Osama Bin Ladens Skalp und der neuzeitliche Brunnenbau in Afghanistan


Gabor Steingart ist ja zweifellos einer der besseren Autoren, die der SPIEGEL aufzubieten hat. Trotzdem muß auch er offenbar Kompromisse eingehen, um unter den Kollegen nicht so weit aufzufallen, daß die irgendwann anfangen, ihn wegen unzulässiger Niveauerhöhung rauzumobben. Anders ist nicht zu erklären, daß er rechtzeitig zum Jahresende einen Artikel abgeliefert hat, der sich dem SPIEGEL-üblichen Neocon-Bashing weitestgehend anpaßt.

Der Irak am Abgrund, Taliban-Offensive in Afghanistan – jetzt der Todesschuss auf die pakistanische Oppositionsführerin Bhutto: Für die westlichen Demokratien ist 2007 ein Jahr der Fehlschläge und Enttäuschungen. Drei Lektionen.

Da hat Steingart bei der Recherche für seinen Jahresrückblick offenbar in Gedenken an Kanzler Kohl das falsche Videoband eingelegt. Das Jahr 2007 war im Irak vor allem eines der Fehlschläge und Entäuschungen für al-Qaida, während die USA dort Erfolge auszuweisen hatten, die ihnen bis vor kurzem niemand mehr zugetraut hat. Selbst die irakkriegskritischen Medien und Bushs innenpolitische Gegner umgehen das Thema inzwischen weiträumig, was sie kaum täten, wenn die Lage auch nur halb so kritisch wäre, wie Steingart sie subjektiv wahrnimmt.

Doch auch in Afghanistan läuft’s für die Islamisten nicht nach Plan. Das was Steingart hier so schön als Offensive beschreibt, ist im wesentlichen ein ziemlich einseitiges Gemetzel, bei dem sich die Taliban in Stücke schießen lassen, wo immer sie so dumm sind sich zum Kampf stellen. Führt man sich dann noch vor Augen, daß die NATO eigentlich viel zu wenig Truppen vor Ort hat und die dann auch noch aufgrund innenpolitischer Albernheiten der Herkunftsländer nur zum Teil sinnvoll einsetzen darf, so ist die Lage sogar besser als zu erwarten war.

[…] Lektion eins: Die Auseinandersetzung mit dem radikalen Islam ist kein Hobby eines wild gewordenen US-Präsidenten. Spätestens im November kommenden Jahres wird es der Letzte begreifen: Bush geht, die Auseinandersetzung mit dem Islam bleibt. Sie spitzt sich sogar eher noch zu.

Das ist der einzige Lichtblick in Steingarts gesamten Text. Alle die glauben, die Probleme mit dem djihadistischen Terrorismus gäbe es nur wegen dem doofen Dumbya, und wenn der erst mal weg wäre, fände Bin Laden plötzlich Disneyland toll, Achmadinedschad hätte die Juden wieder lieb, die Genitalverstümmelung in islamischen Ländern würde ebenso verschwinden wie Schwulenhaß und Frauenverachtung in der arabischen Welt, die Hamas würde Israel anerkennen und die Saudis die Abschaffung der Monarchie zugunsten einer pluralistischen Demokratie in Angriff nehmen, werden sich wundern, wenn sie feststellen, daß die Welt dann doch etwas komplizierter ist, als sie sie sich das in ihrer Fixierung auf George W. Bush zusammenphantasiert haben.

[…] Die radikalen Islamisten dulden keine Demokraten, auch wenn sie aus den eigenen Ländern stammen. Sie suchen die Machtprobe, offenbar um jeden Preis. Sie nehmen dabei sogar in Kauf, das ein so großes und stolzes Land wie Pakistan zum failing state wird, zum zerfallenden Staat.

Das war’s dann aber auch mit der Habenseite. Den Begriff „failing state“ mit zerfallendem Staat zu übersetzen, ist jedenfalls ein Fauxpas, der schon bei einfachen Mitbürgern unangenehm aufstößt, einem professionellen USA-Korrespondenten aber definitiv nicht passieren darf.

Lektion zwei: Bush wird zur Lösung der Auseinandersetzung nicht mehr viel beitragen können. Er ist ein Präsident des Krieges, des erfolglosen Krieges noch dazu.

