National und Sozial


— von Fünfte Internationale —

Als Linker hat man es heute nicht leichter als vor 150 Jahren. Doch heute ist es weder preußischer Obrigkeitsstaat, noch autoritärer Klerus, die einem das Leben zur Hölle machen können. Heute sind es diejenigen Kräfte, die einem dem Universalismus verschriebenen Individuum den Scheiterhaufen bereiten, die eigentlich – zumindest historisch betrachtet – im Namen eben jenes Universalismus aufbrachen. Der alte Marx lobte noch die revolutionäre Bourgoisie in höchsten Tönen, stellte aber dennoch fest, dass sie sich selbst genügt, nicht über ihren Schatten springen könne und damit die endgültige Emanzipation der gespaltenen menschlichen Gattung von eben jener Spaltung nur von einer konsequent aus der Bourgoisie hervorgegangenen Bewegung, die gleichzeitig als (Not)Bremse aller anderen historischen Bewegungen und damit der Geschichte selbst fungieren sollte. Er verortete eben jenen rettenden Fuss der auf das Bremspedal treten sollte im Proletariat. Marx kann man freilich vieles vorwerfen. Seine selbstherrliche Art, den ( eigentlich vollkommen gerechtfertigten ) Streit mit Lassale, der in unappetitlichen Bemerkungen über polnische Juden gipfelte usw. In einem Punkt aber hatte er recht, namentlich in jenem der besagte, dass innerhalb einer Kurzen historischen Periode ein proletarischer Umsturz in universalistischer Perspektive den Durchbruch bringen konnte. Er hoffte, dass das Proletariat das erkennen und nicht nur handeln sondern vorallem richtig, nämlich libertär-westlich-internationalistisch, handeln würde. Und zwar bevor Volkstribune a la Lassale jeglichen emanzipativen Gehalt ausradieren würden. Spätestens 1914 aber, mit der Verstaatlichung der alten Linken und ihrer Unterstützung für den Weltkrieg, wurde Marxens Hoffnung zunichte gemacht. Eben jenes Jahr 1914 ist der Startpunkt einer Entwicklung in Westeuropa ( und auch Russland, man darf eben nicht den Ribbentropp-Molotow Pakt vergessen, der u.a. Lenins Orientierung an der – ja – deutschen Sozialdemokratie zu verdanken war ) die seine Kulminationen 1933, 1938 ( „peace of our time“ ) und schließlich 1939 erreichte. Es ist eben jenes Zusammenwachsen von Volk und Sozialismus das für so ziemlich jeden Dreck im 20. Jahrhundert verantwortlich war, und für den jetzigen Weltkrieg verantwortlich ist. Es ist eine Bewegung um der Bewegung willen. Ein seit Wagner gekanntes Konzept. Tödlich in letzter Konsequenz. Immer. Überall. Der Weg ist das Ziel. Das ist „die große Idee“ die keine ist. Nicht einmal ein Gedanke. Allerhöchstens ein Raunen. Adorno ahnte einmal, dass das Monster des NS nicht einmal an seinem Tode starb. Heute, nach Auschwitz, dem schrecklichsten und unübertreffbarsten – damit unvergleichlichsten – aber leider nicht einzigsten Produkt des Volkssozialismus stellt man als materialistischer Kritiker mit Schaudern fest, dass „die Bewegung“ zu sich kommt, sich zusammenrafft, sich neu formiert. Scheinbare Grenzen zwischen den Protagonisten, den Staaten, den „Farben“ verschwimmen. Die Essenz dieses „Behemoth“ ( Bahamas ), die schon 12 Jahre lang sich ausleben durfte, bricht immer mehr und mehr durch. Dabei ist es vollkommen gleich ob, nach erreichen des Endziels, welches ebenso wie die Essenz das gleiche geblieben ist, nur – notwendigerweise – in etwas anderer Verkleidung, „die Bewegung“ ausseinanderbricht und die Welt in einem Bürgerkrieg Jeder gegen Jeden versinkt. Opfer müssen eben für „die große Idee“ sein. Das wusste schon Ernesto Guevara. Und Georg Strasser. Der „globale Dschihad“ eben.

Am Ende bringen es diese „Burschen“ auf dem Punkt:

Du kämpfst für eine Klasse und gehst nicht mit der Masse, Du bietest ihnen die Stirn. Du bist nicht korrupierbar, bist nicht manipulierbar, Du hast Dein eigenes Hirn.

Denn Du bist nicht so wie sie und warst es nie, Du warst es nie. Denn Du hast ein Ideal, national und sozial.

„Die Bewegung“ vereint in Vielfalt. Der Weg zur Revolution.

~ von analytics23a - Dienstag, 16. Oktober 2007.

49 Antworten to “National und Sozial”

  1. @ FI

    Um einen Protagonisten der Anri-„Universalisten zu zitieren: „wenn es denn der Wahrheitsfindung dient …“

    Antikommunismus hat in Deutschland eine lange Tradition. Seine Mittel und Sprachfiguren reichen von ganz dumpf „der Bolschwik als Anführer der blutrünstigen slawischen Untermenschen mit dem blanken Messer zwischen den Zähnen“ bis zu dem fein abgewogenen Systemvergleichen der Totalitarisumstheorie. Ein festen Bestandteil diesere propagandistischen Front gegen alles wass den real existierenden Kapitalsmus – vulgo: Marktwirtschaft – in Frage stellt bilden die Renegaten, die abgefallenen Linken jeglicher Provienz. Diese trautigen Gestalten, die „Theoretiker des „Dritten Weges“, der Fünften Internationale, dem atomstromfreien Ökokommutarismus mit menschlichem Anlitz sind sich einig in ihrem Hass auf alles links der SPD, dem „autoritären Marxismus des alten Mark und des jungen Engels“, dem Lenismus-Bolschewismus, Stalinismus-Sowjetismus usw. Mit ihren Entartungstheorien bieten sie den argumentativen Steinbruch für die „Marxismus-Analyse“ der bürgerlichen Liberalen, Konservativen, Nationalen. Soweit so schlecht und so altbekannt.

    Eine etwa modernere Variante bieten nach 1989/91 (dem Zusammenbruch des Real existierenden Sozialismus) im (wieder)veeinigten Deutschland die FRaktion der sog. Anti-Deutschen mit ihrer These von der Notwendigkeit der Domestizierung deutscher Bestien durch den moralisch überlegenen Westen. Das ist angesichts der realen Machtve3rhältnisse und der imperialistischen Praxis im Jahre 2007 leise albern. Spielt aber wirksam mit historischen Analogien, die nächste Woche die historische Katastrophe (Machtergreifung II) prophezeien. Damnit nimmt sie zwar niemand sonderlich ernst, aber ganz klammheimlich wird über diese Debatte ein neuer Grundkonsens transportiert:

    der status quo des entwickelten Kapitalismus unter Führung eines idealisierten Westens (USA / GB / Israel und die treuen Verbündeten)ist die höchste Entwicklungsform der menschlichen Art, die es vor der Barbarei (Islamisten, Faschisten, Kommunisten, Gewerkschafter, Globalisierungskritiker, Ökos, Tierschützer usw.) zu schützen gilt.

    Dazu nur ein paar Thesen:

    1. Jede Kritik an den Verhältnissen im real existierenden Kapitalismus erfordert eine Analyse der ökomimschen und politischen Grundlagen: Eigentumsverhältnisse, Marktbeziehungen, Wirtschaftspolitik, Internationale Beziehungen – oder sie bleibt hohles Geschwätz

    2. So wenig wie anti-kapitalisums bereits revolutionär oder forstschrittlich ist, so wenig taugt das Argument, das eine bestimmte Kritik auch von bösen Menschen (z.B. Nazis) vorgetragen wird. Sollte die NPD die Behauptung aufstellen, dass die Ere sich um die Sonne dreht, werde ich ihr IN DIESEM PUNKT zustimmen.

    3. Aus der Geschichte wissen wird, das faschistische Bewegungen mangels eigener Traditionen und Ideen dazu neigen, bestimmte Formen und Rituale von den Kommunisten (und auch den Sozialdemokraten) zu klauen. In neuerer Zeit haben sich rechte Grüppchen bei den Autonomen und sogar bei der Antifa bedient. Doch so wenig einen kurze Haare schon zum Nazi machen – so wenig ist völkischer Punkt oder rassistischer Heavy Metal schon ein Beleg für die großdeutsche anti-westliche Verschwörung.

    4. Der Nationalsozialismus war trotz seiner anti-kapitalistischen Rheorik und völkisch-kleinbürgerlichen Apologie des Zunftwesens und des „Bauernstandes“ gekennzeichet durch die aggressivste Konzentration der Produktionsmittel und monopolistischen Konkurrenz. Jenseits der anti-modernen Proganda erforderte die auf militärischer Aufrüstung basierende expansive Außenpolitik des Dritten Reiches eine staatliche Gesatmt-Steuerung der Produktion, bei gleichzeitiger Aneignung der Profite durch eine kleine kapitatlistische Elite politisch integrierter Großunternehmen, wie es im Rahmen einer bürgerlichen Demokratie nicht durchsetzbar gewesen wäre.

