Hut ab, Vanity Fair!


Es ist Zeit für ein Geständnis: Auch ich habe Vorurteile. Einen DSDS-Hit werde ich mir kaum vorsätzlich anhören. Auch bei moderner Kunst schaue ich lieber in die andere Richtung. Und wenn man mir ein Gericht auf Leberbasis anbietet, werde ich es nicht probieren, selbst wenn man mir noch so oft versichert, daß es „diesmal ganz anders“ zubereitet sei. Nicht anders verhält es sich mit Medienerzeugnissen a la Gala oder Vogue, die sich mit Klatsch, Tratsch, Mode, Lifestyle, Kultur und dergleichen Belanglosigkeiten befassen. Um so etwas zu lesen, ist mir die Zeit schlicht und einfach zu schade. Weiberkram halt.

Aus diesem Grunde würde ich auch nie auf die Idee kommen, in eine Zeitschrift wie Vanity Fair reinzuschauen. Die Nachricht, daß dieses Magazin jetzt auch in Deutschland startet, hatte für mich den „Sack Reis in China“-Faktor, und es ist schon verwunderlich genug, daß ich mir die Tatsache als solche überhaupt merken konnte. Zugegeben, ich hatte schon gehört, daß im amerikanischen Original der großartige Christopher Hitchens schreibt, aber für die deutsche Ausgabe war günstigstenfalls mit liberaler Beliebigkeit zu rechnen, sozusagen eine Art STERN für Yuppies. Den Hinweis auf ein Politblog der deutschen Online-Ausgabe von Vanity Fair hatte ich daher zunächst auch als Werbespam abgebucht.

Was mich zu einem weiteren Geständnis zwingt: Ich habe mich geirrt. Und ich möchte mich bei den Machern von Vanity Fair in aller Form für diesen Irrtum entschuldigen. Denn nachdem ich über meinen Schatten gesprungen bin und mir das besagte Blog dann doch einmal angeschaut habe, muß ich mein (Vor)Urteil revidieren: Die bisherigen dort veröffentlichten Artikel des Autors Jost Kaiser sind nicht nur nicht schlecht, sie sind im Gegenteil ausgesprochen intelligent, witzig und gut geschrieben. Vor allem aber hat der Autor recht. So sehr, daß man angesichts der im besten Sinne unpopulären Positionierung zwischen „neocon“ und „liberal hawk“ kaum glauben mag, hier wirklich ein deutsches Medienerzeugnis vor sich zu sehen.

Ok, auch andere Zeitschriften kritisieren immer wieder mal mit vereinzelten Alibiartikeln den inzwischen ja komplett in die paranoide Hysterie abgedrifteten deutschen Antiamerikanismus, und sei es nur, um im nachhinein behaupten zu können, ja schon immer dagegen gewesen zu sein. Aber sich beim Eintritt in einen neuen Markt klar und eindeutig für eine absolute Minderheitenposition zu entscheiden, die von allen Seiten unter Feuer kommen wird, ist schon verdammt mutig, vor allem, wenn man sich vor Augen führt, wie selbst die Leitwölfe der Mainstreammedien vor den Ressentiments der eigenen Lesern einknicken. Bei Vanity Fair Online werden die Leser hingegen schon nach wenigen Tagen im Artikel „German Angst“ rabiat gegen den Strich gebürstet:

Das größte Wunder jedoch ist, dass in Deutschland das ritualisierte Bush-Bashing immer noch als edelste und intelligenteste Form der Kriitk verstanden wird, obwohl man doch längst sagen muss: etwas Konformeres und Angepaßteres und etwas, das noch weniger mutig wäre, ist in Deutschland nicht vorstellbar, wenn man denn Meinungen nach diesen Kriterien bewerten würde.

Damit nicht genug, wirft sich der Blogautor für den verhaßten ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan in die Bresche, der bis zum Auftauchen George W. Bushs für die Linke ja bekanntlich die Rolle des Weltenbuhmanns Nr. 1 erfüllt hatte, und das auch noch auf einem in Deutschland durch politische Korrektheit extrem stark verminten Gebiet, dem Humor. Anläßlich von John McCains heftig kritisierter Beach-Boys-Performance ruft er uns zu diesem Zweck ausgerechnet Ronnies legendäre Mikrofonprobe in Erinnerung, über die ich schon vor mehr als 20 Jahren herzhaft gelacht habe, womit ich damals aber – vermutlich weil ich meine Diskussionspartner nicht vorher in den Keller geführt habe – nur auf grobes Unverständnis gestoßen bin.

Um auch ja noch die potentiellen Kunden auf der Rechten zu vergraulen, hatte Kaiser eine Woche vorher bereits den ultimativen Kommentar zu Oettingers politischer Selbstversenkung abgegeben:

Nicht alle agierten im Widerstand gegen Hitler so unklug wie die „Weiße Rose“ oder Georg Elser

Zum Beispiel Hans Filbinger, der durch subversivste Überanpassung rebellierte.

Wer auch Widerstandskämpfer war, aber leider nicht mit einer Trauerrede von Günther Oettinger gewürdigt werden konnte:

Albert Speer
Leni Riefenstahl
Kurt-Georg Kiesinger
Hans Globke
Herrman-Josef Abs
Werner Höfer
Arno Breker
Herrmann Gehlen
Martin Heidegger
Josef Neckermann

Es läuft eben doch auf den Satz von Wiglaf Droste hinaus, der schon vor Jahren die Frage stellte: War auch Hitler letztlich Antifaschist?

Nach diesem erstaunlichen Traumstart bleibt nur zu hoffen, daß Niveau und Ausrichtung des Politikblogs erhalten bleiben, die Veröffentlichungsfrequenz noch ein wenig erhöht wird, und Vanity Fair Deutschland genügend Erfolg hat, um dort keine überflüssigen Kurskorrekturen vornehmen zu müssen. Um meinen Teil dafür zu tun, werde ich wohl nächste Woche den SPIEGEL mal zu Hause lassen und mir aus Solidarität lieber die Printausgabe des Lifestyle-Magazins kaufen. Und selbst wenn mich das Heft entäuschen sollte, das Blog hat jedenfalls schon mal einen Stammleser gewonnen.

~ von Paul13 - Sonntag, 29. April 2007.

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