Vor vielen, vielen Jahren…


… war Andre Glucksmann einer der ganz Großen. Warum er es immer noch ist, demonstriert er meisterhaft in diesem Artikel, in welchem er beiläufig auch mit ein paar weitverbreiteten Vorurteilen aufräumt:

1. Der Irak ist das Vietnam des 21. Jahrhunderts

Every month, thousands of Iraqis fall, indiscriminate victims of terror—over 500 peaceful Iraqi Yezidis on August 14 of this year, in the deadliest terrorist attack since September 11—while the total number of American soldiers killed in four years is approximately 3,600. In Iraq, then, what rages is a war of terror against civilians, not a war of independence against an occupying foreign army and its indigenous military supporters. Vietnam is far away; those who miss Woodstock forget that the world has changed in 40 years.

2. Terrorismus hat irgendwas mit dem Islam zu tun

Terrorism is not the prerogative of Islamists alone: the targeting of civilians has been used by a regular army and by militias under the command of the Kremlin in Chechnya, where the capital city of Grozny was razed to the ground. Where the killers appeal to the Koran, it is still primarily Muslim passersby who suffer. Algeria, Somalia, and Darfur (at least 200,000 dead and millions of refugees in just a few years, with the Sudanese government, protected by China and Russia, acting with impunity) are live laboratories of the abomination of abominations: war against civilians.

3. Unter Saddam wäre der Irak heute besser dran

Would it have been better, therefore, not to have overthrown Saddam Hussein and to have allowed him another decade to complete his horrible record of tortures, mutilations, and corpses—1 or 2 million victims in a quarter-century? The Iraqis, despite the threat of murder, have gone to the polls three times, en masse; they do not seem to regret the dictator’s fall. Should the GIs and their allies now withdraw, as in Somalia? Even some anti-American governments must cross their fingers against the possibility of abandoning the terrain to the beheaders.

~ von Paul13 - Mittwoch, 31. Oktober 2007.

12 Antworten to “Vor vielen, vielen Jahren…”

  1. Vor vielen, vielen Jahren schrieb der große Kopf:

    „Das ‚Deutschland‘, Geburtstätte der faschistischen Bewegungen, ist kein Territorium, keine Bevölkerung, sondern ein Text und ein Verhältnis zu Texten, die lange vor Hitler aufgestellt und weit über die alten Grenzen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verbreitet wurden. Dieses Deutschland ist ganz zeitgemäß, es hat seinen Sitz in den modernen Köpfen des modernen Planeten, im Pentagon zu Washington ebenso wie in dem letzten Loch eines Konzentrationslagers in den Dörfern Kambodschas.“

    Was für ein brillianter Kopf! Vielleicht kommt als nächstes mal was von Arno Gruen?

    Gruß
    Mikado

  2. @ Mikado

    „Was für ein brillianter Kopf!“

    Ist das jetzt ironisch gemeint? Störst du dich an dem Pentagon-Passus?

  3. @ Mikado

    Der große Kopf war sogar mal Hardcore-Maoist. Die französische „Neuen Philosophen“ haben oft eine ähnlich linke/linksradikale Vergangenheit wie die amerikanischen NeoCons. Und heute vertreten beide die klügsten außenpolitischen Ideen. Wer weiß, vielleicht gibt es da ja einen Zusammenhang? ;-)

  4. @ Paul

    „Wer weiß, vielleicht gibt es da ja einen Zusammenhang?“

    Wirst du den in deinem geplanten, großen, umfassenden, paradigmatischen Steuerbord/Backbord-Artikel, sozusagen der werdenden Mutter aller Politikblog-Artikel, darstellen? ;-)

  5. @ Chewey

    Wohl noch nicht im nächsten Teil, aber eventuell im übernächsten. Muß ich mal schauen.

  6. @Paul & Chewey

    Ja ne, is klar. Während in den kambodschanischen Konzentrationslagern der Tag mit einem Heil Hitler Gruß begonnen wurde und auch auf den Fluren des Pentagon mal heimlich die rechte Hand nach oben flutschte, hat der Islam auf keinen Fall etwas mit dem momentane Terror zu tun. Niemals spielt/spielte bei den Taliban oder der Al Qaida Allah eine Rolle.

    Also meiner Meinung nach gibt es unter jüdischen Intellektuellen eine kleine, aber recht konstante Population von absoluten Dummschwätzern. Wahrscheinlich sogar wissenschaftlich signifikant.

