Sechs Fragen, viele Antworten – Teil II: Alex


In Teil II der beliebten Reihe „Argumente gegen den Irakkrieg und wieder zurück“ kommen wir nun zu Alex, der sich ebenfalls die Mühe eines Eingehens auf die einzelnen Fragen gemacht hat, womit ich ihm hiermit noch mal ausdrücklich meinen Dank aussprechen will.

Nagut, ich bin zwar kein echter Kriegsgegner, da ich Krieg als letztes Mittel – wenn alle anderen Mittel versaget haben – nie ausschließe, aber ich will die Fragen trotzdem mal beantworten.

Wobei er als – sagen wir – Kriegskritiker durch seine Antworten jene, die sich als richtige Kriegsgegner bezeichnen, fast besser in argumentative Schwierigkeiten bringt, als wenn das ein anerkannter Kriegstreiber wie unsereiner übernimmt. Was mal wieder zeigt, daß es erstens richtig war, die sechs Fragen zu stellen, und zweitens schade, daß die üblichen Verdächtigen nicht darauf geantwort haben.

Zu 1.
Ob die Lage im Irak zur besser ist als vor der Invasion, wissen nur die Iraker selbst. Vielleicht sollte man diesbezüglich mal wieder eine repräsentative Umfrage durchführen. In der Vergangenheit gab es bereits einige Umfragen, die sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung tendierten. Einfach gesagt: Wir in unserem gemütlich verschneiten Europa haben keine Ahnung wie es den Leuten dort unten wirklich geht.

Mal ganz davon abgesehen, daß diese Antwort wunderschön umreißt, warum man das mit der Demokratie überhaupt erst macht, nämlich um all das durch Dinge wie Wahlbeteiligung und Abstimmungsergebnisse herauszufinden, steht dieser Standpunkt in völligem Widerspruch zu den Ansichten der Kriegsgegner, die ja seltsamerweise genau zu wissen scheinen, daß die Lage im Irak jetzt schlechter ist als vorher. Was wir aber leider immer noch nicht wissen, ist aufgrund welcher Kriterien sie zu dieser interessanten Schlußfolgerung kommen.

Zu 2.
Lässt sich nicht beantworten. Siehe Antwort 1)

Ok, wenn man nicht behauptet, daß die Lage vor der Invasion besser war als danach, macht eine Antwort auf Frage 2 zugegeben keinen Sinn. Wobei es aufschlußreich ist, daß Frage 1 offenbar weit schwieriger zu beantworten ist, als die Kriegsgegner in Bevölkerung, Medien und Politik uns das Tag für Tag glauben machen wollen. Denn die müssen über derartige Kriterien ja offenkundig verfügen. Na ja, vielleicht meldet sich noch einer von ihnen. Das wird bestimmt lustig.

Zu 3.
Teilweise haben sie ja schon auf Saddams Methoden zurückgegriffen mit dem bekannten Ergebnis. Und die irakischen Sicherheitskräfte greifen immer noch auf diese Methoden zurück, ebenfalls mit dem bekannten Ergebnis. Da sich die Frage aber mit nur einem Wort beantworten lässt, sage ich ganz einfach mal: Nein.

Also bisher stehen Amputationen von Gliedmaßen oder Massenerschießungen ganzer Dörfer noch in einem gewissen Widerspruch zu den zulässigen Terrorbekämpfungsmethoden der US-Streitkräfte. Und das – leider auf den Titelseiten nie auftauchende – Ergebnis sind im Falle eines Nachweises von Zuwiderhandlungen gegen besagte Vorschriften von US-Gerichten verhängte Strafen, deren Anwendung selbst bei einem mit einer von Atomstrom angetriebenen Kettensäge bewaffneten Kinderschänderkannibalen im Robbenbabypelz sämtliche deutschen amnesty-Zellen zur Höchstform auflaufen ließe.

Was die irakischen Sicherheitskräfte angeht, so dürften deren Verbrechen auch nach irakischem Recht kaum legal sein, wobei die Ablehnung derart fragwürdiger Methoden der Forderung nach einer grundsätzlichen Systemänderung in Richtung Demokratie nur noch mehr Nachdruck verleiht. Wir wollen daher an dieser Stelle kurz festhalten, daß es gerade das Lager der Kriegsgegner ist, das den sofortigen Abzug der Amerikaner verlangt, obwohl dann die Menschen im Irak ihren eigenen teilweise von Terroristen und Milizen unterwanderten Sicherheitskräften völlig ausgeliefert sind.

Zu 4.
Da es eine Vielzahl von „Rebellengruppen“ gibt, haben sie auch unterschiedliche Ziele. Die einen wollen einen islamistischen Gottesstaat, die anderen das gute alte Baath Regime zurück, andere einfach nur die Alleinherrschaft für sich, andere eine Teilung es Iraks und wieder andere wollen einfach nur die Amerikaner vertreiben und haben darüber hinaus überhaupt noch keine konrekten Ziele.

Hm, das klingt jetzt aber nicht so, als ob es da – gerade unter Berücksichtigung der in Antwort 3 angesprochenen Performance der irakischen Sicherheitskräfte – auch nur einen Punkt gäbe, dem aufgeklärte Menschen mit einem Mindestmaß an zivilisatorischer Grundprägung auch nur ansatzweise zustimmen sollten. Umso erschreckender, daß derartige Feinheiten am Lager der Kriegsgegner bisher leider vorbeigegangen zu sein scheinen. Sonst hätte dieses wenigstens mal eine symbolische und feigenblattmäßige Alibikritik an den Forderungen der Herren „Widerstandskämpfer“ geäußert, deren Motive man bisher stattdessen vorzugsweise im schummrigen Bereich der berühmt-berüchtigten „legitimate grievances“ verortet hat.

Zu 5.
Siehe Antwort 4)
Es gibt einfach nicht „den Widerstand“ oder „die Terroristen“, sondern eine Vielzahl von Interessensgruppen, die sich gegenseitig mit allen Mitteln bekämpfen. Früher nannte man sowas mal Bürgerkrieg, aber so ein böses Wort wollen wir hier nicht in den Mund nehmen.
Zumindest die ausländischen Dschihadisten, deren Ziel eigentlich nur die Vertreibung der Amerikaner ist, nutzen eine alte Weisheit der psychologischen Kriegsführung: Für Fehlschläge während einer Besatzungszeit macht die Zivilbevölkerung immer die Besatzer verantwortlich, wenn auch zu Unrecht. Die Deutschen haben im Kosovo ähnliche Erfahrungen gemacht, allerdings in deutlich abgeschwächter Form.

Also bisher galt als eine der Voraussetzungen für einen Bürgerkrieg immer, daß besagte Bürger sich auch zumindest indirekt an den Kämpfen beteiligen. Solange aber die Methoden der Extremisten beider Seiten selbst von der eigenen ethnischen oder religiösen Gruppe mit überwältigender Mehrheit abgelehnt und nur von einer radikalen Minderheit unterstützt wird, hat das mit Bürgerkrieg ehrlich gesagt nicht allzu viel zu tun, sondern mehr mit Krieg gegen eben diese Bürger. Was aber zugegeben nicht heißt, daß es nicht eines Tages nicht noch dazu kommen kann. Umso wichtiger wäre es daher, genau das zu verhindern. Wobei die Kriegsgegner uns sicher erklären können, wie das nach Abzug der US-Streitkräfte am besten geschehen sollte, zumal diese, wie hier endlich mal ausdrücklich konstatiert wird, zu Unrecht für die Fehlschläge der Besatzungeszeit verantwortlich gemacht werden.

Was die ausländischen Dschihadisten betrifft, so ist der Abzug der Amerikaner nicht nur ein umstrittener Punkt (letztens hat irgendein schlauer Kopf sogar mal behauptet, daß sie genau das Gegenteil wollen, nämlich möglichst viele Amerikaner im Irak töten), sondern es ist auch reichlich naiv davon auszugehen, daß wenn dieses Ziel nach Übergabe Nordamerikas an seine Ureinwohner, Übertritt der Indianer zum Islam und Evakuierung der restlichen US-Bevölkerung auf den Mars erreicht worden ist, den Dschihadisten eine wertneutrale, liberale Weltordnung vorschwebt, in der jeder nach seiner Fasson selig werden darf. Interessant ist hier aber das indirekte Eingeständnis, daß die Muslime im Irak eben nicht US-Flächenbombardements zum Opfer fallen, sondern der „psychologischen Kriegsführung“ der eigenen Glaubensbrüder. Hierzu wären die stammelnden Erklärungsversuche eines waschechten Kriegsgegners sicher so aufschlußreich wie unterhaltsam.

Zu 6.
Was den Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten angeht, sehe ich ebenfalls keinen Zusammenhang mit dem Konflikt Israel/Palästinenser/Libanon. Allerdings sehe ich zumindest einen indirekten Zusammenhang zwischen islamistischem Terror und dem oben genannten Konflikt. Aber bitte nicht missverstehen: Das soll keine Schuldzuweisung an irgendeine der Parteien sein. Ich habe schon lange aufgehört, mir über „die da unten“ Gedanken zu machen, denn dazu machen alle Seiten immer wieder zu viele Fehler.

