Libanon: Rent a Warzone


Manchmal ist Sarkasmus das einzige, was bleibt. Zu diesem Schluß muß der libanesische Schriftsteller Charles Chahwan gekommen sein, als er diesen lesenswerten Artikel über die Zerstörung seiner libanesischen Heimat geschrieben hat:

Es gibt da einen sehr lukrativen Plan für unser Land, den Libanon, den ich auch schon einigen Freunden vorgestellt habe. Er könnte uns Millionen oder sogar Milliarden an Einkünften bescheren. Vielleicht wirkt das Projekt auf den ersten Blick lächerlich, verrückt oder surreal. Trotzdem schlage ich dieses gleichermaßen kommerzielle, touristische, politische und künstlerische Projekt vor: und zwar die Vermietung unseres Landes an jede Seite auf dieser Welt, die einen Krieg führen möchte.

Wenn beispielsweise Mosambik mit Dänemark Krieg führen möchte, dann können sie beide den Libanon für ein Jahr oder länger anmieten, während wir Libanesen die Miete nehmen und während der Laufzeit des Vertrages eben in Dänemark oder in Mosambik wohnen. Wir können uns dort amüsieren und erholen – und wenn wir anschließend wieder in unser zerstörtes Land zurückkommen, dann ohne Schmerz oder Reue … und lebendig.

Und mutiger als so mancher Politiker oder Diplomat nennt er Roß und Reiter beim Namen, die neben einer Vielzahl kleinerer Akteure die Hauptverantwortung an der Zerstörung seines Landes tragen. An vorderster Stelle steht zurecht der Iran:

[…] Der Libanon, in dem wir vor diesem Krieg zwischen der Republik der Hisbollah und dem Staat Israel gelebt haben und der auch im Alten Testament erwähnt wird („Die Berge des Libanon“), hat eigentlich keine Ähnlichkeit mit den schlimmsten Orten dieser Erde, doch ich bin sicher, dass wir ihn bald beschämt mit Somalia vergleichen können, wenn uns nämlich die Iraner mit ihrem wirren System und ihren verrückten, mumifizierten Überzeugungen noch weiter dazu missbrauchen, um aus dem Libanon etwas zu machen, das mindestens so schrecklich und hässlich ist wie Afghanistan während der Herrschaft der Taliban.

Der Gipfel des iranischen Projektes im Libanon, so glaube ich, ist ihre einzige vorhandene Atombombe, mit deren Abwurf sie uns beehren wollen. Sie werden die „Teufel“ Amerika und Israel bis zum letzten Libanesen bekämpfen.

Doch auch die Syrer tragen Chahwan zufolge einen nicht unerheblichen Teil der Schuld an der Zerstörung des Versuchs, den Libanon nach Jahren des Bürgerkriegs und der Unterdrückung endlich wieder aufzubauen:

[…] Iran, trunken von den Milliarden aus den Öleinnahmen, träumt von einem neuen Imperium, das den Ruhm der alten Perser wiederbelebt, und von Atomwaffen, nicht wahr? Doch egal wie, auf jeden Fall hat ihnen Syrien den Weg geebnet, jenes syrisches Regime, das den Libanon 15 Jahre lang regierte und besetzt hielt, und das sich alle Institutionen nutzbar machte, von der Justiz über die Sicherheit bis zur Armee, indem es sich eine Klientelgruppe schuf, die als Nutznießer aus allen unterschiedlichen Konfessionen stammten.

Dieses Regime, das sich oberflächlich aus dem Libanon zurückgezogen hat, half mit seinem Hass zweifellos dabei, die Errungenschaft der weltweit bewunderten sogenannten libanesischen „Zedern-Revolution“ zu vernichten. Ebenso wie es dabei half, dem iranischen Regime den Zugriff auf den Libanon zu ermöglichen, und zwar mittels der schiitischen, schwer bewaffneten, illegalen und völlig außerhalb des libanesischen Rechts stehende Hisbollah, die mit Millionen iranischer Dollars unterstützt wurde.

Diese hochexplosive Mischung aus dem gemeingefährlichem Größenwahn Achmadinedschads und der zerstörerischen Rachsucht Assads ist es denn auch, der der Libanon völlig hilflos ausgesetzt ist:

[…] Der iranische Einfluss im Libanon hat es in weniger als einem Jahr geschafft, diesen Krieg zu entfesseln, in dem wir Libanesen sterben. Er ist ein Geschenk der Syrer primär an die Libanesen, aber auch an die Amerikaner und an jede weitere Seite, die daran mitgearbeitet hat, die Syrer aus dem Paradies des Libanon bzw. aus ihrer ganz privaten Ali-Baba-Höhle zu vertreiben.

[…] Ich wiederhole noch einmal: Dieses iranische Glaubensfieber und dieser Wahn, zu dem auch noch die syrische Listigkeit kommt, werden den Libanon früher oder später zum endgültigen Verschwinden bringen. Der Libanon, wie wir ihn kennen, und wie ihn auch die seit der Unabhängigkeit „fürsorgliche Mutter“ Frankreich kennt, geht seinem Ende entgegen.

Bemerkenswert ist, daß Chahwan bei aller Kritik die existentielle Bedrohung Israels wie auch die Gefahr einer iranischen Atombombe nicht zu leugnen versucht. Es wäre schön, wenn die Menschen im Westen allmählich genauso klug wären.

Zwischen Israel, das die Unversehrtheit seines Staates und seiner Bürger will, und Iran – das Israels Existenz tilgen will, ist der Libanon – und daran glaube ich fest – das einzige, was tatsächlich verschwinden wird. Dieses Land hat nicht die Kraft dazu, die Last dieses Wahnsinns zu tragen.

[…] Die iranische Atomdrohung ist ernst. Und Israel ebenso wie der ganze Westen wissen das ganz genau. Die Angst ist sicherlich berechtigt, und sie ist der Hauptgrund für den Krieg den Israel gegen den Libanon führt, und gegen sein weitgehend schuldloses – oder richtiger: wankelmütiges Volk. Die Saudis sagen spöttisch, dass die Uno-Delegation nach Iran und nicht den Libanon reisen sollte, um die Problematik dieses Krieges zu lösen, und haben damit sicherlich Recht. Ein Fluch auf alle diese Masken. Der Libanon stirbt und geht seinem Ende entgegen – und alle tragen noch immer ihre Masken … sie werden bis zum letzten Libanesen kämpfen, nicht wahr?

~ von Paul13 - Sonntag, 23. Juli 2006.

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