Die Mutter aller Windbeutel und ihre Väter


Riyadh Lafta ist ein ehrenwerter Mann. In seinen besten Zeiten arbeitete er für das Gesundheitsministerium und war dort zuständig für kleine Kinder, da kann er so schlecht ja schon mal nicht sein. Ok, es waren andere Zeiten damals, als Saddam Hussein noch an der Macht war, aber nur weil jemand an prominenter Stelle für einen Diktator arbeitet und zufällig wie dieser das Ende der dessen Herrschaft gefährdenden Sanktionen fordert, heißt das ja nicht, daß ihn das in irgendeiner Weise diskreditieren muß. Es war ja auch nicht jeder Weißkittel ein kleiner Mengele, bloß weil er im Auftrag der Reichsärztekammer die britische Wirtschaftsblockade gegen Nazideutschland gegeißelt hätte.

In seinen weniger guten Zeiten, also nachdem die Sanktionen durch die US-Armee auf eher unkonventionelle Weise beendet worden waren und sein ehemaliger Brötchengeber den Palast nacheinander gegen Erdloch, Gefängniszelle und Galgen eintauschte, mußte Lafta sich neue Freunde suchen, die auch nach dem Sturz Saddams nicht aufgeben und seine Wahrnehmung der Realität übernehmen würden, ohne dumme Fragen nach Belegen oder ähnlichem überflüssigen Schickschnack zu stellen. Er fand sie in den Kreisen von Leuten, die gegen den Irakkrieg, George W. Bush und den US-Imperialismus überhaupt waren und somit ohnehin keinerlei Beweispflicht für irgendwas unterliegen.

Der Rest ist bekannt. Die beteiligten “Wissenschaftler” und “Journalisten” pfuschten eine “Studie” für das britische Medizinerfachblatt “The Lancet” zusammen, die in ihrer Unseriösität wohl ihresgleichen in der jüngeren Geschichte sucht, aber von den Gläubigen in aller Welt begeistert aufgenommen wurde, weil sie deren eigene Vorurteile viel zu schön bestätigte, als daß man sich an den diversen methodologischen Ungereimtheiten hätte stoßen wollen. Seit der Propaganda von den angeblich nach hunderttausenden zählenden Toten beim Luftangriff auf Dresden haben die Revisionisten wohl keinen so spektakulären Coup mehr gelandet wie hier bei den Opfern des Irakkriegs.

Doch der Fairness halber muß eingeräumt werden, daß nicht nur die von ihren eigenen Vorurteilen geblendeten nützlichen Idioten diesem Propagandamachwerk auf den Leim gegangen sind. Bei denen war das ja auch nicht anders zu erwarten. Doch auch der Betreiber dieses Blogs muß für seinen naiven Glauben an das Gute im Menschen Abbitte leisten und sich dafür entschuldigen, den Verantwortlichen für diesen Unsinn bloße Unfähigkeit unterstellt zu haben. Denn so wie es aussieht, handelt es sich bei den Hintermännern definitiv nicht um Amateure. Sondern offenbar doch um absolute Profis, die ganz genau wußten was sie taten. Und vor allem warum.

(Danke an S1IG für den Hinweis!)

~ von Paul13 - Montag, 7. Januar 2008.

7 Antworten to “Die Mutter aller Windbeutel und ihre Väter”

  1. Mal im ernst,bei den Auffaelligkeiten im Datematerial irgendwas anderes erwartet? Und jetzt zur Tausend Dollar Frage: Wann wird die Lancet Studie in den Medien korregiert?

  2. @ Auslaender

    Nie. Die Studie wird wie andere “urban legends” (z.B. das Massaker von Jenin) in die offizielle Geschichtsschreibung des dümmeren Teils der Menschheit eingehen.

  3. Kleine Ergänzung zu obigem Artikel im National Journal (werde ihn auch noch weiter verteilen, kam noch nicht dazu):
    JOUSTING WITH THE LANCET: PAJAMAS MEDIA INTERVIEWS PROFESSOR GILBERT BURNHAM
    http://pajamasmedia.com/2006/10/joisting_with_the_lancet_the_p.php
    In dem Interview wird u.a. auf die “Baseline” der Sterblichkeitsrate (Mortalitätsrate), also den Ausgangspunkt an dem die Sterblichkeitsrate im Irak nach Saddams Sturz gemessen wird, eingegangen.
    Die Mortalitätsrate lag im Irak Saddams offiziell bei 5,5/1000 Einwohnern. Zum Vergleich: In der EU lag sie zu diesem Zeitpunkt bei 10/1000 Einwohnern. Das heißt nicht weniger, als daß im Irak Saddams pro Jahr nur halb so viele Leute, bezogen auf jeweils 1000 Einwohner starben, als in Westeuropa! Und das, obwohl in den einschlägigen Medien ja heftig geklagt wurde, daß durch die Irak-Sanktionen der UN Hunderttausende im Irak zusätzlich starben. Kerngesunder Irak!? Oder eine recht merkwürdige “Baseline”? Legt man die Lancet-Studie zugrunde, lag die Mortalität im Irak nach 2003 bei 10-11/1000 Einwohnern, also ungefähr auf dem Level von Ungarn!
    Noch ein paar aufschlussreiche Zahlen finden sich in diesem Report:
    Iraqi Civilian Deaths Estimates
    CRS Report for Congress November 22, 2006
    Bitte googlen, habe den Link nicht mehr.

  4. Interessanter Artikel: http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/669/153278/

  5. @Bruno
    Der Autor greift das Thema auf – leider versucht er (in meinen Augen) auch die politische Motivation runterzuspielen (leftist, linken Flügel der SPD usw.). Oder wenn er “grollt das WSJ” schreibt, wird die Tatsache beschönigt, dass die Presse die Studie ohne Prüfung einfach so übernommen hat. Es passte den Leute in den Kram. Er schreibt, was der “typische SZ-Leser” hören will ;-)
    Mit dem letzten Satz wird die eigentliche humanitäre Katastrophe im Irak wieder einmal versucht auszublenden.
    [sarkasmus on] Die ist ja auch nicht so wichtig – es gab ja keine WMD im Irak… [sarkasmus off]

  6. [...] die Million Kriegstote. Du weißt, wie diese Phantasiezahl zustandegekommen ist und wer daran beteiligt war. Selbst der neokonservativer Kriegspropaganda nun wahrlich unverdächtige SPIEGEL benutzt diese [...]

  7. [...] dann müssen die Opferzahlen des Irakkriegs nach der Lancet-Pleite aber noch ein weiteres Mal drastisch nach unten korrigiert werden, denn ohne die Opfer des [...]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: