Irak-Krieg: „Saddam, come back!“


Die Irak-Debatte in den USA wird immer verzweifelter. Weder die Bush-Regierung, noch die Demokraten haben einen Plan für das Land

Wie, die Demokraten auch nicht? Aber ich dachte, die hätten Bush zu einem radikalen Kurswechsel gezwungen? Wohin denn dann, wenn sie jetzt gar keinen Plan haben? Etwa direkt ins Chaos? Aber wieso war es dann gut, daß sie gewonnen haben?

In ihrer Ratlosigkeit kommen Meinungsmacher auf immer absurdere Ideen: Jetzt fordert ein prominenter Kommentator die Rückkehr Saddam Husseins an die Macht – Totalitarismus sei besser als Chaos.

Oha, die Realpolitik-Fans drehen ja noch schneller durch als erwartet. Wenn sie gerade mal drei Wochen nach dem Wahlsieg der Demokraten schon bei der Widereinsetzung Saddams angekommen sind, dann dürfte das in nächster Zeit noch richtig lustig werden.

Als Kolumnist wird Jonathan Chait dafür bezahlt, zu polarisieren und politisch nicht korrekte Meinungen zu vertreten. Aber so weit wie in seiner heutigen Kolumne in der renommierten „Los Angeles Times“ sind liberale Meinungsmacher noch nicht gegangen.

Und von den fälschlicherweise liberal genannten Befürwortern der friedlichen Koexistenz mit blutigen Diktatoren ist man ja schon einiges gewohnt, das stimmt.

Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist als Kommentar in einer der größten und einflussreichsten Zeitungen des Landes erschienen. Es ist ein weiteres Zeichen der Ratlosigkeit der amerikanischen Eliten.

Nix da, lieber SPIEGEL, es ist ein weiteres Zeichen Deiner eigenen Ratlosigkeit. Denn was hier in bester „Haltet den Dieb!“ Manier als schlechter Scherz bezeichnet wird, ist die Rückkehr zu eben jener Realpolitik, die vor wenigen Tagen noch als brillianter Plan B und einzige sinnvolle Alternative zum gescheiterten Idealismus der NeoCons präsentiert wurde. Schon Scheiße, wenn es Trottel gibt, die die idiotischen eigenen Ideen tatsächlich ernst nehmen, was?

„Es hat sich gezeigt, dass es noch etwas Schlimmeres gibt als Totalitarismus, und zwar endloses Chaos und Bürgerkrieg“, schreibt Chait.

Wozu die Aufregung? Damit liegt Chait ja nur auf der Grundlinie der breiten Mehrheit der hiesigen Bevölkerung, wie auch Du, lieber SPIEGEL, immer wieder und nicht ohne Stolz verkündest. Denn wie jeder gute Deutsche weiß, war das schlimme an Adolf Hitler der II. Weltkrieg, den er vom Zaun gebrochen und dann auch noch verloren hat, und erst in zweiter Linie Dachau und Auschwitz. Was ist an dieser Denkweise also so neu?

Um die Ordnung wieder herzustellen, brauche die irakische Bevölkerung einen „großen psychologischen Schock“.

Logisch, wenn die Iraker was dringend brauchen, dann ist es sicherlich ein Schock. Datteln, Sand und Öl haben sie ja schließlich bereits genug. Die Massengräber und Schädelberge hingegen sind definitiv noch zu klein, ist schon klar. Hauptsache, die NeoCons sind entmachtet. Aber immerhin, knapp 4 Jahre nach Goslar rücken ihre Gegner allmählich mit den Alternativen raus. Sage keiner mehr, das habe er nicht beabsichtigt. Ihr wolltet Realpolitik? Ihr kriegt Realpolitik! Und so wie es aussieht, schwimmt sie in einem Meer von Krokodilstränen.

Die Rückkehr Husseins, „ein Mann, den alle Iraker kennen und fürchten“, wäre genau das Richtige, fantasiert Chait weiter.

Also das ist ja wirklich abgefahren, wie der SPIEGEL sich hier genüßlich ein Loch ins Knie bohrt und den Leser dabei ausführlich begründet, warum man so was besser nicht machen sollte. Meine Güte, ist das schräg! Der Saddam, den Chait hier an der Macht sehen will, ist ja schließlich immer noch genau derselbe, denn die werten Kriegsgegner damals vor seiner Zwangsabdankung durch die US-Marines schützen wollten. Aber wahrscheinlich liegt darin auch die Kritik an Chait: Denn Saddams Wiedereinsetzung wäre tatsächlich unsinnig, wenn man ihn erst gar nicht gestürzt hätte, das ist schon wahr.

Er ist überzeugt: Wenn Menschen die Erwartung einer sozialen Ordnung hätten, würden sie sich von selbst „zivilisiert“ verhalten.

Und wer kann eine soziale Ordnung besser garantieren als ein starker Mann, der das dumme Volk väterlich mit harter Hand regiert?

Die Nachteile eines Hussein-Comebacks lägen auf der Hand, räumt Chait ein, „aber denken Sie doch mal an das Positive“.

Alleine der kunjunkturelle Aufschwund durch die Autobahnen, die er dann bauen ließe – phänomenal!