    Gruß
    Mikado

  7. @ Mikado

    Niemand sagt, das es keine moslemischen Terroristen gibt. Aber es gibt eben auch nichtmoslemische, also muß es noch etwas anderes sein. Und da fällt auf, daß die politische Sozialisation weit wichtiger ist als die religiöse. Ein islamischer Liberaler ist mir jedenfalls lieber als ein nichtislamischer Fanatiker.

  8. @ Mikado

    Mach mal halblang. Dein Glucksmann-Zitat stammt von 1977 (!) und bezog sich auf „die deutschen „Meisterdenker“ Fichte, Hegel, Nietzsche und Marx […], denen Glucksmann den Vorwurf macht, den Kult um die romantisch-mythische Überhöhung der „abschließenden, totalen und endgültigen Revolution“ und des daraus resultierenden totalitären Staates salonfähig gemacht zu haben, und so für den nicht oder nicht ausreichend vorhandenen Widerstand gegenüber Totalitarismen verantwortlich zu sein.“ (Wikipedia)
    Nun lass‘ den guten Mann doch mal was dazulernen. Wenn du jede dumme oder nicht ganz zu Ende gedachte Bemerkung auf die Goldwaage legst, dann mußt du Biermann auch heute noch als Kommunisten bezeichnen. Immerhin war Glucksmann mit Totalitarismuskritik vor 30 Jahren schon weiter als mancher andere.
    Und was Islam- und Antiamerikanismuskritik angeht, da läßt sich Glucksmann an Schärfe heute kaum übertreffen. Weswegen er auch regelmäßig heftig in der Kritik steht, aber von der linken Seite.

  9. Korrektur: Islamismus- statt Islam-. Mit Preview wär das nicht passiert ;-)

  10. @ Chewey

    Eine Vorschau wäre wirklich praktisch, aber da habe ich leider keinen Einfluß drauf. Das entscheiden andere.

  11. @Paul
    „Niemand sagt, das es keine moslemischen Terroristen gibt. Aber es gibt eben auch nichtmoslemische, also muß es noch etwas anderes sein. Und da fällt auf, daß die politische Sozialisation weit wichtiger ist als die religiöse. Ein islamischer Liberaler ist mir jedenfalls lieber als ein nichtislamischer Fanatiker.“

    Trotzdem sind die Selbstmordattentäter in dieser Anzahl und Qualität bisher einzigartig und nur in der islamischen Welt vorhanden. Und dann ist die Frage, wie schafft man es, Menschen dazu zu bringen sich selber in die Luft zu sprengen. Ob dies in solcher Qualität auch mit „weltlichen“ Mitteln möglich ist?

    @Chewey
    „Nun lass’ den guten Mann doch mal was dazulernen. Wenn du jede dumme oder nicht ganz zu Ende gedachte Bemerkung auf die Goldwaage legst, dann mußt du Biermann auch heute noch als Kommunisten bezeichnen.“

    Ja, ja, wahrscheinlich spricht da nur der Neid aus mir. Ich muß mich immer mit Pflichtenheften, Deadlines und Konventionalstrafen rumärgern. Bei meinem Job wird immer jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Da hat man es als Philosoph oder Psychoanalytiker schon viel einfacher, kann man da doch den abstrusesten Mist erzählen, ohne jegliche Evidenz und ohne jegliche Haftung. Ja, ich glaube es ist der wirklich der pure Neid!

    Wobei man sich auf Naturwissenschaftler auch nicht mehr verlassen kann. Ich lese gerade Dawkins Gottes Wahn, absolut das schrecklichste Buch seit langer Zeit. Da geht’s um amerikanische Taliban und um eine angeblich enstehende Theokratie in den USA.

    Gruß
    Mikado

    P.S.: Vielleicht hat Glucksmann mit dem Pentagon doch recht. Schaut euch mal das Wappen der Elmendorf Air Force Base in Alaska an. http://www.elmendorf.af.mil/

  12. @ Mikado

    „Trotzdem sind die Selbstmordattentäter in dieser Anzahl und Qualität bisher einzigartig und nur in der islamischen Welt vorhanden.“

    Das ist falsch. Bei den ersten islamistischen Terroranschlägen in den 80er-Jahren verwendete man deshalb auch noch einen anderen Begriff dafür, der im Zuge des allgemeinen Islambashings aber leider völlig aus der Mode gekommen ist: Kamikaze. Wenn Du dieses Wort im Koran oder einem arabisch-deutschen Wörterbuch findest, laß es mich wissen. ;-)

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