Kinder(mörder) an die Macht!


Die Tat erinnert aufs Schrecklichste daran, wie die radikal-islamischen Taliban bis zu ihrem Sturz 2001 einst in ganz Afghanistan regierten. In einem südafghanischen Dorf haben Extremisten einen 15-jährigen Jungen gehängt.

Der Junge sei hingerichtet worden, weil er einige Dollar-Scheine bei sich getragen habe, erklärte die Polizei in der Provinz Helmand heute. Zur Warnung an andere Afghanen seien dem an einem Baum hängenden Opfer fünf Ein-Dollar-Scheine in den Mund gestopft worden, hieß es weiter.

Na, da haben die gemäßigten Taliban wohl ein wenig über die Stränge geschlagen, was? Aber nicht, daß jetzt nur deswegen gleich wieder irgend so ein OEF-Scharfmacher fordert, doch lieber auf die Täter zu schießen statt mit ihnen zu reden! Auch Steinzeitislamisten haben schließlich ein Recht auf Machtbeteiligung. Muß ja nicht gleich ein Posten im Bundesvorstand der Grünen sein.

~ von Paul13 - Dienstag, 2. Oktober 2007.

7 Antworten to “Kinder(mörder) an die Macht!”

  1. @ Paul

    Wie? Die Taliban jetzt doch nicht in den Bundesvorstand? Das war doch gerade Broders geniale Idee:
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/taliban_4_you/

    Zypries war doch der Meinung, dass man von einer Ausbildung im Terror-Camp auch „geläutert“ zurückkommen könnte. Willst du den Taliban denn gar keine Chance mehr geben? Nur wegen ihrer etwas robusten und rustikalen Gesellschaftsauffassung? Paul, Paul, so bekommst du nie Zustimmung von jolly rogers.

  2. @ Paul & the rest

    Gerade lief auf dem surrender-channel (Deutsche Welle TV, Quadriga english) eine interesante Diskussion zum Verhandlungsangebot von Karsai an die Taliban. Interessant war die Einschätzung des amerikanischen Journalisten: Karsai hätte niemals gewagt, ein solches Angebot zu machen, wenn die Bush- Administration nicht insgeheim zustimmen würde. Warum?

    Der Konsus aller Diskussionsteilnehmer war, dass ein deal mit Teilen der Taliban die einzige realistische Lösung bietet. Denn die aktuelle Situation läßt sich so zusammenfassen: nobody is in charge and the other side is winning. Der NATO / ISAF fehlen die Truppen, um das Land militärisch kontrollieren zu können – die Schätzungen der erforderlichen Truppenstärke schwanken zwischen 400 – 800.000 troops, was bedeutet: no chance – und die Taliban ist militärisch zu schwach, um die internationalen Streitkräfte zu besiegen. Was also seit Monaten staatfindet ist ein „rolling battle“: die internationalen Truppen erobern ein Gebiet und vertreiben die leicht bewaffneten, mobilen und von der Zivilbevölkerung schwer zu unterscheidenden Taliban weitgehend. Nach ein paar Tagen bis Wochen ziehen sie weiter zum nächsten Krisenherd und die Taliban kehren zurück. Die Zivilbevölkerung weiß das und verhält sich abwartend neutral. Für größere Aufbauprojekte fehlen die Mittel und die Zeit die notwendigen lokalen Netzwerke aufzubauen. So nutzen sich die internationalen Truppen ab, während die Taliban ihre Verluste kalkulieren können. Während ihrer Frühjahrsoffensive haben sie erlebt, dass sie in einer offenen Konfrontation waffentechnisch so deutlich unterlegen sind, dass sie selbst kleinere Gebiete nicht dauerhaft erobern können – aber das ist auch gar nicht nötig. Mittlerweile sind die intrnationalen Truppen an so vielen Stellen gleichzeitig engagiert, dass die Taliban selbst in bisher relativ sichere Gebiete wie im Nordosten und die Region Kabul einsickern können. Erleichtert wird ihnen das durch die umfangreichen internen Fluchtbewegungen und die Rückkehr von afghanischen Migrantten aus Pakistan und dem Iran in den letzten Jahren.

    Der Lösungsvortschlag der Runde: eine zwischen Europäern und Amerikanern abgesprochene counterinsurgency-Strategie, die folgende Punkte umfasst:

    – eine moderate Erhöhung der ISAF-Truppen seitens der Europäer.
    – Verzicht auf die Verfolgung der Al-Quaida-Führung soweit Luftangriffe dazu erforderlich sind
    – Verzicht auf den Versuch, die Grenzregion zu Pakistan militärisch kontrollieren zu wollen
    – zunächst Konzentration der militärischen Einsätze auf die schrittweise Stabiliisierung von Regionen mit einer prinzipiell kooperationsbereiten Bevölkerung
    – Auf- und Ausbau der afghanischen Polizei: bessere Ausbildung, Ausrüstung und BESSERE BEZAHLUNG analog der afghanischen Armee!
    – Massive Ausweitung der zivilen Aufbauhilfe in den von den internationalen Truppen kontrollierten Gebieten. Einbindung der zivilen Akteure in eine integrierte Aufbaustrategie – nach deren Vorgaben. Also keine militärische Lenkung ziviler Aufbauprozesse
    – Viele dezentrale Projekte mit möglichst viel local content, so dass Arbeit und Einkommen für viele entsteht – einzige Ausnaheme: Fernstraßenbau. Dabei Verzicht auf perfekte Lösungen (das gilt besonders für die Deutschen!!!)
    – ein spezielles Förderprogramm für den Anbau von Grundnahrungsmitteln über Produktionssubventionen und Aufkaufgarantien. Parallel dazu: Aufkauf von Rohopium zu fixen Preisen und international kontrollierter Export.
    – Verzicht auf den Aufbau nationaler Bürokratien, die vor Ort sowieso nicht akzeptiert werden. Statt dessen: regionale Räte der Entscheidungseliten, die sich verbindlich auf bestimmte Projekte / Maßnahmen verständigen.
    – Einen politischen Verhandlungsprozess, mit dem Ziel eine möglichst breite Regierungskoalition vor den nächsten Präsidentschaftswahlen zu bilden, die biasherige lokale Partner der Taliban (sog. moderate Taliban) einschhließt
    – Verzicht auf ein nation-building nach westlichem Muster (also mit einem strikten demokratischen Verfahren zur Regierungsbildung und Gesetzgebung, einer starken Zentralstaat und landesweit einheitlichen Strukturen). Statt dessen: eine lose Kon-/Föderation weitgehend autonomer Gebiete, deren lokale Eliten, sich auf einen Minimalkonsens zur Kooperation verständigen. No more Karsai!

    Ein interessantes Programm. Leider weder im Weißen Haus noch auf grünen Parteitagen vermittelbar. Aber wenn Bush den irakkrieg entgültig verloren hat können wir ja vielleicht noch mal darüber reden.

    mfG
    Anton

    P.S. Diese Eingabemaske sucks! Oder ist nur einzeiliger Jubel erwünscht?

  3. Ein wichtiger Punkt fehlt mir noch in der sonst vernünftigen Vorschlagssammlung: was ist mit dem Rückzugsgebiet der Taliban in Pakistan?
    Ein Afghanistan wie vor 1973 wäre zwar nicht die Idaellösung für demokratiegläubige Idealisten wie mich, aber es geht wahrscheinlich nicht anders.

  4. @ anton

    Na, nach einer Zeile sah das jetzt nicht aus. ;-) Aber was genau meinst Du? Die Kommentareingabemaske? Die ist zugegeben nicht toll, aber das war bei TypePad nicht anders. Wenn ich selber was längeres kommentiere, schreibe ich das immer im Notepad o.ä. und kopiere es danach rüber. Ist weit komfortabler.