Hussein würde Irak vor dem Einfluss Irans bewahren.

Wenn nicht er, wer dann? Durch seine bekannt sensible Vorgehensweise im Umgang mit den schiitischen Glaubensbrüdern hätten die ihn bestimmt ganz doll lieb und al-Sadr würde jegliche Unterstützung aus dem Iran sicher empört zurückweisen.

Der Diktator würde sich diesmal wahrscheinlich besser benehmen, meint Chait, weil er wisse, dass seine Alternative der Tod durch den Strang sei.

Besser benehmen, da kommen einem ja die Tränen! Und zwar die vor Lachen. Ist das jetzt Satire? So einen Unsinn kann man wirklich nur noch verstehen, wenn man sich den Stellenwert der freien Meinungsäußerung in den Vereinigten Staaten vor Augen führt. Da glaubt ein erwachsener Mensch, der zudem noch für eine renommierte Zeitschrift schreibt und von dieser sogar Geld dafür bekommt, tatsächlich, Saddam würde sich zusammenreißen, und falls er wieder einen Rückfall hat (kann man sich so richtig vorstellen, wie er über sich selbst erschrocken im Folterkeller steht und voller Verzweiflung ausruft „müssen diese Hände wirklich wieder töten?“), von schlechtem Gewissen gepeinigt zurücktreten und sich freiwillig bei dem für ihn zuständigen Henker melden. Wie bescheuert kann man eigentlich sein?

Chaits Kommentar zeigt, wie schnell enttäuschter Idealismus in einen vermeintlich realistischen Zynismus umschlagen kann.

Gell, lieber SPIEGEL, da staunen wir, was? Kann man sich in der Brandstwiete gar nicht vorstellen, wie so was geht. Wo doch Marc Pitzke immer so erbittert dafür gekämpft hat, die NeoCons gegen diese zynischen Realisten zu schützen.

Im Hauptberuf ist Chait ein einflussreicher Redakteur des Magazins „New Republic“. Dessen Eierkurs in Sachen Irak ist symptomatisch für den Verlauf der Debatte in den USA.

Also bei Eierkurs denke ich eigentlich eher an das, was herauskommt, wenn man einen Kriegsgegner nach Alternativen zum Sturz Saddam Husseins durch die US-Streitkräfte fragt. Was dieser SPIEGEL-Artikel mal wieder wunderbar unterstreicht.

Zunächst unbedingte Befürworter des Irakkriegs, schwächten die Leitartikler ihre Unterstützung immer weiter ab, bis sie schließlich zu dem Schluss kamen: „Der New Republic bedauert zutiefst seine frühzeitige Unterstützung dieses Krieges“.

Jetzt muß ich nur noch die Stelle finden, wo steht „DER SPIEGEL bedauert zutiefst seine frühzeitige Ablehnung dieses Krieges“. Hinweise bitte an den Schreiber dieser Zeilen.

Chait und „New Republic“ sind nicht allein. Auf dem konservativen Sender „Fox News“ durfte ein ehemaliger Pentagon-Mitarbeiter bereits sein Rezept für den Irak verkünden: „Nötig ist ein starker Mann, die Demokratie ist gescheitert“.

Also soweit war Peter Scholl-Latour schon vor vielen Jahren. Und ich kann mich ehrlich gesagt nicht wirklich erinnern, daß der SPIEGEL ihm da öffentlich groß widersprochen hätte.

In der US-Öffentlichkeit herrscht längst die Überzeugung, dass Demokratie eben doch nicht exportiert werden kann. „Amerika kann keiner Nation Demokratie verordnen“, fasst es der republikanische Senator Chuck Hagel zusammen. „Das ist die bittere Lektion“.

Komm, SPIEGELCHEN, Du wolltest doch nicht herumeiern. Also sag laut und deutlich, was Sache ist. Hat er damit nun recht oder nicht? Und sei so gut und vergiß bitte nicht ein paar Zeilen später gleich wieder, was Du eben noch gesagt hast. Man kann ja gar nicht mehr folgen, so schnell wechselst Du hier die Positionen. Früher hast Du da ja wenigstens noch mehrere Artikel zu gebraucht, aber hier geht das ja in einem einzigen drunter und drüber.

Immer düsterer werden die Prognosen im Mutterland des Optimismus. „Die Invasion des Irak wird in die Geschichte eingehen als nationale Sünde mit epischen Ausmaßen“, orakelt Rosa Brooks in der „L.A. Times“. „Alles, was wir tun können, ist zu gehen und uns zu entschuldigen für den schrecklichen Schaden, den wir angerichtet haben“.

Entschuldigen? Wofür denn jetzt nun? Dafür Saddam gestürzt zu haben? Oder dafür ihn nicht wieder an die Macht zu bringen? Wäre nett, lieber SPIEGEL, wenn Du Dich mal entscheiden könntest, wofür man Dir jetzt die Ohren langziehen soll. Obwohl, nach diesem Artikel am besten auf Verdacht gleich beide. Ist ja auch bald wieder Ostern.

~ von Paul13 - Montag, 27. November 2006.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: