Atomkrieg, na und?


Der SPIEGEL hat in seiner letzten Printausgabe einen Artikel zur Gefahr radioaktiver Strahlung veröffentlicht, dessen Grundaussage, wenn sie denn wahr wäre, in ihrer Bedeutung so existentiell wäre, daß man sich irritiert fragt, wieso die letzte Woche überhaupt noch irgendein anderes Thema diskutiert wurde. Statt dessen herrscht überall ein gemessen an der Tragweite der ganzen Angelegenheit geradezu unheimliches Schweigen.

Das wirft die Frage auf, ob der SPIEGEL da jetzt einen wissenschaftlich unhaltbaren Riesenbock geschossen hat, denn ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, daß alles, was ich bisher über Kernkraft und Nuklearkrieg gelernt habe, nur ein unglaublicher Riesenbetrug gewesen sein soll. Da der Text jetzt auch online zur Verfügung steht, hier mal ein Auszug, der alles auf den Kopf stellt, wovon im Prinzip die gesamte Menschheit bisher ausging:

Fast alle 140.000 Hiroshima-Toten starben schnell. Entweder wurden sie sofort durch die Druckwelle zerfetzt, oder sie erlagen in den Tagen darauf den Folgen ihrer akuten Hautverbrennungen.

Die berüchtigte Strahlenkrankheit – jenes schleichende Leiden, das ab sechs Gray Dosis zum sicheren Tod führt – trat dagegen kaum auf. Der Grund: Die radioaktive Kraft von „Little Boy“ war einfach zu gering, wie ein Schaubild beweist, das jüngst auf einer Tagung in Salt Lake City gezeigt wurde (siehe Grafik).

[…] Heute, 60 Jahre später, liegen klare Ergebnisse vor: Demnach büßten bislang gut 700 Personen durch den Nuklearschlag nachträglich ihr Leben ein:

  • 87 erlagen Blutkrebs;
  • 440 starben an Tumoren;
  • 250 Personen kamen durch strahleninduzierte Herzinfarkte um;
  • 30 Feten bildeten zudem nach der Geburt eine geistige Behinderung aus.

Zur Kenntnis genommen wurden derlei Statistiken bislang kaum. In Schulbüchern stehen weit höhere Zahlen. Auch das Online-Lexikon Wikipedia gibt an, dass allein in Hiroshima wegen der „Spätfolgen der Verstrahlung“ 105.000 Menschen umkamen.

[…] Was besonders verblüfft: Die Geschichte von den Fehlbildungen bei Neugeborenen ist ebenfalls pure Phantasie.

Immer wieder haben Presseorgane Fotos vom zerstörten Hiroshima mit solchen von verwachsenen Kindern, ohne Augen oder mit drei Armen garniert. In Wahrheit gibt es nicht eine einzige Studie, die eine erhöhte Fehlbildungsrate nachweisen würde.

Was ist davon zu halten? Kann da was dran sein und ich muß dem SPIEGEL Abbitte leisten oder hat da einfach nur jemand das falsche Zeug geraucht?

~ von Paul13 - Freitag, 23. November 2007.

9 Antworten to “Atomkrieg, na und?”

  1. na paul ist doch wie bei tschernobyl… geh in berlin in ne kneipe und frag die leute wieviele tote hatte der unfall: tausende? zehntausende? möglicherweise sogar hundertausend…

    …und selbst wikipedia schreibt: „Akute Strahlenkrankheit wurde zunächst bei 237 Personen vermutet und bei 134 Personen (insbesondere Kraftwerksbeschäftigten und Feuerwehrleuten) bestätigt. Von diesen sind 28 im Jahr 1986 und weitere 19 in den Jahren 1987 bis 2004 verstorben, einige möglicherweise auch aus anderer Ursache.“

  2. @ karsten

    Aber ein Unterschied von knapp 1000 gegenüber 100.000, der müßte doch irgendwann mal jemandem aufgefallen sein?

  3. @ Paul

    Wikipedia nennt in dem Artikel über den Atombombenabwurf rund 100 Quellenangaben.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Atombombenabw%C3%BCrfe_auf_Hiroshima_und_Nagasaki
    Beim groben Überfliegen habe ich den Eindruck, dass sich nur vier mit den Strahlenspätfolgen beschäftigen, was ich auch erstaunlich wenig finde. Aber wenigstens diese vier müsste der SPIEGEL ja der Lüge oder Erfindung überführen, bevor er die Zahl 110.000 anzweifeln kann, oder?

  4. Nun ja, mit solchen Zahlen ist das so eine Sache:

    Das Problem ist, daß man die Häufigkeit von Krankheiten und Todesfällen in Relation zu einer angenommenen „normalen“ Häufigkeit setzen muß. Die Frage, was unter bestimmten Umständen (also z.B. Hiroshima ohne Atombombe) normale Zahlen wären und daraus resultieren dann z.T. extrem unterschiedliche Ergebnisse. Wer alle Leute zählt, die in 500 km Umkreis nach 45 bzw. 86 an Krebs gestorben sind, kommt man natürlich auf ganz fantastische Zahlen. Bei der Korrektur dieser Zahlen um die entsprechenden „Normalwerte“ haben dann aber kleine Unterschiede eine enorme Wirkung.

    Beispiel: Ich zähle in einem bestimmten Zeitraum in einem bestimmten Umkreis einer Nuklearkatastrophe 100.000 Krebstote. Je nachdem, ob ich die normale Rate mit 90.000 oder 99.000 annehme (ein Unterschied von 10% und damit absolut im Bereich dessen, was auch zwischen seriösen Schätzungen auftreten kann), komme ich aber auf 1000 bis 10.000 Fälle, die der Katastrophe zuzuschreiben sind; ein Unterschied um den Faktor 10!

    Letztes Jahr gab es anlässlich des 20. Jahrestages von Tschernobyl
    einige interessante Artikel zu den Kontroversen um die Opferzahlen ; die Wahrheit wird wohl nicht mehr so einfach zu finden sein.

    (Nebenbei: Die selben Fragen und Unsicherheiten findet man auch in der Debatte um die Opferzahlen des Irakkrieges, wenn du dich erinnerst…)

  5. @ Bruno

    Bei den Studien zum Irakkrieg gab es aber teilweise groteske methodologische Mängel (z.B. Lancet), die sofort angegriffen wurden. Selbst bei Tschernobyl wurden die Zahlen angezweifelt (ich erinnere mich an eine Studie, die für ganz Skandinavien 8 zusätzliche Krebsfälle für die nächsten Jahre voraussagte). Bei Hiroshima hingegen wurden diese Zahlen von niemandem auch nur ansatzweise bestritten.

  6. @ alle

    Was ich als Laie auch nicht so ganz verstehe, ist, wieso der SPIEGEL nur davon spricht, daß die Strahlenkrankheit „ab sechs Gray Dosis zum sicheren Tod führt“, während laut Wikipedia aber bereits bei ein bis zwei Gray von einer 10-prozentigen Sterblichkeitsrate innerhalb eines Monats ausgegangen wird:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Strahlenkrankheit

    Der SPIEGEL selbst stiftet mit folgender Grafik zusätzliche Verwirrung:

    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,grossbild-1026691-518895,00.html

    Wenn ich diese Grafik und die nebenstehende Erklärung richtig interpretiere, waren ja auch außerhalb des Epizentrums der Atomexplosion viele Überlebende immer noch Strahlendosen von 1 Gray oder mehr ausgesetzt. Nimmt man nur die 86572 Personen der vom SPIEGEL genannten Studie als Basis, dann würde das alleine wegen dieser Strahlendosis bereits mehr als 8000 Tote bedeuten. Oder waren die Opfer alle sofort tot und man hat nur die Leute in den Außenbezirken ganz weit draußen befragt?

    Und erklär mir bitte mal jemand, wieso das ganze sogar in der ansonsten äußerst MSM-kritischen Bloggerszene kein Thema zu sein scheint!? Ich muß sagen, ich bin ein wenig verwirrt (ich meine noch mehr als sonst ;-) )

  7. @Paul

    Ja, die eine Studie mit den spektakulär hohen Opferzahlen war wohl methodisch wirklich zweifelhaft; dennoch ging (und geht) es in der Debatte um das selbe Problem der richtigen Vergleichsbasis, weshalb eben auch seriöse Forscher zu sehr unterschiedlichen Zahlen kommen können (natürlich nciht nur im Irak; das gilt analog auch für Kongo, Darfur usw…).

  8. Also so sensationell neu scheint die Sache nicht zu sein. Z.B hier wurde das GSF bereits im August 2005 zitiert:

    „Spätfolgen geringer als gedacht
    Im Gegensatz zu landläufigen Meinungen zeigen die Studien an Hiroshima- und Nagasaki-Überlebenden, dass die Zahl der strahlenbedingten Krebstodesfälle geringer ist als erwartet. Auch die Nachfolgegeneration weist nicht auf ein erhöhtes Auftreten von Erbschäden hin. Teilweise untersuchen die Forscher bereits die dritte Generation, ohne dass Hinweise auf strahlenbedingte Erbschäden gefunden werden konnten.“

    http://www.gesundheitpro.de/Atombomben-auf-Hiroshima-Die-gesundheitlichen-gesundheit-A050805ANOND021049.html

  9. Ich habe vor einigen Jahren mal mit einem Radiologen zusammengearbeitet, der meinte, dass der ganze Trubel um Spätfolgen absolut übertrieben wäre.
    Der hat sich seine Lymphdrüsen auch nicht operativ entfernen lassen, sondern „rausgestrahlt“.

    Auch wenn ich für seine Glaubwürdigkeit meine Hand nicht ins Feuer legen würde, hat mich das schon nachdenklich gemacht.

    Ein interessantes Thema, zu dem es aber m.E. zu wenige überzeugende Untersuchungen gibt.
    Vielleicht ist das Thema einfach zu politisch?

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