hoffentlich in den Schützenverein statt aufs Gymnasium gesteckt hat. Denn nicht für die Schule, für das Leben lernen wir (schießen).

[…] „Weniger Politik ist mehr Freiheit. Weniger Staat bedeutet mehr Bürgergesellschaft.“

Eben, weniger Staat. Kein Staat hingegen bedeutet keine Gesellschaft. Und zwar mangels Bürgern. Die Überlebenden unter ihnen sind dann nämlich geflüchtet. Voraussichtlich in einen Staat.

~ von Paul13 - Samstag, 8. März 2008.

32 Antworten to “Blanker(tz) Wahnsinn”

  1. Letztendlich würde eine staatsfreie Welt höchstwahrscheinlich zum Zusammenbruch unserer Wirtschaft werden. Das funktionieren einer global agierenden Wirtschaft hängt eben auch von der Existenz gemeinsamer Rechtsnormen ab, auf die sich die Handelspartner verlassen können.
    Handel und Austausch werden enorm erschwert, wenn man sich nicht darauf verlassen kann, dass Vertragsbruch vor Gericht bestraft wird oder wenn Unklarheit Herrscht über Eigentumsverhältnisse.
    Wie eine staatsfreie Wirtschaft funktioniert, sieht man in jedem Slum: Mangels gesicherter Eigentumsverhältnisse und Rechtssicherheit gibt es wenig Anreiz für Investitionen und kaum Handel über Verwandschaftsverhältnisse hinaus.
    Alles gut Nachlesbar in dem empfehlenswerten Buch „Freiheit für das Kapital!“ von Hernando de Soto.

  2. @Paul13: Ihr könntet für Euren konsequenten, alle „doitschen Wege“ bekämpfenden Kurs locker (links)libertäre Sympathien gewinnen. Wenn Ihr nur endlich einmal anfangen würdet, Andersdenkende nicht immer gleich als Irre und Wahnsinnige (im günstigeren Falle) oder faktische Verbündete des schlechthin Bösen zu betrachten. Dieser Manichäismus und dieser Gift-und-Galle-Stil untergräbt Eure Position mehr als die Inkonsistenzen Eurer prowestlich-säkular-wilsonianischen „Welterrettungstheologie“!

  3. @ lydia4krasnic
    Was die faktische Zusammenarbeit mit den Mächten des Bösen angeht, die kann man leider schlecht verschweigen, nur weil sie den Betreffenden unangenehm ist.

    Das mit dem Wahnsinn war aber nur ein Wortspiel, keine Sorge. Ich halte Blankertz natürlich weder für wahnsinnig noch für dumm. Er hat halt nur nicht recht.

    Wobei wir von Seiten der Libertären noch ganz andere Beleidigungen hören. Ich sage nur „Staazis“ und so. Und trotzdem fange ich da nicht gleich an zu weinen.

    Die Illusion mit den Bündnispartnern unter den Libertären, an die ich selber auch mal geglaubt habe, habe ich mir aber inzwischen abgeschminkt.

  4. @ Paul,

    Es hätte auch genügt dem Blankertz folgendes Zitat von Mises unter die Nase reiben:

    „Liberalismus ist nicht Anarchismus: Liberalismus hat mit Anarchismus nicht das geringste zu tun. Der Liberalismus ist sich darüber ganz klar, dass ohne Zwangsanwendung der Bestand der Gesellschaft gefährdet wäre, und das hinter den Regeln, deren Befolgung notwendig ist, um die friedliche menschliche Kooperation zu sichern, die Androhung der Gewalt sthen muss, soll nicht jeder einzelne imstande sein, den ganzen Gesellschaftsbau zu zerstören.“

    Die Libertären halten eben auch Karnickelkacke für Rosinen, wenn sie den Kuchen plündern.

    Libertäre können sich also nur selektiv auf Mises berufen und du brauchst ihnen deshalb nicht zu unterstellen, sie hätten mehr Ahnung von Wirtschaft wie Sozialisten. Deine Gleichung hätte also besser lauten können: Kein Staat – kein Geld – kein Schutz des Eigentums (und mag es auch noch so gering sein) – keine Wirtschaftsrechnung und kein freier Austausch.

    Also lass die Libertären sich selbst aber nicht die Freiheit und den Liberalismus in die Tonne klopfen.

  5. Keineswegs bedarf es eines Staates, um global handeln zu können. Kaufleute haben sich schon vertragen, als es noch keine Staaten gab und auch heute wird rechtsraumübergreifend, eben global und nicht national, gehandelt. Alle notwendigen Instrumente und Institutionen haben die Beteiligten selbst entwickelt. Einfach einmal ein bißchen Import/Export machen, dann merkt man schnell, daß Staaten nur stören.

  6. @alibaba: Darum musste ja Mises durch Rothbard erst veredelt werden! :)

  7. @ stefan,

    natürlich wurde der Handel durch Piraterie, Raubritter, Zoll- und Mautstationen hinter jeder Wegbiegung mächtig gefördert. Solch undeutsche Erfindungen wie Kredit, Wechsel, doppelte Buchführung und bargeldloser Zahlungsverkehr, sowie eine durch eine Zentralbank gesicherte und konvertible Währung sind sowas von übel, obwohl oder weil sie dich im libertären Wolkenkuckuksheim leben lassen.

  8. @ lydia,

    Wodurch unterscheidet sich Rothbard von Bakunin oder Marx, die in ähnlicher Weise den („bürgerlichen“) Staat verachteten und ihn abschaffen wollten?

    Nach Blankertz Eingangszitat stellt Mises ja fest, dass eine liberale Regierung nur durch die Macht einer „einmütigen“ Volksmeinung erzwungen werden könnte und deshalb ein Widerspruch in sich selber wäre. Denn eine „einmütige“, d.h. ungeteilte Macht des Volkes ist das genaue Gegenteil einer liberalen Demokratie, deren Basis die Gewalten- bzw. Machtteilung ist.

    Spätstens 1935 wäre Hitler, nachdem er alles was rechtsstaatliche Instutionen ausmachte beseitigt hatte und durch Partei, SS, Gestapo ersetzt hatte, mit einer fast „einmütigen Volksmeinung“ im Amt bestätigt worden. Ludwig Mises war dennoch nicht glücklich darüber soviel Libertät. Tja – Rothbard ist zumindest zu Gute zu halten, dass er bis zum Lebensende, vielleicht auch unfreiwillig, in den USA lebte. Man kann dort nämlich ziemlich gefahrlos über den kriminellen Charakter des Staates schwadronieren.

  9. Piraten, lieber „alibaba“, waren sehr häufig im Auftrag ihrer Majestät unterwegs, so, um zum Beispiel die britische Seevorherrschaft auszubauen. Raubrittertum bekamen die Menschen in den Griff, ohne daß es eines Staates bedurfte (die gab es ja noch nicht), ja es gelang sogar durch Einsicht und Änderung derselben. Der Raubritter wandelte sich also, es bedurfte keines „Stärkeren“ und gerade keines Gewaltmonopolisten, der hier drohend und strafend agierte.
    Zoll- und Mautstationen wurden und werden von Staaten und ihren Vorläufern, den traditionellen Territorialherrschern betrieben. In der Tat stören sie den Handel. Kredit, Wechsel und doppelte Buchführung sind vorstaatliche Errungenschaften und stammen schon aus dem Mittelalter und weit davor. Bargeldloser Zahlungsverkehr ist lediglich eine moderne Technik, die auch kein Staatsbeamter erfunden hat. Bei Nationalstaaten übergreifenden Handel bedienen sich die Akteure zum Beispiel des Akkreditivs, welches völlig ohne Staaten auskommt. (http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/akkreditiv/akkreditiv.htm) Was ich damit sagen will: Wirtschaften, Handeln und Produzieren ist zumindest ohne Staat möglich. Auch ist Herrschaft des Rechts unabhängig von (staatlichen) Territorien denkbar. Nicht nur benachbart, auch auf demselben Territorium können beispielsweise Rechtssysteme konkurrieren (http://de.liberty.li/magazine/?id=4631). Muß man ja nicht machen, ist aber denkbar. Im übrigen hat es Raub, Nötigung und Diebstahl immer gegeben und gibt es auch da, wo Staaten herrschen. In den meisten Staaten ist es allerdings inzwischen so, daß diese – anstatt Rechtsssicherheit zu garantieren – selbst die Bürger nötigen, Steuern und Abgaben zu zahlen, und ohne Hemmungen die eigenen Bürger auch zu bestehlen und zu berauben (von Tricks wie der Geldmengenausweitung ganz zu schweigen). Das ist unbestreitbar und man muß schon ganz schön verklärt oder ausschließlich staatsgebildet sein, um das nicht zu sehen. Es hat auch nicht immer schon Steuern gegeben und selbst da, wo es diese gab, hatten diese nicht immer denselben Charakter. In Deutschland kommt hinzu, daß das Niveau dieser Beutezüge und die Dichte der Vorschriften sehr hoch sind.
    Abschließend möchte ich noch anmerken, daß ich nicht in Wolkenkuckucksheim lebe, sondern im Rheinland und einige Jahrzehnte Lebenserfahrung mein eigen nenne. Vom Beamten bis zum Selbständigen, vom Waschmaschinenverkäufer bis zum Geschäftsführer, vom Singledasein bis zum Familienvater, habe ich – immer reflektierend – einiges erlebt und geschafft. Dabei war ich unter anderem auch Mieter, Hausbesitzer, Student (mit Diplom), Angestellter, gesetzlicher Sequester, Insolvenzverwalter und selbst Hartz-IV Empfänger, aber auch erfolgreicher Handwerker, Unternehmer und internationaler Großhändler, war (auch partei-) politisch aktiv und bin Kirchgänger. Mit geerdeten Erfahrungen bin ich also reich gesegnet. Die Illusionen der allgegenwärtigen Staatspropaganda verfangen bei mir daher nicht mehr.

