Nordkorea und Iran: Amerikas Alpträume


Mit ihren unberechenbaren Regimen sind Nordkorea und nun auch Iran zu Alpträumen Amerikas geworden.

Nun möchte man eigentlich annehmen, daß diese Regime in erster Linie die Albträume der von ihnen terrorisierten Menschen sind. Aber die zählen für ein Nachrichtenmagazin, das die Ansprüche deutscher Leser befriedigen muß, bestenfalls am Rande. Auch die Überlegung, daß es sich hier zunächst mal um die Albträume jener Staaten handeln sollte, die von iranischen Atomraketen erreichbar wären, bevor sich die USA Gedanken machen müssen, greift zu kurz, denn mit Ausnahme des offen mit physischer Auslöschung bedrohten Israels nehmen die potentiellen Atomkriegsopfer das ganze diesmal anders als in den 80ern nicht so ernst, wie es nötig wäre, um ihren Schlaf auch nur ein wenig unruhiger werden zu lassen.

Beim Streit mit Pjöngjang entschloss sich die US-Regierung zur Diplomatie.

Und der SPIEGEL wußte dies denn auch gleich mit dem Begriff Kotau und einem Artikel zu würdigen, in dem Bush die mangelnden Erfolge des diplomatischen Vorgehens vorgehalten wurden. Vielleicht sollten Gerhard Spörl und Andreas Lorenz erst mal miteinander reden, um zu klären, wie sie Sinn und Zweck von Soft Power denn nun bewerten wollen. Da scheint es ja noch gewisse Abstimmungsprobleme zu geben, die der gefühlten Kompetenz unseres Montagsmagazins nicht unbedingt zuträglich sind.

Aber im Konflikt mit den Mullahs ist sie noch lange nicht so weit.

Wieso sollte sie auch? Der Iran will doch keine Atomwaffen. Das sind doch alles nur die Lügen neokonservativer Kriegstreiber. Also muß man sich auch keine Sorgen machen. Oder etwa nicht?

[…] Nordkorea, dieses Hungerreich im Würgegriff der Familie Kim, ist der Alptraum Amerikas seit geraumer Zeit. In den Jahren 1993 und 1994, als der Präsident Bill Clinton hieß, schien der Krieg unmittelbar bevorzustehen. Es kam dann aber glücklicherweise zu Verhandlungen und zur Einigung.

An die sich Nordkorea dann dummerweise nur nicht wirklich hielt, so daß Clinton am Ende wie der letzte „Frieden in unserer Zeit!“-Depp da stand, was nicht unerheblich zur Einschätzung beigetragen haben dürfte, daß Verhandlungen mit Tyrannen wie Kim günstigstenfalls nutzlos, wenn nicht sogar kontraproduktiv sind.

Der Tauschhandel damals lässt sich auf den Nenner bringen: Brot gegen Nuklearwaffen. Solche Abkommen haben immer einen schalen Beigeschmack: Diese Diktatoren in Nordkorea sind besonders trostlose Ausgeburten ihrer Spezies, die auf diese Weise ihr Überleben sichern, was umgekehrt heißt, dass ihr Volk ihnen ausgeliefert bleibt, freigegeben zur Unterdrückung und zum Verhungern, eingesperrt in einem der trostlosesten Länder auf Gottes Erdboden. Die Weltmacht, die Geschäfte mit solchen Tyrannen macht, schiebt Moral beiseite. So ist das nun einmal, leider, aber es ist richtig so, weil jede Alternative noch schlimmer ist.

Mal ganz davon abgesehen, daß das genau jene Moral ist, die das Blatt, für welches Herr Spörl schreibt, den Amerikanern bei jeder Gelegenheit als Beweis für ihre Verlogenheit unter die Nase reibt, fragt sich hier, für wen da was schlimmer ist. Zig Millionen Menschen, denen man ihr gesamtes Leben gestohlen hat, mehrere Millionen Hungertote, und hunderttausende, die im GuLAG dahinvegetieren, dürften jedenfalls nur schwer zu toppen sein, schon gar nicht von ein paar durchgeknallten Selbstmordattentätern. Andererseits wissen wir gerade durch die Erfahrung im Irak, daß die weit zahlreicheren Opfer einer Diktatur anders als diejenigen ihres Sturzes in den Mainstreammedien keine Lobby haben und im nachinein gerade auch von SPIEGEL-Autoren ganz gerne vergessen werden, damit die Berechnung von Erfolg und Mißerfolg zu dem von den Lesern gewünschten Ergebnis führt.

