Iran, mit „i“ wie „invincible“


Präsident George W. Bush fürchtet einen dritten Weltkrieg, sollte Teheran das Atomprogramm nicht aufgeben. Seine Regierung ist über den Iran-Kurs tief gespalten: Außenministerium und Pentagon setzen auf Diplomatie und Sanktionen, die Falken um den Vizepräsidenten drängen zum Angriff.

Über die Zählweise ließe sich sicherlich streiten, aber in der Sache hat Bush absolut recht. Wenn die Mullahs erst mal die Bombe haben, dann beginnt ein Zeitalter, in dem wir uns an Kriege wie 2003 im Irak oder letztes Jahr im Libanon wehmütig als kleinere Scharmützel erinnern werden. Deswegen ist der israelische Angriff auf Syrien als Beitrag zur Abwendung eines III. Weltkrieges, wie ein NBFS-Kommentator treffend anmerkte, tatsächlich dringend friedensnobelpreisverdächtig, denn Weltkriege haben selbst Lichtgestalten wie Yassir Arafat oder Al Gore bisher nicht verhindern können.

[…] Ziel der israelischen Bomber war Anfang vorigen Monats wahrscheinlich ein im Bau befindlicher Nuklearreaktor, der zum Teil aus Nordkorea stammen soll. Möglicherweise haben wichtige Minister der Regierung von George W. Bush damals sogar noch versucht, Israel zu bremsen – bis heute hat die Administration den Angriff weder kommentiert noch bestätigt.

Ach so, ein Nuklearreaktor, weiter nichts. Von UNO bis IAEO wurden alle erfolgreich als zahnlose Bettvorleger vorgeführt, Nordkorea scheißt offen auf jegliche Proliferationsabkommen, die Syrer steuern als Juniorteufel des Iran klaren Kurs gen Armageddon, und der SPIEGEL erwähnt das ganze so beiläufig, als sei mal wieder irgendwo in China ein Sack Reis geplatzt. Nicht die Spur einer Andeutung eines Hauchs eines Verdachts von Empörung, Schock und Überraschung, daß man in seiner Einschätzung des sympathischen Augenarztes aus Syrien jahrelang dermaßen daneben gelegen hat. Der gute Baschir bastelt halt lieber an Atomkraftwerken als an seiner Spielzeugeisenbahn, so what? Männer sind so.

[…] Ende September stimmte der US-Senat dafür, die 125.000 Mann starke Truppe der Revolutionswächter in Iran als terroristische Vereinigung einzustufen. Hohe US-Generäle warfen Iran vor, es führe durch seine Unterstützung der Schiiten-Milizen im Irak schon heute einen „Stellvertreterkrieg“ gegen die USA. […] Der Nachweis, dass Teheran durch die Unterstützung von Aufständischen für den Tod amerikanischer Soldaten verantwortlich ist, wäre für Bush relativ leicht zu erbringen.

Wie? Bedeutet das, die Amerikaner saugen sich das nicht nur aus den Fingern? Und der SPIEGEL gibt damit zu, daß der Iran an der Stabilisierung des Irak ungefähr das selbe Interesse hat wie die NPD am unbeschränktem Ausländerzuzug? Na, dann wird’s mal Zeit, da auch Schlüsse draus zu ziehen. Bisher galt die offene Unterstützung von Terroristen in einem Nachbarland nämlich als zulässiger Grund und nicht als fadenscheiniger Vorwand für eine völkerrechtlich einwandfreie Kriegserklärung. Alles was die Amerikaner jetzt also weniger machen als das Mullah-Regime in Schutt und Asche zu legen, ist eine nette Geste, die man täglich lobend erwähnen sollte, statt ständig dran rumzukritteln.

[…] Ein Feldzug gegen Teheran wäre „ein Desaster für die ganze Welt“, stimmt auch Bruce Riedel zu, ein ehemaliger CIA-Mann und Nahost-Experte bei der Brookings Institution: Er befürchtet ein „Schlachtfeld, das vom Mittelmeer bis zum indischen Subkontinent reicht“. Dennoch sieht er die „realistische Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung“ – beide Seiten in diesem Konflikt seien offenbar bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Einerseits spiele Iran mit dem Feuer und fordere durch seine Waffenlieferungen an Schiiten im Irak den Westen gezielt heraus.

Wow! Da tobt seit 2003 ein großer Regionalkrieg vom Mittelmeer bis zum indischen Subkontinent, und schon nach 4 Jahren merken die Jungs von der CIA, daß da theoretisch irgendwann einmal ein Krieg vom Mittelmeer bis zum indischen Subkontinent drohen könnte. Das muß dem Präsidenten ja riesigen Spaß machen, mit solchen Profis zusammenzuarbeiten.

[…] „Die Neocons sehen Iran als letzte Chance, noch etwas vorzuweisen“, sagt Analyst Riedel. Entsprechend verzweifelt ist ihr Ton: Norman Podhoretz beispielsweise, die Vaterfigur für alle Neocons, verkündete, er „hoffe und bete“, dass Bush endlich Iran bombardiere. Podhoretz sieht die USA in einem Weltkrieg mit „Islamofaschisten“ – nach seiner Zählung bereits der vierte globale Konflikt – und vergleicht Iran mit Nazi-Deutschland. Seine Vorträge betitelt der Kolumnist: „Ist es wieder 1938?“

Womit wir wieder bei der Zählweise wären. Und da steht es 1:0 für Podhoretz gegen Bush. Denn wenn man Weltkriege nur davon abhängig macht, daß Atombomben geworfen werden, gäbe es bisher nur den I. Weltkrieg von 1939-1945, mit der Option auf einen II. in naher Zukunft. Erweitert man das aber auch nur um den Einsatz von C-Waffen, sollte man von der Schreibweise mit römischen Ziffern aus Gründen der Übersichtlichkeit schnell Abstand nehmen. Daher ist Podhoretz Ansatz einer – nicht zuletzt dank des unermüdlichen Einsatzes von Armageddonjetzad – globalen militärischen Auseinandersetzung der unterm Strich überzeugendste.

Und Podhoretz ist beileibe kein belächelter Außenseiter, sondern inzwischen der Sicherheitsberater des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Rudolph Giuliani. Auch Präsident Bush bat Podhoretz ins Weiße Haus und ließ sich von ihm seine Sicht der Weltlage erklären.

Das hört man gerne! Bisher stand ich Giuliani ja eher skeptisch gegenüber, aber nachdem er bereits erfolgreich damit angefangen hat, sich die richtigen Feinde zu machen, wäre das ein weiterer großer Pluspunkt angesichts all der sonst üblichen Loblieder auf die Rückkehr der Realpolitik.

Die meisten Washingtoner Experten warnen allerdings vor einem Schlag gegen Teheran. Sie gehen davon aus, dass Iran in jedem Fall zurückschlägt. „Es wäre töricht zu glauben, dass es bei Präzisionsangriffen bleiben kann“, sagt Riedel. Nach einer gezielten Attacke würde ein Krieg schnell eskalieren, glaubt er. Der ehemalige Präsidentenberater Sick erwartet, dass Iran mit ausgeklügelten Terroraktionen zurückschlagen würde.

Mit Terroraktionen? Gegen westliche Truppen? Am Ende gar Zivilisten? Nein, das würden sie nicht wagen! Niemals!!! Und falls doch, dann sollten wir natürlich nachgeben. Nicht daß am Ende vom Libanon aus Raketen auf Nordisrael abgeschossen oder in Buenos Aires jüdische Einrichtungen gesprengt werden.

„Die Generäle der Revolutionswächter haben mehrere Jahre Zeit gehabt, um über asymmetrische Kriegführung nachzudenken. Sie haben wahrscheinlich einige sehr interessante Ideen.“ Es genüge beispielsweise schon, einige wohlplazierte Bomben an den Ölterminals im Persischen Golf explodieren zu lassen.

