Das Wichtigste zuerst


Ein „Dreamteam“, bestehend aus acht Wirtschaftswissenschaftlern, darunter drei Nobelpreisträger, hat die grundlegende Frage gestellt: Angenommen, die Welt würde 50 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen, um Gutes zu tun – wofür sollte es am vernünftigsten ausgegeben werden? Es zeigte sich, daß die Bekämpfung von Aids die höchste Priorität erhielt. Ein entsprechendes umfassendes Programm würde 27 Milliarden Dollar kosten. Doch der soziale Nutzen wäre enorm; durch ein solches Programm ließen sich bis 2010 rund 28 Millionen neue Fälle der Aids-Erkrankung vermeiden. Damit wäre dies die beste Investition, die die Welt derzeit leisten könnte, weil der gesellschaftliche Nutzen die Kosten etwa im Verhältnis von 40 zu 1 übertreffen würde. Ein ähnlicher Erfolg ließe sich erzielen, wenn Spurenelemente zur Verfügung gestellt würden, die im Essen der halben Weltbevölkerung fehlen. Damit ließen sich Krankheiten reduzieren, die durch den Mangel von Eisen, Zink, Jod und Vitamin A hervorgerufen werden. Allein die Durchsetzung des Freihandels würde einen jährlichen Nutzen von rund 2400 Milliarden Dollar bringen. Bei der Bekämpfung von Malaria übertrifft der Nutzen die Kosten etwa um das Fünffache. Moskitonetze und eine wirkungsvolle Medikation würden rund 13 Milliarden Dollar kosten und dabei das Auftreten der Malaria etwa halbieren. Die Liste setzt sich fort mit Agrar- und Wassertechniken, um den Hunger und den Mangel an sauberem Trinkwasser zu bekämpfen.

Björn Lomborgs Artikel ist zwar auch schon ein paar Tage alt und wurde bereits an anderer Stelle angemessen gewürdigt, aber er hat tatsächlich eine grundlegende Frage aufgeworfen: Wem sollte man helfen, wenn man dazu nur begrenzte Resourcen hat? Das ganze hat mich daran erinnert, wie irgendein kluger Kopf vor ein paar Jahren mal vorgerechnet hat, daß man mit dem Geld für die Herzoperation, die man einem 75-jährigen verweigert, tausende von Kindern retten könnte, wenn man statt dessen nur alle Arzneimittel mit kindersicheren Verschlüssen ausstatten würde.

Diese Entscheidung wäre zweifellos moralisch vertretbar, wenn nicht sogar geboten, aber wenn man selbst der 75-jährige wäre, der deswegen demnächst sterben wird, könnte man sich darüber vermutlich nur äußerst begrenzt freuen. Und wenn man jetzt argumentiert, man könnte ja beides machen, die Herzoperation UND die kindersicheren Verschlüsse, muß man sich klar sein, daß die Kosten des Gesundheitssystems nur in dem Maße steigen können, wie die Ausgaben für andere Dinge sinken. Und je mehr medizinisch machbar wird, desto teurer wird das ganze ohnehin schon.

Wieweit also kann ein solidarisches Krankenversicherungssystem derartig existenzielle Fragen zufriedenstellend beantworten, ohne entweder an der Last seines eigenen Erfolgs zusammenzubrechen oder aber irgendwann das nackte Überleben ab einem gewissen Alter nur noch jenen oberen Zehntausend zu gewähren, die sich die notwendige HighTech-Medizin außerhalb dieses Systems hinzukaufen können? Wer dazu Antworten hat oder zu haben glaubt, darf diese gerne hier posten.

Wer hingegen für die Antwort noch etwas Zeit braucht, kann diese nutzen, um drüber nachzudenken, ob es im Sinne Björn Lomborgs nicht sinnvoll wäre, die nächste Greepeace-Spende an Organisationen wie die Andheri-Hilfe umzuleiten, denn die dürfte in ihrem Kosten-Nutzen-Verhältnis wohl unschlagbar sein. Wenn man für 40 bis 50 Euro einen Menschen aus dem grauenvollen Gefängnis der Blindheit befreien kann, hat man mehr getan, als wenn man noch so viele Robbenbabykampagnen unterstützt hat.

~ von Paul13 - Montag, 4. Juli 2005.

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