  10. @ Stefan Sedlaczek

    „Die Illusionen der allgegenwärtigen Staatspropaganda verfangen bei mir daher nicht mehr.“

    Klar, und wenn die BRD sich in den 80er-Jahren in ein libertäres Nichts verwandelt und die US-Besatzer nach Hause geschickt hätte, hättest Du den Warschauer Pakt dadurch besiegt, indem Du seinen Soldaten erklärt hättest, daß sie ja nur eine Illusion sind.

  11. Interessante und lebendige Diskussion. Danke.
    Drei kleine Anmerkungen:
    1. Das Mises-Ziat mit der „einmütigen Volksmeinung“ verstehe ich nicht so, dass Mises eine „einmütigen Volksmeinung“ per se für richtig/gut hält (also auch die, Hitler, Stalin oder … zu bejubeln, sondern im Sinne von „müsste“/“sollte“/“kann nur“/“Könnte nur“.
    2. Das Mises-Zitat gegen den Anarchismus ist mir bekannt. Es gibt auch ein Mises-Zitat, der (italienische) Faschismus habe die Zivilisation vor dem Bolschewismus gerettet (am Rande: Wie gut, dass Sauerkraut die Welt vor dem Blankertzismus und seiner Bedrohung der Zivilisation rettet). Etwas ist nicht wahr, weil Mises (oder jemand anderes) es sagt, sondern etwas ist wahr, wenn es wahr ist. Selbst Hitler hätte wahrscheinlich zugegeben, dass 2+2=4 ist. Dadurch wird die Aussage nicht falsch.
    3. Ein Dementi. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker (obwohl es Verschwörungen in der Politik gibt). Der Staat schafft Kriminalität nicht als Verschwörung, die jemand anzettelt. Sondern das ist eine Systemwirkung. Dies ist übrigens (leider) nicht eine Theorie, die aus meinem Wahnsinn erwachsen ist, sondern aus dem von Michel Foucault („Überwachen und Strafen“).

  12. also: ich verstehe schon mal GAR NICHT, warum die Polizei jene, die gedroht haben, hätte verfolgen sollen. Oder plädiert B hier etwa für Präventivstrafen – die Drohung könnte umgesetzt werden?

  13. „Auf diese Weise entstehen Ghettos mit den bekannten Wirkungen.“

    So ein Topfen – ohne Sozialarbeit würden Arbeiterfamilien in Villenvierteln leben, oder wie?

  14. Also, ich verstehe schon mal gar nicht: Sind Villenviertel der einzig mögliche Gegensatz zu Ghettos? Und sind Präventivstrafen der einzig mögliche (oder überhaupt eine sinnvolle Form von) Schutz?

  15. @ stefan S.,

    schon tolle Kerle, diese Raubritter! …und der höhere Adel erst – kamen die doch ohne Gewaltmonopol aus.

    ….und deine Biografie erst – tolle Leistung! ….und alles ohne Staat und sonstige Institutionen! (Besonders der Insolvenzverwalter!)

  16. P.S. „Der Betreiber dieses Blogs ist Teil der zionistisch-neokonservativ-kapitalistischen Weltverschwörung“ – Interessant: Im Zionismus gab es eine (sozialistisch-)anarchistische Strömung (Gustav Landauer, Martin Buber, beides interessante Denker). Martin Buber drückt am Ende seines Buches „Pfade in Utopia“ (1950) die Hoffnung aus, trotz der von ihm abgelehnten Staatsgründung werde Jerusalem zum Gegenpol von Moskau – als Symbol eines FREIEN Sozialismus. (Leider hat sich die Hoffnung nicht materialisiert.)

  17. Auf Foucault verweisen und kein Verschwörungstheoretiker sein zu wollen ist auch ein Ding der Unmöglichkeit.

    Marx, weniger Bakunin und seine Epigonen, waren sich durchaus darüber klar, dass sie zur Abschaffung des verhassten Staates Macht benötigen. Nun könnte man ja annehmen, weil die Libertären mit Foucault Macht nur als systemimmanentes Phänomen (die typische Umschreibung eines Verschwörungszusammenhangs) denken können.

    Man könnte ja nun annehmen, dass die Libertären wegen dieses bösen Phänomens auf die Abschaffung des Staates verzichten und sich dem systematischen und endlosen Gegreines über das System hingeben, was in den meisten Fällen wohl auch geschieht. Man gefällt sich eben in der Rolle am System verzweifelnden, organischen Intellektuellen.

    Andererseits gibt es höchst aktuelle Beispiele wie anarchistische, libertäre, kommunistische und faschistische Staats-, Macht- Systemverächter, die mit aller Macht zur Macht drängen und wenn sie dabei über Leichen gehen müssen. Der kleinste Anarchistenzirkel wird dabei immer seinen Willen zur Macht als einhelligen Volkswillen darzustellen wissen.

    Noch eines Meister Blankertz: „…soll gesagt haben“, ist keine korrekte Zitierweise.

  18. @alibaba
    Spotte er nur. Wenn da nicht mehr ist.
    Der höhere Adel hatte im übrigen kein Gewaltmonopol. Zu dieser Zeit hatte niemand ein Gewaltmonopol. Dies wurde erst später erdacht, als neutraler und befriedender Dritter sozusagen. Diese Idee darf inzwischen wohl als Illusion und gescheitert angesehen werden. Und daß meine Biografie – wie die jedes anderen hier – in staatlichem Kontext gestanden hat und steht, ist ja unbestritten. Ob es mit Staat gut war oder ohne Staat besser gewesen wäre, ist und sein könnte, das ist die Frage. Und vieles, was sich Institutionen nennt, sind doch nur Zelte in der Geschichte. Ehe, Familie, Eigentum und die Kirche, das sind Institutionen. Staat und Parlamente und diese ganzen Bürokratien und unrechtmäßgen Herrschaften sind weit davon entfernt, geschichtlichen Institutionen auch nur das Wasser zu reichen. Im übrigen ist meine Biografie nicht nur von Leistung getragen, sondern auch von Versagen. Ich schiebe nicht alle Schuld dem „Staat“ und seinen Lakaien in die Schuhe. Und es ist weder alles schlecht, wo Staat draufsteht, noch alles gut. Wenn man aber die Idee von Staat und Staatlichkeit verteidigt, sollte man Argumente zu seinen Gunsten aufweisen können. Und man sollte zumindest Nicht-Staat denken und sich vorstellen können, sonst ist man schlichtweg im Staatlichkeitswahn (Blankertz/Goodman 1980) gefangen. Wie will ich über etwas reden und vergleichen, wenn man nur das eine kennt und sich vorstellen kann? Dasselbe gilt für Steuern: http://www.steuern-abschaffen.de
    Ich lese also bitte hier demnächst eine gutbedachte Verteidigung der Idee und der Praxis von Staat und Steuern. Für meinen Teil muß ich für heute Schluß machen: Bis morgen muß die Umsatzsteuervoranmeldung fertig sein. Das ist die Realität, die, in der ich lebe. Und die könnte auch ganz anders sein.