Und die US-Flotte könnte das, weil sie wegen der Kämpfe im Zentralirak ja komplett auf Euphrat und Tigris stationiert ist, natürlich nicht verhindern. Und wer schon bei dem Tsunami in Indonesien so heillos überfordert war, wird kaum in der Lage sein, beschädigte Ölplattformen zu reparieren. Nein, nein, sehen wir’s realistisch: Die Mullahs haben uns in der Hand und es gibt nichts, aber auch gar nichts, was wir dagegen tun könnten. Beruhigend zu wissen, daß so fähige Köpfe, die noch erkennen, daß die stärkste Militärmacht der Welt völlig nutzlos ist, es in ihren Geheimdienst schaffen können.

[…] Und weil die katastrophalen Folgen eines solchen Angriffs auf der Hand liegen, hält sich hartnäckig auch eine vergleichsweise wohlmeinende Interpretation des gegenwärtigen Säbelgerassels in Washington. Und die geht so: Die Drohkulisse muss möglichst eindrucksvoll ausgemalt werden. Pure Angst soll die diplomatischen Lösungsversuche unterstützen und zudem zögerliche Mitglieder im Uno-Sicherheitsrat zum Handeln treiben. Die könnten verschärften Sanktionen womöglich eher zustimmen, wenn sie glauben, dass Krieg die einzige Alternative ist.

Wenn’s klappt, ist das doch wohl genial! Und wenn nicht, sind ja immer noch die Kumepls von der SoftPower-Fraktion da. Der Plan, mit dem sie die Mullahs am Erwerb von Atombomben und dem Hängen von Homosexuellen hindern, ist sicher schon fertig und wartet nur darauf, im entscheidenden Moment aus dem Hut gezaubert zu werden. Und wenn sie nett fragen, übernimmt Bruce Riedel vielleicht sogar seine Präsentation.

~ von Paul13 - Mittwoch, 24. Oktober 2007.

3 Antworten to “Iran, mit „i“ wie „invincible“”

  1. @ Paul

    In der berühmt-berüchtigten Kriegsfolgenabschätzungsstudie der Oxford Research Group
    http://www.friedenskooperative.de/iranstudie.pdf
    wird noch die Störung des Tankerverkehrs in der Straße von Hormuz genannt. „Schon die bloße Angstreaktion hätte gewaltige Auswirkungen auf die Ölmärkte.“

    Außerdem „wäre der offizielle Rückzug [des Irans] aus dem Atomwaffensperrvertrag sehr wahrscheinlich. Eine weitere unmittelbare Reaktion bestünde aus dem geheimen und zügigen Wiederaufbau der nuklearen Infrastruktur sowie der Entwicklung eines Atomwaffenpotenzials…Weitere militärische Maßnahmen gegen den Iran wären die Folge und würden eine höchst gefährliche Spirale der Gewalt in Bewegung setzen.“ Spirale der Gewalt: ein Klassiker.

    Und dann kommt das Fazit:
    „Die vorliegende Analyse kommt allerdings zu dem Schluss, dass militärisches Vorgehen als Reaktion auf die gegenwärtige Krise in den Beziehungen zum Iran eine äußerst gefährliche Option ist und nicht weiter in Erwägung gezogen werden sollte. Alternative Möglichkeiten müssen gesucht werden, so schwierig dies auch sein mag.“

    Da habe ich gedacht: Aha, dann laßt mal hören. Aber da ist die Studie ZU ENDE! Kommt nix mehr! Das entspricht also deiner ironischen Conclusio:
    „Die Mullahs haben uns in der Hand und es gibt nichts, aber auch gar nichts, was wir dagegen tun könnten.“

  2. @ Cheney

    Tja manchmal ist die Wahrheit grausam. Aber Bush-man ging ja 2003 von einen anderen Bedrohungsanalyse aus. Irakische WMD und so …

    Anton

  3. […] kaum zielführend sind. Zumindest hat der Autor dieser Vorschläge, ein ob seiner Einschätzungen einschlägig bekannter ehemaliger CIA-Bediensteter namens Bruce Riedel, das Hauptproblem des Umgangs mit Gestalten vom […]

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