Hosni, host mi?


Anläßlich einer interessanten Diskussion im NBFS-Kommentarbereich über „Unsere Hurensöhne und wie wir mit ihnen umgehen sollten“ und weil dies ein so wichtiges wie auch leider in der Öffentlichkeit gemessen an der Bedeutung extrem vernachlässigtes Thema ist, gibt’s meinen Kommentar diesmal als eigenen Artikel. Chewey (bei der Gelegenheit meinen Dank für diesen wirklich fruchtbaren Gedankenaustausch) schrieb folgendes:

Soweit ich die NeoCon-Theorie verstanden habe, ist sie durchaus geeignet, einige Antworten auf die neue Unübersichtlichkeit und vor allem auch die Fragen des 11. September zu geben, auf die ihre Gegner immer nur ihr „Weiter so!“ auf Lager haben. Das bedeutet dann: Same shit, different day.

Aber es scheint mir doch schwerwiegende Probleme bei der Dimensionierung, sozusagen der Skalierung dieser Antworten zu geben, die letztlich auf divergierende Bewertungen aller zusammenhängenden Weltvorgänge zurückgeht. Dabei ergibt sich die Gefahr eines „New Day, new shit“.

Ich versuche zu beschreiben, was ich mit Skalierung meine: Ich setze meine 100%ige Zustimmung zu folgender „NeoCon-Aktion“: die Beseitigung des Hitler-Regimes. Gegen größte Widrigkeiten, unter hunderttausendfachem Einsatz des Lebens, trotz hohen Blutzolls und – nicht zu vergessen – obwohl eine direkte Gefahr für die amerikanische Bevölkerung nicht unbedingt sofort erkennbar war. Wobei ich jetzt auf keinen Fall in eine Pazifik-Krieg-Debatte einsteigen will ;-)
War das „NeoCon“? Hatten sie weitergehende Interessen? War es „nur“ selbstsüchtig? Scheißegal, es war RICHTIG!

Es war von allem was. Und vor allem war es richtig. Aber woran erkennt man das? Nur die Zahl der Toten dürften es kaum sein. Denn wenn die Nazis nicht Abermillionen von Menschen ermordet hätten, sondern „nur“ ein paar hunderttausend, wäre der Krieg gegen Deutschland dann falsch gewesen? Doch wohl nicht, oder?

Sie haben es getan, und dafür können wir Gott (und vor allem ihnen) auf Knien danken. Dieser historische Bezug wird in diesem Blog viel zu oft beiseite gewischt, deshalb will ich ihn einmal ausdrücklich nennen.

Also bisher kannte ich nur den Vorwurf, daß ich diesen Bezug zu häufig herstelle. Wobei ich Dir zustimme, daß man das gar nicht oft genug tun kann.

Wenn wir Hitler auf 100% setzen, dann ergeben sich andere Kandidaten, die auch stattliche Prozentzahlen erreichen können. Milosevic, Kim, Ahmadinedschad, Saddam. Aber hier fangen die unterschiedlichen Bewertungen schon an: Milosevic kommt mit seinen ethnischen Säuberungen an einen Weltvernichter wie Hitler sicher nicht heran, aber es war nicht weniger richtig, ihn zu stoppen.

Das ist genau der Punkt. Auch wenn Milosevics Sozialisten in den absoluten Opferzahlen bei weitem nicht mit dem Naziregime konkurrieren konnten und auch nicht mit deren ausgefeilt rassistischer Ideologie, so waren es doch immer noch zu viele Opfer, als daß man ihn gewähren lassen konnte. Er war gewiß nicht der schlimmste von allen, aber eben immer noch zu schlimm, als daß man seine Verbrechen hätte hinnehmen dürfen.

Dass die Europäer es nicht getan haben, gereicht ihnen dauerhaft zur Schande. Bei Kim, Ahmadinedschad und Saddam sind Gefahr und Wirkung sehr umstritten, wie wir sehen. Ich finde die Gründe, einen Saddam zu stoppen, sehr einleuchtend – vor allem die humanistischen. Andere sehen das völlig anders.

Leider. Wobei das aber eher gegen die anderen spricht.

Aber jetzt kommen wir schon in die 3. Garnitur, und da lassen sich Ursache und Wirkung kaum mehr separieren und nur noch schwer bewerten. Dein Zitat:
„Ok, dann sag mir, welches Ziel Du Dir setzen würdest. Und unwiefern Du auf diese Weise die potentielle Bedrohung durch nuklear bewaffnete Schurkenstaaten und von ihnen ausgerüstete Terroristen ausschalten würdest.“
Wirst du dieses Ziel erreichen, wenn du gegen Mubarak vorgehst?

Ich weiß nicht. Aber man wird es sicher nicht erreichen, wenn man nicht irgendwann auch gegen Mubarak vorgeht. Oder besser gesagt nicht gegen ihn, sondern gegen seine Alleinherrschaft. Es geht ja nicht gegen Mubarak persönlich. Wenn die Ägypter ihn wollen, können sie ihnwegen mir so oft wiederwählen wie sie Lust haben. Aber eben sie ihn. Nicht er sich selbst.

Strebt er nach der Atombombe?

Darauf gibt es nur eine komplexe Antwort. Erstens strebt er wohl nicht von sich aus danach. Zweitens wird er sofort danach streben, wenn irgendein unberechenbares Spinnerregime in seiner Nachbarschaft wie beispielsweise das im Iran eine bekommen sollte. Drittens wird seine Bombe keine Bedrohung für uns sein und vermutlich nicht mal für Israel. Und viertens wird sich letzeres schlagartig ändern, wenn die Islamisten dort die Macht übernehmen. Womit die Punkte 1-3 dann keine Rolle mehr spielen.

Unterstützt er Terroristen?

Vielleicht nicht er. Aber zumindest seine Sicherheitskräfte werden am Waffenschmugggel nach Gaza nicht ganz unbeteiligt sein. Man kann so einem Regime nie ganz trauen, nicht mal dann, wenn der Führer ausnahmsweise tatsächlich mal was nicht weiß.

Begeht er Morde, um seine Herrschaft zu sichern?

Aber natürlich! Wenn auch sicher nicht in dem Ausmaß wie Saddam. Auch wird er „nur“ einzelne Oppositionelle umbringen lassen und nicht alle und auch nicht gleich deren ganze Familien wie Saddam. Aber das ist erstens schon schlimm genug, um mit so jemandem nicht in der Öffentlichkeit gesehen werden zu wollen, und zweitens machen derartige Mißstände die Islamisten auf Dauer nur stärker, nicht schwächer. Von der Schwächung für unsere eigene Moral im Kampf gegen den Terror ganz zu schweigen. Denk nur mal an Abu Ghureib und die psychologischen Folgen. In Ägypten gibt es viele Abu Ghureibs, und da geht es noch ganz anders zur Sache, und nicht von einzelnen durchgeknallten Soldaten, die gegen alle Vorschriften handeln, sondern von ganz oben systematisch organisiert. Sollen das wirklich unsere Verbündeten im Kampf für eine bessere Welt sein?

Ich kann diese Fragen nicht mal mit einem klaren „nein“ beantworten, bin mir aber sicher, dass du (und auch kein noch so toller Geheimdienst) sie nicht mit einem klaren „ja“ beantworten kannst. Deshalb mein wiederholter Hinweis, ob du nicht durch unbedachte Aktionen den Horror erst schaffen könntest, den du eigentlich verhindern möchtest. Z.B., weil ein korrupter Mubarak durch echt mörderische Islamisten ersetzt werden. Deshalb auch meine wiederholten Hinweise auf Israels Stabilitätsinteressen, auf die du noch nicht einmal eingegangen bist.

Israel hat gewiß kein Problem mit Mubarak. Man munkelt sogar, daß die israelische Regierung aus den genannten Gründen gegen einen Regime Change in Syrien sein soll. Aber einmal sind die Interessen eines um sein nacktes Überleben in der Region kämpfenden Staates nicht absolut deckungsgleich mit denen einer weltweit agierenden Supermacht mit globaler Verantwortung, und zum anderen sind kurzfristige Interessen den langfristigen mitunter entgegengesetzt.

Kurzfristig war es angesichts der Bedrohungslage für Israels Existenz sicher sinnvoll, den Iran im Krieg gegen den Irak zu unterstützen. Damit hat man ein Jahrzehnt Zeit gewonnen, in dem der Irak mit einem Erzfeind beschäftigt war statt mit dem Kampf gegen Israel. Dummerweise wurden diese Zeit aber nicht zum Regime Change inkl. Demokratisierung genutzt. Deswegen hat man den Schutz vor irakischen Panzern langfristig mit der Aussicht auf iranische Atomraketen erkauft. Ich finde, das ist kein sonderlich guter Tausch. Ein konventioneller Krieg kostet Opfer, aber Israel kann ihn gewinnen. Einen Atomkrieg hingegen kann es nur verlieren.

Ich denke, den Hinweis auf die begrenzten Resourcen kann ich mir sparen: Wieviele Mubaraks gibt es weltweit, wieviele selbstgeschaffene Krisen (denn durch Intervention übernimmst du die völkerrechtliche Verantwortung!) kannst du handeln?

Man kann sich natürlich nicht alle gleichzeitig vornehmen. Umso wichtiger ist es daher schon aus psychologischen Gründen, daß wir überhaupt mal damit anfangen. Und das muß ja nicht gleich Agypten sein. Es gibt genug kleine und wehrlose Despoten, an denen man ein Exempel statuieren könnte, welches die Diktatorenkollegen genauso gut verstehen. Und wenn man’s richtig macht und dort anschließend jeweils ein Musterländle hinstellt, ist das auch für die Bevölkerung anderer Länder ein verlockendes Angebot. Das wiederum macht den Job der Unterdrückung für Mubarak & Co.nicht leichter.

Wenn du da auch noch Fragen zu Migration, Globalisierung und Umweltzerstörung hineinrührst, müsstest du übermenschlich sein, um den Überblick zu behalten.

Gerade damit man das nicht sein muß, ist das Ziel ja die globale Demokratisierung. Wenn beispielsweise die Menschen in Afrika in Freiheit leben und eine realistische Chance auf Wohlstand haben würden, müssten sie nicht aus ihrer Heimat flüchten, was man ja nicht einfach mal eben so aus Jux und Dollerei macht. Wenn sie aber nur überleben können, wenn sie sich zu uns in Sicherheit bringen, so kann ich vollauf verstehen, daß sie das tun. Das sind in meinen Augen keine Wirtschaftsflüchtlinge, sondern Opfer unserer eigenen Indifferenz. Das heißt, wir müssen die Ursachen bekämpfen. Und ich lege weder Wert darauf, irgendwann eine rechtsradikale ausländerfeindliche Mehrheit in Deutschland zu haben noch darauf, daß die europäischen Mittelmeerflotten irgendwann die ersten Flüchtlingsboote versenken.

Mein Plan B: Lass Hosni in Ruhe, und wir konzentrieren uns auf Adolfinedschihad. Aber mit welchen Mitteln?

Wir können uns wie gesagt wegen mir darauf einigen, mit anderen anzufangen. Aber wenn wir Mubarak zusagen, ihn grundsätzlich in Ruhe zu lassen, dann brauchen wir mit Moral und Demokratie nicht mehr zu kommen. Das bedeutet, wir können gegen Adolfinedschad nur wegen der Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen vorgehen. Wenn Diktaturen für uns gleichberechtigte Regierungsformen sind, müßten wir die Iraner ohne die Bombe ihrem Schicksal überlassen. Andererseits werden die Menschen im Iran kaum verstehen, wenn man wegen der Bombe ihre wirtschaftliche und nukleare Infrastruktur in Schutt und Asche legt, aber gleichzeitig das Mullahregime an der Macht läßt, so nach dem Motto, „Ok, jetzt habt ihr zwar nix mehr zu beißen, aber Pech, seht selber zu, wie ihr da raus kommt“. Das ist keine sonderlich überzeugende Reklame für unser Gesellschaftsmodell, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Wir müssen endlich aufhören, immer nur an den Symptomen herumzudoktern und anfangen die Krankheit selbst zu bekämpfen. Und an der iranischen Atombombe ist nun mal nicht die Atombombe das schlimme, die haben andere auch. Sondern daß ein Terrorregime den Iran kontrolliert. Das müssen wir angehen, sonst fliegt uns der Laden irgendwann um die Ohren. Und mit uns meine ich vor allem Europa. Die Amis werden davon noch am wenigsten betroffen sein. Wir hingegen dürfen dann anfangen zu zittern.

Ich gebe dir vollkommen Recht, dass Europa da vollständig versagt.

Dann warte mal ab, wie sehr Europa erst versagen wird, wenn wir eines Tages mit dutzenden unzurechnungsfähigen und nuklear bewaffneten Diktatoren verhandeln müssen, die sich Einmischung in ihre Völkermorde wie beispielsweise jetzt im Sudan nachdrücklich verbitten. Jetzt können wir ihnen noch die Bedingungen diktieren. Nutzen wir das nicht zur Verbreitung der Demokratie aus, dann kriegen wir sie in nicht allzu ferner Zukunft diktiert. Und es werden keine Bedingungen sein, die uns gefallen werden.

~ von Paul13 - Donnerstag, 15. März 2007.

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