  19. @“Auf Foucault verweisen und kein Verschwörungstheoretiker sein zu wollen ist auch ein Ding der Unmöglichkeit.“
    Tut mir leid, da muss ich doch mal was belehrend werden: Eine Systemtheorie geht, wie der Name schon sagt, von Systemwirkungen aus. Eine Verschwörungstheorie von der bewussten Verschwörung „böser“ einzelner Individuen. Das ist ein Unterschied, der allerdings nicht besagt, dass eine Verschwörungstheorie automatisch falsch sein muss.
    @“weil die Libertären mit Foucault Macht nur als“
    „die“ Libertären ist gut formuliert, sehr korrekte Zitierweise. Mir ist nicht bekannt, dass Foucault zum kanonischen Bestand von „den“ Libertären gehört, auch wenn ich auf ihn verweise. So viel zur korekten Zitierweise.

  20. „Dieser Foucaultsche Machtbegriff ist schwer zu denken, da er einerseits Machtwirkungen auf analysierbare Strategien und Taktiken zurückführt, andererseits diese Absichten nicht auf die Entscheidung eines Subjektes zurückführt: Es könne gar möglich sein, dass niemand sie entworfen habe.“

    (Zitat aus wikipedia) Mit anderen Worten: Nichts Genaues weiß man nicht, aber Schizophrenie und Kriminalität sind systemimmanent. Obwohl man nicht genau weiß wie eine Organisation oder System überhaupt funktionieren.

    Gut – ich hätte vielleicht schreiben sollen, Stefan Blankertz, der sich für einen Liberalen oder Libertären hält…..
    Übrigens habe ich im o.a. Fall gar nicht zitiert aber du hast meine Worte nach deinem Geschmack falsch interpretiert.

  21. Toll. Wikipedia ist eine autoritative Instanz zur Interpretation von z.B. Foucault. Immerhin ist „nichts genaues weiß man nicht“ der Urgrund der abendländischen Philosophie. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ (Sokrates).

  22. @ Stefan Blankertz

    „Interessant: Im Zionismus gab es eine (sozialistisch-)anarchistische Strömung“

    Da kann man ja froh sein, daß diese Strömung sich nicht durchgesetzt hat, so nett und sympathisch sie vielleicht gewesen sein mag. Denn die bloße Vorstellung, was die Araber mit den Juden gemacht hätten, wenn die es mit einem libertären Modell statt einem auch militärisch leistungsfähigen Staat probiert hätten, könnte einem auch nachträglich noch Albträume verschaffen.

  23. @Paul13: Jeder, der Bubers „Ein Land, zwei Völker“ gelesen hat, weiß, dass es sich genau umgekehrt verhält. Hätte Buber mehr Einfluss gehabt, wäre der ganzen Region sehr viel Blutvergießen und Leid erspart geblieben.

  24. P.S.: Buber ist kein „Libertärer“ im heutigen Sinne radikalen Liberalismus, sondern ganz klar Sozialist. Aber ich halte mich nicht gern an enge Parteigrenzen. Denn der Kopf ist rund, damit das Denken nicht eindimensional wird.

  25. @ Stefan Blankertz

    Dann erklär mir doch mal, wie die Israelis sich ohne staatliche Strukturen gegen die arabische Übermacht hätten verteidigen können. Indem sich erst die libertäre Gemeinde Galilä Süd von den Jordaniern plattwalzen läßt und erst dann das Anarchistenkollektiv Galiläa Nord von den Syrern?

    Aber um noch mal auf meine Kritik an dem Sicherheitskonzept in Deinem Artikel zurückzukommen: Wie würdest du ohne kollektive Finanzierung verhindern, daß die Reichen nur noch einen Bruchteil für ihre Sicherheit zahlen, die Mittelschicht ein vielfaches und die Armen selbst kämpfen müssen?

  26. @ Blankertz,

    wie heißt es nun richtig: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, oder „ich weiß, dass ich nicht weiß“?