Iran ist der andere Alptraum Amerikas, seit dort der Schah davongejagt wurde und ein paar Ajatollahs an seine Stelle traten. Das ist noch so ein befremdliches Regime, eine Theokratie, und das auch noch mit Öl. Dazu dieser Mahmud Ahmadinedschad, ein Provokateur mit hochfahrenden Wünschen über die Rolle seines Landes in der Region und verrückten Vorstellungen über den Holocaust und den weiteren Verbleib Israels. Iran ist das Nordkorea im weiteren Nahen Osten, nur mächtiger.

Und, was ist jetzt mit den „verrückten Vorstellungen über den Holocaust“ und „den weiteren Verbleib Israels“? Macht das nicht einen klitzekleinen Unterschied in der Bewertung aus? Denn wenn die Bombe nur dem Erhalt eines Terrorregimes dient, wäre der Westen zwar umso mehr verpflichtet, besagtem Regime die Bombe zu verweigern, gerade um den dort lebenden Menschen noch helfen zu können, doch könnte man als entspannungsgestählter Realpolitiker den Unterdrückten immer noch ein nationalegoistisch begründetes „Pech gehabt!“ zurufen. Aber wenn die Bombe verwendet wird, „verrückte Vorstellungen über den Holocaust“ praktisch umzusetzen und „den weiteren Verbleib Israels“ mit dessen Deportation ins nukleare Nirvana zu regeln, ist das keine innere Angelegenheit mehr, sondern betrifft uns alle.

Wenn man das Beispiel Nordkoreas ernst nimmt, dann liegt es nahe, dass Amerika sich für Iran ähnlich verhalten muss. Es gibt die Vierer-Gespräche unter Ausschluss Amerikas, was schlecht ist und sich ändern müsste, wenn Aussicht auf Erfolg gewünscht wird. Die Rolle Chinas könnte Russland übernehmen. Russland liefert Iran Waffen und nukleare Technologie. Wenn irgendein Land Vertrauen in Teheran genießt, dann ist das Russland. Doch Russland genießt nicht das Vertrauen der Regierung Bush. Auch das kann sich ändern.

Sicher. Putin findet über Nacht seine Lupe wieder und kehrt reumütig zurück in den Schoß der liberalen Demokratie. Im Ernst, selbst wenn es soweit käme, stellt sich doch die Frage, was machen wir bis dahin? Die Bombe der Mullahs muß jetzt verhindert werden. Auf das Heilen der verletzten russischen Seele des heiligen Vladimir können wir dabei leider schlecht warten. Also, lieber Gerhard Spörl, ganz konkret: Wie stoppen wir Achmadinedschad & Co., falls Putin überraschenderweise doch nicht den Pfadfindern beitreten sollte?

[…] Die Alternative hieß im Fall Nordkorea und heißt jetzt im Fall Iran: entweder das Regime oder die Haltung wechseln. Mit dem Regimewechsel dürfte es in absehbarer Zeit auch in Teheran nichts werden. Bleibt, die Haltung zu wechseln.

Mit anderen Worten: Sorry, liebe Iraner, daß sie Euch töten und foltern und Euer Leben zerstören, betrübt uns natürlich zutiefst, aber shit happens, hatten wir auch schon, und wir haben’s auch überlebt (naja, zumindest die meisten von uns), also Kopf hoch. Und Ihr Juden, haut einfach ab da unten und kommt zurück nach Europa, als wehrlose Flüchtlinge haben wir euch dann auch wieder lieb, und das ist doch schon mal ein gutes Gefühl. Womit immerhin raus wäre, was einige Zeitgenossen als „Haltung“ zu bezeichnen bereit sind.

~ von Paul13 - Montag, 26. Februar 2007.

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