    5. In diesem Sinne war der Nationalsozialismus durchaus eine Modernisierungsdiktatur: Bei Zerschlagung der letzten aristokratischen Prärogativen (Offizierskorps, Diplomatischer Dienst, Reichsverwaltung) und noch vorhandener ständestaatlicher Priviliegien aus dem Kaiserreich erreichte die nationalsozialistische Volksgemeinschaft nach der Gleichschaltung die Unterordnung aller Wirtschaftseinheiten unter die Führung einer staatskapitalistischen Elite von „Wehrwirtschaftsführern“. Was gut war für: Krupp, Thyssen, Siemens, IG Farben, Daimler Benz, Deutsche und Dresdner Bank (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) – war gut für Deutschland.

    6. Vor diesem historischen Hintergrund ist der oben inszenierte vermeintliche Gegensatz zwischen deutschen illiberalen (und krypto-national-sozialistischen) Anti-Westlern und demokratischen marktwirtschaftlichen Freiheitsfreunden und US-Fans schlicht albern. Imperialistische Konkurrenz um Rohstoffquellen und Absatzmärkte zur Abwehrschlacht gegen „die Barbarei“ zu stilisieren ist ebenso verlogen wie kontrafaktisch. Aber das dürfte das NBFS-Personal schon aus Prinzip nicht interessieren.

    mfG
    Anton

  2. Anton, Du wiedersprichst Dir selber jeden zweiten Satz. Lies den Text GANZ genau durch. Weder vergleiche ich Mao mit Hitler, noch sage ich, dass die kommunistische IDEE schlecht ist. Ich bin, wenn Du so willst, selber Adornit, Marxfan und stehe dazu. Den Vorwurf nicht über den „bürgerlichen Tellerrand“ schauen zu wollen, kannst Du mir nicht machen. Nur sage ich, dass dein heiliges Konzept bereits 1914 den Geist aufgab und ab da nur eine Bewegung um der Bewegung willen war, egal was draus wird. Als der Sozialismus zum Volksozialismus wurde, war es aus. Aber dank Leuten wie Dir, gab es Strasser wie es Guevara gab. „Die Bewegung“ eben, im Inneren strittig, nach aussen einig, auch wenn sie es nicht wissen wollten. Ein sich bewegender Wiederspruch, der nur WEIL er sich bewegt, zusammengehalten wird.

  3. Du hast es wohl mit Robert Kurz. ;)

  4. Habe ich da einen Nerv bei dir getroffen? ;)

  5. http://www.freie-radios.net/portal/streaming.php?id=17116

    Hörs Dir an, hörs Dir einfach an.

  6. @all:
    Downloaden und anhören

  7. Im Bann des Etatismus

    Konsequenzen aus 200 Jahren deutscher Ideologie

    Die folgenden Überlegungen wollen eine Mesalliance auflösen helfen, die seit langem als so selbstverständlich gilt, dass sie noch von keinem Einspruch der Wirklichkeit, von keiner noch so unangenehmen Erfahrung zu erschüttern war. Gemeint ist die Mesalliance zwischen radikaler Gesellschaftskritik, i.e. die Marxsche, und der Arbeiterbewegung (inklusive ihrer Nachfolgeerscheinungen). Am Beispiel Marxens selber kann man sowohl die vergänglichen Entstehungsbedingungen dieser uns nur allzu vertrauten Beziehung rekapitulieren als auch das daraus resultierende Mißverständnis verdeutlichen; ein Mißverständnis, das genau in der verbreiteten Ansicht besteht, daß der Gesellschaftskritiker durch historisch-politische Notwendigkeit den Verteidigern des Sozialstaates, die sich nicht zum ersten Mal in der deutschen Geschichte als Demagogen des Volksstaates entpuppt haben, irgend nahe stehen müsste.

    Denn nimmt man Marxens Kritik am „deutschen Sozialismus“, der „deutschen Ideologie“ ernst, dann steht die Geistesgeschichte des Marxismus tatsächlich auf dem Kopf. Die in Marxens Namen aufgebrochene Arbeiterbewegung nämlich hat ausgerechnet diejenige Ideologie zur materiellen Gewalt gemacht, von deren theoretisch vernichtender Kritik das Marxsche Denken eigentlich seinen Ausgangspunkt nimmt. Seit 200 Jahren, also seit Preussen eine forcierte Industrialisierungspolitik betrieb, eine Modernisierung von oben, in der die Bürokratie die Bourgeoisie ersetzte, ist der „deutsche Sozialismus“, also der geistige Niederschlag Preussens, der Todfeind eines orthodox sich verstehenden Marxismus – zugleich aber das Leitbild des doktrinär sich gerierenden Marxismus.

    Es war nicht so, daß Marx und Engels nicht bemerkt hätten, daß sie zwar als Ikonen, jedoch nicht als Denker von der Sozialdemokratie angenommen wurden. Der Kritik von Marx und Engels an den Programmen fehlt es am wesentlichen Punkt, nämlich dem des Etatismus der Sozialdemokratie, nur wenig an Deutlichkeit. Zu Recht wütete Marx gegen das „Gothaer Programm“ der Arbeiterpartei, der späteren SPD: Es stünde „unendlich tief unter dem der Freihandelspartei“ weil diese wenigstens „etwas“ nicht Reaktionär-Nationales einfordere, nämlich, „den Handel international (zu) machen“. (MEW 19, 24) Die Arbeiterpartei hingegen käue die „gegen die Sozialisten gerichteten“ (MEW 19, 31) Rezepte der Staatswirtschaft wieder, und schiele deutlich nach dem Bündnis mit dem autoritären Preußen, wenn es von den „geistigen und sittlichen Grundlagen des freien Staates“ und dessen fabelhafter Autonomie schwärme, der gegenüber die Bourgeoisie in den Augen der Sozialdemokratie nur „eine reaktionäre Masse sei“ (MEW 19, 33 bzw. 21).

    Dennoch hielten Marx und Engels diesen – wie Erich Mühsam später spottete – „bismarxistischen“ Charakter der sozialdemokratischen Ideologie für eine Kinderkrankheit der proletarischen Bewegung und nicht für das Wesen einer eigenständigen, sozialdemokratischen Bewegung, die in ihrer Bestimmung durch das, was Marx schon in der „Deutschen Ideologie“ als borniertes „Stammes- und Hammelbewußtsein“ (MEW 3, 31) gegeißelt hatte, von Bebel zu den heutigen No-Globals reicht.

    Handlanger der Sozialdemokratie

    So, wie diese Bewegung Marx und Engels aber eingemeindet hat, gilt bis heute das Monopol derer als unantastbar, die sich Antikapitalismus in nur irgendeiner Form auf die Fahnen schreiben: das Monopol auf den kritischen Geist und die Revolution, zumindest aber auf Kritik und Widerstand. Dieser Widerstand ist festgelegt: Er geht von unten gegen oben, von Osten gegen Westen, von Süden gegen Norden. Dabei ist der politische Charakter der Kombattanten, der gesellschaftliche Inhalt ihrer Handlungen gleichgültig geworden, ja, steht mit den für sich selbst reklamierten Grundhaltungen der linken Möchtegern-Gesellschaftskritiker mittlerweile in schreiendem, und nur noch mit äußerster Gewalt über­haupt zusammengehaltenem Widerspruch – oder wie Marx es mit Blick auf die Sozialdemokratie formuliert hatte: „innerhalb der Grenzen des polizeilich Erlaubten und logisch Unerlaubten“ (MEW 19, 29).

    Der aufs Links-Sein festgelegte Kritiker ist deshalb notwendig schizophren: Er muß nicht nur – was für sich genommen schon verrückt genug ist – den verantwortungsethisch-marktindividualistischen Protestantismus des George W. Bush mit dem amoralisch-nihilistischen Mordkollektivismus der Mullahs auf eine Stufe stellen, um dann von „globalem Fundamentalismus“ schwadronieren zu können. Er muß auch wider alle eigene Erfahrung, sofern er unter 40 ist, so tun, als ob es nicht die Hürden des Sozialstaates selbst wären, die verhindern, daß er und seine Altergenossen einen regulären Job bekommen, und man schon allein deswegen die beschissenen Kollektive wie Großfamilie, Strassengang und ethnische Community so schwer verlassen kann. Er muß so tun, als ob nicht die Staatspfründen-Verteidigung an der deutsch-französischen Form der Krise schuld wäre, sondern international agierende „Heuschrecken“. Mit einem Wort: seine Kritik darf nicht den tatsächlich himmelschreienden Mißständen zu Leibe rücken, sondern muß die Untaten der islamischen Halsabschneider und Ehrenmörder relativieren und sich als Handlanger der Sozialdemokratie und ihrer Klientel hergeben, die neben den „Heuschrecken“ (Müntefering) nichts mehr haßt als die arbeitslose Konkurrenz, die gefälligst draußen vor den Betriebs- und Behördentoren zu bleiben hat, um sich dafür dann als „Parasiten“ (Clement) beschimpfen zu lassen.

