Crashkurs für Irakkriegskritiker


Manchmal ist ein Kommentar zu einem Blogposting oder auch ein elektronischer Briefwechsel so erhellend, daß es sich nicht bloß aufgrund der damit verbundenen Effizienzsteigerung lohnt, ihm einen eigenen Artikel zu widmen, sondern dieser zudem so viele Fragen stellt und beantwortet, daß er für die übrigen Leser auch tatsächlich einen gewissen Erkenntnisgewinn verspricht. Daher gibt’s hier statt des üblichen Verrisses eines Textes aus der großen Medienwelt den Inhalt zweier kritischer eMails eines Lesers, veredelt durch meine eigenen Anmerkungen:

täglich erreichen uns alle Berichte mit welch Skrupellosigkeit und Verachtung amerikanische Soldaten vorgehen.

Das läßt sich ganz unabhängig von deren Wahrheitsgehalt oder Ausgewogenheit leider kaum bestreiten.

Vom Einsatz von Phosphorwaffen bis über Massaker an Zivilisten soll alles vorgekommen sein.

Massaker an Zivilisten gibt es leider in jedem Krieg und in jeder Armee. Die Frage ist aber eine andere, nämlich ob sie die Ausnahme sind und wie entschlossen eine Armee dagegen vorgeht. Und da schlagen sich die Amerikaner vergleichsweise gut. Nicht nur gemessen an den Umständen kommen Kriegsverbrechen relativ selten vor. Auch ist die Zahl der Fälle, in denen die Täter für ihre Verbrechen noch als Helden bejubelt werden, bei den USA anders als bei ihren Feinden ausgesprochen gering.

Was die in Ausnahmefällen eingesetzten Phosphorwaffen angeht, so sind dies zugegeben grausame Waffen, aber das sind die meisten anderen Waffen – vielleicht mit Ausnahme von Boxhandschuhen – auch. Man denke da nur mal an Fuel Air Explosives oder Cluster-Bomben. Aber wenn jemand, der einer um ihr lebenden flehenden Geisel vor laufender Kamera die Kehle durchschneidet, oder der dafür kämpft, daß andere derartige Verbrechen ungestört begehen können, nur durch solche Waffen daran zu hindern ist, so sollte er vielleicht mal drüber nachdenken, ob das Ermorden Unschuldiger wirklich ein so erstrebenswertes Ziel ist, daß es sich dafür auf so scheußliche Weise zu sterben lohnt.

Es wurden ja schon einige US Soldaten wegen ihrer Aktivitäten verurteilt, doch auch mich als Unterstützender der Invasion vom Gedanken her stellen sich manche Fragen.

Man sollte vielleicht noch erwähnen, daß die von der Staatsanwaltschaft beantragten Strafen, aber auch die anschließenden Gerichtsurteile mitunter so hart sind, daß hiesige Gutmenschen gleich eine Solidaritätskampagne starten würde, wenn es statt um US-Soldaten wenigstens um Kinderschänder oder Nazischläger gehen würde. Weswegen nach den Abu Ghureib- und Haditha-Prozessen hierzulande auch schlagartig das große Schweigen zum Thema eingesetzt hat. Denn wer für Lynndie England die beantragten 38 Jahre Haft nicht ausreichend findet, kann vergleichbare deutsche Täter nicht mehr mit ein paar Monaten auf Bewährung und einer väterlichen Ermahnung davonkommen lassen. Und von diesem Brauch will man hierzulande nur ungern lassen.

Wer ordnet den Einsatz von chemischen Kampfstoffen an?

Ich nehme mal an, die zuständigen Kommandeure vor Ort. Wobei chemische Kampfstoffe hier ein irreführender Begriff ist. Denn im allgemeinen Sprachgebrauch verbindet man damit nicht Spreng- und Brandmittel, sondern Massenvernichtungswaffen wie z.B. Chlorgas, das im Irak ebenfalls und sogar gezielt gegen Zivilisten eingesetzt wurde. Allerdings nicht von den US-Streitkräften, sondern von der Gegenseite. Ob die Terroristen die diesbezüglichen Entscheidungen in ihren jeweiligen Zellen getroffen haben oder sich das OK direkt von Osama Bin Ladens Leiche geholt haben, weiß ich allerdings beim besten Willen nicht. Ist mir aber offen gestanden auch ziemlich egal.

Wie steht es mit den irakischen Zivilisten?

Die sind grundsätzlich nicht das Ziel von Angriffen der US-Streitkräfte. Aber selbst wenn man die sogenannten „Kollateralschäden“ mit hinzurechnet, kann man getrost davon ausgehen, daß Zivilisten im Irak um ein vielfaches mehr durch Aktionen der Terroristen als durch solche der Koalitionsstreitkräfte gefährdet werden. Nur daß das irgendwie niemanden zu interessieren scheint. Was eigentlich eher die Frage aufwerfen sollte, wieso dem so ist. Tut aber keiner der Irakkriegskritiker, was auch manche Kommentare in diesem Blog immer wieder aufs neue unterstreichen.

Werden Opfer einfach so in Kauf genommen.

Die US-Streitkräfte versuchen selbst Kollateralschäden so weit wie möglich zu vermeiden. Wenn ihre Feinde sich auch nur halb so sehr ebenfalls darum bemühen würden, statt sich gezielt unter Zivilisten zu verstecken und diese als Schutzschild zu mißbrauchen, ließe sich die Zahl der Opfer aber sicherlich noch wesentlich weiter reduzieren. Das wäre vielleicht mal ein sinnvoller Vorschlag, den man auf der nächsten Unterstützerdemo für den „irakischen Widerstand“ im Rahmen der kritischen Solidarität an Robin Hood und seine lustigen Gesellen weiterleiten könnte.

