Zu wenig, zu spät


Das ist das perverse Paradox der Machtrealitäten im Exekutivrat der Vereinten Nationen: Es ist leichter, ohne Plazet der UN eine Koalition der Willigen zu organisieren, um ethnische Säuberungen militärisch zu beenden (Beispiel Kosovo-Krieg), als Einigkeit über gezielte Sanktionen herzustellen, die ja gerade den Einsatz von Waffengewalt überflüssig machen sollen.

Das ist vielleicht pervers, aber mit Sicherheit kein Paradox, und zwar weder inner- noch außerhalb der UN. Es liegt schlicht und einfach in der Natur der Sache, daß mit militärischen Mitteln außenpolitische Ergebnisse leichter zu erzwingen sind als ohne sie. Denn Sanktionen müssen zu 100% funktionieren um nicht zu scheitern, für den militärischen Sieg reichen auch nach Ende der Steinzeit immer noch 51%.

Dabei halten Sanktionen niemals zu 100%. Denn um einem Diktator ein Leben in Saus und Braus zu ermöglichen, müssen sie nur im Promillebereich unterlaufen werden. Nichts illustriert die Sinnlosigkeit von Sanktionen gegenüber einem ausreichend skruppellosen Regime besser als die immer wieder in Bildern des Vorkriegsirak auftauchende S-Klasse eines bekannten deutschen Automobilkonzerns und speziell Udai Hussein’s Fuhrpark.

Gleichzeitig ist die militärische Überlegenheit der USA inzwischen so eindeutig, daß ihre militärische Erfolgschance weit über 90% liegt, Tendenz steigend. Selbst im Irak können die USA bei Bedarf jederzeit jede gewünschte Operation durchführen, ohne daß der Gegner irgendeine Möglichkeit hätte, sie daran zu hindern. Was passiert, wenn er es trotzdem versucht, kann man gerade dieser Tage wieder in Nadschaf sehen.

Eine militärische Lösung reagiert zudem deutlich schneller als die Diplomatie. Zwischen der endgültigen Entscheidung zum „regime change“ und Saddam’s Sturz lag vielleicht ein halbes Jahr. Obwohl sie niemand daran gehindert hat, haben hingegen die Kriegsgegner bis heute keine Alternative nennen können, die auch nur ansatzweise in einem vergleichbaren Zeitrahmen das faschistische Ba’ath-System zwingend hätte beseitigen können.

Doch auch was die sogenannten Kollateralschäden angeht, ist eine derartige militärische Lösung die bei weitem unblutigere. Wenn die Anti-Sanktions-Propaganda der späten 90er auch nur zur Hälfte gestimmt hat, wäre die Zahl der toten Zivilisten – selbst ohne Saddam’s eigenen blutigen Beitrag – im Frieden unter Sanktionen um ein vielfaches höher gewesen als während des Kriegs selbst. Sogar dann, wenn man die Opfer von Terroranschlägen nach Ende der Hauptkampfhandlungen hinzuzählt.

Eine gewaltfreie Lösung zur Beseitigung von Gewaltherrschern muß selbstverständlich das langfristige Ziel bleiben. Ich freue mich auf den Tag, wenn die Kritiker humanitärer Interventionen ihren friedlichen Weg zum „regime change“ konkretisieren und die oben genannten Punkte entkräften könnten. Doch bis sie soweit sind, sollten sie sich mit wohlfeilen Sprüchen besser etwas zurückhalten.

Denn auch wenn militärisches Eingreifen die schlechteste Lösung ist, um ein Terrorregime zu stürzen, ist es, solange es keine realistische Alternative gibt, eben auch die beste, weil einzige Lösung. Der Sudan wird dies leider auf grauenvolle Weise bestätigen.

~ von Paul13 - Freitag, 6. August 2004.

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