    Dieses sozialdemokratische „Kritik“-Monopol scheint umso unantastbarer, je mehr schon die alltägliche Erfahrung im alten Europa beständig nur eines über Kritik lehrt: dass es nämlich kritisch für den wird, der den Antikapitalismus kritisiert. Rebellische Bedürfnisse gegen Schule, Nachbarn und Familie könnte man deswegen allein durch das Tragen von George W.-T-Shirts befriedigen, keineswegs aber mehr durch solche, die den ehemaligen kubanischen Wirtschaftsminister Ernesto Guevara zeigen. Derlei ganz leicht und jederzeit mögliche eigene Erfahrung nicht als anschauungsformende Instanz zuzulassen, ist allerdings ein Grundzug, der kritisch-sein wollende Intellektuelle spätes­tens seit der Zeit prägt, als sich die Arbeiterbewegung ihre Volksstaaten mit ihrer dazugehörigen Staatsräson schuf. Diese habitualisierte Erfahrungs- und Realitätsabwehr galt schlagend für die Anhängerschaft der Sowjetunion und Chinas, die blindwütigen Apologeten des Sozialismus in einem Land und erst recht für die anderen, die sich nicht einmal durch Pol Pot von der Drei-Welten-Theorie abbringen ließen. Schlagend gilt dies aber auch in den nach Lassalleschem Vorbild sozialdemokratisierten Staaten des Alten Europa: Kritisch war nur, wer dafür war und mitmachte – kritisch war nur, was der Bürokratie und ihrer weiteren Ausdehnung diente. Man hatte in den 60er und 70er Jahren schlicht für die Bildungsreform sein müssen, ganz gleich, wie schrecklich man persönlich Ganzheitsmethode und Gesamtschulpädagogik finden mochte. Man hatte in dieser Zeit einfach dafür zu sein, daß die Gewerkschaften die Ausdehnung der Regularien des Öffentlichen Dienstes auf nahezu alle Arbeitsverhältnisse durchsetzen konnten – auch wenn einem die Staatsfeudalisierung des ganzen Erwerbssektors nicht geheuer war und der Ausschluss nachfolgender Generationen aus den refeudalisierten Großbetrieben die alsbald klar zu erkennende Folge war (die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich, dem Land mit der höchsten Staatsquote am Bruttosozialprodukt in West-Europa, liegt offiziell bei 30%).

    Was hält heute aber noch diese Mesalliance von Kritik und Etatismus zusammen? Daß die rot-grüne Staatsbourgeoisie als unmittelbarer Nutznießer des Subventionismus an eben diesem festhalten möchte und dafür einen Kontinuitätsmythos fortschreibt, der von 1848 über 1968 bis Schröder reicht, mag dem ideologischen Bedürfnis der aus linken Bewegungen stammenden Profiteure Rechnung tragen. Aber warum sollten andere daran glauben? Was hat der gewerkschaftlich-sozialdemokratisch-ökoetatistische Komplex denn noch zu bieten, das erklären könnte, warum ausgerechnet er das einzig ziemliche Umfeld für Gesellschaftskritik sein soll; warum ausgerechnet er zumindest das kleinere Übel sei, warum man ihn aus der Kritik nehmen sollte wie die Titanic es beispielsweise erst jüngst tat, wenn sie auf die zivil und sachlich auftretende Merkel eindrosch und den als atavistischen Staatsgorilla sich aufführenden Mann-Mann Schröder, der wirklich alles bediente, was man als deutschlandkritischer Mensch zu verabscheuen gelernt haben sollte, völlig ignorierte und willentlich schonte.

    Die sogar noch bis zu dieser Widerlichkeit verkommene Zwangsbindung des Anspruchs Gesellschaftskritik an die Apparaturen und Institutionen des autoritären Sozialstaats zu üben, rechtfertigt sich – wenn er denn überhaupt in Frage gestellt wird – mit dem Verweis darauf, dass doch die „wirkliche Bewegung“ mehr zähle als die utopisch-unpraktischen Anschauungen des naseweisen Kritikers. Das Sprüchlein vom Realismus, den ja schließlich schon Marx gegen die utopischen Sozialisten stark gemacht habe und der Grund dafür gewesen sei, warum Marx sich trotz aller schneidenden Kritik eben doch der Sozialdemokratie angeschlossen habe, geht dann auch rasch über die Lippen. Dieser Verweis auf Marx hat obendrein soviel Scheinevidenz, dass noch der real existierende Sozialismus in seiner Selbstbezeichnung davon zehrte. Wer ihn kritisierte, sei nicht nur ein Klassenfeind, sondern auch ein utopischer Spinner gewesen, als ob nicht die – im schlechtesten Sinne des Wortes – allerutopischste Idee jene des Realsoz gewesen wäre, deren Anhänger eine Gesellschaft nach dem Bilde eines militarisierten Sozialamtes gestalten wollten und das Ganze ideologisch mit völkischem Prolet-Kult überhöhten.

    Der deutsche Sozialismus

    Dass ausgerechnet der Realsoz, also der Lasallesche „freie Volksstaat“ in Reinkultur, den berühmtesten Satz aus der „Deutschen Ideologie“ für sich reklamieren konnte, wonach „der Kommunismus die wirkliche Bewegung sei,“ die die jetzige Gesellschaft aufhebe, entspringt einem absichtsvollen Mißverständnis. Denn Marx’ Vertrauen in die „wirkliche Bewegung“ beruhte nicht auf dem protektionistischen Staat, sondern auf seinem Gegenteil – dem Weltmarkt, dem – wenn man so will – Globalismus:

    „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt Bestehenden Voraussetzung. Übrigens setzt die Masse von bloßen Arbeitern – massenhafte von Kapital oder von irgendeiner bornierten Befriedigung abgeschnittne Arbeiterkraft – und darum auch der nicht mehr temporäre Verlust dieser Arbeit selbst als einer gesicherten Lebensquelle durch die Konkurrenz – den Weltmarkt voraus.“ (MEW 3, 35f.) Marx glaubte also im krassen Gegensatz zu denen, die sich später Marxisten schimpfen sollten, dass die Präponderanz des Staates eine vorübergehende Kinderkrankheit des Liberalismus am Vorabend der bürgerlichen Revolution in Preussen-Deutschland sei. Marx im O-Ton: „Durch die Emanzipation des Privateigentums vom Gemeinwesen ist der Staat zu einer besonderen Existenz neben und außer der bürgerlichen Gesellschaft geworden; er ist aber weiter nichts als die Form der Organisation, welche sich die Bourgeois sowohl nach Außen als nach innen hin zur gegenseitigen Garantie ihres Eigentums und ihrer Interessen notwendig geben. Die Selbständigkeit des Staats kommt heutzutage nur noch in solchen Ländern vor, wo die Stände sich nicht vollständig zu Klassen entwickelt haben, wo die in den fortgeschrittneren Ländern beseitigten Stände noch eine Rolle spielen und ein Gemisch existiert, in denen daher kein Teil der Bevölkerung es zur Herrschaft über die übrigen bringen kann. Dies ist namentlich in Deutschland der Fall. Das vollendetste Beispiel des modernen Staats ist Nordamerika. (MEW 3, 62)

    Aber all das, was Marx in diesem Sinne treffend als materielles Substrat der „Deutschen Ideologie“ charakterisierte, was er hier am Beispiel der Phantastereien eines Bruno Bauer, Max Stirner oder Karl Grün beschrieb, könnte zugleich zur Charakterisierung des tatsächlich eingeschlagenen „deutschen Sonderwegs“ genauso dienen wie auch zu einer Charakterisierung dessen, worauf die aktuellen Apologeten des „Alten Europa“ auch noch stolz sind. Marx: „Während der Epoche der absoluten Monarchie, die hier [also in Preussen-Deutschland, U.K.] in ihrer allerverkrüppeltsten, halb patriarchalischen Form vorkam, (erhielt) die besondre Sphäre, welcher durch die Teilung der Arbeit die Verwaltung der öffentlichen Interessen zufiel, eine abnorme Unabhängigkeit, die in der modernen Bürokratie noch weiter getrieben wurde. Der Staat konstituierte sich so zu einer scheinbar selbständigen Macht und hat diese in andern Ländern nur vorübergehende Stellung – Übergangsstufe – in Deutschland bis heute behalten. Aus dieser Stellung erklärt sich sowohl das anderwärts nie vorkommende redliche Beamtenbewußtsein wie die sämtlichen in Deutschland kursierenden Illusionen über den Staat.“ (MEW 3, 178)

