Am somalischen Wesen soll die Welt genesen


Jetzt ist auch offiziell: Jener Teil der deutschen Libertären, der mangels eigener Antworten den Blick lieber in die Ferne schweifen läßt statt sich einfach nur in den Schmollwinkel zurückzuziehen, hat doch tatsächlich Somalia zu seinem Shangri-La auserkoren. Unter dem Slogan „Recht ohne Staat ist machbar, Herr Nachbar!“ findet man den Verweis auf einen Text, in dem sich so schöne Sätze wie dieser finden:

„Die meisten Somalis gehorchen ihrem Gewohnheitsrecht und respektieren die Urteile ihrer Schiedsgerichte“

Statt universeller Menschenrechte tut es also auch das von aufoktroyierter westlicher Gefühlsduselei noch unberührte jeweilige örtliche Gewohnheitsrecht. Dabei sollte man sich das „die meisten“ genüßlich auf der Zunge zergehen lassen. Denn diejenigen, die zu „den wenigeren“ gehören, dürften die Begeisterung über die Vorteile des Lebens als „edler Wilder“ in solch einer Kalaschnikow-Anarchie nur sehr eingeschränkt teilen.

Das schreckt aber einen echten Staatsgegner nicht ab, denn dieses rustikale Rechtssystem hat gegenüber unserer trägen Gerichtsbarkeit einen wesentlichen Vorteil: „Es hat kein Zentrum und keine staatliche Exekutive oder Gerichtsbarkeit, sorgt aber für prompte und billige Rechtsdurchsetzung“. Bei „prompt und billig“ ahnt man denn auch, wieso die deutschen Libertären oft diesen eigentümlich freien Rechtsdrall haben.

Mit Verfahren durch mehrere Instanzen oder gar teuren und langwierigen Resozialisierungsversuchen hält sich der Libertäre von Welt demnach gar nicht mehr erst auf, obwohl er hierzulande eine derartige Hau-Ruck-Justiz kaum wirklich zu würdigen wissen dürfte. Das wirft natürlich die Frage auf, was ein halbwegs zurechnungsfähiger Erwachsener an so einem System reizvoll finden kann. Vermutlich das hier:

Auch hat das System, in dem Eigentumsrechte hoch im Kurs steht, erhebliche evolutorische Kapazität unter Beweis gestellt.

It’s the property, stupid! Auch wenn das eigene Leben hart am Rande von Hungersnot und Seuchentod entlangdümpelt – solange einem der Mangel nur selbst gehört, ist man in dieser Klientel schon mit weit weniger als dem zufrieden, was einem der Fiskus hierzulande übrigläßt. Angesichts der zauberhaften Idylle einer Subsistenzwirtschaft fragt man sich unweigerlich, wo denn da der Haken ist. Nun, der besteht nicht zuletzt darin, daß der verlinkte Artikel aus dem Jahre 2006 stammt:

Ob die erneuten, derzeitigen Versuche, diesmal von islamistischen Fundamentalisten, einen somalischen Staat zu errichten, an der Freiheitstradition etwas ändern werden, bleibt indes abzuwarten.

Wie wir, nachdem wir abgewartet haben, inzwischen wissen, wurden diese Hoffnungen seitdem gleich mehrfach zerstört. Zunächst durch die Machtergreifung eben dieser Fundamentalisten, die all die sympathischen Clans problemlos unter die Scharia zwingen konnten, später dann durch die Intervention der äthiopischen Armee, die wiederum besagte Islamisten genauso problemlos zum Teufel jagen konnte.

Nun werden die Graswurzellibertären – also die, die sich offenbar ernsthaft von Gras zu ernähren gedenken – all das wieder als Beweis für den schlechten Einfluß staatlichen Handelns sehen, und dabei nicht mal bemerken, daß eine libertäre Gesellschaft eben auch jenen Systemen Paroli bieten können muß, die der Idee des modernen selbstbestimmten kapitalistischen Individuums eher skeptisch gegenüberstehen.

An dieser Stelle wollen wir uns denn auch gnädigerweise ausblenden, denn Somalia ist gerade dank des inzwischen nachlassenden Interesses von Nachbarstaaten wie Weltöffentlichkeit wieder auf dem besten Wege zurück in diesen paradiesischen Urzustand, in der nicht mehr eine finstere Zentralgewalt die Macht kontrolliert, sondern endlich jeder ungestört seine eigenen Interessen vertreten kann: Dem Bürgerkrieg aller gegen alle.

~ von Paul13 - Montag, 18. Februar 2008.

8 Antworten to “Am somalischen Wesen soll die Welt genesen”

  1. […] sauerkrauTZ sind ja richtig hartnäckig *lob, lob* […]

  2. also, ALLE Libertären den anarchisten zuzurechnen, ist auch etwas unfair…

  3. @ boris baran

    Aber bei dieser Frage müßten sie doch eigentlich ähnlich ticken. Wenn ich das richtig verstehe, sind die Unterschiede ja auch nicht so groß, oder? Ich bin da aber zugegeben kein Fachmann für, wenn Du mir das also kurz und in einfachen Worten die Hauptdifferenzen skizzieren könntest, wäre ich Dir dankbar!

  4. Manchen Leuten ist eben nicht zu helfen. Vielleicht würde ein kleiner Somalia-Urlaub da Abhilfe schaffen.

  5. Dem Link kann ich insofern zustimmen, als es Staaten gibt, in denen eine Anarchie bzw. die Auflösung des Staates im Vergleich zum Status quo durchaus ein Fortschritt wäre. Als Beispiele seien Zimbabwe oder Nordkorea genannt. Kein Staat ist nicht die schlechteste der denkbaren Alternativen.
    Ansonsten stimme ich Dir, Paul, aber voll zu. Es ist schon lustig uns Somalia als Beispiel an dem wir uns orientieren sollten zu geben.

  6. http://francoistremblay.wordpress.com/2008/02/15/statist-troll-bingo/

  7. […] via NBFS. ⇧ Bookmark […]

  8. […] wunderschöne Zitat lädt ja eigentlich zu einer Neuauflage des allseits beliebten Streits mit den Libertären über die Vorteile des urwüchsigen Lebens in Somalia ein, aber erstens […]

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