    @ Paul,

    Ich weiß nicht! (alibaba i.S. B’s)

  27. @ alibaba: Ich kenne es als „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Das Original ist ja Altgriechisch, sodass es wahrscheinlich mehrere Übersetzungsmöglichkeiten gibt.
    @ Paul13: Die Frage müsste nicht lauten, wie „ich“ das täte, sondern: Kann sich eine Gruppe von Menschen ohne Zwang (Steuern, ggf. Wehrpflicht) verteidigen? Da Verteidigung gegen äußere Feinde die erste soziale Funktion ist, die der Staat okkupiert hat (es ist nicht sein Urgrund – sein Urgrund ist die Aneignung fremder Arbeitsleistung), ist es auch am schwersten, sich hier Alternativen realistisch zu denken. Die Alternativen sind entweder hochgradig abstrakt (und werfen dann immer die Frage auf, ob die Rahmenannahmen realistisch sind) oder orientieren sich an marginalen Fällen, die zudem noch nicht „rein“ libertär sind (Somalia etc).
    Von mir werden keine „blueprints“ kommen. Goodman sagte mal, das Ärgerliche an den Leninisten sei, dass die Pläne hätten.
    Nur wer sich durch den Konformitätsdruck der Praxis das Denken nicht verbiegen lässt, hat nicht resigniert. Sagt Adorno (kein Libertärer im engeren Sinne).

  28. @ Stefan Blankertz

    Ok, wenn Ihr von vorneherein sagt, Ihr habt keine „blueprints“, sprich konkrete und damit notfalls auch falsifizierbare Vorschläge für aktuelle Fragen, sondern nur welche für eine Welt, in der es gar keine ernsthaften Probleme mehr gibt, die zu lösen wären, ist das natürlich Euer gutes Recht. Aber dann dürft Ihr Euch auch nicht beklagen, daß libertäre Ideen bis zum Erreichen dieses Zustands, was irgendwann kurz nach dem St. Nimmerleinstag sein wird, nur für die Inneneinrichtung des Elfenbeinturms herangezogen werden wird.

    Da lob ich mir zum ersten Mal in meinem Leben die Leninisten. Die beziehen wenigstens eine Stellung, die man dann zusammenschießen kann. Ihr habt dan zwar den Vorteil, daß Ihr Euch die Hände nicht selber schmutzig macht, aber eben den Nachteil, daß das dann Eure Todfeinde umso besser können. Und wenn Ihr nur den Elfenbeinturm verteidigt, heißt das noch lange nicht, daß die bösen Jungs ihn in Ruhe lassen, wenn sie mit dem Rest fertig sind. Unterm Strich bin ich jedenfalls enttäuscht. Von der libertären Idee hätte ich mehr erwartet.

  29. „wer sich durch den Konformitätsdruck der Praxis das Denken nicht verbiegen lässt, hat nicht resigniert. Sagt Adorno“

    Heisst so ungefähr: Nur wer sich beim denken nicht von der Realität beeinflussen lässt, kann libertärer bleiben…

  30. Den Vertretern des Elends waren denkende Menschen schon immer ein Gräuel und sind es noch. Früher wurden uns wenigstens noch „Brot und Spiele“ geboten, um uns abzulenken. Aber Sauerkraut? I pfui!

    P.S. Da Ihr libertäre Ideen sowieso für den Ungang des Abendlandes haltet, müsste es euch doch gefallen, wenn sie auf den St. Nimmerleinstag verschoben werden. Denn fehlende Umsetzung bzw. Umsetzbarkeit einer jedweden Idee kann sinnvoll nur derjenige bedauern, der die Idee im Prinzip gut und ihre Umsetzung wünschenswert findet.

  31. @ Stefan Blankertz

    Nein, zumindest mir gefällt das nicht. Denn die Lösungsansätze sind viel zu schade, dadurch diskreditiert zu werden, daß ihre Anhänger sich weigern, auch für die Frage ihrer Finanzierung sowie die der für ihre Durchsetzung notwendigen zivilisatorischen Mindestnormen eine Lösung anzubieten.

  32. […] hierzu auch: Die Irrtümer des Hans-Hermann Hoppe Harry Binswanger zum Thema Anarchismus Blanker(tz) Wahnsinn Objektivismus vs. Anarchismus (diverse […]

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