Ivans „Entry Strategy“


Angesichts der derzeitigen Diskussion um gewechselte Strategien und geänderte Taktiken im Kampf gegen die Gewalt im Irak fällt auf, daß irgendwie zwar alle genau zu wissen scheinen, wie man es nicht machen sollte, aber trotzdem keiner von diesen verkannten Genies damit rausrücken mag, wie es denn jetzt besser zu machen wäre (womit sie erstens implizit zugeben, daß Bush bisher immer noch die beste, weil einzige Variante gewählt hat, und zweitens, daß sie zu blöd sind das zu merken).

Nur einer hat sich bisher getraut, mal eine Alternative zu nennen, und auch wenn diese sich wie nicht anders zu erwarten als total untauglich erwiesen hat, so ist dem Autor dieses Plans doch immerhin zugute zu halten, daß er es wenigstens versucht hat, statt immer nur große Reden zu schwingen. Deswegen, liebe Kriegsgegner, bevor Ihr jetzt mit dem Finger auf den armen Ivan zeigt, wie man nur so dumm sein kann, konkrete Vorschläge zu machen, anders als Ihr hat er immerhin das, was der Kubaner „cojones“ nennt.

Die Lektüre der nachfolgenden Vorschläge Ivan Grosnys lohnt sich aber gerade aufgrund der aktuellen Entwicklung im Irak, weil sie uns vor Augen führt, was erst los wäre, wenn man es tatsächlich anders gemacht hätte als die USA. Dann hätten wir nämlich denselben Konflikt wie jetzt, nur unter für den Westen wie die Iraker weit ungünstigeren und blutigeren Bedingungen. Auch wenn Ivans Plan im Falle der Umsetzung also nur Schaden anrichten würde, so kann er doch immerhin noch als abschreckendes Beispiel von Nutzen sein.

Doch hören wir selbst. Wir schreiben das Jahr 2003…

a) ausdehnung der no-fly-zones mit zustimmung des UNSC überwachung durch NATO,

Klar, sicher doch! Die NATO, die nicht mal einen AWACS-Flieger starten lassen kann, wenn ein deutscher Offizier an Bord ist, schießt jetzt auf unbestimmte Zeit die irakische Flugabwehr in Stücke. Und die Friedensbewegung ruft dazu im Chor „Go get them, boys!“

b) neuregelung des oil-for-food-programms mit KONTROLLIERTER dezentraler verteilung der erlöse,

Da wird sich Saddam bestimmt freuen. Resourcenverteilung an ihm vorbei, das ist genau das, war er noch dringender braucht als einen zweiten Kropf. Vor allem, wenn die UNO-Kontrolleure im Land ausschwärmen und seine Macht untergraben. Wenn Saddam ihnen in dieser Frage wirklich entgegenkommt, stellt sich die Frage, warum sie bei der Gelegenheit nicht gleich freie Wahlen organisieren.

c) gespräche mit den kurdischen eliten über eine internationale sicherung einer erweiterten autonomie unter einsatz TÜRKISCHER NATO-truppen (immer mit billigung USNC).

Und hier werden sich wiederum die Kurden vor Begeisterung überschlagen. Denn wenn jemand geeignet ist, für die Sicherheit der Kurden zu sorgen, dann ist das zweifellos die türkische Armee. Die weiß schon, was gut für diese primitiven Bergtürken ist. Und die Chinesen wie die Russen können es sicher kaum erwarten, einen NATO-Staat per Sicherheitsrat zu einer Intervention in der Golfregion zu drängen.

und schließlich: VERHANDLUNGEN mit saddam. ziel durchführung umfassender kontrollen der UN-waffeninspektoren bis ende 2003.

Geniale Einfälle, wirklich! Und so neu. Hat in den 12 Jahren nach 1991 ja noch niemand versucht, mit Saddam zu verhandeln und umfassende Kontrollen im Irak durchzusetzen. Und wenn doch, war’s kein Problem, wie damals, als man Saddam kurz mitteilte, daß morgen sämtliche seiner Paläste von UNO-Inspektoren durchsucht würden, und er sofort die Schlüssel schickte. Und am kooperativsten war Saddam ja bekanntlich immer dann, wenn Uncle Sam den „big stick“ wieder eingepackt hat.

zusicherung freien geleites für saddam und seine clique gegen einen zeitplan für die abdankung.