  5. @ Tyrion

    Auch wenn es mich freut, daß Anton nach langem Widerstand den Sturz der Taliban jetzt endlich grundsätzlich zu akzeptieren scheint und nur noch um die Details der Ausführung streitet, gäbe es noch eine weitere Alternative, die zudem das auch seinen eigenen Ideen entgegenstehende Grundproblem der notwendigen Unterstützung für eine Demokratisierung der arabisch-islamischen Welt durch die westliche Öffentlichkeit lösen könnte:

    http://fdog.org/2007/10/06/frieden-fur-afghanistan/

  6. @Paul: neeeeein, die sind doch schon alle als menschliche Schutzschilde den amerikanischen Flächenbombardents im Irak zum Opfer gefallen. Du wirst doch diese altruistischen Islamexperten, Menschenkenner und Möchtegerneisenhowers („Der Krieg in Afghanistan ist verloren!“) nicht verurteilen!!
    Goodbye Oskar, viel Spaß am Hindukusch!

  7. @ Paul
    Very inconvenient. Ich muß den „Sturz der Taliban“ nicht „jetzt endlich grundsätzlich akzeptieren“, weil uich mich nie dagegen ausgesprochen habe. Was ich bezweifelt habe – und weiterhin tue – ist die These, dass dieser „Sturz“ bzw. die Ablösung der Taliban-geführten Regierung durch die Regierung Karsai nach der internationalen Invasion und Besetzung Iraks zu einer dauerhaften Befriedung / Stabilisierung Afghanistans führen wird. Deshalb und damit keine Mißverständnisse aufkommen:

    1. In der Diskussion gab es einen Konsens: Karsai war und ist eine Marionette der USA und gilt als solche in Afghanistan. Selbst bei den lokalen Eliten und Stammesführern, die mit seiner Regierung kooperieren, wird er bestenfalls als Briefträger der Bush-Administration angesehen. Seine Hausmacht ist null, so dass der „mayor of Kabul“ bei einem Abzug der internationalen Truppen schleunigst das Land verlassen müßte – vorausgesetzt er kommt lebend bis zum Flughafen.

    2. Wie das Ergebnis der zitierten Debatte zeigt, geht es in Afghanistan nicht (mehr) um einen `Siegfrieden´, sondern um einen Kompromiß, der die Beteiligung großer Teile der Unterstützer / Verbündeten der Taliban erfordern würde. Alles andere ist einfach „beyond reach“. Das politische bzw. religiöse Selbstverständnis und die Herrschaftsvorstellungen dieser Gruppen und Clans sind die einer nomadischen Stammesgesellschaft und unterscheiden sich allenfalls graduell vom „Steinzeit-Islam“ der Taliban.

    3. Wer „mehr“ will, d.h. eine demokratische Modernisierung der afghanischen Gesellschaft über eine Erziehungs-Besatzung, muß bereit sein, einen jahr(zehnt)elangen Guerillakrieg gegen ALLE Volksgruppen in Afghanistan zu führen. Und selbst dann ist ein Erfolg höchst unsicher, um es SEHR vorsichtig zu formulieren. Psst: das will keiner, nicht mal die Hardcorefraktion der Bush-Administration!

    @ Tyrion
    Simply Mission impossible. Das Rückzugsgebiet der Taliban auf pakistanischem Gebiet (Waziristan) wurde seit der Staatsgründung noch nie von der pakistanischen Zentralregierung kontrolliert. Auch die internationalen Truppen sind dazu nicht in der Lage, es sei denn, sie wären bereit, die ansässige Zivilbevölkerung komplett zu vertreiben / umzusiedeln und die gesamte Grenzregion in „fire-free-zone“ zu verwandeln. Welche Folgen das für die innere Stabilität Pakistans haben würtde, mag ich mir nicht vorstellen.

    Anton

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