Wahl-Analyse: Selbstmord aus Angst vor dem Tod


Die Niederlage der SPD in Nordrhein-Westfalen hat historische Dimensionen. Angesichts des drohenden Schreckens ohne Ende wählt der Kanzler nun ein Ende mit möglichem Schrecken – und hat die Union in der Stunde ihres Sieges kalt erwischt. Sein letzter Triumph?

Man kann von Schröder halten, was man will, aber der Coup vom Wahlabend war zweifelsohne sein Meisterstück. Da fährt die SPD in ihrem Stammland eine Niederlage historischen Ausmaßes ein, und einen Tag später spricht niemand mehr davon, weil der Kanzler einen genialen Gegenschlag vorbereitet hat, der seine eigene Ursache vollends in Vergessenheit treten läßt.

Während die Truppen der Union vollauf damit beschäftigt sind, die sturmreif geschossenen Burgmauern hochzuklettern, macht Gerd der Kühne, anstatt im Bergfried darauf zu warten, daß man ihn früher oder später aushungert, mit seinen letzten Mannen einen überraschenden Ausfall, und fängt an dem Feind unten die Leitern durchzusägen.

Einfach Neuwahlen, ätsch – das nenn ich mal Plan B! Hut ab, kann man da nur sagen. Schröder mag es mangels moralischer und visionärer Substanz in strategischen Dingen an der nötigen Weitsicht fehlen, die einen großen Politiker ausmacht, aber als Taktiker ist er schon ein wahrer Fuchs. Und wenn er mit dem Rücken an der Wand steht, ist er am besten.

Und Recht hat er: Wenn’s klappt, geht er als Retter in die Annalen der Sozialdemokratie ein, wenn nicht, ist es immer noch besser, als tragischer Held in den Stiefeln zu sterben als bis ins nächste Jahr als Pflegefall auf dem politischen Sterbebett dahinzusiechen. Denn daß ihn die schwächelnde Konjunktur auch diesmal nicht vor den hausgemachten Strukturproblemen retten wird, hat nach Jahren der enttäuschten Hoffnungen wohl sogar er endlich begriffen.

Aber das Verrückteste an der Sache ist ja, Schröder’s Plan könnte durchaus aufgehen. Während er nämlich berechtigte Hoffnung haben kann, den von Müntefering freigelassenen und zunehmend außer Kontrolle geratenden Geist der 70er-Jahre wieder in die Flasche der Wahlkampfdisziplin zu zwängen, steht die Opposition beim Startschuß noch in der Umkleidekabine und zieht sich an der Unterwäsche.

Daß es in der CDU/CSU nur so von potentiellen Kanzlerkandidaten wimmelt, die sich jeweils für den bzw. die beste halten, erhöht ihre Chancen auch nicht gerade. Denn auch wenn man Angela Merkel relativ schnell gemeinsam auf den Schild heben wird, wird dieser kaum zu wackeln aufhören, solange seine Träger eigentlich lieber selber oben stehen wollen.

Wenn es Schröder dann gelingt, die auch in der konservativen Wählerschaft inzwischen verbreiteten antikapialistischen Ressentiments wohldosiert anzusprechen, am besten noch mit einer kleinen Prise Antiamerikanismus abgeschmeckt, könnte es, sofern im eigenen Lager keine allzu großen Pannen mehr passieren, gerade noch mal reichen.

Je nachdem, wie sich die Lage im Iran nach den Präsidentschaftswahlen im Sommer entwickelt, kann Schröder sich zusätzlich wahlweise als Staatsmann aufspielen, der die Mullahs mit friedlichen Mitteln zur Vernunft gebracht hat, oder aber, falls das erwartungsgemäß nichts wird, wenigstens auf dem Marktplatz von Goslar wieder den Mahner vor einem weiteren Krieg im Mittleren Osten geben.

Wenn aber auch das noch nicht reichen sollte, kann er im Sauerland immer noch eine Talsperre sprengen lassen. Die Flutwelle wird ihn dann schon ins Kanzleramt spülen.

~ von Paul13 - Montag, 23. Mai 2005.

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