Ungefähr so wie 1991, als einer seiner Minister vorschlug, daß Saddam sogar nur zum Schein zurücktreten solle, damit die Amis Ruhe gäben, und dieser ihm daraufhin im Rahmen seiner Richtlinienkompetenz höchstpersönlich im Nebenzimmer eine Kugel in den Kopf schoß? Aber immerhin haben wir jetzt offenbar einen Freiwilligen, der solche Botschaften zu überbringen bereit ist.

sollten diese scheitern bildung einer exilregierung und unterstützung eines schiitischen volksaufstandes durch waffen + ausrüstung.

Auf die Erklärung, wieso es zu weniger Blutvergießen führen sollte als die jetzige Situation, wenn statt der überwiegend westlichen Koalitionstruppen und der Sicherheitskräfte einer demokratisch gewählten Regierung wieder Saddams Republikanische Garden für Ruhe und Ordnung sorgen, freue ich mich jetzt schon. Fast so sehr wie auf die Begründung, wieso die Sunniten angesichts eines für sie dann weit günstigeren Kräfteverhältnisses weniger Schiiten abschlachten sollten als heute, wo diese es ihnen wenigstens noch in gleicher Münze heimzahlen können. Oder die Beantwortung der Frage, wieso im unwahrscheinlichen Erfolgsfall des Aufstands angesichts der dann noch höchst aktuellen sunnitischen Greueltaten die Vergeltungsaktionen besagter Schiiten weniger brutal ausfallen sollten als sie das 3 Jahre später tun.

verhinderung von militärischen operationen der irakischen armee durch luftangriffe.

So richtig mit Bomben und Raketen!? Hm, ich fürchte, Du mußt jetzt tapfer sein, Ivan, aber das nennt man nicht „Verhinderung von militärischen Operationen“, sondern Krieg. Was Du forderst, ist nichts anderes als ein richtiger, offener, von den eigenen Luftstreitkräften unterstützer Guerillakrieg gegen eine diesmal intakte und erwiesenermaßen skrupellose Armee, mit dem einzigen Unterschied, daß Du hier keine amerikanischen Bodentruppen riskierst. Geht’s Dir geht’s also nur darum, irgendwie und egal zu welchem Preis die Amerikaner da rauszuhalten, ganz gleich, wieviele Iraker das das Leben kostet? Wußte gar nicht, daß Du so proamerikanisch bist. Wieviele Iraker ist denn Deiner Meinung nach ein GI so ungefähr wert?

könnte man alles machen bzw. hätte man machen können. wird aber nicht passieren – und nicht nur wegen dem schwachkopf.

Wie gesagt, teilweise hat man’s sogar – natürlich völlig erfolglos – mit Deiner Methode versucht, teilweise ist es auch nur Dein Offenbarungseid, weil Du zeigst, daß Du nichts, aber auch wirklich gar nichts zu bieten hast, was auch nur ansatzweise einem gerissenen Hund wie Saddam am Zeug hätte flicken können. Da hätte ich gerade von Dir ein bißchen mehr erwartet als einen Aufguß bereits fehlgeschlagener multilateraler Ansätze sowie billige und in der Funktionalität eingeschränkte Kopien der bisherigen US-Politik. Und alles nur, weil Dir die Worte „Bush hatte doch recht“ nicht über die zusammengekniffenen Lippen kommen.

und ich werde mich weiter so viel oder so wenig empören, wie ich das für richtig halte …

Ich bitte darum! Wenn ich mir all diesen Unsinn selber ausdenken müßte, damit ich einen Popanz zum zerlegen hab, hätte ich eine Menge mehr Arbeit. Zudem könnte ich das kaum so glaubwürdig rüberbringen wie Du. Bei mir klänge das immer irgendwie ironisch. Außerdem ist es eine willkommene Bestätigung der eigenen Position, wenn man sieht, daß die einzige von den Gegnern bisher vorgebrachte Alternative eine derart naive Mischung aus längst widerlegten Soft-Power-Träumereien und blutrünstiger Guerillakriegs-Verherrlichung ist.

P.S. dubya ist jedenfalls nicht das kleinere übel

Dumm gelaufen. Diese Behauptung hast Du ja jetzt mit Deiner links-reaktionären Romantisierung des Volksbefreiungskriegs als Alternative zum professionellen und weit unblutigeren Regime Change durch eine reguläre HighTech-Armee aufs gründlichste selbst widerlegt. Versteh mich nicht falsch, ich weiß es durchaus zu würdigen, daß Du immerhin gewagt hast, eine Alternative anzubieten, während die anderen Schwätzer im Wissen, daß sie sich da wieder nur blamieren werden, vor einer konkreten Festlegung drücken. Aber das ist dann doch ein bißchen wenig.

gläubiger non-neocom

Das „gläubig“ trifft’s dann dafür aber wieder ziemlich gut.

~ von Paul13 - Dienstag, 24. Oktober 2006.

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