Leider gibt es zivile Opfer immer, aber es sollte das Ziel sein, es in Grenzen zu halten. Ich bin nicht wirklich gut informiert, vielleicht klären sie mich auf, wie es wirklich um den Umgang der GI’s mit dem irakischen Volk steht und was gelogen und was wahr ist.

Gelogen ist sicherlich, daß Mißstände die Regel sind. Da US-Soldaten Menschen wie Du und ich sind, die nicht nur aus Testosteron, sondern auch aus Mitgefühl bestehen, ist die Regel eher das hier.

Mir ist auch klar, dass man die Quellen immer prüfen sollte und man irgendwelchen ominösen litauischen Journalisten, die über den Einsatz von Atomwaffen im Irak sprechen nicht allzu viel Glauben schenken sollte.

Sollte man wirklich nicht. Gegen wen sollten im Irak auch Atomwaffen eingesetzt worden sein? Und vor allem warum?

[…] langfristiges Interesse aller sollte es ja sein, eine vollständig demokratische Welt zu erreichen, besonders dort, wo wir Abhängigkeiten besitzen: Middle East. Afghanistan und der Irak wurden besetzt und befinden sich im Demokratisierungsprozess, doch ich sehe auf der Landkarte noch Syrien und Iran.

Da sollen sie nach dem „regime change“ auch ruhig drauf bleiben. Auch wenn sie mit allen Mitteln daran zu arbeiten scheinen, diesen Zustand vorher noch zu ändern.

Dummerweise gibt es ja die gute Frau Pelosi, die meint, mit indirekten Terroristen zu verhandeln und ihnen das Gefühl der internationalen Geborgenheit zu geben, aber gerade dieser Punkt(finanzielle, materielle und natürlich auch ideologische Unterstützung der Widerstandskämpfer im Irak) qualifiziert Syrien ja als „regime change“-Kandidaten.

Absolut! Und nicht erst seit gestern. Es gibt nur wenige große Fehler der Bush-Administration, aber 2003 nicht von Syrien mittels der Drohung, ansonsten gleich nach Damaskus weiterzurollen, uneingeschränkte Kooperation eingefordert zu haben, gehört sicherlich dazu.

Vom Iran ganz zu schweigen, aber da hat die Unterbindung des Atomprogramms jetzt erstmal Vorrang.

Das stimmt leider, aber mittelfristig stellt sich das Problem eher umgekehrt. Ein Militärschlag gegen das Atomprogramm mag notwendig sein, gewinnt aber bestenfalls ein paar Jahre Zeit. Ein „regime change“ gefolgt von Demokratisierung hingegen löst das Problem grundsätzlich, denn ein friedlicher, demokratischer Iran darf gerne soviele Atomwaffen haben wie er will. Und genau deswegen wird er da auch weit weniger Wert drauf legen.

Ich würde mir auch einen freien Iran und Syrien wünschen, doch wie will man das erreichen?

Ein Totalembargo für alles jenseits humanitärer Hilfslieferungen würde in den meisten Fällen schon reichen, zumindest sofern man noch genügend Zeit hat, deren Wirkung abzuwarten. Wenn die Hälfte der Exporte wegfallen und den meisten Fabriken die Ersatzteile fehlen, gibt das eine Wirtschaftskrise in diesen Ländern, die auch innerhalb deren Führung die Frage aufkommen lassen wird, ob die Zerstörung Tel Avivs wirklich den Totalzusammenbruch des eigenen Landes wert ist. Und wenn sie dann nur noch die Option haben, als erste Reformer ihres Landes den Friedensnobelpreis anzusteuern oder als letzte Tyrannen Saddam auf den Galgen zu folgen, dürfte mit Ausnahme der ganz Irren der Adolfimdschihad-Klasse ein plötzliches Umdenken nicht auszuschließen sein.

Vorstellungen, man könne durch internatioanlen Druck einen Richtugnswechsel erreichen, halte ich schonmal für absurd, doch für eine Invasion fehlen die Kapazitäten.

Das wird zwar immer wieder gerne behauptet, aber das ist schlicht und einfach politisch motivierter Unsinn. Das habe ich aber schon vor längerem ausführlich begründet, und da ich die Antwort nicht einfach nur hier reinkopieren will, am besten dort noch mal nachlesen:

Das liegt aber vor Allem an Europa, das nur unzureichend untersützt, aber die Folgen einer Invasion wären ebenso verheerend: Wieder viele tote Zivilisten, ähnliche Zustände im Irak vielleicht.

Selbst wenn es so weit käme, wovon ich nicht ausgehe, müßte man diese Zahl immer an der jener toten Zivilisten messen, die die Folge wären, wenn diese Regime nicht beseitigt werden. Und während das Urteil im Falle des Irak schon eindeutig ausfällt, weil Saddam Hussein sich nach Ablauf der Sanktionen sofort wieder Massenvernichtungswaffen zu beschaffen versucht hätte, so wäre sie im Falle des Iran unvergleichlich höher, weil man davon ausgehen muß, daß die Mullahs die Bombe nicht nur theoretisch und zum Regimeerhalt einsetzen würde, sondern möglicherweise auch ganz praktisch als religiösen Weltbrandbeschleuniger.

Was ist nun die Lösung?

Daß der Westen sich auf das Ziel des „regime change“ einigt und dieses Ziel konsequent ansteuert. Das würde nicht nur einen Großteil der Probleme beseitigen, es gibt auch keine brauchbare Alternative dazu. Sonst hätte sie ja schon mal irgendjemand nennen können.

~ von Paul13 - Dienstag, 10. April 2007.

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