Tony Blair: Ein großer europäischer Staatsmann tritt ab


Was für ein Scheißtag. Vielleicht sollte ich mich heute mal aus Frust besaufen, wenn der Anstand es mir schon verbietet, Gordon Brown die Krätze an den Hals zu wünschen. Wenigstens vermag mich Mathias Döpfners angemessene Würdigung von Blairs historischen Verdiensten in der WELT ein bißchen zu trösten. Na ja, sagen wir ein klitzekleines bißchen. Aber immerhin:

[…] es ist die Botschaft von Tony Blair, der an seinem Programm mehr zu hängen scheint als an seinem Amt.

Ist es das, was ihn beim Mittagessen so selbstbewusst, so sicher in die Zukunft fragen lässt? Oder ist es die Ahnung, dass das öffentliche Urteil des Augenblicks nicht das letzte Wort haben wird?

In jedem Fall spricht hier einer, der noch etwas vorhat. Und den die Geschichte – in einigem Abstand zu den Erregungen des Tages – ganz anders beurteilen könnte als die Gegenwart.

Tony Blair gehört zu den großen Staatsmännern, die Europa seit Kriegsende hervorgebracht hat.

Döpfner nutzt dabei die Gelegenheit, um ein weitverbreitetes Vorurteil hinsichtlich des Verhältnisses von Blair zu Bush aus der Welt zu räumen:

[…] Schon 1997 vertraute er dem Führer der britischen Liberaldemokraten, Paddy Ashdown, an: „Ich habe jetzt einiges über den Irak gesehen. Wirklich furchterregend. Wir können ihn (Saddam Hussein) nicht davonkommen lassen. Die Welt denkt, er spiele nur mit uns. Aber nein, es ist tödlicher Ernst.“ (Nachzulesen in „The Ashdown Diaries“ vom 15. November 1997.) Blair zum Pudel Bushs zu machen, obwohl der amerikanische Präsident dieses Thema erst ein halbes Jahrzehnt später entdeckte, ist angesichts der Chronologie und der Dimension des Falles lächerlich.

Liest man dann die folgenden Zeilen, dann schämt man sich für das drittklassige Personal, das wir dagegen – in Regierung wie Opposition! – aufzubieten haben.

[…] Blair ist, bei aller Biegsamkeit im Tagespragmatischen, ein Mann der Grundsätze. Insofern verkörpert er genau das, was wir von unseren Politikern immer fordern: gelassene Überzeugtheit und den Mut, seine Überzeugungen auch gegen Stimmungen in der eigenen Partei durchzusetzen. Blair hat das wiederholt getan.

[…] Auf die beim Mittagessen gestellte Frage, ob er bei seiner Positionierung in Sachen Irak und Islamismus vor vielen Jahren geahnt habe, dass ihn das eines Tages seine Macht kosten könnte, antwortet er entwaffnend. Um den Erhalt des Amtes willen eine vermurkste Gesundheitsreform durchwinken, das könne auch ihm passieren, aber es gebe eben Fragen, die seien so wichtig, da dürfe es nur um richtig oder falsch gehen und nicht um die Angst vor dem Machtverlust.

[…] Der heitere Moralist geht in dem Bewusstsein, bei allen Fehlern im Kern das Richtige getan zu haben.

Einer wie Blair wird in Europa noch gebraucht werden.

Traurige, aber wahre Worte.

~ von Paul13 - Mittwoch, 27. Juni 2007.

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