    Marx’ Revolutionstheorie wie die gesamte Philosophiekritik, also die Erwartung, daß der Widerspruch im Bestehenden mit dem Widerspruch gegen dieses Bestehende identisch ist, setzt voraus, daß niemand sich ernsthaft daran machen könnte, diese „Illusionen über den Staat“ in ein tatsächlich staatliches Programm umzusetzen. Genau das aber sollte geschehen. Der Liberalismus war in Marx’ Augen einfach fortschrittlicher in Hinsicht auf die berühmte „doppelte Freiheit“ des Individuums: zwar frei von allen Zwängen zu sein, die seine Entfaltung verhindern aber auch frei von allen Mitteln, diese mögliche Entfaltung ins Werk zu setzen. Diese offenkundige Fortgeschrittenheit ist jener Zug der Wirklichkeit, jene „wirkliche Bewegung“, die Marx gegen die Etatisten glaubte aufbieten zu können: „Die Proletarier müssen, um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigne bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben. Sie befinden sich daher auch im direkten Gegensatz zu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft sich bisher einen Gesamtausdruck gaben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.“ (MEW 3, 77)

    Vor diesem revolutionstheoretischen und philosophiekritischen Hintergrund wirft Marx den Etatisten seiner Zeit, den „deutschen Sozialisten“ vor, doktrinär zu sein und sich nicht an der wirklichen Bewegung zu orientieren: der Bewegung, die die revolutionäre Bourgeoisie in Gang gesetzt hatte, nämlich mit dem Welthandel auch ein Menschheitshandeln zu ermöglichen, was allerdings erst das gleichfalls revolutionäre Proletariat zu Ende führen könne. Daß die Partei des Proletariats sich dagegen zur Vorhut der wirklichen Bewegung gegen die Wirklichkeit machen würde, daß sie den Fichteschen „geschlossenen Handelsstaat“ von 1800 und die darauf aufruhende Unterscheidung des Listschen „Nationalsystems“ (1841) zwischen einer „politischen Ökonomie“, in der die deutsche Staatlichkeit zu ihrem Recht käme, und der verwerflichen „kosmopolitischen Ökonomie“, unter deren Deckmantel England die Welt, v.a. Deutschland ausraube, tatsächlich in Praxis umzusetzen versuchen würde, trotz oder wegen erwiesener Schwachsinnigkeit und Niederträchtigkeit des Unterfangens – das wollte und konnte Marx nicht glauben. Der letztend­lich mit den prussophilen Ideen Lasalles vollgesogene Sozialdemokratismus, über den er privat kaum freundlicher sprach als über List oder den preußischen König, erschien ihm als unreife Irrung der Arbeiterbewegung – nicht als ihre Essenz, die sie tatsächlich darstellte. Friedrich List siegte ebenso über Karl Marx wie die von Marx in Grund und Boden gerammten Bauers, Stirners und Grüns, die Ideologen des „deutschen Sozialismus“. (1) Sie siegten, weil der in Bewegung gesetzte Volksstaat 1933 zur Realität wurde, als Massenmobilisierung und preussischer Staat sich verbanden.

    Daß schließlich die Bewegung, die den bürgerlichen Liberalismus praktisch kritisierte, keine aufklärerische, sondern eine gegenaufklärerische sein würde, keine kommunistische, sondern eine faschistische, daß das Volkskaisertum des Louis Bonaparte einmal zum Vorschein zukünftger volksstaatlicher Lösungen der sozialen Frage werden sollte, daß sich soziale Bewegungen nicht gegen die zukünftigen Bonapartes richten, sondern diese vielmehr erst auf den Schild heben sollten, daß schließlich der Staat – sei es der „reformierte“ hergebrachte, sei es der „revolutionär“ selbsterrichtete – zum autoritären Beschützer gegen die unehrliche Existenzform des Finanzkapitals avancieren sollte und damit die berechtigte Kritik der liberalen Illusion sich ins antisemitische Ressentiment pervertierte: All das konnte Marx genauso wenig erahnen wie den Umstand, daß wegen der genannten Entwicklung der „deutsche Sozialismus“, die „deutsche Ideologie“ überall auf der Welt begeisterte Adepten finden sollte.

    III. Reich, III. Welt, „Neue Linke“

    Denn Marx erschien die „deutsche Ideologie“ auf dem Höhepunkt der bürgerlichen Epoche zurecht als Relikt aus dem „politischen Tierreich“ Preußen-Deutschland, einer Sozialdespotie, von der er in Abwandlung des Aristoteles an Ruge schreibt, daß der Preuße in seiner Eigenschaft als kleindeutscher Prototyp „zwar ein geselliges, jedoch völlig unpolitisches Tier ist“, das noch das Kinderzeugen als Rekrutendienst am Staate betreibt, die Indienstnahme der Familie durch den Staat und die des Einzelnen durch die Bajonette klaglos hinnimmt. Der Zustand Preußen-Deutschlands, in dem die Klassen sich nie vom Staat emanzipieren können sollten, war in Marxens Augen eigentlich sogar noch ein nahezu vorgeschichtlicher Zustand. Deshalb auch kam er zu dem Schluß: „Die Existenz der leidenden Menschheit, die denkt, und der denkenden Menschheit, die unterdrückt wird, muß aber notwendig für die (…) Tierwelt der Philisterei ungenießbar und unverdaulich werden.“ (Brief an Ruge, in: Deutsch-Französische Jahrbücher von 1844, Frankfurt/M. 1982, 101f. bzw. 106). Damit stand er in schärfstem Gegensatz zur Sozialdemokratie, die samt und sonders in Preußen nicht das Gegenteil, sondern den Vorläufer des Sozialismus zu sehen meinten: darin unterscheidet sich Lenin kein bißchen von Bernstein, Bebel oder Kautsky.

    Erst recht konnte Marx sich wohl nicht vorstellen, daß die „deutsche Ideologie“ in viel exoterischeren Gewändern noch, als es die sozialdemokratisch-bolschewistische Funktionärskluft war, fröhliche Urstände feiern sollte: daß gerade die so offensichtliche bornierte, den im Staat inkorporierten „Volksgeist“ an Stelle des Klassenbewußtseins setzende Zurückgebliebenheit hinter der bürgerlichen Entwicklung, die sich in diese „Ideologie“ eingeschrieben hatte, sie dazu prädestinierte, bis heute antibürgerliches Ressentiment zu kanalisieren. Um das zu illustrieren, muß man gar nicht die vergessenen Vordenker wie Bauer oder Grün bemühen, denn in ihre Fußstapfen waren längst Gregor Strasser, Mao Zedong und all die anderen Ideologen des III. Reichs und der III. Welt getreten. Letztere wurde zum Jungbrunnen, aus dem in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts vor allem die Bewegung schöpfte, die sich das Attribut „Neue Linke“ verlieh. Ihr sollte die Aufgabe zufallen, das völkisch-kulturalistische Fundament des Etatismus in seiner ganzen Scheußlichkeit herauszuarbeiten. Diese Implikation der neuesten Form „deutscher Ideologie“ hatte Marx sehr wohl der alten schon angemerkt und in einer Weise kritisiert, die heute so aktuell ist wie vor 160 Jahren:

    „Wir haben in diesem Aufsatze [i.e. Hermann Semmigs „Communismus, Socialismus, Humanismus“ von 1845; U.K.] wieder gesehen, welche borniert-nationale Anschauungsweise dem vorgeblichen Universalismus und Kosmopolitismus der Deutschen zugrunde liegt. Dieses Luftreich des Traums, das Reich des ‚Wesens des Menschen’, halten die Deutschen den andern Völkern mit gewaltigem Selbstgefühl als die Vollendung und den Zweck der ganzen Weltgeschichte entgegen; auf jedem Felde betrachten sie ihre Träumereien als schließliches Endurteil über die Taten der andern Nationen, und weil sie überall nur das Zusehen und Nachsehen haben, glauben sie berufen zu sein, über alle Welt zu Gericht zu sitzen und die ganze Geschichte in Deutschland ihr letztes Absehen erreichen zu lassen. Daß dieser aufgeblasene und überschwengliche Nationalhochmut einer ganz kleinlichen, krämerhaften und handwerkermäßigen Praxis entspricht, haben wir bereits mehrere Male gesehen. Wenn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hiermit der Illusion, über die Nationalität und über alle wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingestehen.“ (MEW 3, 457f.)

    Der sich selbst und die Welt erschöpfende Gedanke, das „absolute Subjekt“ also, ist allen „deutschen Ideologen“ Grundlage ihrer „Traumreiche“. Diese „deutsche Wissenschaft“ (Marx) (2), ist zwar sehr wohl ein Niederschlag der Rückständigkeit, aber eben auch zugleich ein potentieller Anschlag auf die Wirklichkeit. Begründet liegt in dieser doktrinären Lehre nämlich ein Verhaltensmuster absoluter Rücksichtslosigkeit gegen Einsprüche von Vernunft und Selbsterhaltung und Unbekümmertheit gegen die Konsequenz eigenen Handelns: die Welt als Wille und Vorstellung des deutschen Ideologen. Ein Geisteszustand, der die Grundlage noch jedes „deutschen Wegs“ und jedes „Modells Deutschland“, wie es jüngst von der Generation 68 in der SPD neu aufgelegt wurde, abgibt. Die Sozialdemokratie hat sich damit zugleich am deutlichsten in ihrer Geschichte von dem Land entfernt, dessen Verhältnisse Marx und auch Engels vielfach – zuletzt in dessen „Kritik des Gothaer Programms“ – anstatt des idiotischen „freien Volksstaates“ als Minimalziel angemahnt hatten: die Vereinigten Staaten von Amerika. Daß der im selben Semmig-Aufsatz 1845 schon vorformulierte Widerwille gegen die „wurzellosen und oberflächlichen Nordamerikaner“ auch der bis heute durchgehaltene ideologische Grundzug jener „Neuen Linken“ war, die sich im Gegenzug so sehr für den entfesselten SA-Staat der chinesischen Kulturrevolution begeistern konnte, paßt dabei ins Bild.

