Einspruch, Euer Ehren!

Im Rahmen einer Diskussion auf dem Blog al-Sharq faßte C. Sydow die wesentlichen Argumente gegen den Irakkrieg sehr gut zusammen, was Gelegenheit bietet, sich mit all diesen Punkten noch einmal auf einen Schlag auseinanderzusetzen, da sie nicht unwidersprochen stehen bleiben dürfen:

niemals hätte die “koalition der willigen” in den irak einmarschieren dürfen, ohne einen funktionierenden plan für die zeit nach dem regime change in der tasche zu haben.

Sie hatten einen Plan. Und abgesehen vom Terrorismusproblem - für das aber bisher noch niemand eine schnelle Lösung gefunden hat, schon gar nicht die Kritiker des Irakkriegs - hat er auch überraschend gut funktioniert. Ob er das aber tut, weiß man ohnehin nie vorher, sonst würden Pläne nicht ausgeführt, sondern dem Gegner einfach zusammen mit der Kapitulationsurkunde zwecks Abzeichnung vorgelegt. Wäre eine hundertprozentige Erfolgsgarantie die Voraussetzung, hätte es die Invasion in der Normandie beispielsweise nie gegeben.

die neocons waren geblendet von ihrer ideologie und übersahen dabei die realitäten im irak, den schwelenden konflikt zwischen sunniten und schiiten, die gewachsenen stammesstrukturen, etc die einen übergang zu demokratischen verhältnissen sehr schwierig machen würden.

Wieso? Das war doch nun wirklich ein Kinderspiel. Die Iraker haben sich an den diversen Wahlen mit einer Zivilicourage beteiligt, die man sich ebenso wie die daraus resultierende Wahlbeteiligung mitunter für unsere Breiten wünschen würde. Und im Spinnen von Intrigen sowie dem daraus resultierenden Stillstand wichtiger Reformprojekte sind die irakischen Politiker nun wahrlich nicht die schlimmsten, wie schon ein flüchtiger Blick auf die unter weitaus günstigeren Vorausetzungen arbeitende Große Koalition in Berlin eindrucksvoll belegt. Für angeblich demokratieunfähige Wilde haben sich die Iraker jedenfalls gar nicht schlecht geschlagen. Und das, obwohl ihnen die Irakkriegsgegner genau diese Erfahrung verwehren wollten.

in dieser mischung aus unkenntnis und ignoranz liegen die wurzeln für das chaos im irak dem wir alle heute wohl ziemlich rat- und hilflos gegenüberstehen.

Die Wurzeln für das Chaos im Irak liegen darin, daß es eine Minderheit gibt, die der Mehrheit das Recht auf demokratische Freiheiten mit allen Mitteln zu verweigern sucht. Soll aus dem Fanatismus besagter Minderheit jetzt geschlossen werden, daß man ihr ein Vetorecht gegen die Demokratisierung einräumen muß, und zwar umso mehr, je menschenverachtender und brutaler sie ihre Ziele zu erreichen versucht? Und falls man das tut, was werden Tyrannen wie Terroristen wohl daraus schließen, daß man ihnen umso tiefer in den Allerwertesten kriecht, je skrupelloser sie auftreten?

saddam hussein war ohne zweifel ein despot, aber er war 2002/03 ein isolierter despot der sich an seine macht klammerte und wohl sämtlichen imperialen bestrebungen abgeschworen hatte.

Selbst wenn er seinen imperialen Bestrebungen abgeschworen hätte, so hätte er das nur durch die real drohende Gefahr eben jenes Krieges getan, den die Irakkriegsgegner ja gerade um jeden Preis verhindern wollten. Wobei die Illusion des angeblich nur für seine Untertanen gefährlichen Despoten schon durch die trotz der Sanktionen weiterhin gezahlten Kopfprämien für tote Juden von $25.000 pro Selbstmordattentat eindrucksvoll widerlegt wird. Davon aber mal abgesehen, wer hätte der Welt denn garantiert, daß Saddam nach dem von der Achse des Friedens für das Jahr 2003 nach einer abschließenden Inspektionsrunde in Aussicht gestellten Ende der Sanktionen nicht einfach da weiter gemacht hätte, wo er aufgehört hatte? Und vor allem wie hätte derjenige das getan? Ein funktionierender Plan sieht jedenfalls anders aus.

in der hoffnung einer us-geführten invasion aus dem wege zu gehen, ließ er schließlich sogar un-isnpektoren ins land.

