Synonyme Liberalkoholiker


Wie sich inzwischen herumgesprochen haben dürfte, tobt seit gut einer Woche in der deutschen Bloggerszene ein erbitterter – hier bei Euroneuzeit übrigens recht gut dokumentierter – Kampf darum, ob es vom liberal-libertären Standpunkt aus gesehen zulässig ist, von neokonservativem Idealismus strotzend die Welt zu retten, oder ob man dies nicht lieber wie auch auf wirtschaftlichem Gebiet dem freien Spiel der Kräfte überlassen sollte.

Auslöser der Debatte war ursprünglich ein Newsweek-Interview des IAEA-Chefs al-Baradei, der, nachdem er vorher immer darauf bestand, daß ja gar nicht sicher sei, ob es überhaupt ein iranisches Atomwaffenprogramm gäbe und daß auf jeden Fall noch jahrelang Zeit sei und daß man immer nur verhandeln, aber nie schießen dürfe, jetzt plötzlich mit nur noch wenigen Monaten bis zum „point of no return“ und der möglichen Notwendigkeit des Einsatzes von Gewalt kam.

Das ist den Machern von Liberty.li, die derzeit offenbar die Nutzungsrechte am Begriff „Liberalismus“ halten, sauer aufgestoßen und hat sie zu einer verärgerten Replik auf al-Baradeis zugegeben erstaunliche Kehrtwende veranlaßt. Nicht daß jemand am Denkmal des vor dem sowjetischen GULag-Staat kuschenden Genscher rüttelt oder das Andenken des vor den serbischen Kriegsherren kriechenden Kinkel beschmutzt, vom mit den arabischen Despoten kollaborierenden Möllemann mal ganz zu schweigen.

Daß die ganze Argumentation auf einem Übersetzungsfehler (es heißt im alten Testament einem weitverbreiteten Vorurteil zum Trotz nämlich nicht „Du sollst nicht töten!“, sondern „Du sollst nicht morden!“, was eher die gegenteilige These stützt) aufbaut, verleiht dem ganzen gerade vor dem Hintergrund der an linksradikale Diskussionszirkel gemahnenden Verbissenheit (da scheinen einige Nerven blank zu liegen) des Artikels zudem noch eine unfreiwillig komische Note.

Zusätzlich Öl ins Feuer gegossen hat dann Martin S. Hagen (Du Böser, Du! ;-), indem er mit einem Artikel bei der FDOG jenen Zeitgenossen, die es für einen Ausdruck von Liberalität halten, den Konkurrenzkampf zwischen den Insassen von Konzentrationslagern und ihren Wachmannschaften nicht durch eine systemtheoretisch unzulässige Einmischung von außen zu verfälschen, mal ein wenig auf die Füße getreten ist. Und das war auch bitter notwendig!

Denn in dieser Diskussion geht es um nichts weniger als die Deutungshoheit über den Begriff des Liberalismus und damit verwandte Spielarten wie libertäres Gedankengut oder Anarchokapitalismus. Wer bisher dachte, daß man sich zu verschiedenen Themen unterschiedlicher Theoriegebäude bedienen darf (also beispielsweise gesellschafts- und wirtschaftspolitisch liberal/libertär, außen-/sicherheitspolitisch neokonservativ, sozial/umweltpolitisch grün-alternativ), irrt nämlich gewaltig.

So wie es aussieht, ist nach Ansicht der selbsternannten Gralshüter der reinen Lehre des Liberalismus vernünftige Wirtschaft offenbar nur zusammen mit einer eigenartigen Mischung aus Fundamentalpazifismus und Selbstjustiz zu haben, die Forderung nach völliger Drogenfreigabe ab 18 nicht mit Guantanamo kompatibel, und der Sturz eines Terrorregimes bei gleichzeitiger Forderung einer sozialen Grundsicherung absolut unzulässig. Zumindest darf man sich dann nicht mehr liberal nennen.

Für unsereinen stellt sich jetzt die Frage: „Was bin ich?“ Der neueste Vorschlag von Liberty.li, uns über den netten Verweis auf „The American Conservative“, seit neuestem das Fachblatt für angewandten Paläoliberalismus, den Stempel „trotzkistisch“ aufzudrücken, ist zwar so rührend wie komisch, aber wenn schon, dann doch bitte richtig: „Neotrotzkismus“ ist das Gebot der Stunde! Hoch die IV. Internationale der Befreiungspolitologie! Es lebe die militante Mitte!

Aber im Ernst. Da auch die uns von der Freiheitsfabrik freundlicherweise zur Verfügung gestellten stalinistischen, maoistischen oder sozialistischen Etiketten mangels intellektuellen Klebstoffs schlecht haften wollen, möchte ich das ganz gerne zum Anlaß nehmen, hier in der Kommentarsektion mal Alternativbezeichnungen zu sammeln, die man verwenden kann, ohne daß Entspannungsliberale und andere Appeaceniks deswegen gleich anfangen zu weinen. Das wollen wir ja auch nicht.

Also, wenn einer eine Idee hat, die in die Richtung von „arm(or)ed liberals“, „liberal hawks“ oder ähnlichem zielt, jedoch ohne das L-Wort zu mißbrauchen, und die gleichzeitig klarmacht, daß die Träger dieser Bezeichnung deswegen nicht zwingend auch gleich ihr Vaterland lieben, Edmund Stoiber cool finden, in die Kirche gehen, von den 50er-Jahren träumen, Sex vor der Ehe ablehnen oder laute Rockmusik für die Zerrüttung der Familie verantwortlich machen, dann nur her damit!

Schafft eins, zwei, drei, viele Schubladen!!!

~ von Paul13 - Dienstag, 24. Januar 2006.

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