Kirche: Wer schreibt Geschichte? Und was macht Personen zu Gestalten?


Die Person des Krakauer Erzbischofs allein hätte diese Veränderungen nicht bewerkstelligen können ohne die Institution, an deren Spitze er stand. (Freilich gilt auch dieses: Selbst diese Institution hätte viel weniger vermocht, wenn nicht gerade dieser Mann an ihrer Spitze gestanden hätte.) Männer machen Geschichte – sofern sie Macht verliehen bekommen. Ohne Macht geht auch der größte Mann in der Geschichte unter. Ja, die Größe einer Gestalt zeigt sich im Umgang mit der Macht. Und der Ohnmacht der Macht!

Und der Macht der Ohnmacht! Gerade weil die katholische Kirche mangels realer Macht nicht mehr in die Situation kommt, ihre Ideen auch umsetzen zu müssen, hat sie eine umso stärkere virtuelle Macht. Wozu es führt, wenn Ideologien mit Erlösungsanspruch reale Macht bekommen, wissen wir ja spätestens seit dem Abtreten von Völkervater Josef Stalin. Zu welcher Ikone man hingegen werden kann, wenn man an der Ausübung realer Macht rechtzeitig gehindert wird (z.B. indem man sich rechtzeitig ermorden läßt), kann man sehr gut beim Ersatzjesus der politischen Linken, Che Guevara, beobachten. Welcher von den beiden heute über größere virtuelle Macht verfügt, dürfte außer Frage stehen. Stalin ist es jedenfalls nicht.

Der Papst hat seine virtuelle Macht durchaus zu nutzen gewußt, und tat dies entgegen der Ansicht seiner Kritiker (von denen viele ihn nach seinem Ableben plötzlich in den Himmel loben) nicht immer zum Nachteil der Menschheit. Wenn ich drei Menschen nennen müßte, die dem Kommunismus sein wohlverdientes Ende bereitet haben, dann würde mir nach Ronald Reagan und Michail Gorbatschow sicherlich Karol Wojtyla einfallen. Das ist sein bleibendes Verdienst, genauso wie sein Bemühen um die längst überfällige Versöhnung mit dem jüdischen Volk, welches er für kirchliche Verhältnisse geradezu revolutionär als „unsere älteren Brüder“ bezeichnete und das er um Vergebung für die Verbrechen im Namen des Christentums bat.

Da verzeiht man gerne die oft weltfremden Ansichten zu Themen wie Zölibat, Verhütung, Abtreibung und Homosexualität. Letztlich ist es auch nicht die Aufgabe des Oberhaupts einer Religionsgemeinschaft, dem Zeitgeist hinterherzulaufen, ganz gleich, wie recht dieser in der Sache haben mag. Im Gegenteil! Wenn etwas zu den Grundsätzen einer freiwilligen Glaubensgemeinschaft gehört, wäre es Verrat an den Gläubigen, diese Grundsätze irgendwelchen Umfragewerten zu opfern. Wem das nicht paßt, der kann die Kirche ja jederzeit verlassen. Dieses konsequente Beharren auf überkommenen Traditionen inmitten einer sich immer schneller modernisierenden Welt hat sicherlich erheblich zur Popularität Johannes Pauls II. beigetragen.

Schwerer wiegt die Kritik an den päpstlichen Ausflügen in die Weltpolitik. Während man Johannes Paul II. schlecht für die Kollaboration des Vatikan mit dem palästinensischen Terrorismus verantwortlich machen kann, weil diese ja schon schon lange vor seiner Amtszeit begann, so bleibt doch seine Kritik am Krieg gegen Saddam Hussein ein Beweis für die These, daß der Schuster besser bei seinen Leisten bleibt. Andererseits gilt auch hier, daß der Papst sicherlich gute Absichten hatte und im übrigen nur seinen Job als Chefmanager einer tendenziell pazifismusgefährdeten Religion machte. Er wird schließlich nicht dafür bezahlt, Moslems vor totalitären Diktatoren zu retten. Das bleibt bis auf weiteres die Aufgabe der US-Marines und nicht der Schweizer Garde.

Unter dem Strich bleibt Johannes Paul II. nicht nur wegen seinem tapferen, wirklich schon heroisch zu nennenden Aufbäumen gegen seine schwere Krankheit bis hin zum bitteren Ende eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten der jüngeren Geschichte, trotz und manchmal sogar wegen seiner Defizite. Seine Anhänger werden ihn gewiß nicht vergessen, und selbst seine Kritiker werden ihn im Rückblick vermissen. Auch sein Boß, so es ihn gibt und wer auch immer es sein mag, wird mit Karol Wojtyla sicherlich zufrieden sein und ihm einen Ehrenplatz auf einer besonders weichen Wolke verschaffen. Nur wer sein irdischer Nachfolger wird, tut mir jetzt schon leid. Er wird verdammt große Füße brauchen…

~ von Paul13 - Montag, 4. April 2005.

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