Inwieweit da wenigstens ein indirekter Zusammenhang besteht, wäre gewiß interessant zu erfahren. Daß es keinen direkten gibt, dürfte aber nicht nur das Gros der Kriegsgegner, sondern auch so manchen gestandenen und durchaus in der Mitte der Gesellschaft verwurzelten europäischen Politiker verwirren. Selbst Amerikaner sind vor derlei Unsinn nicht gefeit, wie wir spätestens wissen, seit die Baker-Kommission offenbar von genau diesem Zusammenhang ausging. Sonst wäre beispielsweise Nummer 13 ihrer Empfehlungen wohl durch die Forderung nach Freibier für alle ersetzt worden.

Allerdings hätte ich jetzt noch eine Frage zum Thema „wie hätte man es besser machen können?“ Wie oben erwähnt, schließe ich Krieg als letztes Mittel nicht aus und ich denke früher ober später wäre eine Invasion des Irak wohl unvermeibar gewesen.

Aber warum musste sie unbedingt noch 2003 stattfinden? Warum hat man nicht zwei oder drei Jahre gewartet? Schließlich war der Irak keine akute Gefahr und das war auch bekannt. In dieser Zeit hätte man vernüftige Allianzen (vielleicht auch mit einem islamischen Staat) schmieden können, man hätte versuchen können, die zersplitterte und zerstrittene irakische Exilsopposition zu einen, man hätte einen vernüftigen Wiederaufbauplan ausarbeiten können und noch einiges mehr. Warum haben sich die USA diese Zeit nicht genommen? Meiner Meinung nach lief alles viel zu überstürzt und planlos.

Auch wenn der Einwand, daß die USA sich für den Einmarsch und seine Vorbereitung mehr Zeit hätten nehmen müssen, grundsätzlich richtig ist, so war im Jahre 2003 eher zu spät als zu früh. Mal ganz davon abgesehen, daß Saddam Hussein den Terror gegen das eigene Volk ja nicht so lange auf Eis gelegt hätte, bis die USA mit den Kriegsvorbereitungen fertig gehabt hätten, sondern bis dahin durchaus noch den einen oder anderen, von den westlichen Medien natürlich geflissentlich ignorierten Schädelberg aufgetürmt hätte, lief den USA angesichts der zusammenbrechenden und, glaubt man den Kriegsgegnern, selbst verglichen mit einem ausgewachsenen Krieg angeblich weit verlustreicheren Sanktionen die Zeit davon. Ein russisch-französisches Ausscheren aus der Blockadefront war von beiden Ländern ja bereits angekündigt worden und der zügigen Wiederaufrüstung des Irak stand nichts mehr im Wege.

Die Kritik sollte also nicht darauf zielen, daß die USA zu früh losgeschlagen, sondern daß sie zu spät mit den Vorbereitungen dafür begonnen haben. Warum die Zeit seit Unterzeichnung des „Iraq Liberation Act“ 1998 nicht besser genutzt wurde, ist ein Ärgernis, welches im übrigen nicht nur dem verantwortlichen demokratischen Präsidenten Bill Clinton anzukreiden ist, da auch der Republikaner George W. Bush zu jener Zeit nicht gerade für seine Forderungen nach einem „humanitären Imperialismus“ berüchtigt war. Damals hat es eben noch am Bewußtsein für eine Problematik gemangelt, die erst nach dem 11. September auch von jenen amerikanischen Wählern begriffen worden ist, denen die Leute „da draußen“ in der Welt wie ihren europäischen Brüdern auch nicht die Knochen eines eigenen Grenadiers wert ist. Vor allem aber hat eins gefehlt: Der, der das ganze umzusetzen bereit und in der Lage ist – die NeoCons! Schön daß wir uns da einig zu sein scheinen. ;-)

Nur daß die Kriegsgegner bei einer besseren Kriegsvorbereitung gar keine geworden wären, und attac, DER SPIEGEL, Kofi Annan oder irgendein muslimischer Diktator nach Bekanntwerden der ersten, von Verstrickungen in den internationalen Terrorismus oder der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen völlig unabhängigen Kriegsplanungen, einem ohne besonderen Anlaß aus dem blauen Himmel heraus durchgeführten Sturz des Saddam-Regimes begeistert applaudiert hätten, das erscheint mir dann doch ein bißchen arg weit hergeholt. Bei diesem Krieg, gerade wenn er auschließlich mit der Einführung der Demokratie in der arabischen Welt begründet worden und damit um einiges unilateraler gewesen wäre, wäre George W. Bush noch einsamer und unbeliebter gewesen als er das ohnehin schon ist. Und spätestens das dürfte ein Ding der Unmöglichkeit sein.

~ von Paul13 - Sonntag, 4. Februar 2007.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: