Interview mit Libanon’s Musikstar Abou-Khalil: „Demokratie ist kein Allheilmittel für alle Probleme“


Ein Interview mit einem der berühmtesten libanesischen Musiker zur aktuellen Entwicklung in seiner Heimat – das verspricht interessant zu werden. Zugegeben, so berühmt, daß ich bereits von ihm gehört hätte, ist er dann doch wohl nicht, aber als Jazzfeind ich bin wahrscheinlich auch nicht gerade seine Zielgruppe. Also hören wir mal, was er dem SPIEGEL-Reporter so alles zu sagen hat:

SPIEGEL ONLINE: Die Amerikaner begrüßen die Demonstrationen in Beirut als ‚Zedernrevolution“ und ziehen Vergleiche zum Umsturz in der Ukraine. Halten Sie das für eine Auswirkung der von US-Präsident Bush forcierten Demokratisierung im Nahen Osten?

Abou-Khalil: Eigentlich dürften sich die Amerikaner darüber nicht freuen. Schließlich sind sie den Arabern nie zur Hilfe gekommen. Alles was sie dort hinterlassen haben, gibt keinen Anlass zum Jubeln. Ich glaube, die Menschen im Libanon können allein ihre Ziele durchsetzen. Sie brauchen dazu nicht die USA.

Hm, es wird wohl doch nicht so interessant. Die Überschrift hätte mich eigentlich stutzig machen müssen: „Demokratie ist kein Allheilmittel für für alle Probleme“ ist ein Satz, den ich normalerweise nur von Leuten kenne, die mit ein bißchen Diktatur durchaus ganz gut leben können, solange sie entweder woanders wohnen oder aber selbst zu den Machthabern gehören. Aber Reisekader gehören in gewisser Weise wahrscheinlich zu beiden Gruppen.

Die Behauptung, daß die USA den Arabern noch nie zur Hilfe gekommen sind, ist im übrigen spätestens nach dem 11. September 2001 erwiesenermaßen falsch. Daß die ersten freien Wahlen im Irak nichts sind, was für unseren Vorzeigelibanesen Anlaß zum Jubeln wäre, sagt eigentlich schon alles. Immerhin wissen wir jetzt, daß auch die Musikstars anderer Weltgegenden offenbar denselben Unsinn absondern wie die unsrigen. Ist wohl eine Berufskrankheit.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie ein Bespiel für die angeblich negative Rolle der USA.

Abou-Khalil: (lacht) Gibt es irgendein Gegenbeispiel? Schauen Sie doch mal in den Irak.

Scheint gleichzeitig auch ein Komiker zu sein, unser Freund hier. Ein richtiges Multitalent sozusagen. Nur mit der Politik hat er’s nicht so. Naja, man kann nicht alles können.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin haben die Amerikaner dem Irak Demokratie gebracht.

Abou-Khalil: Es ist ein großer Irrglaube, dass die Demokratie das Allheilmittel für alle Probleme ist. Außerdem geht es den USA nur um Demokratie im westlichen Sinne. Die Loyalität der Menschen in den meisten Ländern der Dritten Welt gilt aber zuerst ihrer Familie, ihrer Stammesangehörigkeit, dann der Ortschaft und erst ganz am Schluss der Regierung.

Kulturrelativismus vom feinsten. Weil die Wilden da unten ihre Familie etwas mehr zu schätzen wissen als wir hier im Westen, können sie nicht selber denken. Mit anderen Worten: Wer Opa und Oma ehrt, ist zu blöd zum wählen. Da war wohl die Wasserpfeife etwas zu stark geladen, was?

Man kann zwar versuchen diesen Ländern die Demokratie zu bringen, aber das bringt noch lange keinen Frieden.

Aber ohne gibt es erst recht keinen Frieden. Denn Diktatur IST Krieg! Auch hier zeigt sich also wieder einmal, daß die Bezeichnung „Künstler“, „Intellektueller“ oder ähnliches nicht automatisch besagt, daß der Betreffende deswegen auch den Unterschied zwischen hinreichenden und notwendigen Bedingungen begriffen hätte.

Genauso wenig, wie man im Mittelalter gedacht hat, das Christentum bringt das Heil über die ganze Welt. Und dann kamen nur die Kreuzzüge.

Kreuzzüge = Demokratie, soso. Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

SPIEGEL ONLINE: […] Sie meinen die israelischen Vorposten auf den Sheeba-Farmen im Südlibanon, die nach israelischer Lesart nicht zum Libanon, sondern zu Syrien gehören?

Abou-Khalil: Ja, darüber spricht doch keiner – und außerdem sehen die Libanesen das anders. Israelische Soldaten haben den Südlibanon vor fünf Jahren unter großem Tamtam verlassen, aber letztendlich halten sie dort noch immer weite Gebiete besetzt.

Erstens wäre es interessant herauszufinden, welche Libanesen das anders sehen. Zweitens sieht die ganze Welt das so wie die Israelis das sehen, und zwar inkl. der Vereinten Nationen, die ansonsten nichts so sehen wie die Israelis. Und drittens würde mich mal interessieren, wie „die Syrer“ das sehen, daß die „die Libanesen“ das so sehen, daß die Sheeba-Farmen zum Libanon gehören.

SPIEGEL ONLINE: […] Vielfach hört man, dass Libanesen nicht offen reden wollen, weil sie den syrischen und libanesischen Geheimdienst fürchten.

Abou-Khalil: Auch im demokratischen Amerika darf man derzeit nicht alles sagen. (lacht)

Auch wenn es unseren lustigen Musikanten erstaunt, aber er dürfte sogar diesen unerträglichen antiamerikanischen Schwachsinn in den USA verkünden. Und zwar ohne anschließend zu verschwinden. Außer vielleicht wegen dümmlichen Lachens an den falschen Stellen. Aber da muß ich jetzt einmal lachen. :-D

Im Libanon musste man immerhin nie befürchten, einfach zu verschwinden.

Was er damit vermutlich sagen will, ist, daß westliche Geiseln im Libanon meist nicht einfach verschwunden sind, sondern schön medienwirksam ganz offiziell gekidnappt wurden. Auch angebliche Kollaborateure verschwanden nicht einfach, sondern wurden von Arafats friedliebender PLO ganz offen auf libanesischen Marktplätzen gevierteilt. Mit anderen Worten: Man lebt sicherer im Libanon unter de Knute der syrischen Geheimpolizei als in der zweitgrößten Demokratie der Welt. Man merkt, hier ist jemand am Werk, der sich in der Materie auskennt.

Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich versuchen, mit den Buchstaben seines Namens rumzuspielen und sie etwas umzustellen, aber bei Rabih Abou-Khalil kommt em Ende beim besten Willen nicht Konstantin Wecker raus. Wer also ist dieser Rabih Abou Khalil, wenn es sich hier nicht um ein Pseudonym des größten Liedermachers aller Zeiten handelt? Schauen wir einfach mal, was er in einem Interview mit dem Online-Musikmagazin Laut.de kurz vor Beginn des Irakkriegs von sich gab, vielleicht wissen wir dann mehr:

Laut.de: Du hast Protestlieder erwähnt. Das bringt mich zur aktuellen „Irak-Krise“. Wie ist deine Einschätzung der Situation? Wir wird deines Erachtens die arabische Welt auf einen möglichen Krieg reagieren?

Abou-Khalil: Mit Sicherheit schlechter als man sich das ausmalt. Stell dir mal vor, jemand würde Europa von außen bedrohen. Allein die Tatsache, dass man auf so eine massive Weise bedroht werden kann, kommt gar nicht gut und schafft eine verdammt miese Stimmung. Die Tatsache, dass der Mann (Bush) das völlig ignoriert, zeigt eigentlich ein völliges Desinteresse an humanitären Problemen. Da geht es ja nicht nur um irgendeinen Typ, der nervt und dann hauen die Amerikaner den halt weg. Da geht es um eine ganze Bevölkerung. Ich glaube, das ist eine ausgesprochen gefährliche Situation, auch für die Zukunft.

Also dem Stil nach würde ich trotzdem immer noch auf Wecker tippen, denn Jürgen Todenhöfer ist meines Wissens als Musiker noch nicht besonders in Erscheinung getreten. Seltsam, seltsam. Aber nicht verzweifeln, des Rätsels Lösung findet sich über zwei Organisationen mit den vielsagenden Namen Social Forum bzw. Gesellschaft Kultur des Friedens.

Die gute Nachricht dabei: Abou-Khalil ist nicht Wecker. Die schlechte: Wecker hat trotzdem seine Finger mit drin. Und neben ihm noch einige andere der üblichen Verdächtigen, darunter so illustre Namen wie Nina Hagen, Paddy Kelly und natürlich der spätestens unvermeidliche Mikis Theodorakis. Das erklärt dann natürlich einiges. Bleibt nur noch die Frage, warum sich für ein Interview kein repräsentativerer Libanese auftreiben ließ, als jemand, der sich in solcher Gesellschaft rumtreibt.

~ von Paul13 - Montag, 7. März 2005.

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