    Die „Neue Linke“ erweist sich so als Testamentsvollstreckerin und Radikalisiererin des Sozialdemokratismus in einem. Die klassische SPD-Mission war mit der Quasi-Verbeamtung der Facharbeiter und kleinen Angestellten Ende der 1960er bzw. Anfang der 1970er Jahre an ihr logisches, aber auch finanzielles Ende gekommen. Damit war jedoch zugleich der klassische Emazipationsetatismus am Ende, der in seinem Begriff angelegte Widerspruch zwischen Emanzipation und Etat kam zum Tragen. Bis dahin hatte dieser Emazipationsetatismus den Kern dessen ausgemacht, was man bis ins Jahr 1973, dem Jahr der sogenannten „Ölkrise“, als fortschrittlich zu bezeichnen gewohnt gewesen war: staatliche Kompensationsmaßnahmen gegen tatsächlich bestehende soziale Benachteilungen. Der folgende Krisenetatismus nahm zusehends seine heutige, im Zeitalter von Hartz IV immer deutlicher erkennbare Gestalt an – die Gestalt eines tatsächlichen Generationenkampfes, bei dem beide Seiten bandenmäßig organisiert sind: die einen in der GEW, die anderen in der Gang.

    Die ’68er Jungbürokratie hatte sich zu Beginn der permanenten Krise der Haushalte des Volksstaates noch einmal eines aufs äußerste ausgedehnten Emanzipationsetats bedient – ganz prominent im Bildungs- und Sozialwesen –, der für jährlich zweistellige Stellenzuwachsraten im Öffentlichen Dienst sorgte: Diese neu geschaffenen Duodezhochschulen und Sozialprojekte wurden die Auffangstationen derer, die nicht mehr in Bausch und Bogen hineinkommen sollten und die damit auf lange Sicht zum bloßen Verwaltungsmaterial eben jener ’68er Bürokratie wurden. War dabei der aus dieser Scheinausbildung und Scheinbetreuung hervorgegangene Typus akademischer Taxifahrer im besseren Falle, subproletarischer Leiharbeiter im schlechteren, noch eine nahezu pittoreske Erscheinung, der in der alten Vor ’89er-BRD sogar einigermaßen über die Runden kam, so wurde spätestens ab 1990 die Sache in den entsprechenden Quartieren – sei es in Berlin-Neukölln oder Halle-Neustadt – mit jedem neuen Jahrgang dramatischer. Deren Bewohner, zumal die jungen, haben auf dem kartellierten Arbeitsmarkt keine Chance und bringen obendrein, weil aus der sozialistischen Schule kommend, sei es Marke ’68-West oder Marke FDJ-Ost häufig kaum die elementarsten Fähigkeiten mit.

    Wider die Feinde der Prekären

    Diese – zugegeben knappe – Zustandsbeschreibung dürfte Angriffspunkte antideutscher Kritik der nächsten Jahre erkennen lassen. Eine prominente Rolle wird dabei dem Phänomen zukommen, daß die linke Bürokratie noch die Prekären und Arbeitslosen für ihre Zwecke einspannen kann, weil diese dumm und deutsch genug sind, für den „Erhalt des Sozialstaats“ ausgerechnet in seiner derzeitigen Verfassung zu demonstrieren. Da, wo diese widersinnige Allianz vielleicht doch unter dem Eindruck der niederschmetternden Realität brüchig wird, setzen die linke Bürokraten und ihre sich wie auch immer klassenbewußt wähnenden Laufburschen im linken Zirkelwesen auf die Zugkraft der eher immateriellen Züge der „deutschen Ideologie“: alteuropäischer Kulturdünkel, Antiliberalismus, Antiamerikanismus sowie die Beschwörung archaischer Gemeinschaft und Familienwirtschaft (übrigens auch in praktischer „Sozialarbeit“ mitten in der Berliner Innenstadt). „Die ganze alte Scheiße“ also, wie Marx so treffend die vorbürgerlichen Geisteszustände im Feuerbach-Kapitel der „Deutschen Ideologie“ beschreibt.

    Was folgt nun daraus? Als erstes einmal, daß man guten Gewissens auf jeden Hauch von Loyalität gegenüber allem, was sich heute „links“ nennt, verzichten kann – ja eigentlich sogar muß, wenn man in der Lage und willens sein möchte, diejenigen auch wirklich beim Namen zu nennen, die das, was deutsch ist, ungehemmt kultivieren. Das definiert zugleich eine wesentliche Aufgabe: den Bann, den in Deutschland das etatistische Versprechen auch und gerade auf seine Verlierer ausübt, zu brechen helfen. Dafür also zu agitieren, daß Prekäre und Arbeitslose sich zunächst einmal ihrer eigenen Interessen besinnen und begreifen, daß die Staatsgewerkschaften der BRD ebenso ihre Feinde sind wie die freundlichen Sozialdemokraten in Potsdam, die 20 Euro mehr Hartz IV für ihr Wahlvolk „herausholen“ wollen (ein Wahlvolk, das dieselben Philister in ihren landeseigenen Beschäftigungsgesellschaften für einen Euro anstellen). Und unbedingt dagegen zu agitieren, daß verbeamtete Soziologie-Professoren mit sozialdemokratischer Sinngebungsprosa für den rosaroten Arbeitsdienst im Sozialbereich werben und sich damit oben­drein als eine Art Arbeitslosen-Anführer aufspielen dürfen.

    Woran man sich darüber hinaus prinzipiell wird gewöhnen müssen, ist, daß es recht prosaisch zugehen dürfte in näherer Zukunft: denn es steht einem wahrlich nicht mehr die „wirkliche Bewegung“ der Verhältnisse zur Seite, die wirkliche Bewegung ist vielmehr die, die man aufzuhalten hat. Das Setzen auf das Anwachsen revolutionärer Bestrebungen ist damit bis auf weiteres dem Hoffen auf ein vernünftiges Wahlergebnis in den USA gewichen. Daß es zugleich eine schwere Verzichtsleistung für das eigene, subkulturell-revolutionäre Selbstbild bedeutet, auf den pragmatisch neokonservativen Bush statt auf langhaarige und bärtige Guerilleros setzen zu müssen, wenn es darum geht, wenigstens die schlimmsten Schlächterregimes zu stürzen, muß wohl nicht eigens erwähnt werden.

    Wenn nun die Linke, wie sie sich heute nach zweihundert Jahren „deutscher Ideologie“ präsentiert, der Feind ist, an wen soll Kritik dann adressiert werden? Keinesfalls ins Blaue an eine bürgerliche Öffentlichkeit, die als solche in Deutschland nicht existiert. Kritik übt man allemal am Gegner, also muß die wirkliche Systemfeindschaft in Deutschland gegen die scheinbare und angemaßte der verstaatlichten Linken gestellt werden. Die wendet sich gegen eine nur eingebildete Liberalisisierung und Verwestlichung – wünschenswerte Entwicklungen, die hierzulande höchstens rudimentär gegriffen haben –, während das, was deutsch ist, – ein System kapitalen Antikapitalismus’, kollektivistischer Asozialität, sozialstaatlich verkleideter Racket-Herrschaft – mit schonungsloser Kritik zu konfrontieren wäre. Denn Marx’ Forderung aus vormärzlicher Zeit, aus den Deutschen wenigstens im bürgerlichen Sinne Menschen zu machen, ist unabgegolten geblieben. Ohne die im Namen dieser Forderung geübte Kritik an den damals zeitgenössischen Predigern des „Sozialismus“, den „Kirchenvätern“ der „deutschen Ideologie“ hätte wohl auch das „Kapital“ nie geschrieben werden können.

