Interview: »Sie können mich ja zum Rücktritt auffordern!«
ZEIT: Ist nicht auch ein bisschen alteuropäische Selbstkritik erforderlich? Hier hatten wir über die Neokonservativen um George Bush als Fantasten gelacht und die Theorie vom Virus der Freiheit verspottet. So ganz verrückt scheint es nicht gewesen zu sein.
Fischer: Moment mal. Ich war und bin nicht von den Kriegsgründen überzeugt und hätte mir andere Prioritäten gewünscht. Aber das ist Geschichte. Außerdem: Vor zwei Jahren bin ich auf der Münchner Sicherheitskonferenz – nicht von der amerikanischen Seite – noch ausgelacht worden für die Meinung, die ich jetzt immer noch habe: Wir haben ein gemeinsames Interesse daran, die Europäer fast noch mehr als die Amerikaner, dass es zu einer Modernisierung, zu einer Demokratisierung, zu einer umfassenden Transformation auf partnerschaftlicher Grundlage in der gesamten Region kommt. Die Europäer mit ihrer Initiative in Iran tragen dazu bei, aber auch unsere Stabilisierungsbemühungen im Irak.
Wer sich vor kurzem über das Kanzlerinterview in der ZEIT gebührend ärgern konnte, wird dieses hier mit seinem Außenminister erst recht zu würdigen wissen. Interessant ist, daß Mr. Not Convinced dabei eine ganz andere Verteidigungsstrategie anwendet als der Held von Goslar wenige Tage vorher. Der ex-Sponti Joschka hat das Diplomatensprech bereits dermaßen intus, daß es einen graust.
Wo Schröder wenigstens noch wie ein echter Kerl ganz offen zu dem Unsinn steht, den er verzapft, weicht Fischer mädchenhaft jeder klaren Antwort auf unangenehme Fragen aus. Der Ausdruck “einen Pudding an die Wand nageln” stößt hier zweifellos an seine semantischen Grenzen. Fischers Positionen sind so griffig wie ein Stück Seife in einem Faß voller in Salatöl eingelegter Heringe.
Das hat aber auch sein Gutes. Wer immer von uns Befürwortern des Sturzes Saddam Husseins und der demokratischen Umgestaltung des Nahen Ostens je ins Zweifeln gekommen sein mag, kann aufatmen. Wenn selbst die rhetorisch ja nicht unbegabte Gallionsfigur der Kriegsgegner nicht in der Lage ist, eine simple Frage angemessen zu beantworten, können wir so falsch nicht gelegen haben.



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