Ganz genau, wegen der zuvor aufmarschierten US-Truppen. Und wenn die Amis wieder abgezogen wären, hätte das Katz-und-Maus-Spiel wieder von vorne begonnen und die Inspektoren wieder den üblichen Tritt in den Hintern bekommen. Dann hätten die Marines wieder anrücken und ihre Zelte erneut in der Wüste aufschlagen müssen. Um dann nach kurzem diplomatischen Geplänkel wieder abzuziehen. Und, wie lange wäre das so weitergegangen? Bis Saddam die WMD endlich zusammengestückelt hätte, bis seinem Terror eine ausreichende Zahl von Menschen zum Opfer gefallen wären, oder bis es den Amis zu blöd geworden wäre, Geld für das permanente hin- und herkutschieren ihrer Armee auszugeben? Denn wer hätte den Spaß sonst bezahlen sollen? Der auf dem SPD-Parteitag beschlossene Sonderfonds “US-Basen in der arabischen Welt”?

daher bin ich der ansicht, dass es angesichts des bürgerkriegs, der opfer-und flüchtlingszahlen für den irak und die region besser gewesen, saddam wohl oder übel an der macht zu lassen.

Da scheint sich hierzulande immer noch das Märchen zu halten, daß Saddam zwar ein bißchen hart im Umgang mit den ihm anvertrauten Untertanen war, aber ansonsten nur ein ganz normaler Feld-, Wald- und Wiesendespot wie dutzende andere auch. Doch Saddam war ein gnadenloser Völkermörder, der es selbst in Friedenszeiten locker schaffte, in einem Jahr mehr Menschen um die Ecke zu bringen als ein Hampelmann wie Pinochet während der gesamten Zeit seines Wirkens. Und da die Opfer der Sanktionen nicht gestorben sind, weil man dem Irak Nahrungsmittel und Medikamente verweigert hätte, sondern weil Saddam sie der eigenen Bevölkerung aus Propagandagründen vorenthalten hat, liegt die Zahl seiner Opfer weit über dem, was alle irakischen Terroristen zusammengenommen je anrichten können, selbst wenn es ihnen gelingen sollte, noch über Jahre so weiterzumorden.

dass die nachbarstaaten einer demokratisierung des irak nach kräften knüppel zwischen die bein schmeißen würden, war auch vor dem krieg absehbar. so hat die entwicklung seit 2003 vor allem dem iran genutzt. ich denke nicht, dass dies im kalkül von bush und blair lag.

Darüber könnte man jetzt ausgiebig streiten, aber nehmen wir mal an, sie hätten gewußt, wie erbittert die Terroristen und ihre Unterstützer sich gegen die Demokratisierung der arabisch-islamischen Welt zur Wehr setzen würden, hätte das einen Unterschied gemacht? Oder besser gesagt, hätte es einen Unterschied machen sollen? Hätten sie dann sagen sollen, “Ok, wenn diese Irren so sehr auf ihrem Recht bestehen, Frauen zu steinigen und Homosexuelle hinzurichten, und bereit sind, ihre Glaubensbrüder dafür zu massakrieren, daß sie dieselbe Musik wie die Irakkriegsgegner hören oder im Internet surfen, dann müssen wir ihnen dieses Recht auch zubilligen, und ihre Opfer müssen da halt durch”? Was ist das für eine perverse Weltsicht, die den Kampf gegen das Verbrechen von der vorherigen Zustimmung der Verbrecher abhängig macht?

p.s.: die un-sanktionen gegen den irak hielt ich übrigens genauso für einen schweren fehler, weil unter diesen zu allererst frauen, kinder und kranke zu leiden hatten.

Noch mal, die Frauen und Kinder hatten nicht wegen der Sanktionen, die humanitäre Güter ja ausdrücklich ausnahmen, zu leiden, sondern weil Saddam de facto gesagt hat, “ich hab 20 Millionen Iraker als Geiseln, und von denen ermorde ich jetzt einfach solange jeden Tag ein paar hundert, bis ihr mit den Sanktionen aufhört”. Mal ganz davon abgesehen, daß diese Tatsache das Geschwätz von wegen “vor dem Krieg war’s ganz erträglich im Irak” ad absurdum führt, stellt sich die Frage, was genau der Lösungsvoschlag ist, wenn ein gewaltsamer Sturz des Regimes ebenso wie dessen Eindämmung durch Sanktionen abgelehnt wird.

Denn über eins sollten sich die Irakkriegsgegner klar sein: Wenn die Terroristen heute nicht zehntausende von Menschen aus dem Untergrund heraus masskarieren würden, sondern hunderttausende völlig legal, weil sie weiterhin den Diktator stellen, und demnächst vielleicht Millionen, wenn der erst mal Zugriff auf Massenvernichtungswaffen bekommt, wären auch nach ihrer eigenen Logik ganz sicher nicht Bush und Blair dafür verantwortlich. Sondern sie.

~ von Paul13 am Sonntag, 8. Juli 2007.

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