    Uli Krug (Bahamas 49/2006)

    Anmerkungen:

    1) Marx definiert ihn am Stirnerschen Beispiel als „Staatskultus“: „Diese ebenso heilige also deutsche Auffassung geht so weit, daß (…) ‚der Staat’ als ‚der wahre Mensch‘ auftritt, der den einzelnen Bourgeois in den ‚Menschenrechten‘ die Rechte ‚des‘ Menschen, die wahre Weihe erteilt. So kann er (…) den Staat in ‚das Heilige’ und das Verhältnis des Bourgeois zum modernen Staat in ein heiliges Verhältnis, in Kultus verwandeln, womit er [Stirner, U.K.] eigentlich seine Kritik über den politischen Liberalismus schon beschlossen hat.“ (MEW 3, 180)

    2) „‚Die deutsche Wissenschaft‘ (gibt hier) eine, und zwar ‚die vernünftigste‘, ‚Ordnung der Gesellschaft‘ ‚im Sozialismus‘. Der Sozialismus wird ein bloßer Zweig der allmächtigen, allweisen, alles umfassenden deutschen Wissenschaft, die sogar eine Gesellschaft stiftet.“ (MEW 3, 445)

  8. *** „[…] die es vor der Barbarei (Islamisten, Faschisten, Kommunisten, Gewerkschafter, Globalisierungskritiker, Ökos, Tierschützer usw.) zu schützen gilt.“ ***
    Wieder der nutzlose Versuch totalitäre Systeme ins rechte Licht zu rücken. Was ist Barbarei daran Tiere oder die Umwelt zu schützen? Sind und waren es nicht Faschisten und vor allem Kommunisten, die Kritiker, Gewerkschafter, Umweltschützer usw. verfolgt und ermordert haben? Hier werden Opfer und Täter auf eine Stufe gestellt. Widerliche Art und Weise der Argumentation.

  9. Der Toni als Verteidiger der marxistischen Orthodoxie, erstmal den Kommunismus gegen jegliche Kritik immunisieren und als „Antikommunismus“ verteufeln. Dass er damit genau die Kriterien des Totalitarismus erfüllt, merkt dieser Stümper nicht mal bzw. er will es gar nicht merken.

    Zur Orthodoxie gehört natürlich die Eigentumfrage unter Ausblendung der Machtfrage. Es interessiert ihn natürlich auch nicht, dass in demokratischen Gesellschaften Arbeiter und Angestellte mehr Eigentum besitzen, als in Gesellschaften mit VEB’s, in denen allen Alles gehört, aber meistens kein Auto. (Das fällt bei mangelnder Reisefreiheit auch nicht weiter auf).

    Obendrein ist jedes einzelne Individuum in einer „Marktwirtschaft“ seiner eigenen Sinne mächtig und in der Lage selbst zu entscheiden, was ihm der Toni allerdings nicht zutraut und auch nicht zutrauen möchte.

    Und noch eines Toni und IV.I: Nicht jeder der Marx und Hegel mal gelesen hat war mal Hegelianer oder Marxist. Es gibt auch Leute die den Satz, „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“, sowie die ganze Dialektik, ob historisch oder materialistisch als Quatsch erkannt haben.

  10. @ Fünfte Internationale

    Ich würde dir zu deinen profunden ideologietheoretischen Betrachtungen niemals widersprechen, dazu fehlen mir die Kenntnisse. Mir fallen zu der Problematik nur drei Anmerkungen ein:
    1) Der Marxismus ist für mich die logische Antwort auf die frühkapitalistischen Zustände des 19. Jahrhunderts. Wenn sich nicht gezeigt hätte, dass sich die Verbesserung der Lebensumstände von Nicht-Besitzenden in einer liberalen Demokratie viel besser realisieren lässt als in einer „Diktatur des Proletariats“, dann würde ich sogar sagen: die einzige Antwort. So war für mich diese Ideologie bereits veraltet, bevor sie vollständig „erblüht“ war.
    2) Wenn uns das 20. Jahrhundert etwas gelehrt hat, dann allen Ideologien und Utopien gründlich zu misstrauen. Da würde ich „NeoCon“ grundsätzlich auch nicht ausnehmen.
    3) Was mich an Linken und Rechten am meisten stört, ist der unabänderliche Wille, anderen die „richtige“ Lebenshaltung aufzuzwängen. Gibt es auch heute in abgemilderter Form noch, s. Ökobewusstsein, Besteuerungen u.a. Da scheint bei den Linken das Vertrauen in die Emanzipation des Individuums und die Eigenverantwortlichkeit nicht allzu ausgeprägt zu sein, bei den Rechten ist es eh nicht vorhanden und wird auch nicht als wünschenswert angesehen.

    Vielleicht schreibst du irgendwann ja mal einen Artikel, der auf diese Punkte mit eingeht. Würde mich freuen.

  11. Genau das, wollte ich damit erreichen. Eine zivilisierte, zielgerichtete Diskussion anzuzetteln ( und Ivanton nebenbei zu diskrieditieren ;) ).

    Zu alibaba:

    Ich würde dich bitten, etwas genauer zu formulieren, was du an der Dialektik auszusetzen hast. Klar ist nicht alles was Hegel oder Marx geschrieben haben, aus der heutigen ( zugegebenermassen etwas distanzierten ) Perspektive richtig gewesen. Aber habe ich das auch niemals behaupten. Ivanton dagegen schon.

    @ Chewey Kumpel:

    Zu Punkt 1:

    Absolut richtig. Marxens Revolutionstheorem war Marx selbst suspekt, um es etwas überspitzt zu formulieren. Marx lieferte eine Antwort auf die Fragen SEINER Epoche. Dass wusste er auch. Ich schreibe ja ganz ausdrücklich, dass mit der verstaatlichung der Linken und ihrer freiwilligen ( !!! ) Unterstützung des I. Weltkrieges der Weg der gewaltsamen ( für Marx selbst auch nicht unbediengt der beste Ansatz ) proletarischen Revolution nur noch ins Verderben führen konnte. Dazu die Bahamas: „Was die Parole der Kommunistischen Internationale „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker vereinigt Euch!“ zusammenleimen wollte, also Klasse und Volk, soziale und nationale Revolution, dieser Wechselbalg aus individueller Befreiung und kollektiver Regression, tendiert von sich aus zum Nationalsozialismus; nur dieser kann das an sich Unvermittelbare in ein politisches Projekt zusammenfassen, aber erst nachdem der proletarische Kampf auf bloßes antibürgerliches Ressentiment herabsank und so mit der nationalen Weltfeindschaft, ihrem Antiuniversalismus und Antikosmopolitismus, zur antijüdischen Mobilisierung synthetisierbar wurde. In dieser zu sich selbst gekommenen Gestalt aber wird der Antiimperialismus zum Todfeind der Sowjetunion: Er wittert den verhaßten Kosmopolitismus der bürgerlichen Revolutionen auch im Internationalismusgebot der sozialistischen. Daß Stalin selbst dieses Gebot verworfen hatte, änderte nichts daran, daß der nazistische Kampf gegen Liberalismus und Materialismus sich auch und gerade gegen die Sowjetunion richtete: Das „Unternehmen Barbarossa“ kam als antiimperialistischer Beistand für die „Befreiung“ der Balten, Ukrainer, Weißrussen etc. vom „jüdischen Bolschewismus“ daher.“

    Zu 2:

    Absolut richtig. Vollste Zustimmung

    Zu 3:

    Auch hier gilt ja gerade das, was ich Oben ausgeführt habe. Nach 1914 war der größte Teil der Linken mit der Rechten nahezu identisch. Ich führe hier den Term „die Bewegung“ ins Feld, weil ab dem I. Weltkrieg die Ziele der verstaatlichten Linken, wie auch der Kaderrevoluzzer a la Lenin, mit Kaderrevoluzzer a la Gregor Strasser identisch waren. Auch und vorallem weil sie es nicht wahrhaben wollten.

    @ Ivanton:

    Rede doch mit mir Bub! Ich weiß Stalinisten diskutieren mit Blei, dennoch versuch es wenigstens auf die andere Art. ;)

  12. „Auch hier gilt ja gerade das, was ich Oben ausgeführt habe. Nach 1914 war der größte Teil der Linken mit der Rechten nahezu identisch.“

    Kennt jemand den Flüsterwitz aus dem 3. Reich?
    Der KPD Präsident (Namen vergessen) wird im KZ gefragt, was er noch der Welt sagen wollte.
    „Grüßen Sie mir meine SS!“

  13. Tyrion, ähm, wir haben es hier nicht so mit KZ-Witzen. Ich weiß, nicht so gemeint, dennoch, es ist recht unappetitlich.

  14. @ Tyrion

    Womit die Fünfte Internationale zweifellos recht hat. Das war nicht wirklich lustig.

  15. @ V.I
    Die Antwort hast du (wahrscheinlich unbemerkt) weiter ober schon selbst gegeben.

    Alle Theorien bzw. Ideologien, die das eine „Höheres Wesens“, die „Vernunft“, den „Weltgeist“ oder die „Dialektik“ zum Agens der Geschichte erklären, hingegen handelnde Menschen mit allen ihren Irrtümern und Unzulänglichkeiten als irrelevant erachten, sind von der Anlage her unwissenschaftlich. Schlimmer noch: Sie sind inhuman und totalitär.

    Wenn Anton oben behauptet, der Faschismus sei eine eklektizistische Ideologie, die mangels originärer Denker nur bei Theoretikern des Kommunismus abgekupfert hat, so ist dies wieder eine handfeste Lüge. Die Faschisten und andere Staatsreligionsstifter haben genauso von Hegel und Rousseau gelernt wie Marx, Engels und Lenin. Und durch das Abgeschriebene von Smith und Ricardo wird der von einem Kapitalisten ausgehaltene Londoner Lebemann auch nicht origineller.