Da Lektion zwei auf den falschen Prämissen der schon fragwürdigen Einleitung aufbaut, ist sie auch von vergleichbarer Qualität. Angesichts der vorhandenen Resourcen und der oft bestenfalls eingeschränkten Kooperationsbereitschaft der angeblichen Verbündeten hat Bush das ganze nämlich sogar recht gut geschaukelt, und wenn wir uns die Performance der Briten im Irak anschauen oder die der Deutschen in Afghanistan, dann ist sie umso beeindruckender. Man kann vielleicht drüber diskutieren, ob Bush seinen außenpolitischen Kurs nicht konsequenter hätte umsetzen können, aber selbst so hat er in gerade mal 5 Jahren eine weit größere Strecke auf dem Weg zur irakischen Demokratie zurückgelegt als alle seine Vorgänger inkl. sämtlicher europäischer Amtskollegen zusammengenommen.

[…] Lektion drei: Die klassische militärische Intervention – Bushs Rezeptur gegen die Terrorgefahr – war bisher nicht erfolgreich und wird es auch in Zukunft nicht sein. Wer auch nur daran denkt, im Atomwaffenstaat Pakistan einzumarschieren, sollte zum Arzt gehen. Er ist nicht ganz bei Troste.

Das mag ja sein, aber für diese Kritik ist Bush sicherlich der falsche Adressat, denn der hat angesichts der pakistanischen Atombombe nicht nur einen eher realpolitischen Kurs gefahren, sondern ist dafür gerade von Steingarts Redaktionskollegen mehr als einmal heftig kritisiert worden. Der einzige, der offen vom Einmarsch in Pakistan träumt, ist hingegen der vom SPIEGEL oft bis zur Peinlichkeit gepushte demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama. Aber der wird dann ja wegen seines Klinikaufenthalts bei den Präsidentschaftswahlen wohl ausfallen.

Was aber dann? Die größte Waffe im Kampf gegen Eiferer und Zerstörer ist, so merkwürdig es klingt, eiserne Gelassenheit, auch wenn nichts schwerer fällt als das.

Gelassenheit ist eben doch eine echte Führerqualität. ;-)

[…] Erinnern wir uns an den Ost-West-Konflikt, der ja wahrlich nicht arm an Provokationen war. […] Die Enthaltsamkeit des Westens war schmerzhaft, sie war eigentlich unerträglich – aber sie war politisch klug.

Klug war das aber nur, weil der Gegner über Atomwaffen verfügte und als die halbe Welt berherrschender Machtblock ohnehin ein paar Nummern zu groß für den schnellen Diktatorensturz gewesen wäre. Was erstens Bush’s Ansicht bestätigt, daß unter allen Umständen verhindert werden muß, daß solche Regime Zugriff auf die Bombe kriegen, und zweitens seine Einschätzung absolut zutreffend war, daß man als einzige Supermacht nicht gleich einen ausgewachsenen Weltkrieg entfesseln muß, um einen von allen Verbündeten verlassenen und konventionell hoffnungslos unterlegenen III.-Welt-Diktator zu entsorgen.

Diese Herausforderungen wiederholten sich bis zum trostlosen Höhepunkt, dem Militärputsch des Sonnenbrillen-Generals Wojciech Jaruzelski im Warschau des Jahres 1981. Und wieder blieb die westliche Militärmaschinerie in der Kaserne. Der Sowjetkommunismus ist wenig später an sich selbst zerbrochen.

Dumm nur, daß er in den Jahrzehnten davor Millionen von Menschen mit in den Tod gerissen hat. Aber wo im GULag sibirische Bäume gehobelt werden, kann man nicht um jeden Span trauern, der dabei auf den Schädelberg fällt.

[…] In Afghanistan wäre die Nato klug beraten gewesen, sich ausschließlich auf den Skalp von Osama Bin Laden zu konzentrieren, anstatt Brunnen zu bauen, Schulen zu errichten und eine Steinzeitgesellschaft mit Gewalt in Richtung Demokratie zu stoßen.

Das nutzt niemandem, am wenigsten der Demokratie. Gegen die militärische Intervention spricht vor allem eines, ihre Erfolglosigkeit. Der Kraftaufwand lohnt nicht. Auch der Einsatz von Menschenleben bringt nicht im Mindesten die erhoffte Verzinsung.

Womit sich das Gerücht, daß Steingart neokonservativer Anwandlungen verdächtig ist, wohl erledigt haben dürfte. Daß afghanische Frauen nicht die Knochen eines NATO-Grenadiers wert sind, ist nämlich eisenharte Realpolitik in Reinkultur.

Aber ist das nicht gleichbedeutend mit Kapitulation?

Mitnichten.

Und ob es das ist! Außer man betrachtet es als Sieg, wenn man 20 Millionen Menschen einem mittelalterlichen Terrorregime zur freien Verfügung überläßt.

Soll der Westen also zuschauen und Tee trinken?

Wohl kaum.

Er muss sich und seine Bevölkerung schützen – mit allem, was moderne Technik zu bieten hat. Er sollte gesprächsbereit sein gegenüber allen, die das Gespräch suchen, auch wenn sie Strolche sind. Das Militär und die Geheimdienste wird man ebenfalls weiter brauchen. Sie müssen umschulen und in dieser Auseinandersetzung zu gezielten Operationen gegen die Brutstätten des Terrorismus geführt werden. Nur die Intervention alten Typs hat sich als wirkungslos erwiesen.

Ach, daher weht der Wind! Dumm nur, daß eben jene rückständigen Regime des Nahen und Mittleren Ostens, mit denen Steingart Gespräche führen will, durch politische Repression und wirtschaftliche Unfähigkeit erst zu jenen Brutstätten des Terrorismus werden, denen man hinterher spätestens dann, wenn sie offen an der Bombe schrauben, doch wieder mit einer Intervention alten Typs den Stecker rauszuehen muß. Dann aber zu einem erheblich höheren Preis. So rein menschenlebenverzinsungsmäßig.

Vielleicht sind diesmal wieder die europäischen Politiker gefordert, den Amerikanern eine neue Sicht der Dinge zu eröffnen. In der Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus ist das gelungen.

Stimmt, die ganzen Entspannungsträumer, die mitgeholfen haben, einen Pariah mit hohem Igittfaktor binnen weniger Jahre zu einem Weltreich aufzubauen, kamen schließlich alle aus Amerika. Und Ronald Reagan, der dem Spuk dann sein wohlverdientes Ende bereitet hat, war ja bekanntlich Europäer.

Viele in Amerika wollten es krachen lassen, in Europa sprach man früh schon von Entspannung. Es war der englische Premierminister Winston Churchill, der bereits acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges davon überzeugt war, dass eine maßvolle, geduldigere, weniger auftrumpfende, dafür wo immer möglich ausgleichende Politik der Welt etwas zu bieten habe – „vielleicht noch nicht Weltfrieden, aber Weltentspannung“, so drückte er sich aus.

Churchill hat noch etwas anderes gesagt, was ganz hervorragend auf Leute paßt, die sich mit der Unterdrückung abfinden, solange sie nur die anderen trifft: „An appeaser is one who feeds the crocodile hoping it will eat him last.“ Gabor Steingart will offensichtlich das Dessert werden.

~ von Paul13 - Freitag, 28. Dezember 2007.

7 Antworten to “Osama Bin Ladens Skalp und der neuzeitliche Brunnenbau in Afghanistan”

  1. Ein unglaublich dämlicher Artikel nach dessen Lektüre man weniger weiß als vorher. Dass Bush bzw. die USA nur auf militärische Intervention alten Stils setzen ist doch ein Märchen. Das stimmt im Irak nicht und auch nicht, wenn es um den Iran, Nordkorea oder irgendeine andere Problemzone geht, wo die USA die diplomatische Lösung gesucht haben (und die Europäer gescheitert sind oder sich fein herausgehalten haben) Die Strategie, die Bevölkerung durch Unterstützung von den Terroristen loszueisen und mit lokalen Kräften zusammenzuarbeiten, praktizieren die USA seit geraumer Zeit sehr erfolgreich an vielen Orten der Welt – auch z.B. Kolumbien – und zwar meistens ohne Zutun der weisen Europäer. Sonst müsste sich Steingart ja gerade nicht über das Brunnenbauen in Afghanistan mokieren, das Teil einer langfristigen Strategie ist. Das Ergebnis sind 4,5 Millionen (!) zurückgekehrte Flüchtlinge über die hierzulande keiner schreibt, obwohl – oder weil – das ein beispielloser Erfolg ist. Steingart nennt das „mit Gewalt in Richtung Demokratie stossen“ – geht´s noch etwa manipulativer? Ich kann dieses eingebildete Elfenbeinturmgelaber echt nicht mehr hören, zumal Steingarts Alternative (wir setzen auf Impotenz und warten erst mal) nicht mal in unserem eigenen Interesse ist, vom Rest der Welt ganz zu schweigen. Die „Enthaltsamkeit“ des Westens im kalten Krieg bis der Sovietkommunismus „an sich selbst zerbrochen“ ist, stammt ebenfalls aus dem Reich der Legenden. Das ist eine spezifishc deutsche Sicht. Wogegen sind aber dann Gabor´s Kollegen in den 70ern und 80ern auf die Straße gegangen? Gegen das Nichtstun der Amis? Doch wohl eher gegen all die Massnahmen, die das Sovietreich ins Schwitzen gebracht haben. Und nun erfahren wir, dass sie keine Rolle gespielt haben? Schön blöd, was?

  2. Auf SPON kriegen sie sich gar nicht mehr ein vor „Schadenfreude“: Bushs Musharraf- Strategie bricht zusammen

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,525757,00.html

    Hauptsache sich über Bush lustig machen, wenn die Fundamentalisten dort die Atombombe kriegen, das ist doch kein Problem!

  3. @Paul
    Ich fand die „failing state“-Übersetzung eigentlich ziemlich gut. Was ist Dein Problem damit?

  4. @ Daniel
    Ich zitier mal aus meiner DA:
    Staatszerfall stellt einen laufenden Prozess des Niedergangs dar und ein “Failed State“ stellt den Staatszustand am Ende dieses Prozess dar. Diese Unterscheidung gilt es stets zu berücksichtigen, obgleich sich beide Elemente interdependent zu einander verhalten. Die zerfallende Staatlichkeit beinhaltet mehrere Dimensionen.
    „Staatszerfall ist sichtbarer Ausdruck eines Prozesses schleichender Entkräftung, zu dessen Beginn der Staat mit seinen Institutionen zwar noch in fast allen Teilen seines Territoriums präsent ist, diese Institutionen aber auf Grund mangelnder Ressourcenausstattung oder Misswirtschaft nicht mehr in der Lage sind, öffentliche Sicherheit und zentrale Dienstleistungen für die Bevölkerung anzubieten.“
    Dieser Zerfall ist allerdings nicht als ein auf einem Kontinuum ablesbaren Verlauf zu verstehen, vielmehr ist es eine temporäre Entwicklung, die von unterschiedlichsten Faktoren ausgelöst in vielerlei Richtungen weiter verlaufen kann. Umso mehr der Faktoren gemeinsam auftreten, desto stärker schreitet der Zerfall vor. Viele zerfallende Staaten haben nicht nur mit nachlassenden Ressourcenkapazitäten zu kämpfen, neben Problemen wie Korruption, Kleptokratie und Schattenwirtschaft leiden viele unter ethnisch motivierten Aufständen und gleichzeitig unter der Nutzung ihrer Gebiete als idealen Rückzugsraum und Operationsbasis für kriminelle Netzwerke. Diesen Problemen Herr zu werden, mangelt es zerfallenden Staaten an institutioneller Kraft und Macht. Besonders in der Peripherie zerfallender Staaten wird die Loyalitätsbereitschaft der Bürger zum Staat immer geringer. Das Gewaltmonopol, ein Garant von Staatlichkeit, ist in diesen Regionen kaum noch in Kraft, teilweise sogar durch Konkurrenten in Form vom Stammes- oder Clanführer ersetzt. Zerfallende Staaten zeichnen sich durch eine ansteigende „Dysfunktionalität der administrativen und institutionellen Strukturen“ aus….

    Sprich: Somalia ist ein „Failed State“. Pakistan, Afghanistan, Burma, etc. sind „zerfallende Staaten“.

  5. @HerrOlliB
    So verstehe ich das auch und das passte ja auf die SPON-Übersetzung. Auch wenn ich es eher mit „scheiternde/gescheiterte Staaten“ übersetzen würde.

  6. @ daniel

    „Ich fand die “failing state”-Übersetzung eigentlich ziemlich gut. Was ist Dein Problem damit?“

    Daß sie falsch ist. Die richtige Antwort gibst Du Dir selbst in Deinem zweiten Kommentar. Wenn wir als Laien das aber hinkriegen, wieso dann nicht ein Profi, der unter anderem dafür bezahlt wird, so was zu wissen?

  7. @Paul
    Naja, ich und Laie… Die Übersetzung mit „scheitern“ oder „zerfallen“ ist aber nicht einheitlich. Und ich folge da nur meinem Sprachgefühl, als akademischer Begriff ist die SPON-Übersetzung korrekt.

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