Des Teufels Advokat


Seit heute mittag geistert die Nachricht von einem Brief des iranischen Präsidenten Machmud Achmadinedschad durch die Schlagzeilen. Doch während die Öffentlichkeit in dem Glauben gelassen wird, der genaue Inhalt sei nicht bekannt, konnte der Geheimdienst der FDOG das Schreiben abfangen. Das sensationelle Fazit: So wie es aussieht, müssen wir unser Bild von Achmadinedschad radikal in Frage stellen.

Denn der iranische Präsident ist nicht nur kein wirklich Böser, nein, bei ihm handelt es sich sogar um den vielleicht intelligentesten Dissidenten, mit Sicherheit aber hochrangigsten Widerständler seines Landes, der einen so simplen wie genialen Plan ersonnen hat, seine Heimat von der unmenschlichen Diktatur religiöser Fanatiker zu befreien. Im Wissen um den Auftrag, die Menschheit umfassend zu informieren, folgt deshalb hier der Brief im vollen Wortlaut:

Lieber George,

ich schreibe Dir, weil ich nicht mehr weiter weiß. Ich kann machen was ich will, aber irgendwie scheint mich einfach keiner wirklich ernst zu nehmen. Als ich mich vor über einem Vierteljahrhundert entschloß, mich am Widerstand gegen die neue Diktatur zu beteiligen, wollte ich neue Wege gehen, um mein Land aus der beginnenden Isolation zu befreien und es wieder in die Weltgemeinschaft zurückzuführen. Aber manchmal beschleicht mich das Gefühl, daß meine Idee, das System von innen zu sprengen, auf ganzer Linie gescheitert ist.

Weißt Du, George, ich habe mein ganzes Leben dem Kampf für einen demokratischen Iran gewidmet, und das war nicht immer leicht, glaub mir! Schon damals, als ich mich zwecks Schaffung einer glaubwürdigen Legende in die Gruppe der Botschaftsbesetzer geschmuggelt habe, habe ich mein Leben für die Freiheit meines Volkes riskiert. Wäre meine Tarnung aufgeflogen, dann hätten mich diese durchgeknallten Botschaftsbesetzer (wieso müssen Studenten eigentlich immer randalieren?) noch vor Euren Geiseln umgelegt.

Dann folgten Jahre der Entbehrungen, in denen ich mich tagaus, tagein tierisch über dieses Mullahgesocks aufgeregt habe, es aber nie zeigen durfte. Statt dessen mußte ich mir für jeden noch so idiotischen Vorschlag von Oberschwachkopf Chameni (manchmal wünschte ich, ich wäre Araber, die kennen für solche Situationen klasse Flüche, mit Beleidigung der Mutter, sittenwidrigen Berufen, den Namen von Lasttieren und so) oder diesem halbseidenen Rafsandschani (daß Ihr mit diesem korrupten Schnösel so gut konntet, werd ich nie verstehen, der war doch eklig!) einen noch idiotischeren ausdenken.

Und das zu toppen, war mitunter verdammt schwer, weißt du das? Ich meine, wenn diese Perversen kleine Mädchen per Zwangsheirat zur Vergewaltigung freigeben, wie tief soll ich denn noch mit dem Mindestalter runter gehen? Grundschule? Kindergarten? Wohlgemerkt, daß waren unsere eigenen Kinder, islamische Kinder, die Zukunft des Iran! Und dann erst diese ewigen Steinigungen! Kannst Du Dir noch was grausameres vorstellen? Ich hab mir dutzendweise Horrorvideos reingezogen und konnte nächtelang nicht schlafen, nur um dieses Sadistenpack mit ein paar schauerlichen Ideen davon zu überzeugen, daß ich ein ganz scharfer Hund bin.

Doch dann schien mein Plan plötzlich Früchte zu tragen. Der Wächterrat entschied, daß ich das mit dem Präsidenten machen sollte, weil ich der einzige war, der noch radikaler zu sein schien als Chameini, so daß er auf die naiven Europäer wie ein Gemäßigter wirken würde. Als ich es dann endlich ins höchste Staatsamt geschafft hatte, konnte ich mein Glück kaum fassen. Jetzt bestand die einmalige Chance, mit Hilfe internationaler Unterstützung Reformen durchzusetzen. Nicht solche Pseudoreformen wie diese feige Flachpfeife Chatami, sondern richtige, substantielle Reformen, die den Mächtigen wehtun.

Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Denn ich mußte feststellen, daß unser Schicksal den Europäern völlig gleichgültig ist. Egal, wieviele von meinen Landsleuten in den Folterkellern dieser Irren elend verreckten, egal wieviele junge Iraner an Kränen im Wind baumelten, solange dieser Pipelinevertreter mit den gefärbten Haaren und sein Kumpel, der eingebildete Froschfresser, mit den Mördern gute Geschäfte machen konnten, haben sie mit ihnen skrupellos einfach weiter „Kritischer Dialog“ gespielt. Hauptsache, es bleibt alles wie es ist.

Klar, George, ich wußte, Du bist anders als diese moralisch verkommenen Mistkerle. Wenn es nur nach Dir gegangen wäre, hättest Du schon längst mal auf den Tisch mit der großen Landkarte gehauen, aber mir war leider ebenso klar, daß Du bei Deinen Wählern nicht damit punkten kannst, daß Du das Leben von noch mehr Amerikanern riskierst, nur um noch ein weiteres fernes fremdes Land zu retten. Und der Trick mit den Massenvernichtungswaffen als Vorwand würde nicht so ohne weiteres ein zweites Mal funktionieren. Deswegen hab ich mir dann ja auch alle Mühe gegeben, Dir unter die Arme zu greifen.

Ich hab mir also gedacht, wenn uns diese egoistischen und mitleidlosen Alteuropäer schon nicht helfen wollen, um uns einen Gefallen zu tun, dann kann ich sie in meiner neuen Position als Präsident vielleicht dazu bringen, daß sie wenigstens aus purem Eigeninteresse was nützliches unternehmen. Ich hab also angefangen, sie zu mit Beleidigungen zu provozieren, hab demonstrativ beim Atomprogramm gelogen, hab die Terroristen im Irak, Libanon und in Palästina unterstützt, und dachte mir, komm, das sollte jetzt doch auch für diese Schnellmerker reichen.

Aber Pustekuchen. Daher hab ich noch mal nachgelegt. Was ja immer gut kommt, ist Antisemitismus, deshalb hab ich Israel mit Vernichtung bedroht, sein Existenzrecht bestritten und den Holocaust geleugnet. Ist ja wahrlich nicht die feine englische und sollte eigentlich eine gewisse Empörung garantieren, aber wieder nix. Diese Volltrottel in Europa halten zwar gerne Sonntagsreden, in denen sie pathetisch „Nie wieder!“ rufen, aber wenn’s konkret wird, kneifen sie den Schwanz ein. Falls sie einen haben.

Der israelische Premier Olmert hat glücklicherweise gemerkt, was los ist, und hat dann in Reden und Interviews wiederholt versucht, auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Aber auch wenn er mehr oder weniger direkt ausrief „Hallo? Ihr da? Hört dem bärtigen Mann da vorne eigentlich irgendjemand zu?“, schien es die Europäer seltsamerweise nicht weiter zu tangieren. Im Gegenteil. Das kleine Israel behielt weiter seinen Spitzenplatz in der Kategorie „Größte Bedrohung für den Weltfrieden“, ganz gleich was ich so von mir gab. Aber wem erzähl ich das, George, keiner weiß besser als Du, was für Hohlköpfe diese europäischen Ressentimentjunkies diesbezüglich sind.

Na gut, dachte ich, ich kann auch anders! Wenn Ihnen die Juden schon egal sind, dann bedrohe ich sie jetzt eben direkt. Irgendwann muß es doch selbst diesen europäischen Appeaseniks mal zuviel sein! Also hab ich diesen Hype um die angeworbenen Selbstmordattentäter in Europa entfacht, dazu ganz offiziell ein paar nach Europa reichende Raketen bei unserem nordkoreanischen Dr. Seltsam bestellt, und das ganze noch mit ein paar Hinweisen auf die Unfähigkeit der europäischen Staats- und Regierungschefs gewürzt. In jeder U-Bahn hätte ich schon für weit weniger aufs Maul gekriegt. Aber ich hab wohl vergessen, daß man die U-Bahnen in London und Madrid ja gesprengt hatte. Hier also auch Fehlanzeige.

Ich mußte mir folglich wieder was neues ausdenken. Dann kam ich auf die – in aller Bescheidenheit! – wirklich geile Idee, einfach einen auf verrückt und übergeschnappt zu machen. Hab mich also vor die UNO gestellt und von irgendwelchen Lichtvisionen und dergleichen hochgradig psychopathischen Unsinn geschwafelt (was nicht ganz ungefährlich war, weil ich während der Rede vor unterdrücktem Lachen beinahe geplatzt bin und mehr als einmal fast losgeprustet hätte). Aber statt danach einen Packen Kriegserklärungen mit nach Hause nehmen zu dürfen, saßen die ganzen Diplomatenkasper nur brav da und lauschten andächtig meinen Ausführungen. Da hab ich gemerkt, daß das noch ein verdammt hartes Stück Arbeit sein würde.

Inzwischen red ich mich fast täglich um Kopf und Kragen, so daß ich langsam anfange, selbst einigen unserer Scharfmacher unheimlich zu werden, und liefere manchmal binnen einer Woche genügend rhetorische Anlässe, die in früheren Zeiten locker für einen Weltkrieg und zwei, drei größere Regionalkonflikte ausgereicht hätten. Aber statt „Jetzt ist Schluß mit lustig!“ höre ich immer nur „Darf’s sonst noch etwas sein, Herr Achmadinedschad? Eine Garantie fürs ungestörte Unterdrücken und massakrieren vielleicht? Oder lieber ein klitzekleines Wirtschaftsabkommen zur Stabilisierung Ihrer Herrschaft?“. Im Ernst, George, das widert mich an.

Manchmal hab ich das Gefühl, Europa ist ein altersschwacher Brontosaurier, der vorne in seinem kleinen Köpfchen nicht mitkriegt, wenn man ihn hinten den Arsch wegfrißt. Oder aber es ist ein indifferenter Koloß, der es vor lauter Selbsthaß kaum erwarten kann, in den Hades geschickt zu werden. Anders ist das nämlich nicht zu erklären, wieso diese schmerzbefreiten Dummköpfe sich das alles gefallen lassen. Das ist doch nicht normal, daß die das alles einfach so hinnehmen. Die müssen das doch merken, George, oder etwa nicht?

Tja, und so allmählich gehen mir ehrlich gesagt die Ideen aus. Sag doch, was kann ich denn noch tun, damit sie Dir, wenn sie Dir schon nicht helfen wollen, wenigstens endlich freie Hand geben und Du uns hier rausholen kannst? Muß ich erst jemandem vor laufenden Kameras den Kopf abschneiden und sein Blut trinken? Das ist doch krank! Hilft vielleicht eine offizielle Kriegserklärung an die Vereinten Nationen, oder wird die auch wieder mit immer neuen Gesprächsangeboten beantwortet? Brauchen die Europäer unbedingt ein Monster, bevor sie Mitgefühl mit dessen Opfern entwickeln?

Ich bin mit meinem Latein am Ende. War’s das jetzt? Weitere 30 Jahre Mullahterror? Tausende und abertausende Muslime sinnlos krepiert? Es kann doch nicht sein, daß ich mein Leben weggeworfen und mich vor den Augen der ganzen Welt zum Wiedergänger Adolf Hitlers gemacht habe, nur um dann festzustellen, daß das schlicht und einfach niemanden interessiert!? Tja, wie es scheint, werde ich jetzt wohl mein letztes As ausspielen müssen und unsere Fußballnationalmannschaft anweisen, sich bei der WM in einem vollbesetzten Stadion in die Luft zu sprengen. Denn bei Fußball verstehen selbst die Europäer keinen Spaß.

Aber was soll’s. Kopf hoch, George, und drück mir die Daumen, daß meiner auch draufbleibt.

Man sieht sich!

Dein Machmud

P.S.: Wenn das alles vorbei ist, gehen wir beide und Ehud mal zusammen ein Bierchen trinken (aber ein richtiges Männerbier, nicht so ’ne amerikanische Light-Plörre ;-) Und danach ziehen wir uns beim Meckes ’nen richtig fiesen Burger rein. Schmeckt mir zwar nicht besonders, aber alleine die Vorstellung, wie Chameini und die anderen dreinschauen werden, wenn sie mich so von der Hölle aus sehen, wird mir wenigstens ein bißchen Entschädigung für all die Jahre sein, in denen ich wider Willen den Oberschurken geben mußte.

~ von Paul13 - Montag, 8. Mai 2006.

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