    Wenn man ein klein wenig nachdenkt kommt man übrigens von selber drauf, dass die bisherige Geschichte nicht nur die Geschichte des Klassenkampfes sein kann.

  16. Du bist mir ähnlicher, als es dir vielleicht lieb sein kann.

    Nochmal:

    Marxens Denken hat seinen Ausgangspunkt gerade in der Kritik jeglicher Dialektik und großer Ideen. Gerade der junge Marx ist brilliant. Lies Dir zwei Schriften durch: a „Die Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ und b „Die deutsche Ideologie“, gerade in der letzteren ist alles drin, was man als Universalist wissen muss. In „Der 13. Brumair“ kommt wieder seine Genialität zu Tage. Dort nämlich zerreißt er das Volkskaisertum Bonapartes. Für jedes liberale gebildete Individuum ein Muss. Ein Genuss, auch polemisch betrachtet. Marxens Tiefpunkt, da sind wir uns wohl wieder einig, „Das Kommunistische Manifest“ . Traurigerweise wird diese Kampfschrift zum Hauptwerk von Marx gezählt, hier vorallem ist die linke Fraktion „der Bewegung“ dafür verantwortlich. Auch zu empfehlen, „Die Randglossen zum Gothaer Programm“.

    Wie gesagt, ich bin in erster Linie Adornit, deswegen mein Bezug auf Marx.

  17. @alibaba
    „Die Faschisten und andere Staatsreligionsstifter haben genauso von Hegel und Rousseau gelernt wie Marx, Engels und Lenin.“

    Häääää? Von Hegel und Rousseau? Rousseau mit seinem edlen Wilden? Ich glaube eher, die Nazis haben Darwin missverstanden. Aber nicht nur die, die Eugenik war duchaus auch in den USA un Skandinavien verbreitet. Der Unterschied ist doch eigentlich ganz klar. Den Nazis ging’s um die Rasse und den Kommunisten um die Klasse.

    Gruß
    Mikado

  18. Worin Marx, da muss ich dir Recht geben, aber einen Fehler begeht, ist dort, wo er gerade jegliche große Ideen verwirft, jegliche Dialektik zerreißt, nur um dann später seine eigene Dialektik gegenüberstellt. DAS war der Schwachpunkt innerhalb des Marxistischen Denken. Hier, genau hier, greift Adorno und Horkheimer ein mit ihrem Werke „Dialektik der Aufklärung“.

    Nichts desto trotz, Marx als IDEOLOGIEKRITIKER bleibt ein Genie.

  19. @ Mikado:

    Es ist etwas simplizistisch, dennoch das: „Den Nazis ging’s um die Rasse und den Kommunisten um die Klasse.“ enthält viel wahres. Noch provokanter: Den Nazis ging es tatsächlich um den Klassenkampf, welchen sie aber rassisch interpretierten.

  20. @Fünfte Internationale

    I love the simple things! :-)

  21. Mjah, manchmal schon eher kontraproduktiv. ;)

  22. Kennst du Ockhams Rasiermesserchen? ;-)

  23. Ich sage „manchmal“. ;)

  24. Na Jungs, mal wieder beim Rosinenpicken im Misthaufen erwischt? Wieder mal vergessen, dass auf diesem Misthaufen die volonte general, der Sozialvertrag und die Diktatur des Proletariats und die Marxsche Judenfrage liegen?

  25. „Marxsche Judenfrage“:

    Das war eher eine ( unrühmliche ) Kampfschrift ( Marx hatte für solcherlei Texte kein Händchen, zugegeben ) für die Emanzipation der Juden. Für einen jüdischen Kritiker wie mich sein absoluter Tiefpunkt. Dennoch, Theo van Gogh lies auch den ein oder anderen antisemitischen Spruch los, was sein Werk als ganzes nicht schmälert.

  26. @Fünfte Internationale
    Was ist ein Linker? Macht der Begriff im heutigen Deutschland überhaupt viel Sinn (in den USA hat man ein 2-Parteiensystem, da kann man die eine links und die andere rechts nennen, aber in Deutschland)?
    Was ist eigentlich wertvolles von Marx übrig geblieben? Seine Wirtschaftstheorie ist überholt und falsch. Sie wird in der VWL an den Unis, soweit ich weiß, nicht gelehrt und die Wirklichkeit straft sie lügen. Seine Philosophie ist naiv, siehe z.B. die Religionskritik. Seine gesellschaftlichen Vorstellungen sind nicht nur naiv und realitätsfern, nein sie sind auch gefährlich.
    Es gab außerdem auch damals (zu Marxs Zeiten) schon weitsichtigere, reifere und klügere Bücher, wie de Tocquvilles „Über die Demokratie in Amerika“.
    Gibt es also einen anderen Grund Marx zu lesen, als das historische Interesse an der mittlerweile gescheiterten aber gefährlichen Ideologie Kommunismus.

  27. Es geht ja darum zu erklären, warum der junge Marx sich in einem Text, der sich gerade gegen eine antisemitische Hetzschrift wendet, antisemitischer Sterotypen bedient. Das Instrumentarium für diese Erklärung findet sich aber nicht in der „Welt“ oder bei irgendwelchen zivilgesellschaftlichen Initiativen, sondern in der entfalteten Marxschen Kritik der politischen Ökonomie.

  28. @ Schmock:

    Besser Lesen, bitte. Ich teile nicht jede Ansicht von Marx. Das habe ich immer wieder gesagt. Ich bin in erster Linie Adornit, also Ideologiekritiker. Und da war Marx die bessere Quelle.

  29. „Sie wird in der VWL an den Unis, soweit ich weiß, nicht gelehrt und die Wirklichkeit straft sie lügen. Seine Philosophie ist naiv, siehe z.B. die Religionskritik. Seine gesellschaftlichen Vorstellungen sind nicht nur naiv und realitätsfern, nein sie sind auch gefährlich.“

    Ich kann es nur wiederholen, er war ein exzellenter Ideologiekritiker und als solcher wurde er von Adorno und Horkheimer für ihr Werk herangezogen. Die jeweiligen Kritikpunkte stimmen, aber als Kritiker von Ideologien ist er unschätzbar.

  30. @ FI

    So viel gelesen – und so wenig verstanden. Um alle Irrtümer, Mißverständnisse und Halbwahrheiten zu korrigieren müßte ich eine Vorleseung halten. Deshalb beschränke ich mich auf zentrale Argumenationen, die sich direkt auf Ihre Marx-Rezeption beziehen:

    1. Alle zitierten Aussagen wurden von Mark vor der Revolution 1848 geschrieben. Er bezieht sich deshalb auf einen Vergleich zwischen dem modernen demokratischen Nationalstaat USA und Deutschland in der Verfassung des real existierenden Absolutismus, zersplittert in 34 Fürstentümer und Reichsgebiete. In diesem Vergleich sind die einheitlich regierten, liberal verfaßten Vereinigten Staaten für ihn das Vorbild für die Entwicklung eines vereinigten Nationalstaates Deutschlands NACH einer BÜRGERLICHEN Revolution. Daraus eine Kritik des Sozialstaates Ende des 20. Jahrhunderts abzuleiten ist schlicht schwachsinnig.

    2. Grundlage der Marxschen Gesellschaftslehre ist eine Analyse der ökonomischen Bewegungsgesetze des Kapitalismus Mitte des 19. Jahrhunderts – also weitgehend noch in der Phase der freien Konkurrenz – in seiner Kritik der politischen Ökonomie. Die Schlußfolgerung, die er zieht, ist eindeutig: der Kapitalismus war bei einem bestimmten Stand der Produktivkräfte das sinnvolle und notwendige Produktionsverhältnis. Seine zyklische Krisen und seine anarchistische Konkurrenz führen aber NOTWENDIG zu regelmäßigen Kapitalvernichtungen und einer Verschwendung gesellschaftlichen Reichtums. Seine Lösung: Enteignung der bürgerlichen Klasse, Kontrolle der Produktionsmittel in der Übergangsphase durch den Staat als einen „Ausschuss der Mehrheit“ (`die Diktatur des Proletariats´ ist keine Erfindung Lenins) und eine zentral geplante und staatliche kontrollierte Industrieproduktion und -konsumtion, um Krisen und Fehlallokationen zu vermeiden.

    Man könnte argumentieren, dass die Niederlage des real existierenden Sozialismus in der Systemkonkurrenz des Kalten Krieges diese Theorie wiederlegt hat. Aber Marx zum Helden des liberalen Kapitalismus umzulügen ist selbst für einen NeoCon ziemlich dreist. Dass Sie die Analyse des Bonapartismus im 13. Brumaire als eine verdeckte Kritik an der deutschen Sozialdemokratie mißverstehen, zeugt allerdings von einer derart eklatanten Unfähigkeit zur Textanalyse, dass ich bereit bin zu glauben – dass Sie wirklich glauben, was Sie da zusammengeschrieben haben.

    Anton

  31. @Fünfte Internationale
    Was ist denn ein Adornit? Ist das ansteckend? Bezeichnet das die zugehörigkeit zu einer Religion?
    Es verbleibt auch noch die Frage, was ein Linker ist. Die Antwort fände ich echt interessant.
    Du meinst also Marx war ein guter Ideologiekritiker, das hätte ich tatsächlich schon bei Deinen Texten oben feststellen sollen.
    Die Frage bleibt trotzdem, ob Marxs Vermächtnis noch etwas wertvolles umfasst, ob seine Ideologiekritiken, nicht von anderen übertroffen werden, die mehr voraussagen konnten über Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.
    Was ich schon wundert ist das Hervorheben von Texten, die nicht zu Marx wichtigsten Werken fezählt werden und Herunterspielen von den bedeutensten Werken, zumindest nach der gängigen Geschichtsschreibung.
    Mich wundert auch Deine Kritik an der deutschen Sozialdemokratie, sicher die Unterstützung des ersten Weltkrieges war ein Riesenfehler, aber meistens war die deutsche Sozialdemokratie dem deutschen Staat und der Demokratie verschrieben und verfolgte ihre Ziele dabei viel mehr pragmatisch als ideologisch.

  32. @Anton
    Obwohl ich Ihren letzten Kommentar zutreffender finde als die Sicht der Fünften Internationale, denke ich die Formulierung:
    „Daraus eine Kritik des Sozialstaates Ende des 20. Jahrhunderts abzuleiten ist schlicht schwachsinnig.“
    ist faktisch falsch und unnötig. Mir geht es dabei um das Wort schwachsinnig; die Folgerung der FI mag ja falsch sein, sogar an den Haaren herbeigezogen, von Schwachsinn zeugt sie jedoch nicht.

  33. @ V.I

    Adorno, war das nicht der Oberguru der Frankfurter Esoterikschule, aus der auch die Untergurus W. Reich, E. Fromm, H. Marcuse und schließlich Habermas hervorgingen?

    @ Toni

    Ich habe dir doch schon oben gesagt: Marx hat doch nur bei Smith und Ricardo mit Hegels zweckENTFREMDETEN Bleistift abgeschrieben und wegen verschleierten Blick nicht richtig verstanden. Wie willst du es denn verstehen?

  34. @ alibaba:

    Du meinst die libertäre jüdische Denkerschule, die sich gegen den NS wandte, und von der Marcuse der Mitarbeiter im OSS während des II. Weltkrieges wurde. Zu Empfehlende Schriften: „Feindanalyse“ und die „Dialektik der Aufklärung“, wo sich Adorno und Horkheimer gerade GEGEN jegliche Dialektik – auch die Marxens – wandten.

    Habermas war zwar Schüler Adornos, aber anscheinend ein grotenschlechter, der eher Marketing studieren hätte sollen.

    @ Schmock:

    Links ist heute tatsächlich ein ziemlich dehnbarer Begriff. Das was für MICH jedenfalls Links darstellt, ist alles, was theoretisch UND praktisch die Ziele der alten Linken verteidigt und durchsetzt. Damit fallen für mich sowohl die NeoCons ( die ja selber größtenteils aus dieser Ecke kommen, also es auch und gerade mit dem jungen Marx ernstmeinen ) als auch der Betreiber dieses Blogs.

  35. @ V.I

    Da wir gerade bei Adorno sind:
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/spotlight/zur_kritik_der_kritischen_theorie/

    Erst lesen, dann weiterreden!

  36. „Es waren meist linke Humanisten und Antitotalitaristen wie Adorno und Horkheimer, die als Erste im Gulag verschwanden.“

    Du hast recht, ein interessanter Text. ;)

  37. „Adorno und Horkheimer haben sich – ganz im Gegensatz zu den meisten ihrer Schüler! – nichts zuschulden kommen lassen. Sie haben fast alle konkreten Fehler und Verbrechen der Linken kritisiert. Der totalitäre Sozialismus war ihnen zutiefst zuwider. Sehr bewusst sprachen sie nur von den „totalitären Systemen beider Spielarten“. “ :P

  38. Hab ich mir doch gedacht, dass du dir wieder die Rosine suchst, ablutscht und dann stolz vorzeigst.

  39. Was soll ich machen, ich bin nunmal ein Gourmet. ;)

  40. @ alibaba

    Kennen Sie den Ausdruck „nicht satisfaktionsfähig?“

    Anton

  41. @ Anton

    Kennst Du ihn? ;)

  42. Was mir hier auffaellt, genau wie im Artike was denn nun jetzt rechts oder links ist, Anton faellt wie ueblich durch laecherliche Aroganz auf und das ganze hat ausserhalb des Akademischen Elfenbeinturms wenig mit den Menschen zu tun. Kein Wunder das auf Dauer in Deutschland keine Revolution funktioniert hat ;-) und der Postkartenmaler an die Macht kam. Der hat es zumindestens geschafft den Menschen anzusprechen und zu begeistern. Die Akedemische Welt diskutierte und disputierte und der Mann hat Fakten geschaffen. Warum war der Kerl nur so ein Spinner und kein ueberzeugter Demokrat?
    Er haette der Welt und Deutschland einen guten Dienst erwiesen nur leider war er eben keiner sondern ueberzog die Welt mit Krieg und lebte mit der Unterstuetzung fast des ganzen deutschen Volkes seinen Anti-Semitischen Traum aus.
    Heute wieder das gleiche, es wird diskutiert und disputiert unter den Akademikern und sogenannten Intellektuellen, derweil verrecken in Darfur etc. die Menschen. Islamofaschisten traeumen von El-Andalus und der endgueltigen Endloesung und es wird diskutiert ob der Terror den nur ehr rechts oder ehr links ist.
    Traurig traurig traurig

  43. „Die Akedemische Welt diskutierte und disputierte und der Mann hat Fakten geschaffen. Warum war der Kerl nur so ein Spinner und kein ueberzeugter Demokrat?
    Er haette der Welt und Deutschland einen guten Dienst erwiesen“

    Öhm… no comment. :O

  44. @ Fünfte Internationale
    Da hast du recht, also das war jetzt auch für meinen Geschmack etwas zu viel amerikanischer Pragmatismus.

  45. Du sagst es Chewey Kumpel.

    Nebenbei: Lucas arbeitet an einer Star Wars Fernsehserie. Da freue ich mich schon drauf. ;)

  46. @ Fünfte Internationale

    Wem sagst du das? Ich komme neben den Dreharbeiten kaum noch zum Kommentieren.

  47. :P :P :P

  48. Komisch sobald der Postkartenmaler genannt wird, will einen jeder falsch verstehen. I love AUTOBAHN ,-)
    Waere der Postkartenmaler ueberzeugter Demokrat gewesen dann haette er seine Kraft fuer die Demokratie in Deutschland eingebracht. Sprich, keinen zweite Weltkrieg, keine Shoa, keine Diktatur sondern ein aus den truemern des 1 Weltkrieges gegruendetes ueberzeugtes Demokratisches Deutschland.
    Hat er aber nicht. Er hat eine Diktatur errichtet und dabei die Massen mobilisiert etwas zerstoererisches aufzubauen derweil der Elfenbeinturm sich lieber ueber Theorien unterhielt.
    Das war kein amerikanischer Pragmatismus sondern ein feuchter Traum ;-) der sich ehn nicht verwirklichen laesst.
    Der andere feuchte Traum den ich habe ist das die Akademische Welt was daraus gelernt hat und nun sich fuer die praktische Freiheit und praktische Demokratie einsetzt. Bleibt aber wohl ebenfalls ein feuchter Traum ;-)

  49. @ Auslaender

    „Waere der Postkartenmaler ueberzeugter Demokrat gewesen…“

    Hätte meine Tante einen Schwanz, wär sie mein Onkel. Wäre der Massenmörder ein lieber, netter Mensch gewesen, wäre der Welt der Massenmord erspart geblieben. Sorry, aber auf dem Niveau müssen wir nicht diskutieren, oder?

    „Er hat eine Diktatur errichtet und dabei die Massen mobilisiert etwas zerstoererisches aufzubauen derweil der Elfenbeinturm sich lieber ueber Theorien unterhielt.“

    Das kann man so nicht sagen. Der Machtübernahme- und Gleichschaltungsprozess muss als kollektives Versagen der GESAMTEN Gesellschaft angesehen werden. Da sind Akademiker nicht auszunehmen. Es gab auch Missdeutungen dieses Prozesses, so haben die Kommunisten lange Zeit die Sozialdemokraten als die schlimmeren Feinde angesehen. Als sie ihren Fehler erkannt haben, war es für sie und andere zu spät.

    „Der andere feuchte Traum den ich habe ist das die Akademische Welt was daraus gelernt hat und nun sich fuer die praktische Freiheit und praktische Demokratie einsetzt.“

    Dass für Darfur und Burma wenig bis nichts getan wird, ist wieder ein gesamtgesellschaftliches Problem, und das heißt Egoismus. Tritt weltweit auf. In einem hast du aber recht: Es herrscht unter vielen Akademikern heute große Verwirrung darüber, was richig und was falsch, was gut und was böse ist und welche Gesellschaftsform die Wünschenswerteste ist.

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